Meinung gefragt

Stellt euren Text vor und holt euch Feedback der BoD Community.


hugo-wolff
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Re:

von hugo-wolff (23.04.2014, 16:12)
Julia schrieb:

Ja genau, irgendwann im zweiten Faden geändert


Irgendwann?
Original 20.4. 21.59 Uhr
Korrektur: 21.4. 12.26 Uhr

Es geht aber um das, was hier als erstes auf ihren Beitrag geschrieben wurde und da hast Du nicht wissen können ob sie deine Hinweise überhaupt umsetzen kann


Was ist das denn für eine Argumentation? Außer dem lieben Gott und der Kleinen Schreiberin konnte das bis 12.25 Uhr niemand wissen. Deshalb ja meine Bitte um Korrektur der Eingangszeilen, um zu sehen: Nimmt sie es ernst, oder mich (uns) nur auf den Arm. Und siehe da - sie konnte es. Ich habe sie dazu noch beglückwünscht.

Was dann aus dem Ruder lief, kannst Du gerne nachlesen. Nur glaube ja nicht, es wäre anders gelaufen, hätte man dem Mädchen anschließend eine meterlange Liste Rechtschreibfehler vor den Latz geknallt. Denn da stimme ich Monika K. zu: An den Beweis ihres guten Willens in Form der Berichtigung der beiden Eingangssätze hätte man sich -ich betone!- behutsam mit ihrem Text auseinander setzen müssen.

Hugo

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (23.04.2014, 16:44)
Klonschaf hat geschrieben:
Ich finde zwar die Kritik an mangelhafter Rechtschreibung/Grammatik grundsätzlich berechtigt, aber ... ganz abgesehen davon, dass die Schreiberin erst zwölf Jahre alt ist: Am Anfang sollte das sorglose Drauflosschreiben absolut okay sein. Einfach mal schreiben, eine eigene Welt entdecken, die Fantasie ausleben.


Richtig. Da bin ich völlig auf deiner Seite.

Aber ... (logisch, dass da jetzt ein Einwand kommen muss ... cheezygrin )

... das hier ist ein öffentliches Forum. Texte, die hier erscheinen, haben den Status "veröffentlicht". Hier kann jeder und jede mitlesen. Also sollte man dem eigenen Text ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit schenken und ihn so weit wie möglich fehlerfrei präsentieren. Nichts weiter erwarte ich. Keine Fehlerfreiheit, kein perfektes Deutsch, kein durchgestyltes Futur II Konjunktiv Passiv. Aber ein Mindestmaß an Sorgfalt.

Von mir aus können Texte ohne ein einziges Satzzeichen und ohne einen einzigen Vokal geschrieben werden - wenn Autor/Autorin es so will, herzlich gerne. Aber dann nicht von der Öffentlichkeit eine Beurteilung einfordern, sondern auf der Festplatte oder in der Schublade belassen.

Duldsamkeit gegenüber einfachsten Rechtschreibfehlern heißt, im nächsten Text genau die gleichen Fehler vorzufinden. Warum sollte unsere Jung-Autorin lernen, wenn es heißt:

"Schöner Text. Sind zwar ein paar Fehler drin, aber das macht nichts. Die können ja von anderen (sic!) bereinigt werden!"

So lernt sie es nie!

Und noch etwas: Wer jetzt bereits die Flinte ins Korn wirft und davonrennt, dem hat diese Diskussion eine Menge leerer Kilometer erspart, was den Wunsch "Autor/Autorin" bzw. "Buchveröffentlichung" angeht.

Wer will, sucht Lösungen. Wer nicht will, sucht Gründe.

hugo-wolff hat geschrieben:
An den Beweis ihres guten Willens in Form der Berichtigung der beiden Eingangssätze hätte man sich -ich betone!- behutsam mit ihrem Text auseinander setzen müssen.


Ich gebe zu, dass mir an dieser Stelle der Glaube fehlt. Sie hat kurzerhand einen zweiten Faden eröffnet, weil ihr (vielleicht?) die Antwort im ersten nicht gefiel. Eine zweite Diskussion - vielleicht gibt es ja dann die erwarteten Jubelstürme ... ich weiß es nicht.

Und das behutsame Heranführen: Als Zwölfjährige hat sie mindestens fünf Jahre "Schreiben und Lesen" bzw. "Deutsch-Unterricht" hinter sich. Der veröffentlichte Text spricht nicht gerade für eine gute Aufnahme des Unterrichtsstoffes. Wie willst du jemanden nach fünf bis sechs Jahren Schule "behutsam" an die korrekte Rechtschreibung heranführen? Willst du allen Ernstes für eine einzelne angehende Buchautorin Deutsch-Unterricht installieren?

Kurz gefragt: Wie stellst du dir das "behutsame Heranführen" vor?
Zuletzt geändert von Siegfried am 23.04.2014, 16:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (23.04.2014, 16:48)
julia07 hat geschrieben:
@ Klonschaf

Deine Sicht kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Die junge Dame hat ihren Text nicht in einem Schülerforum vorgestellt, sondern signalisierte eindeutig die Absicht, ernsthaft schreiben zu wollen. Wer schreiben will, muss das dazugehörige Handwerkszeug beherrschen oder sich zumindest erst einmal dafür interessieren. Dabei ist der Zweck des Schreibens völlig unerheblich, außer, der Text soll in der Schublade bleiben.

Julia


Jawoll, natürlich muss jeder und jede, der/die ernsthafte Schreibambitionen hegt, sein Handwerk beherrschen (wie Siegfried ja auch sagte, es hat mit Respekt vor der Sprache zu tun), aber - und darum geht es mir, es ist eben alles eine Sache der Dosierung, des richtigen Maßes, das heißt: die Frage ist doch, ob ich die Kreativität (um die es letztlich geht) gleich mal unter einem Haufen von Regeln derart zuschütte, bis die Freude und Unbefangenheit sich schüchtern verkrümelt, oder betrachte ich grammatikalisch und rechtschreibtechnisch korrektes Schreiben als mittel- bis langfristig anzustrebendes Ziel ... und auf dem Weg dahin lass ich dann auch mal die Fünfe gerade sein ... Hauptsache, erst mal die Freude am Erfinden ausgelebt. Um nichts anderes gehts mir.

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (23.04.2014, 17:00)
Siegfried hat geschrieben:
Kurz gefragt: Wie stellst du dir das "behutsame Heranführen" vor?


Keine Ahnung! ... ich bin ja bekanntermaßen maximal sensibel, andererseits aber auch kein Therapeut. cheezygrin

Ich denk mal, technisch korrektes Schreiben ist bei der Schreiberin aktuell gar nicht am dransten. Erst mal einfach schreiben; vielleicht bleibt die Schreiberin gar nicht bei der Sache, sondern wendet sich einem anderen Hobby zu. Oder aber ihre Schreibambitionen steigen, dann wird sie automatisch früher oder später das technische Rüstzeug draufschaffen müssen. Zwingen, sozusagen von oben herab, kann man niemanden.

Das Leben ist der beste Lehrmeister!! cheezygrin blink3 angle: cheezygrin

Edit: äh ja ... die Frage mit dem behutsamen Heranführen ging gar nicht an mich. Schade eigentlich!
Zuletzt geändert von Klonschaf am 23.04.2014, 17:31, insgesamt 3-mal geändert.

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mtg
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Re:

von mtg (23.04.2014, 17:03)
Vielleicht lässt sich das Grundproblem mit der Übertragung in eine andere Kunstform leichter erklären:

a) Ein junger Mensch, lassen wir ihn oder sie 12 Jahre alt sein, setzt sich ans Klavier und klimpert drauflos. Ich denke, jeder von uns wird sich für den unnötigen Krach herzlich bedanken und den Klavierdeckel zuschlagen.

b) Derselbe junge Mensch erklärt uns, er/sie habe ein Musikstück komponiert und bittet uns um eine Meinung. Er/sie klimpert aber genauso wie unter a).

Was ist der Unterschied?

Unter a) fühlt sich der unfreiwillige Zuhörer gestört.

Unter b) wird bei dem um seine Meinung gebetene Mensch eine Erwartungshaltung geweckt, aber nicht erfüllt. Ich bin mir sicher, dass ein »Ach, wie schön - mach ruhig weiter so« keinem der Zuhörer über die Lippen kommen wird ... hingegen ist eine Antwort wie »Willst Du nicht erst einmal üben, bevor Du es mir vorspielst?« wohl so sicher wie das Amen in der Kirche.

Das ist doch wohl beim Schreiben nicht anders, oder? Außer natürlich, dass es mit deutlich weniger Geräuschen verbunden ist ...

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (23.04.2014, 17:13)
Klonschaf hat geschrieben:
aber - und darum geht es mir, es ist eben alles eine Sache der Dosierung, des richtigen Maßes, das heißt: die Frage ist doch, ob ich die Kreativität (um die es letztlich geht) gleich mal unter einem Haufen von Regeln derart zuschütte, bis die Freude und Unbefangenheit sich schüchtern verkrümelt, oder betrachte ich grammatikalisch und rechtschreibtechnisch korrektes Schreiben als mittel- bis langfristig anzustrebendes Ziel ... und auf dem Weg dahin lass ich dann auch mal die Fünfe gerade sein ... Hauptsache, erst mal die Freude am Erfinden ausgelebt. Um nichts anderes gehts mir.


Zäumen wir das Pferd doch einmal anders herum auf:

Ein zwölfjährige Autorin stellt einen kurzen Auszug aus einem Text vor, der als Buchveröffentlichung vorgesehen ist. Jede/r halbwegs gestandene Autor/in erkennt auf Anhieb, dass der Text stark fehlerbehaftet ist.

Was machen wir nun mit unser zwölfjährigen Jung-Autorin?

Der Weg, ihr eine Liste aller vorhandenen Fehler zu präsentieren, wird kategorisch abgelehnt.

Da gibt es die Option, "behutsam" vorzugehen. Also müsste sich jemand der Jung-Autorin annehmen und ihr die Unterschiede der vier Fälle erläutern ("Was ist ein Dativ, was ein Akkusativ, und wie erkenne ich den Unterschied?"), die zehn deutschen Wortarten vorstellen, welche davon wie geschrieben oder gebeugt werden, welche Satzzeichen wo und warum zu setzen sind.

Wer will das machen? Ich bitte um Handzeichen ... cheezygrin

Vemutlich niemand, weil ... "keine Zeit" ... "so sattelfest bin ich in der Grammatik nicht" ... "konnte noch nie gut erklären"

Also lässt man die Jung-Autorin einfach weiterlaufen - nein, man unterstützt sie sogar noch, weiterhin solch fehlerbehaftete Texte zu veröffentlichen. Weil ja andere die Fehler ausmerzen werden. Ist ja bequemer, als selbst zu lernen.

Natürlich soll jede/r, der/die schreibt, die Fantasie aufs Äußerste ankurbeln. Soll die wildesten, die abstrusesten, die wahnwitzigsten Szenen schreiben, die einem einfallen. Aber gehört das zur Beurteilung in die Öffentlichkeit?

Wie möchtest du, Klonschaf, dieser Jung-Autorin helfen? Oder der nächsten, die des Weges kommen wird? Viele sagen, den Neuankömmlingen - vor allem den jungen - muss geholfen werden.


Ich ergänze:

Wie möchtest du, Monika K,, dieser Jung-Autorin helfen? Oder der nächsten, die des Weges kommen wird? Viele sagen, den Neuankömmlingen - vor allem den jungen - muss geholfen werden.


Wie? - frage ich.
Zuletzt geändert von Siegfried am 23.04.2014, 17:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (23.04.2014, 17:22)
Siegfried hat geschrieben:

Wie möchtest du, Klonschaf, dieser Jung-Autorin helfen? Oder der nächsten, die des Weges kommen wird? Viele sagen, den Neuankömmlingen - vor allem den jungen - muss geholfen werden.

Wie? - frage ich dich.


Na ja ... also ich hab ja im ersten Posting hier im Faden gleich mal klargestellt, dass ich deine Meinung grundsätzlich teile. Eigentlich teile ich sie, ich finde nur die Verpackung für diesen speziellen Anlass zu streng geraten, sozusagen eine Überdosis Realität. Also wenn ich mich zurückversetze, wie ich als Zwölfjähriger war ... ich meine, jeder weiß, die öffentliche Präsentation eines Textes erfordert mal grundsätzlich Mut - und manch eine/r ist sehr empfindlich, was Kritik angeht.

Ich würde aber (nur für mich selbst) ein Fazit ziehen: Der oder die eine braucht vielleicht eher strenge und schnörkellose Kritik, um aus dem Quark zu kommen, der oder die andere eher wohlwollende Kritik, möglichst in schonenden, homöopathischen Dosen kredenzt, weil er strenge Kritik an seiner Schreibe als vernichtend empfindet.

Keine Ahnung, wahrscheinlich alles eine Frage des Charakters, da gibt es wohl kein Patentrezept.

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (23.04.2014, 17:33)
Klonschaf hat geschrieben:
ich finde nur die Verpackung für diesen speziellen Anlass zu streng geraten, sozusagen eine Überdosis Realität.


Klonschaf, die Jung-Autorin hat die Frage zur Dosis der Kritik selbst beantwortet:

Also ich bin 12 und somit noch sehr jung, aber ich kann mit Kritik eigentlich ganz gut umgehen. Es wäre schön wenn du mir einfach sagst was du genau meinst. Dankeschön
(Hervorhebungen von mir)

:shock::
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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (23.04.2014, 17:38)
Siegfried hat geschrieben:
Klonschaf hat geschrieben:
ich finde nur die Verpackung für diesen speziellen Anlass zu streng geraten, sozusagen eine Überdosis Realität.


Klonschaf, die Jung-Autorin hat die Frage zur Dosis der Kritik selbst beantwortet:

Also ich bin 12 und somit noch sehr jung, aber ich kann mit Kritik eigentlich ganz gut umgehen. Es wäre schön wenn du mir einfach sagst was du genau meinst. Dankeschön
(Hervorhebungen von mir)

:shock::


Ja, sicher ... auch ohne das Zitat erinnere ich mich daran; allerdings geh ich bei so was vorsichtshalber davon aus, dass Derartiges nur dazu dient, überhaupt mal eine Rückmeldung zum eigenen Text zu bekommen. Für mich sind das Floskeln, die nichts darüber aussagen, wie die Person tatsächlich mit schonungsloser Kritik umgehen kann. Du musst ja auch in Betracht ziehen, dass die Schreiberin womöglich über keine Erfahrung mit Kritik verfügt (außer vielleicht Feedback von Gleichaltrigen, die sich für Literatur kaum interessieren und schlimmstenfalls alles lobhudelnd abnicken oder verächtlich in die Tonne treten, ohne sich wirklich damit zu beschäftigen).

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (23.04.2014, 22:19)
Siegfried hat geschrieben:
Wie möchtest du, Monika K,, dieser Jung-Autorin helfen? Oder der nächsten, die des Weges kommen wird? Viele sagen, den Neuankömmlingen - vor allem den jungen - muss geholfen werden.


Wie? - frage ich.


Willst du das wirklich wissen? Gut, ich antworte und hoffe, dass du wirklich darüber nachdenkst. Als ich hier ankam, warst du bereits in vollem Gange. Ich versuchte es mit Schadensbegrenzung, weil ich mich noch sehr gut erinnern kann, wie verletzlich man in dem Alter ist und wie unüberlegt und sprunghaft man manchmal handelt. Hätte ich hier die erste Antwort schreiben können, hätte ich ein paar der Rechtschreibfehler aufgezeigt - nicht alle - und auch ein paar Fragen zum Inhalt gestellt. Ansonsten hätte ich ihr aber - wie geschehen - dazu geraten, weiter zu üben und sich von der Rechtschreibung nicht den Spaß an der Kreativität verderben zu lassen, sondern sich die Kenntnisse so nach und nach anzueignen. In solchen Situationen versuche ich, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen Ehrlichkeit in Bezug auf den Text und Ermutigung, trotzdem daran weiterzuschreiben. Meine Antwort wäre jedenfalls recht kurz ausgefallen. Wie sich der Thread danach entwickelt hätte, weiß ich natürlich nicht. Bei Bedarf hätte ich mich noch mehr mit dem Text auseinandergesetzt. Aber da taste ich mich immer erst einmal vorsichtig voran, um zu sehen, was erwünscht ist.

Darf ich auch mal provozierend fragen? Warum stellst du eigentlich nie deine eigenen Werke hier vor? Fehlt dir der Mut? Oder hast du Angst, dass wir so über dich herfallen, wie du über andere? Du hast mal zwei Kurzgeschichten in einem Thread über Ideenfindung vorgestellt - natürlich mal wieder haarscharf am Thema vorbei, aber Threadkapern gehört ja anscheinend zu deinen Lieblingsbeschäftigungen. Als du dann noch in einem anderen Thread herumgejammert hast, dass niemand an Textarbeit interessiert sei, fragte ich dich ganz vorsichtig (wie ich das immer mache), ob du eine Stellungnahme zu deinen Geschichten lesen möchtest. Die Antwort war plötzlich ungewöhnlich kurz: Nein. Ich hätte dir einige Logikfehler und Schwachstellen aufzeigen können. Aber du bist anscheinend nicht daran interessiert, selbst etwas dazuzulernen. Wer so großzügig mit Kritik und Unterstellungen um sich wirft, sollte sich selbst ebenfalls mal der Kritik stellen. Alles andere ist peinlich. Und deine Signatur solltest du ebenfalls überdenken. Die hast du dir ja ausgedacht, als ich dich vor einer Weile auf einen Fehler hinwies. Großes Drama! Aber jetzt frage ich mich, wie man den albernen Disclaimer "Alles, was ich hier im Forum schreibe, ist nur meine ganz persönliche Meinung ohne Anspruch auf Wahrheit" eigentlich verstehen soll. Braucht man deine Kommentare nicht ernst zu nehmen? Haben sie nichts zu bedeuten? Braucht man sie also gar nicht erst zu lesen? Ich weiß es nicht. Erkläre es mir.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

(Übersetzung: Besser ein weiser Narr, als ein närrischer Weiser.)

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.04.2014, 00:37)
Monika K. hat geschrieben:
Darf ich auch mal provozierend fragen? Warum stellst du eigentlich nie deine eigenen Werke hier vor? Fehlt dir der Mut? Oder hast du Angst, dass wir so über dich herfallen, wie du über andere?
[...]
Aber du bist anscheinend nicht daran interessiert, selbst etwas dazuzulernen. Wer so großzügig mit Kritik und Unterstellungen um sich wirft, sollte sich selbst ebenfalls mal der Kritik stellen. Alles andere ist peinlich.


Nachfolgende Texte haben nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Weil ich (!) ihre Qualität für nicht ausreichend erachte.

Aber jetzt - also leg los ... cheezygrin

Der dritte Treffer erschütterte das Raumschiff bis ins Mark. Augenblicklich fiel der Antrieb aus und nur wenige Sekunden später brachen die Lebenserhaltungssysteme zusammen.
Branson, der Bord-Ingenieur, stürzte auf die Kommandobrücke.
»Captain! Das Feuer ist nicht mehr einzudämmen! Wir müssen von Bord!«
Captain John Patacca starrte auf die Displays mit den taktischen Anzeigen. Das Schiff aufgeben? Mitten in der Schlacht? Die Veltro war Auge und Ohr am linken Flügel der Flotte.
»Captain!« Branson fasste Captain Patacca an der Schulter. »Verdammt, John! Es ist vorbei. Wir müssen raus! Gib den Befehl!«
Irgendwo krachte dumpf eine Explosion. Das ganze Schiff vibrierte. Wie die letzten Zuckungen eines sterbenden Tieres.
»Du hast Recht«, sagte Patacca mit krächzender Stimme. »Alle Mann von Bord!«
Er machte ein, zwei Schritte vor zur Konsole, löste eine Abdeckung und gab einen Code ein. Eine Sirene heulte auf und eine Computerstimme begann mit einem monoton klingenden Aufruf: »Notfall! Alle Mann von Bord! Notfall! Alle Mann von Bord!«
Wieder gab es eine Explosion. Lauter. Krachender. Näher als die vorherige. Das Schiff bebte regelrecht. Zitterte, kreischte, quietschte. Aus Rissen in den Wänden schlugen Flammen hervor.
»Weg hier!«, schrie Branson und rannte davon.
Patacca sah sich noch einmal um. Seine Kommandobrücke. Sein Kampfschiff. Die Veltro starb. Er blickte auf die Displays, die eines nach dem anderen erloschen. Dann knirschte etwas über ihm.
Die Decke!
Sie riss! Brach! Stürzte auf Patacca. Ein schwerer Metallträger traf den Captain, warf ihn zu Boden. Zermalmte mit tonnenschwerem Gewicht sein linkes Bein.
Oh Gott!, fuhr es Patacca noch durch den Kopf. Dann war da nichts mehr als Schwärze und Stille.

Patacca schrak auf. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er feststellte, dass er in seinem Bett in seinem Apartment lag. Geträumt, mal wieder geträumt.
Unwillkürlich fasste er mit der Hand zu seinem linken Bein. Er tastete. Oberschenkel, Knie. Muskeln. Er zog das Bein an und spürte seinen Fuß. Alles in Ordnung; alles da, wo es sein musste.
Nein, nichts war in Ordnung. Dieses Bein war nicht sein Bein. Es war eine Prothese. Dem Original perfekt nachgebaut. Die Ärzte der Militärklinik hatten die neuesten Errungenschaften der Medizin bei ihm anwenden können. Biogenetik. Künstlicher Zellaufbau. Verstärkte Knochen. Ein falsches Bein, das aussieht und funktioniert wie ein echtes Bein. Nicht zu unterscheiden.
Patacca ließ sich auf das Bett zurückfallen, starrte ins Dunkel und atmete scharf.
Die Tür zu seinem Schlafzimmer wurde kaum hörbar geöffnet.
»Alles in Ordnung?«
Das war Fred. Patacca hatte ihm irgendwann diesen Namen an den Kopf geworfen, und der Name war einfach hängengeblieben. Eigentlich war Fred nichts weiter als eine Seriennummer: 12-175-31091. Ein Androide, Typ 12, Baureihe 175. Verdienten Kriegsveteranen stellte man solche Androiden in der interstellaren Wohnsiedlung zur Seite, die sich dann um die alltäglichen Dinge des Lebens kümmerten. Patacca wollte niemanden, der nur eine Nummer war. Irgendwann nannte er ihn Fred, und dabei blieb es dann.
»Alles okay, Fred«, antwortete Patacca. »Ich habe wohl wieder schlecht geträumt.«
»Von der Schlacht, Major?«
»Ja.« Sie hatten ihn nach der Schlacht zum Major gemacht und für den Ruhestand sollte er nun Colonel werden.
Fred zog sich wieder zurück. Patacca drehte sich auf die Seite und versuchte, wieder einzuschlafen. Vergeblich. Seine Hand fuhr über die rechte Körperseite, fühlte die Rippen, spürte, wie sich der Leib dort bei jedem Atemzug hob und senkte.
Alles falsch, dachte Patacca.

Die Energieeindämmung rund um das Basislager auf Tahme IV konnte kaum noch aufrecht gehalten werden. 712 Siedler dieses Planeten waren bereits an Bord des Rettungsschiffes, doch eine letzte Gruppe von 32 Männern, Frauen und Kindern musste noch geborgen werden.
»Die Leistung bricht uns weg, Major!«
»Was sagen Sie da?«
Major Patacca stand am Luk des Rettungsschiffes und blickte die Rampe hinunter, über die ein Siedler nach dem anderen an Bord kam.
»Die Energieschilde! Wir können sie von hier aus nicht stabil halten.« Der Tech Sergeant deutete auf die Anzeigen. »Die Biester sind dabei, die Schilde zu durchdringen!«
Die Biester!
Ein verdammt eigenartiger Name. Vor allem, weil man diese Biester nicht sehen konnte. Sie waren so etwas wie Bazillen. Bakterien. Ihretwegen waren sie mit dem Rettungsschiff hier. Auf Tahme IV lebten mehr als 8.000 Siedler. Etwa 2.000 von ihnen hatten sich mit diesen Biestern, wie sie von Tech Sergeant Rutkowski genannt wurden, infiziert und waren binnen weniger Tage gestorben. Als man feststellte, dass sich die Biester durch die Dichtungen der Isolierbereiche fressen konnten, rief man die Flotte zur Hilfe. Der Planet sollte evakuiert werden.
»Wie bekommen wir die Schilde wieder stabil?«, fragte Patacca.
»Jemand muss die Konverter unten an der Straße von Hand steuern. Aber …« Rutkowski stockte.
»Aber was, Sergeant?«
Rutkowski verzog das Gesicht. »Die Konverter brechen irgendwann zusammen, und damit auch die Energieschilde. Dann müssen wir sofort weg. Und sofort heißt in diesem Fall wirklich sofort.«
Patacca nickte. »Ich verstehe. Der Mann an den Konvertern wäre verloren.«
»Ja, Sir! Oder er muss verdammt schnell rennen können.«
Patacca grinste. »Ich wollte schon immer mal wissen, wie schnell ich mit meinem neuen Bein laufen kann. Sergeant, Sie wissen, was zu tun ist, wenn der letzte Siedler an Bord ist.«
»Aber, Sir?«
»Keine Widerrede. Ich kümmere mich um die Konverter.«
Patacca lief die Rampe hinunter. Nach knapp 400 Metern fand er drei Schaltkästen, in denen die Energiekonverter summten. Er öffnete einen Kasten nach dem anderen. Die Leistung der Konverter war auf unter 60 Prozent gefallen. Kein Wunder, dass sich die Biester durch die Dämmung fressen konnten.
Während Patacca die Konverter neu einstellte, zog eine letzte Gruppe der Siedler an ihm vorbei. Einige blickten ihn fragend an, blieben stehen. Patacca scheuchte sie weiter zur Rampe des Rettungsschiffes. Dann war er wieder allein.
Zwei Minuten später versagte der erste Konverter.
Fast gleichzeitig hörte Patacca Rutkowskis Stimme aus dem Kommunikator.
»Der letzte Siedler ist soeben an Bord gekommen, Sir. Es wird Zeit zu rennen.«
»Verstanden, Rutkowski. Halten Sie die Tür so lange wie möglich offen.«
»Aye, Skipper!«
Patacca stellte die beiden letzten Konverter auf Maximalleistung. Das würden sie allerhöchstens eine halbe Minute mitmachen. Danach war die Energieeindämmung so löchrig wie ein Maschendrahtzaun.
Er drehte die Hebel um, die Konverter begannen zu jaulen, und Patacca rannte los.
Dreißig Sekunden. Das reichte gerade einmal für die Hälfte der Strecke. Er rannte. Seine Füße trommelten über den staubigen Boden. Die Rampe des Raumschiffs kam und kam nicht näher. Wie lange lief er jetzt schon? Zehn Sekunden? Fünfzehn?
Am oberen Rampenende stand Rutkowski. Winkte. Schrie. Ein zweiter, dritter Soldat tauchte auf. Sie winkten ebenfalls.
Hinter Patacca krachte es. Der zweite Konverter gab seinen Geist auf. Nun war der Weg frei für die Biester. Bakterien, die zielgerichtet dachten, fuhr es Patacca durch den Kopf. Unglaublich, Bakterien mit Intelligenz!
Er erreichte die Rampe, hetzte sie hoch, während sie eingezogen wurde. Hände wurden ihm entgegengestreckt, packten ihn, zogen ihn ins Innere des Raumschiffs, das dröhnend und wummernd abhob und sich auf den Weg ins All begab.
Patacca lag nach Luft japsend auf dem Boden. Er hatte seine Augen geschlossen.
»Hat er sich infiziert?«, fragte eine Stimme.
»Hoffentlich nicht.« Das war Rutkowski. »Auf jeden Fall kommt er auf die Krankenstation. Anfassen!«
Hände fassten Patacca, hoben ihn in die Höhe, brachten ihn weg.
Drei Tage später zeigte der Major die ersten Symptome einer ernsthaften Infektion.

Er drehte sich von einer Seite auf die andere, spürte den Druck der Matratze gegen seine rechte Körperhälfte. Jene Körperhälfte, die sie ihm als erste nahmen..
Zwei Tage nach den Symptomen waren Leber, Galle und Lunge bereits zu einem Drittel von den Biestern angefressen worden. Auf dem Sanitätsschiff der Flotte wusste man sich keinen anderen Rat, als ihm die betroffenen Organe komplett zu entfernen und durch künstlich erzeugte Körperteile zu ersetzen. Diese Radikaloperation rettete ihm tatsächlich das Leben – und brachte Zeit für die weitere Behandlung. Denn nach und nach fielen auch die anderen Organe den Biestern zum Opfer: Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse. Selbst das Herz. Organ für Organ wurde ausgetauscht. Die Ärzte weideten ihn regelrecht aus. Bis endlich ein Mittel gegen diese Biester gefunden war.
Patacca blickte zum Fenster, durch das er einige Sterne blinken sah. Für ihn jetzt unereichbar fern.
»Brauchen Sie wirklich nichts?« Fred war wieder da. Dieser Androide hatte offenbar ein untrügliches Gespür dafür, wenn es seinem Herrn nicht gut ging.
»Nein, verdammt! Ich brauche nichts!« Pataccas Stimme klang eine Spur zu scharf. In einem Anflug von Bedauern wollte er sich bei Fred entschuldigen, doch dann fiel ihm ein, dass Fred ein Androide war. Entschuldigt sich ein Mensch aus Fleisch und Blut bei einer Maschine?
Ein Mensch aus Fleisch und Blut? War er das wirklich noch?
Er fuhr sich mit der rechten Hand durchs Gesicht. Und stoppte abrupt. Dann hielt er sich die Hand vor Augen. In der Dunkelheit war sie nur schemenhaft zu erkennen, selbst aus einer Distanz von nur wenigen Zentimetern.
Patacca rieb mit dem Daumen über die Fingerspitzen von Zeige- und Mittelfinger. Ihm war, als würde er jede einzelne Papillarleiste spüren. Was für ein Unsinn, schalt er sich. Dann ließ er Mittel- und Ringfinger über seine Handfläche streichen. Er fühlte die Linien, fühlte Lebenslinie, Herzlinie. In den alten Zeiten las man aus diesen Linien das Schicksal eines Menschen.
Patacca schlug fast wütend die Bettdecke zurück und stand auf. Er ging zum Fenster, hielt seine rechte Hand hoch, dass sie das Licht der Sterne verdeckte, und betrachtete sie von allen Seiten. Falsch – auch sie.

Der Präsident war auf Reisen. Es ging in die Außenbereiche des Sternensystems, dort wo sein Ansehen nicht so hoch war wie im Zentrum. Major Patacca war von der Flotte abgestellt worden, um im All für die Sicherheit zu sorgen. Aber hier, in Tolo City auf dem Planeten Tribok, hier hatte der Geheimdienst der Regierung das Sagen.
So stand Patacca am Rande des Podiums, von dem aus der Präsident eine Ansprache an die Bewohner Triboks richten wollte. Auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude hatten sich mehrere Hundert Bürger versammelt. Für die Geheimdienstleute keine einfache Sache, denn unter den Triboks gab es einige, die gegen den Präsidenten waren. Vor allem gegen die Ausbeutung des Planeten auf Anweisung des Präsidenten.
Patacca blickte auf die Menschenmenge. Der Präsident erschien, lächelte, winkte den Leuten zu. Viele winkten zurück, schwenkten Blumen, klatschten Beifall.
Da entdeckte Patacca den alten Mann mit dem Krückstock.
Etwas an ihm stimmte nicht. Er war alt, hatte schlohweißes Haar und stand vom Alter gebeugt.
Mit viel zu viel Spannung im Körper!
Der Mann tat nur so, als wäre er alt! Plötzlich begann er an seinem Krückstock zu hantieren, drehte daran herum, zog etwas ab.
Ein länglicher Gegenstand flog durch die Luft, direkt auf das Podium zu.
Patacca erkannte den Gegenstand. Eine Stabgranate! Er sprang auf, machte zwei, drei lange Sätze nach vorne und bekam den Stab im Flug zu fassen. Noch halb in der Luft wirbelte Patacca herum und schleuderte den Stab in eine andere Richtung. Wo keine Menschen standen.
Die Granate detonierte zwei Meter von Patacca entfernt. Der Major spürte einen unglaublichen Schlag, dann einen scharfen Schmerz in seiner rechten Hand. Als er hinsah, war seine Hand nur noch ein blutiger Fetzen.
Die Menschen schrien. Die Leibwächter zerrten den Präsidenten vom Podium. Wachen stürzten sich auf den Attentäter. Patacca fiel auf die Knie und hielt sich den blutigen Arm.

»Wie ich sehe, sind Sie aufgestanden. Soll ich Ihnen ein Frühstück machen?«, fragte Fred.
Patacca winkte ab. »Nein, danke. Ich glaube, ich werde dich heute nicht mehr benötigen.«
»Ich verstehe«, sagte Fred und zog sich zurück.
Patacca blickte durch das Fenster hinaus in das Weltall. Das war einmal seine Heimat gewesen. Der Dienst in der Flotte hatte ihm ein Bein, seine Innereien und eine Hand gekostet.
Wer bin ich, fragte er sich stumm. Sie nennen mich John Patacca, aber was an mir ist noch John Patacca? Was macht einen Menschen aus? Bin ich noch ein Mensch?
So stand er eine Stunde am Fenster, in der Stille, ruhig und unbeweglich. Dann ging er zum Schrank und nahm seinen alten Raumanzug.
Eine Viertelstunde später öffnete sich die Schleuse, aus der das Wartungspersonal der interstellaren Wohnsiedlung ins All gelangen konnte. Doch der Mann, der jetzt in den luftleeren Raum schwebte, war Major John Patacca.
Er war ganz ruhig, denn er hatte seine Entscheidung getroffen. Als er etwa fünfzehn Meter von der Schleuse entfernt war, griff er ans Visier seines Helmes und öffnete es. Die Kälte des Alls traf ihn mit ungeheurer Wucht. Patacca lächelte. Dann explodierten Regenbogen vor seinen Augen, es wurde schwarz und eine unendliche Stille empfing ihn.

»Ich glaube, wir haben ihn. Ja, wir haben ihn!«
Eine Frauenstimme.
»Was zeigen die Geräte?« Das war ein Mann.
»Die Ausschläge nähern sich den normalen Werten.« Das war wieder die Frau. »Mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert!«
»Der Fortschritt der Medizin, meine Liebe«, sagte der Mann.
Patacca schlug die Augen auf. Aber alles blieb schwarz.
»Ausschläge im visuellen Cortex. Er versucht zu sehen«, sagte die Frau.
»Ohne entsprechenden Rezeptor ist das schwer möglich, Elizabeth«, antwortete der Mann. »Sein Sehnerv bekommt keine Impulse. Kein Wunder, ohne Augen.«
»Dafür ist sein Audit-Zentrum umso aktiver. Hört er uns etwa?«, fragte Elizabeth.
»Wenn ich mir die Ausschläge im Display ansehe, eindeutig ja! – Major Patacca, können Sie mich verstehen? Ich bin Professor William Funder.«
»Ja, verdammt, ich kann Sie verstehen«, sagte Patacca. »Was ist hier los?«
»Ausschläge im Sprachzentrum«, rief Elizabeth. »Er reagiert!«
»Hören Sie, Major«, begann Funder. »Sie waren außerhalb Ihrer Wohneinheit unterwegs. Im All. Und aus irgendeinem Grund hat sich Ihr Visier geöffnet.«
»Ja, natürlich«, antwortete Patacca. »Ich wollte es so!«
»Wieder Ausschläge im Sprachzentrum!«
»Er versteht uns wirklich! – Major, eigentlich müssten Sie tot sein, aber Ihr Android hat Ihnen das Leben gerettet. Er hat blitzartig reagiert und um Ihren Kopf eine Art Schutzschild gelegt. Leider hat die Kälte des Alls Ihrem Körper massive Schäden zugefügt.« Funder räusperte sich. »Um genau zu sein: Wir konnten nur Ihr Hirn retten. Leider!«
»Was?«, schrie Patacca.
»Extremer Ausschlag«, sagte Elizabeth.
»Ich mag es Ihnen nicht im Detail beschreiben, aber Ihr Hirn schwimmt gerade in einem Becken in einer Flüssigkeit, die Sie mit Nährstoffen und Elektroimpulsen versorgt. Deshalb können Sie uns hören, aber nichts sehen oder mit uns sprechen.«
Funder schwieg einen Moment lang.
»Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir bekommen das schon hin. Wir können Ihren Körper komplett rekonstruieren. Das wird zwar dauern, aber wir bekommen es hin.«
»Ihr Wahnsinnigen!«, schrie Patacca. »Ihr verdammten Wahnsinnigen! Was tut ihr mir an! Lasst mich in Ruhe!«
»Schauen Sie sich das an, Professor!«, sagte Elizabeth. »Unglaubliche Spitzen im Sprachzentrum!«
»Vermutlich freut er sich, dass er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist«, sagte Funder. »Und dass er jetzt einen fabelhaften neuen Körper bekommt!«
»Nein! Nein! Nein!«, schrie Patacca.
»Ach, Major, hier ist noch jemand, der gerne mit Ihnen sprechen möchte«, sagte der Professor.
»Jetzt?«, hörte Major Patacca eine bekannte Stimme sagen. Das war Fred.
»Ja, jetzt. Er wird dich hören.«
»Ich bin es, Major. Fred«, hörte Patacca seinen Androiden sagen.
Und dann flüsterte Fred: »Hallo, mein Bruder!«


Zweiter Text - anderes Metier, anderes Thema, anderes Setting:

Sommer 1702
London, England


Das Sailor’s Blue Parrot war eine üble Kneipe am Südufer der Themse, vom Tower aus gesehen ein Stück die Themse hinunter, dort wo der Fluss eine Biegung nach Norden machte und die bebaute Fläche immer schmaler wurde, bis die Häuser sich schließlich nur noch an der Straße nach Rotherhithe festhalten konnten.
Wer hier als Seemann einkehrte, der wollte dem Zugriff der Stadtwachen und der Königlichen Marine entgehen, gleichzeitig aber nicht so weit untertauchen, dass er keine neue Heuer fand. Genau dafür war das Sailor’s Blue Parrot der richtige Ort. Niemand fragte hier nach der Herkunft eines Mannes, oder was er in den letzten Wochen getan hatte, oder war er bereit war, in den nächsten Wochen zu tun. Ein Seemann war hier einfach ein Seemann, der einen Becher Rum trinken wollte und auf der Suche nach der nächsten Heuer war. Und dem es dabei ziemlich egal war, ob es nur über die Nordsee in die niederländischen Generalstaaten ging oder ob die Fahrt in das Goldene Dreieck zwischen England, der Westküste Afrikas und den Kolonien in der Neuen Welt führte. Selbst eine Fahrt zur englischen Erzfeind Frankreich wurde hier angenommen. Hauptsache, die Heuer reichte anschließend für ein paar Wochen – oder auch nur Tage – in einer Kneipe in London.
Die Seeleute mochten das Sailor’s Blue Parrot. Es lag dicht genug an den Londoner Docks und war doch weit genug weg vom Stadtzentrum, wo es eng, laut und mehr oder minder geregelt zuging. Diese kleine Kneipe war schief nach dem Balken gebaut und besaß kleine, mit Butzenscheiben ausgestattete Fenster, die sich nur mühsam zum gelegentlichen Lüften öffnen ließen. Unter dem schiefen Dach konnte ein Seemann so manchen Rausch ausschlafen, ohne dass er vom Wirt gnadenlos auf die Straße geworfen wurde. Viele, die als Seeleute in den Londoner Docks gestrandet waren und eine neue Heuer suchten, betrachteten den Parrot, wie sie die Kneipe kurz nannten, als ihre zweite Heimat. Als einen Ort, wo man beruhigt seinen Anker werfen konnte.
Einer von ihnen war Able Owens, ein Seemann in den besten Jahren, der schon seit mehreren Monaten vergeblich eine neue Heuer suchte auf einem der Segelschiffe, die tagtäglich mit Einsetzen der Ebbe flussabwärts gingen, um den Englischen Kanal Richtung Atlantik zu passieren. Es war nicht so, dass Owens ein unfähiger Seemann war, im Gegenteil, es gab nur wenige Männer, die über mehr Erfahrung auf den Sieben Meeren verfügten als er. Able Owens haftete der Ruf an, Unglück zu bringen. Kein Kapitän konnte sich so einen Mann an Bord leisten, keine Mannschaft würde so einen Seefahrer auf dem Schiff dulden. Die Seeleute in London waren der festen Auffassung, dass nur zwei Dinge mehr Unglück an Bord brachten als ein Mann wie Able Owens. Das eine war der Klabautermann, das andere Frauen.
Owens hatte über das Jahr versucht, aus seiner Situation das Beste zu machen. Wer angeblich das Unglück an Bord bringt, der kann auch vom Unglück erzählen. Und genau das hatte Able Owens perfektioniert. So verbrachte er Tag um Tag im Parrot, dachte sich wilde Geschichten aus und gab sie für einen halben Penny oder einen Becher Rum zum Besten.
So auch an diesem Tag.
Owens drückte sich seit den Mittagsstunden im Parrot herum, immer auf der Suche nach einem Dummen – oder auch zweien -, denen er seine Geschichte erzählen konnte. Die Kneipe war jetzt, mit Einsetzen der Dämmerung, gut gefüllt. Wenn sich Owens umsah, so musste er feststellen, dass er die meisten Gäste kannte. Das war an sich von Vorteil. Doch bedeutete es für Able Owens auch, dass die Gäste ihn kannten. Und das war weit weniger von Vorteil. Denn niemand war bereit, ihm einen Penny zu schenken. Oder einen Becher Rum. Owens musste also warten, bis seine Chance kam.
Sie kam in den Personen zweier junger Seeleute. Zweier sehr junger Seeleute. Der eine sah aus wie ein Bursche aus dem Norden. Owens tippte auf Yorkshire. Vermutlich ein Mann von der Mündung des Hull, aus Kingston vielleicht. Der andere war eindeutig kein Engländer. Seine Kleidung deutete auf eine Herkunft vom Kontinent. Able Owens näherte sich langsam und unauffällig dem Tisch, an dem die beiden saßen und sich intensiv unterhielten.
„Morgen werden wir sicher was finden“, sagte der Junge aus Kingston gerade. „Der Hafen ist voller Schiffe. Leute wie wir werden gebraucht.“
„Und wenn nicht?“, fragte der andere mit einem eigenartigen Akzent.
Ein Holländer! Owens nickte sich innerlich zu. Hatte er doch wieder einmal Recht gehabt. Seit dieser vermaledeite Holländer William vor dreizehn Jahren durch das House Of Parliament zum König von England, Schottland und Irland ausgerufen worden war, wimmelte es in der Stadt von dessen Landsleuten. Nicht dass die Holländer bösartige und lästige Kerle waren, etwa wie die Franzosen. Nein, diese Burschen waren tüchtige Seeleute und außerdem ausgefuchste Händler. Aber sie machten sich überall breit. Auf der ganzen Welt. Am Kap der Guten Hoffnung, auf Madagaskar, auf den Gewürzinseln am anderen Ende des Indischen Ozeans. In der Karibik hatten sie eine Handvoll Inseln in ihren Besitz gebracht. Und hätte man ihnen vor 40 Jahren nicht beigebracht, dass die Engländer die Meere beherrschten, dann würden sie vermutlich heute noch eine Kolonie an der Ostküste Nordamerikas ihr eigen nennen. Aber mit William III. hatte sich das grundlegend geändert. Jetzt waren sie Verbündete. Auch wenn William schon seit ein paar Monaten tot war. Das Dumme an diesen Holländern war, dass sie für ihre Schiffe vorzugsweise die eigenen Landsleute anheuerten. Der Teufel hole die Holländer!
„Man redet überall von Krieg“, antwortete der Kingston-Mann. „Zur Not gehe ich zur Königlichen Marine.“
Das war das Stichwort für Owens!
„Ich würde mir so etwas gut überlegen.“ Able Owens trat so an den Tisch heran, dass er zwischen den beiden Männern stand. „Die Kapitäne der Navy sind Halsabschneider und Tyrannen, schlimmer als die übelsten Piraten der Südsee. Und ich kenne einige von diesen wilden Burschen.“
Die beiden am Tisch sahen erschrocken auf, als hätte man sie gerade bei der Planung einer Verschwörung überrascht.
Owens verzog sein Gesicht zu seinem freundlichsten Grinsen. „Ich muss es wissen, denn ich habe über die Jahre, die ich zur See gefahren bin, immer wieder mit diesen Offizieren unserer ach so glorreichen Königlichen Marine zu tun gehabt. Zum Teufel mit allen Offizieren!“ Er spie aus und traf einen Hund, der in der Ecke döste. Der Hund zuckte zusammen, jaulte auf und legte dann seinen Kopf wieder auf die Vorderpfoten.
„Seid Ihr auf einem Kriegsschiff gewesen?“ Der Junge aus Kingston riss die Augen auf.
Owens grinste noch breiter. Die beiden waren ein gefundenes Fressen.
„Nun“, begann er, zog umständlich einen wackeligen Stuhl heran und setzte sich. „Gedient habe ich nicht auf einem Kriegsschiff unserer allergnädigsten Majestät. Aber zu tun bekommen habe ich es bereits mehrfach mit Kapitänen von Fregatten. Und mit allerhöchsten Admirälen unserer Navy.
„Admiräle?“ Der Holländer beugte sich vor. „Richtige Admiräle?“
„Oh ja, das kann ich euch sagen. Piekfeine Herrschaften sind das. Gekleidet in feinste Uniformen. Und mit Stiefel angetan, die blitzen und blinken wie ein Spiegel im Freudenhaus.“ Able Owens griff tief in seine Geschichtenkiste.
Die beiden Jungseeleute glucksten. Vermutlich hatte bei ihnen noch nie jemand Admiräle und Bordelle in direkten Zusammenhang gebracht.
Owens fand, dass es Zeit war, Nägel mit Köpfen zu machen. „Ich kann euch eine ganze Menge erzählen von der Marine. Von der Seefahrt insgesamt. Denn ich bin in meinen verdammten Leben kreuz und quer über die Meere gefahren. Und ich habe mehr als einmal miterlebt, wie der Teufel sich die Seele von einem guten Seemann geholt hat.“
Seine beiden Zuhörer starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen und Mündern an.
Able Owens griff sich theatralisch an dem Hals. „Wenn ich euch erzählen soll, wie es mir ergangen ist auf See, dann brauche ich etwas, womit ich meine Kehle anfeuchten kann. Sonst wird mir irgendwann die Stimme heiser.“
Der Holländer nickte und winkte die Schankmagd heran, eine alte, unförmige Frau mit nur noch drei Zähnen im Mund. „Was wollt Ihr trinken? Ein Bier?“, fragte der Holländer mit seinem kehligen Akzent.
„Bier?“ Jetzt war es an Able Owens, die Augen weit aufzureißen. „Ein Seemann trinkt einen ordentlichen Becher Rum aus der Karibik!“ Er klatschte der Schankmagd mit der flachen Hand auf das weit ausladende Hinterteil, die darauf in kreischendes Gelächter ausbrach. „Mary, einen ordentlichen Becher Rum für mich – auf Rechnung meiner beiden Freunde hier.“
Der Junge aus Kingston streckte Owens die Hand entgegen. „Ich bin Matthew Hilger. Komme aus dem Norden. Bin bisher immer nur auf dem Hull River und ein Stück die Küste rauf und runter gefahren.“
„Able Owens mein Name.“ Owens schlug ein. „Kannst Able zu mir sagen. Und wer ist dein Freund?“
„Jan ten Brock“, antwortete der Holländer, bevor Hilger etwas sagen konnte. „Aus Hoorn. Das ist ...“
„So, so. Jan also“, unterbrach ihn Owens. „Na, ist ja auch egal. Ob Ian oder Jan, was soll’s.“
Die Schankmagd kehrte an den Tisch und stellte Owens einen gut gefüllten Becher vor die Nase. Dann grinste sie reihum jeden der drei am Tisch mit ihrem zahnlosen Mund an.
„Mary, glaub nicht, dass ich dir noch einmal deinen Hintern tätschle“, rief Owens und lachte. „So hübsch ist dein Arsch nun auch nicht.“
Marys Grinsen verschwand so schnell wie ein Blitz in der Nacht. Dann verließ etwas ihren Mund, was wohl ein Fluch sein sollte, sich aber in Krächzen und Gesabber verlor. Sie streckte ihre schmutzige, fleischige Hand in Richtung Matthew Hilger. Es dauerte eine ganze Weile, bis der verstanden hatte, was die Schankmagd von ihm wollte. Umständlich kramte er ein paar Münzen aus seinem Geldbeutel hervor und ließ sie in die Hand vor seinem Gesicht fallen. Mary warf einen misstrauischen Blick auf das Geld, steckte es aber schließlich ein, nicht ohne ein deutlich hörbares Knurren von sich zu geben.
Kaum war Mary fort, rief ein Mann von einem Nebentisch: „Jungs, lasst euch nicht von Able ausnehmen. Der tischt euch Lügen auf, dass es selbst dem dicksten Tisch hier im Parrot die Planken aus der Fassung haut!“
„Scher dich um deine eigenen Angelegenheiten, Billy Drovers“, rief Owens zurück. „Was ich zu erzählen habe, ist wahr. So wahr Gott, der Herr, mein Zeuge ist!“
„Läster nicht Gott!“, kam es von einem anderen Tisch. „Bei deinem Sündenregister wird dich sonst noch der Teufel aus der Hölle werfen.“
Der halbe Schankraum brach in helles Gelächter aus.
„Kümmert euch nicht drum“, sagte Able Owens zu seinen neuen Freunden und nahm einen Schluck. „Was ich euch jetzt erzählen werde, das ist wahr. Beim Leben meiner Mutter und meiner Großmutter. Es ist – Hölle und Verdammnis! – so wahr, wie ich jetzt hier vor euch auf diesem Stuhl sitze.“
Die beiden Jungen, Owens schätzte sie auf fünfzehn oder sechzehn, blickten überrascht zu den Nachbartischen. Es schien, als würden sie überlegen, wo sie mit ihrem Besuch des Sailor’s Blue Parrot hinein geraten waren.
„Wann seid ihr in den Docks angekommen?“, fragte Owens.
„Vor vier Tagen.“ Jan ten Brock hielt sich an seinem Krug mit Bier fest. „Die Samantha ist ein kleiner Segler, mit dem wir Trockenfisch aus Norwegen hergebracht haben. Die Navy kauft ja zurzeit Lebensmittel ohne Ende auf.“
„Ja“, fiel Matthew Hilger ein. „Überall redet man davon, dass es Krieg geben wird.“
Owens verzog das Gesicht. „Krieg! Da stirbt ein schwachsinniger König in Spanien, und schon haben unsere hohen Herren nichts Besseres zu tun, als Franzosen und Spanier zu prügeln. Viele gute Männer werden sterben, nur damit irgendein Commander sich Ruhm und Ehre an seinen Hut stecken kann. Sei verdammt, englische Marine!“
Hilger und ten Brock warfen sich Blicke zu. Der Holländer drehte nervös den Bierkrug in seinen Händen. „Was hat dich denn so gegen die Marine aufgebracht?“, fragte er schließlich.
Able Owens lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, der daraufhin bedrohlich knarrte. Einen Moment lang schloss Owens die Augen, dann beugte er sich wieder vor und begann im Ton eines Verschwörers zu erzählen. „Ihr seid also vor vier Tagen in die Docks gesegelt?“
Hilger und ten Brock nickten.
„Dann habt ihr sicher auch die Galgen am Nordufer der Themse gesehen. Gar nicht weit von hier. Wenn ihr das Parrot verlasst und zum Flussufer geht, dann könnt ihr bei Tageslicht auf der anderen Flussseite die Galgen sehen.“
„Ja, genau.“ Hilgers Stimme klang nachdenklich. „Da war so ein Galgen, direkt am Ufer. Ein Metallkäfig hing dran. Und in diesem Käfig, da war eine schwarz geteerte Leiche. An Bord haben sich alle gefragt, wer der arme Kerl wohl gewesen sein mag.“
„Der arme Kerl ...“ Owens nahm wieder einen Schluck Rum. „Der arme Kerl war mein Captain. Vor einem Jahr haben sie ihn aufgeknüpft. Ihn dann geteert und in diesem Käfig zur Abschreckung ausgestellt. Weil er einigen edlen Herren zu gefährlich geworden ist.“ Owens’ Stimme wurde beim letzten Satz laut. Ein paar Männer an den Nebentischen drehten sich nach Owens um.
„Wer war dein Captain, Able?“, fragte Hilger.
„Sieben Jahre bin ich mit gesegelt, sieben verdammte Jahre.“ Able Owens blickte in seinen Becher mit Rum. Seine Hand zitterte, und der Rum schlug kleine Wellen. „Sieben Jahre. Und am Ende wollten sie uns alle aufhängen.“
„Wer war dein Captain?“, wiederholte Hilger.
„Mein Captain?” Owens packte den Becher so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „William Kidd war mein Captain. Ich segelte mit Captain Kidd!”

Herbst 1695
Vor der Küste von Spanisch-Florida


Der Wind stand gut, die Sonne brannte vom Himmel, und die Antigua machte trotz ihrer reichlich gefüllten Laderäume ordentlich Fahrt durch das Wasser.
William Kidd stand am Heck seines Schiffes und warf einen kontrollierenden Blick auf die Segel. Wenn das Wetter hielt und sie den spanischen Schiffen, die von Havanna und St. Augustine aus gegen englische Handelsschiffe operierten, aus dem Weg gehen konnten, dann würde er in spätestens zwei Wochen wieder im Hafen von New York sein und die Ladung mit gutem Gewinn verkaufen können.
Seit der Einnahme Neu-Amsterdams, wie die Stadt noch dreißig Jahre zuvor geheißen hatte, durch englische Truppen nahm die Bevölkerungszahl stetig zu. Der Strom von Einwanderern von den britischen Inseln, aber auch vom europäischen Festland, riss nicht ab. Und damit wuchs die Nachfrage nach Gütern aller Art. Für geübte und clevere Kauffahrer waren es goldene Zeiten. Wenn da nicht die ständige Bedrohung durch die Spanier und Franzosen gewesen wäre.
„Segel!“ Der Ruf kam vom Ausguck auf dem höchsten Mast. „Steuerbord voraus!“
Kidds Blick wanderte hoch zum Mann, der auf der obersten Rahe des Fockmastes stand und mit einem Arm auf einen entfernten Punkt am Horizont deutete. Kidd schaute in die angezeigte Richtung. Hier, vom Achterdeck der Brigg aus, war mit bloßem Auge nichts zu entdecken.
„Mister van der Heul?“
Kidds Frage richtete sich an seinen Quartiermeister, einem kleinen Mann mit von der Sonne verbrannter Haut. Hendrick van der Heul stand an der Steuerbordreling und versuchte, mit einem Fernrohr das gemeldete Schiff auszumachen.
„Schwer zu sagen.“ Hendrick van der Heul nahm das Fernrohr vom Auge. „Ein Zweimaster. Vermutlich eine Brigantine.“
„Zeigt sie ihre Flagge?“
Van der Heul schüttelte den Kopf. „Nicht zu erkennen.“
Kidd überquerte das Achterdeck und ließ sich das Fernrohr geben. „Wenn es ein Spanier ist, wird er uns jagen. Wenn’s sein muss, bis nach Virginia.“
Er setzte das Fernrohr an und suchte den Horizont ab. Nach wenigen Augenblicken hatte er das fremde Schiff gefunden.
Es war tatsächlich ein Zweimaster. Und van den Heuls Vermutung, dass es sich um eine Brigantine handelte, war ebenfalls korrekt. Gute Leute, dachte Kidd, man muss gute Leute haben, wenn man auf See bestehen will.
„Sollen wir auf Kurs Ost gehen?“, fragte van der Heul.
„Auf gar keinen Fall.“
Kidd hasste es, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Die Überfahrt über den Atlantik war bislang problemlos vonstattengegangen, und jetzt, in den Küstengewässern Nordamerikas, sah er es als eine persönliche Beleidigung an, dass ein fremdes Schiff ihn davon abhalten wollte, auf direktem Wege nach New York zu segeln. Nichts da! Ein Ausweichen auf die offene See kam überhaupt nicht in Frage. Schon deshalb nicht, weil das eine Woche mehr auf See bedeutet hätte.
„Nein, Mister van der Heul, wir halten Kurs. Wenn es eine spanische Patrouille ist, dann lassen wir uns auf ein Wettrennen ein.“ Er grinste seinen Quartiermeister an. „Ich bin mir sicher, dass die Antigua besser segelt als eine spanische Brigantine.“
„Und wenn es kein Spanier ist?“
„Sie meinen, ein Pirat?“ Kidd setzte das Fernrohr wieder an sein rechtes Auge und starrte angestrengt auf das fremde Schiff. „Nun, wie Ihr wisst, habe ich bereits zwei Mal erfolgreich gegen Piraten gekämpft. Ich denke, dass ich auch einen dritten Kampf bestehen kann. Immerhin haben wir sechzehn der besten Geschütze an Bord, die man für Geld bekommen kann.“ Er drückte van den Heul das Fernrohr in die Hand. „Und nicht zu vergessen: Eine hervorragende Mannschaft. Behalten Sie ihn im Auge. Wenn Sie erkennen können, welche Flagge das Schiff führt, lassen Sie es mich wissen.“
„Aye, Captain.“ Van den Heul tippte sich mit zwei Fingern an die Schläfe.
William Kidd ging in aller Gemütsruhe zum Fuß des Großmastes. Nichts war jetzt für die Moral der Mannschaft tödlicher, als einen nervösen, in Hektik geratenen Kapitän zu erleben. Sicher, da draußen war ein unbekanntes Schiff unterwegs, und wenn man Windrichtung und Kurs des fremden Schiffes genau betrachtete, dann befand es sich auf einem Abfangkurs.
Kidds größte Sorge war, dass es sich um ein gut ausgerüstetes Kriegsschiff handeln könnte. Mit kampferprobten Soldaten konnte und würde er sich nicht anlegen wollen. Zu groß war das Risiko, Fracht und Schiff zu verlieren. Sollte es sich aber, was er insgeheim hoffte, um einen Piraten handeln, dann sah er gute Chance, relativ unbehelligt aus dem Zwischenfall heraus zu kommen. Sicher, es gab Piraten, die extrem gut segeln konnten. Und es gab auch welche, die hervorragend mit ihren Geschützen umzugehen wussten. Doch letztlich hatten alle Piraten eine Achillesferse: Sie waren auf Beute aus. Anders als bei den Gefechten zwischen Kriegsschiffen verfeindeter Nationen war ein Pirat überhaupt nicht daran interessiert, das gejagte Schiff schwer zu beschädigen oder gar zu versenken. Nein, ein Handelsschiff musste nur gestoppt und dann ausgeplündert werden. Lange Feuerkämpfe waren daher für einen Piratenkapitän unnütz, teuer und risikoreich.
Genau darauf basierte William Kidds Plan.
„Die Herren Mockridge, Barstow und Palisandro sofort zu mir!“ Kidds Stimme rollte über das gesamte Schiff.
Nur Augenblicke später setze Fußgetrappel ein. Die drei Gerufenen bauten sich vor ihrem Kapitän auf und salutierten mit an die Schläfe angelegten zwei Fingern.
„Aye, Captain“, kam es im dreistimmigen Chor.
„Mockridge, nehmen Sie sich 24 Mann. Drei je Geschütz. Machen Sie alle Kanonen feuerbereit, backbord wie steuerbord. Die Geschützklappen bleiben geschlossen, bis Befehl kommt.“
„Aye, Captain!“ Mockridge, eine Hüne von einem Kerl, der auch schon mal eine Kanone ganz alleine durch das Geschützluk schieben konnte, nickte.
„Wie schnell können drei Mann im Gefecht eine Kanone nachladen?“
„So schnell, dass denen auf dem anderen Schiff Hören und Sehen vergehen wird.“ Mockridge grinste.
„Aye.“ Kidd legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir alle, das Schiff, die Mannschaft, und ich als Ihr Kapitän vertrauen Ihnen und Ihren Männern. Ab jetzt!“
Mockridge salutierte noch einmal, dann rannte er zum Niedergang, der unter Deck führte. Noch während er das Luk öffnete, brüllte er die ersten Befehle heraus. Eine Reihe von Männern folgte ihm unter Deck.
„Nun zu Ihnen, meine Herren“, wandte sich Kidd an Barstow und Palisandro. „Wir werden einige schwierige Manöver fahren, und ich wünsche deshalb, dass Sie mit Ihren Männern die Leinen für die Segel am Groß- und Fockmast so exakt wie möglich bedienen. Disziplin bei der Bedienung der Segel ist der Schlüssel zu unserem Erfolg. Bekommen Sie das hin?“
„Aye, Captain.“
„Gut. Wer sind unsere besten Steuerleute?“
Barstow und Palisandro blickten sich kurz an. „Eindeutig Able Owens“, sagte Palisandro. „Und Christian Courtenay“.
„Owens übernimmt in einer Stunde das Ruder“, befahl Kidd. „Und Courtenay soll sich bereit halten, falls Owens ausfällt.“
Er rieb sich nachdenklich das bartlose Kinn. „Dann hört zu, Männer. Das ist mein Plan ...“

Eine Stunde später wussten alle Männer an Bord der Antigua, was ihnen bevorstand und welche Aufgabe sie hatten. Auf dem Geschützdeck schufteten 24 Männer unter der Aufsicht von Mockridge. Lafetten wurden zurückgeschoben, die Rohre der Geschütze peinlichst gereinigt, Pulver eingeführt und festgestampft und schließlich die schwere Eisenkugel hineingedrückt. Jeder Geschützführer erhielt die Dochte ausgehändigt, mit denen er die Kanone abfeuern würde.
Oben an Deck klarte die restliche Besatzung alle Leinen auf, legten sie so bereit, dass sie schnell gelöst und wieder befestigt werden konnten. Barstow und Palisandro hatten Kidds Plan an ihre Unterführer weitergegeben, die ihrerseits dann den einfachen Seeleuten erklärt hatten, was von ihnen im Gefecht erwartet wurde.
Die wichtigste Meldung kam jedoch von Hendrick van der Heul.
„Kein Spanier.“
Van der Heul stand eine ganze Stunde auf dem Achterdeck an der Steuerbordreling und starrte unentwegt durch das Fernrohr.
„Sicher?“ Kidd griff sich das Fernrohr und warf selbst einen Blick auf das fremde Schiff. Der Abstand hatte sich deutlich verringert. Kidd konnte klar erkennen, dass der andere am Heck keine Flagge führte. Hier, in den Gewässern Floridas, erhoben die Spanier den Herrschaftsanspruch. Das war aber nur möglich, wenn ihre Schiffe sich eindeutig zu erkennen gaben.
Es blieb noch die Möglichkeit eines Handelsfahrers, der ohne Flagge am Heck von den Bahamas nach Florida oder einem der Häfen in den englischen Kolonien weiter nördlich unterwegs war. Viele Händler fuhren ohne Flagge, um nicht jedem, der sie durch ein Fernrohr betrachtete, sofort zu zeigen, ob man Freund oder Feind war. Doch ab einer gewissen Mindestdistanz zwischen Schiffen oder bei Annäherung an eine Küste war das Setzen der Flagge üblich. Diese Mindestdistanz war längst unterschritten, und die Brigantine da draußen hatte noch immer keine Flagge gezeigt.
Das da musste ein Pirat sein!


Nun bin ich gespannt ...
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (24.04.2014, 01:08)
Hier sind noch ein paar Texte, die zerfetzt werden dürfen ... cheezygrin

Dieser Text hier ist veröffentlicht ... cheezygrin

Wen juckt’s?

Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger, der unmittelbar vor dem Sprung auf sein wehrloses Opfer stand.
Carsten Roderbusch legte seine linke Hand auf das Steuerrad, während er mit der rechten den Gashebel ein Stück weit nach vorne drückte. Sofort röhrten die Motoren auf und beschleunigten die Yacht.
»Nicht schlecht!«, sagte Carsten. »Wirklich nicht schlecht!« Dabei warf er einen Blick auf die junge Frau, die neben ihm im Cockpit der Motoryacht stand. Auch nicht schlecht, dachte er.
Die junge Frau hieß Susanne und war Kundenbetreuerin der Janus-Werft aus Neustadt in Holstein. So stand es jedenfalls auf dem Namensschild, das sie an ihr dunkelblaues T-Shirt geheftet hatte. Ein T-Shirt, das sich durch den Fahrtwind wie eine zweite Haut um ihren Leib legte und nahezu jede Rundung ihres Körpers nachzeichnete.
Carsten ärgerte sich. Er hätte gestern Abend bei der Feier im First-Class-Hotel in Boltenhagen diese Susanne abschleppen sollen. Aber da hätte Marion sicher etwas dagegen gehabt. Marion! Carsten blickte nach vorne aufs Vordeck. Dort räkelte sich Marion in der Sonne.
»Erzählen Sie mir was zu diesem Bötchen«, wandte sich Carsten an Susanne.
»Aber gerne!« Sie lächelte ihn an. »Das hier ist die neueste Version der Sphyra-Baureihe unserer Werft. 22 Meter lang, 45 Tonnen schwer. Ausgelegt für bis zu sechs Gäste, deren Unterbringung in Luxuskabinen unter Deck erfolgt. Für den Antrieb sorgen zwei Motoren mit je 1.800 PS. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 42 Knoten.«
»42 Knoten? Was ist das in richtiger Geschwindigkeit?«
»Ein Knoten sind 1,852 Kilometer pro Stunde«, erklärte Susanne geduldig. »Sie können das auch selbst ganz einfach ausrechnen: Nehmen Sie die Knoten mal zwei und ziehen Sie dann zehn Prozent ab. Dann haben Sie die ungefähren Stundenkilometer. Es ist eigentlich sogar etwas mehr.«
Carsten blickte auf die Geschwindigkeitsanzeige des GPS. 15 Knoten. Er überschlug die Rechnung im Kopf. Das sind … 27 Stundenkilometer. Und 42 Knoten Spitze? Er rechnete nach. Über 75 Sachen!
Wieder schob er den Gashebel ein Stück nach vorne. Augenblicklich beschleunigte die Yacht auf 25 Knoten.
»Und was kostet dieses Baby?« Carsten ließ seine Blicke recht unzweideutig über Susannes Körper wandern.
»Die Yacht ist für zweikommaeins Millionen zu haben«, antwortete Susanne ungerührt. »Es gibt natürlich Ausbauvarianten, die den Preis etwas nach oben treiben.«
Carsten lächelte. »Da bin ich mir ganz sicher. Alles hat seinen Preis!«
In seinen Gedanken rechnete er kurz durch. Der Preis für die Yacht entsprach in etwa der Hälfte seines derzeitigen Jahreseinkommens. Aber Letzteres würde sich wohl in Kürze ändern. Nach oben. Und zwar mehr als deutlich.
Er war der einzige Sohn von Werner Roderbusch, dem Besitzer der Roderbusch-Werke, und somit dessen Universalerbe. Die Roderbusch-Werke waren eines der größten Unternehmen Norddeutschlands: Über 6.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von mehr als 700 Millionen Euro. Während Sohn Carsten auf der Ostsee herumschipperte und ein neues Spielzeug suchte, lag Vater Werner in einer exklusiven Privatklinik und rang mit dem Tode. So hieß es jedenfalls im letzten Bulletin der Ärzteschaft.
Carsten blickte kurz über die Schulter. Auf den Polstern im Heck der Motoryacht lag Tom und sonnte sich. Sie kannten sich seit mehr als 20 Jahren. Nach dem Abitur hatte Tom Jura studiert und war anschließend als Rechtsberater in das Unternehmen gekommen. Zusammen würden sie das gesamte Unternehmen auf den Kopf stellen. Sobald sie das Sagen hatten.
»Sie sind fest bei der Werft angestellt?«, fragte Carsten.
Susanne schüttelte den Kopf. »Nur in den Sommermonaten. Ich studiere in Kiel.«
»Was denn?«
»Betriebswirtschaft. Noch zwei Semester. Dann möchte ich gerne etwas mit Marketing machen. Deshalb auch der Job hier für die Werft.«
»Marketing?« Carsten warf einen langen Blick auf Susanne. »Wenn Sie wollen, können Sie bei mir anfangen. Ich denke, ich habe da was für Sie.«
Susanne lächelte dünn, schwieg aber.
Plötzlich stand Marion vor dem Cockpit und verdeckte die Sicht nach vorne. Sie hangelte sich an der Reling entlang und kletterte in den Führerstand.
»Warum fährst du so schnell, Schatzi?«, fragte sie. »Vorne wird es windig und kalt.« Beiläufig warf sie einen Blick auf Susanne und zupfte sich ihr knapp sitzendes Bikini-Oberteil zurecht. »Hat sie dir gesagt, so Gas zu geben?«
»Nein«, sagte Carsten. »Ich wollte einfach mal dieses Boot ein wenig ausprobieren.«
»Aber das hast du doch gestern schon gemacht.« Marions Stimme klang leicht schnippisch.
»Na und?« Carsten war unwillkürlich zu laut geworden. Aus lauter Verärgerung schob er den Gashebel ein ganzes Stück nach vorne. Die Geschwindigkeitsanzeige sprang über die 30-Knoten-Marke.
Die Motoryacht brauste quer über die Lübecker Bucht, weiß gequirltes Ostseewasser hinter sich, und hielt auf die Landspitze von Pelzerhaken zu. Im Cockpit herrschte Schweigen.
Da legte sich eine Hand auf Carstens Schulter.
»Sag mal, hast du dein Handy abgeschaltet?« Das war Tom.
»Wieso?«, fragte Carsten.
»Deine Mutter versucht dich seit einer halben Stunde zu erreichen.«
»Was gibt es denn?«
»Lies selbst.« Tom hielt Carsten sein Handy hin. Im Display war eine SMS zu lesen.
Hallo, Tom! Versuche seit einer halben Std vergeblich C zu erreichen. Werner soeben verstorben. Kommt sofort nach Hause! Gruß G
G – das war Carstens Mutter Gudrun. In Carstens Kopf überschlugen sich die Gedanken. Vater war tot. Er musste nach Hause. Sofort. Aber wie? Die Firma! Er war jetzt Eigentümer eines Millionen-Unternehmens. Die Motoryacht – was sollte er jetzt damit machen? Einfach abliefern oder doch kaufen? Zweikommaeins Millionen. Ein halbes Jahresgehalt … Fuck! Das war mal. Ab jetzt würde er 60 Millionen im Jahr verdienen. Und mehr!
»Schlimme Nachrichten?« Das kam von Susanne.
»Mein Vater ist tot.« Carsten nahm den Gashebel zurück. Die beiden Motoren im Heck blubberten nur noch leise und die Yacht glitt nahezu geräuschlos durch das Wasser der Ostsee.
»Oh, wie furchtbar – mein Beileid.«
»Oh je!« Marion strahlte dabei über das ganze Gesicht. »Gehören wir jetzt zu den reichsten Leuten Deutschlands?«
»Was? Wie?« Carstens Blick wanderte zwischen Susanne, Marion und Tom hin und her. »Was machen wir jetzt?«, fragte er schließlich Tom.
»Ich besorg uns sofort einen Heli, der uns von Neustadt nach Hause bringt.« Tom drückte auf dem Handy herum. »Und dann, mein lieber Carsten …« Tom begann zu lächeln, während er das Handy an sein Ohr hielt. »Dann machen wir das, was wir so lange geplant haben.«
»Einen Plan?«, mischte sich Marion ein. »Ihr habt einen Plan? Wieso weiß ich nichts davon?«
Carsten wandte sich ab. Sein Vater war gestorben, und er fühlte nichts. Keine Trauer, kein Entsetzen. Aber auch keine Freude darüber, dass er jetzt unglaublich reich war – und das Unternehmen so umgestalten konnte, wie er es schon immer wollte.
Werner Roderbusch hatte den Ideen seines Sohnes nie zugestimmt. Die Roderbusch-Werke sind ein Familienunternehmen, hatte er immer gesagt. Wir brauchen keine Investoren. Wir brauchen keine Aktien. Wir liefern ehrliche Arbeit ab.
Carsten – und Tom – sahen das anders. Ganz anders. Sie wollten aus der Firma eine AG machen, die Hälfte der Aktien verkaufen und sich so eine Milliardensumme einstecken. Eine Milliarde Euro! Hinter dem Rücken von Werner hatten sie ein Analystenteam aus New York City konsultiert und sich einen Plan erarbeiten lassen, wie man das Familienunternehmen möglichst schnell und erfolgreich an milliardenschwere Investoren verkaufen konnte.
Milliarden!
Carsten schwankte und musste sich mit beiden Händen am Steuerrad festhalten.
»Alles in Ordnung?« Susanne legte ihre Hand auf seinen Rücken.
»Fassen Sie meinen Mann nicht an!« Marion packte Susanne am Handgelenk und zog deren Hand weg.
Carsten drehte sich um. »Ich bin nicht dein Mann!«, fauchte er Marion an. Dann wandte er sich an Tom. »Wie sieht es aus mit dem Heli?«
»Steht in einer halben Stunde in Neustadt bereit.«
»Gut.« Carsten spürte, wie er sich langsam sortierte und wieder Oberwasser bekam. »Wir fahren jetzt sofort zurück nach Neustadt. Tom, ruf unsere Freunde in New York an, wir ziehen den Plan so schnell wie möglich durch. Noch bevor irgendjemand etwas mitbekommt. Susanne, melden Sie der Werft, dass ich das Boot kaufe, und ich hoffe, Sie bekommen eine anständige Provision. Marion, wenn wir in Neustadt sind, kannst du dir ein Taxi zum Bahnhof bestellen.«
»Aber Schatzi?« Marion stand da und riss die Augen auf.
»Ende mit Schatzi! Für das, was jetzt kommt, kann ich dich nicht mehr gebrauchen!«
»Schatzi!!!«
Carsten nahm wieder hinter dem Steuerrad Platz und wollte gerade den Gashebel nach vorne schieben, als er innehielt.
»Was ist los?«, fragte Tom.
Carsten schaute Susanne an und lächelte. Ein bösartiges Lächeln »Das da vorne ist doch diese Landspitze von … wie heißt die noch mal?«
»Pelzerhaken«, antwortete Susanne.
»Da gibt es doch dieses hochnoble Ausflugslokal, nicht wahr?«
»Ja, das Perdu.«
»Gut. Statten wir den Möchtegern-Reichen einen Besuch ab!« Carsten drückte den Gashebel so weit nach vorne, bis er mit den Knöcheln das Teakholz berührte.
Die beiden Motoren schrien wie Raubtiere auf; der Bug der Yacht hob sich aus dem Wasser, als das Boot Geschwindigkeit aufnahm und über die Ostsee Richtung Westen flitzte.
»Sie sollten langsamer fahren!« Der Fahrtwind riss die Worte regelrecht von Susannes Lippen.
»Warum?«, schrie Carsten zurück.
»In Küstennähe besteht eine Geschwindigkeitsbeschränkung! Die wird mit Radar überwacht.«
»Geschwindigkeitsbeschränkung? Auf wie viel?«
»Sechs Knoten.«
»Ach, wirklich?« Carsten warf einen Blick auf die Anzeige. Soeben durchbrach die Yacht die 40 Knoten. »Was kostet es denn, hier auf dem Wasser zu schnell zu fahren?«
Susanne zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. 100 Euro vielleicht. Oder 150.«
Carsten prustete los. »100 Euro? Ich zahle für diese Yacht mehr als zwei Millionen Euro und da soll ich vor einer Geldstrafe von 100 Euro Angst haben? In Zukunft kann ich mir meine Zigarren mit 100-Euro-Scheinen anzünden!« Er lachte aus vollem Hals.
Sie rasten auf die Küste zu. Die Motoryacht bockte über die Wellen wie ein wilder Mustang. Tom und Marion saßen im Heck und hielten sich krampfhaft fest. Immer wieder sprühte Meerwasser über das Vorschiff.
»Sehen Sie da vorne?« Carsten deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine Anhöhe. Zwischen ein paar Bäumen schimmerte das rote Ziegeldach eines großen Hauses hindurch. »Das ist dieses Perdu. Da sitzen sie, all diese Porsche- und S-Klasse-Fahrer. Essen Beluga-Kaviar auf Eis und trinken Champagner für 300 Euro die Flasche. Und denken, sie wären reich. Die und reich. Ha! Ich bin reich! Ich!«
Carsten bemerkte, wie Susanne einen halben Schritt zurückwich.
»Was meinen Sie, sollen wir diesen Leute mal so richtig den Stinkefinger zeigen?« Er drehte am Steuerrad und das Boot vollzog eine sanfte Linkskurve. Sie jagten jetzt parallel zur Küstenlinie dahin.
»Sie sollten vor allem langsamer fahren«, mahnte Susanne.
»Gib Gummi!«, johlte Tom von hinten. »Denk dran, du kannst es dir jetzt leisten!«
»Ja!«, schrie Carsten und versuchte, den Gashebel noch ein letztes Stück nach vorne zu drücken. Die Küste mit dem Perdu raste an ihnen vorbei. Carsten, Tom und Marion winkten hinüber.
Plötzlich gab es einen dumpfen Schlag.
Dann ein Geräusch wie aus dem Mahlwerk einer Mühle.
Die Yacht bäumte sich trotz ihres Gewichtes kurz auf.
»Was war das?«, rief Carsten. Er riss den Gashebel zurück und das Boot verlor sofort an Geschwindigkeit.
»Oh Gott!«, stammelte Susanne. »Oh Gott! Oh Gott!« Sie drehte sich abrupt um und lief unter Deck. Augenblicke später klappte hörbar die Tür einer der Kabinen zu.
»Dreh um!« Tom war aufgestanden und starrte auf das Meer hinter ihnen. »Dreh um, verdammt noch mal!«
Carsten legte die Motoryacht in eine Rechtskurve und steuerte sie in das eigene Kielwasser.
»Was war das eben?«, fragte er.
»Keine Ahnung«, antwortete Tom. »Fahr mal langsam die Strecke zurück.« Er stellte sich rechts neben das Cockpit und schaute auf das Meer, während Marion die linke Seite übernahm.
»Da!« Marions Arm ruckte in die Höhe. »Da schwimmt was. Das sieht aus wie … wie eine Einkaufs¬tüte …«
Tom wechselte auf die linke Seite. »Das ist keine Einkaufstüte. Das ist … Verdammt! Verdammt! Verdammt!« Er blickte Carsten an. »Das ist ein Stück Segel.«
Langsam bewegten sie sich an dem bunten Fetzen vorbei, der da im Meer trieb. Als nächstes fanden sie etwas, das wie ein mit Styropor gefüllter Karton aussah.
»Was ist das?«, fragte Carsten mit zitternder Stimme.
»Ein Windsurfbrett«, sagte Tom tonlos. »Oder das, was davon übrig ist.«
Plötzlich schrie Marion auf. Sie schrie und deutete hektisch auf etwas, das im Wasser trieb. Etwas Großes. Schwarzes.
Carsten und Tom brauchten ein paar Augenblicke, um den Gegenstand eindeutig zu erkennen.
Ein Mensch!
Er trieb mit dem Gesicht nach oben im Wasser. Sein Körper steckte in einem schwarzen Neopren-Anzug.
Er bewegte sich nicht.
Das Wasser um ihn herum färbte sich rot.
Während Carsten die Motoryacht dicht an den Mann heranmanövrierte, griff Tom zum Bootshaken und versuchte, den Mann damit zu erreichen. Er brauchte drei Versuche. Vorsichtig zog er den Verletzten um das Boot herum. Zu dritt zogen und zerrten sie, bis der Mann an Bord war
Marion schrie erneut auf.
Dort, wo sich eigentlich der linke Unterschenkel des Mannes befinden sollte, war nichts weiter als ein zerfetzter Beinstumpf, aus dem rhythmisch Blut schoss.
»Abbinden! Sofort abbinden!«, rief Tom. »Ich brauche eine Leine! Schnell!«
Carsten warf ihm eine Leine zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion nahm die Leine, während Tom das verstümmelte Bein fixierte.
Carsten starrte auf die beiden, wie sie den Mann versorgten. Erstaunlich, wie professionell Marion mit dem Verletzten umgeht, dachte er. Als ob sie es gelernt hätte. Ihm fiel ein, dass Marion irgendwann mal etwas von Ersthelferkursen erzählt hatte.
»Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Carsten.
Tom erhob sich. »Gar nichts. Du setzt dich ans Steuer und fährst uns jetzt in den Hafen von Neustadt. Und zwar mit einem mittelprächtigen Tempo. Ich werde in der Zeit zwei Anrufe machen.« Er zog sein Handy hervor.
»Wen willst du denn anrufen?«
»Zunächst den Notarzt. Den brauchen wir auf jeden Fall. Und dann einen alten Freund aus Studientagen.« Er tippte die 112 auf dem Display ein.
»Lebt er noch?«, fragte Carsten Marion, die sich neben dem Fremden hingehockt hatte und dessen Hand hielt. Erst jetzt hatte Carsten den Mut, den Mann genauer anzuschauen.
Die Schiffsschrauben hatten ihn grässlich zugerichtet. Der linke Unterschenkel war direkt unterhalb des Knies abgetrennt worden. Der Neopren-Anzug wies eine Unmasse an Einschnitten auf, und der Mann blutete aus vielen kleinen Wunden. Erstaunlicherweise war das Gesicht nahezu unverletzt. Es war das Gesicht eines Mannes um die Vierzig. Etwa in Carstens Alter. Ein markantes Gesicht. Ein gutes Gesicht. Aber jetzt fahl, totenblass.
»Ja, er lebt noch«, antwortete Marion, ohne aufzusehen. »Aber ich weiß nicht, ob er es schaffen wird.«
Carsten setzte sich ans Steuer, wendete das Boot und hielt direkt auf den Hafen von Neustadt zu.
Ihm schoss ein wirrer Gedanke durch den Kopf. Was für eine Tagesbilanz: 700 Millionen geerbt und einen Menschen getötet! Sein Name würde in den Listen der reichsten Deutschen immer mit dem Namen des von ihm Getöteten erscheinen. Warum zum Teufel hatte er nicht auf Susanne gehört? Er warf einen Blick in den Salon. Von Susanne war nichts zu sehen oder zu hören.
»Ja? … Und du bist da ganz sicher? … Kein Irrtum? … Gut … Ich danke dir! Ich melde mich wieder bei dir …« Tom beendete sein zweites Telefonat. Er ging zu Carsten und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Entspann dich«, sagte er. »Alles wird gut!«
»Mit wem hast du gesprochen?«
»Mit einem Fachmann für Seerecht. Er sagt, es wird dir nichts passieren.«
»Was? Wieso?«
Tom grinste breit. »Nach deutschem Seerecht gelten in den hiesigen Küstengewässern ganz bestimmte Vorfahrtsregeln. Danach hat ein Windsurfer einem Motorboot auszuweichen.«
»Das bedeutet?«
»Der Windsurfer hat dir die Vorfahrt genommen und ist selbst schuld am Unfall! Du bist raus aus der Sache. Ganz einfach!«
Carsten blickte stur nach vorne. Aus dem Hafen von Neustadt lief das orange-rot markierte Rettungsboot der DGzRS aus und hielt direkt auf sie zu.
»Aber der Mann … Er wird mich verklagen … wenn er am Leben bleibt … oder seine Familie.«
»Na und? Wen juckt’s?« Tom steckte das Handy weg. »Du bist reich. Du bist einer der reichsten Menschen in diesem Lande. Solchen Menschen tut man nichts. Du hast jetzt so viel Geld, dass du dir die 30 teuersten Anwaltskanzleien leisten kannst. Gleichzeitig! Die machen den Kerl fertig. Oder seine Familie. Die überziehen jeden und alles mit Gegenklagen und Gegengutachten, dass es nur so rappelt. Die regeln das mit der Staatsanwaltschaft – hinter den Kulissen. Das wäre nicht das erste Mal. Bei dem Geld, das dir jetzt zur Verfügung steht, fällt jeder um. Ob Umweltverschmutzung, Steuerhinterziehung oder Verkehrsunfall – wenn du wichtig bist und ausreichend Beziehungen hast, wird dir keiner ans Bein pinkeln. Verstehst du?«
Carsten verstand.
Alles wird gut, dachte er und lächelte. Ich bin reich und das Leben ist schön! Also, wen juckt’s?


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Bratkartoffeln mit Spiegelei

„Geht es um was Wichtiges?“ Ella Kempen schob mit einem Finger ihre Brille zurück in Richtung Nasenwurzel. Dann spießte sie mit der Gabel in ihrer anderen Hand eine braun gebratene Kartoffelscheibe auf, manövrierte sie in ihren Mund, schloss die Lippen um die Zinken und zog die Gabel so blitzartig heraus, als hätte sie Angst, das Besteck könnte sich in ihrem Mund in ein glühendes Stück Eisen verwandeln.
Johannes Kempen betrachtete seine Frau und überlegte, ob er ihre Art zu essen je interessant gefunden hatte. Er konnte sich nicht erinnern.
„Durchaus“, sagte er schließlich. Er legte sein Essbesteck zurück auf die kleine Messerbank neben seinem Teller, die Gabel mit den Zinken nach oben, das Messer mit der Schneide zum Teller. Mit spitzen Fingern schob er die Griffe so lange hin und her, bis sie exakt parallel lagen, dann nahm er die Serviette von seinen Oberschenkel, tupfte sich mit kurzen Bewegungen die Lippen ab und faltete das Tuch so auf seinen Schenkel, dass die benutzen Stellen des Stoffes jeweils nach innen zeigten.
„Liebe Familie, ich würde mit euch gerne etwas besprechen. Nach dem Essen.“
„Ach nö, Paps!“ Stefan zersäbelte sein zweites Spiegelei wie ein Kosake auf dem Rachfeldzug, stopfte sich mehrere Stücke davon gleichzeitig in den Mund und schaufelte drei Ladungen Bratkartoffeln hinterher. „Muss das sein?“ nuschelte er, sichtlich bemüht, den Inhalt seines Mundes nicht über der Esstisch zu verteilen.
„Stefan!“ Ella blickte ihren Sohn vorwurfsvoll an. „Man spricht nicht mit vollem Mund!“
Stefan kaute mit doppelter Geschwindigkeit und schluckte hörbar. „Warum müssen wir samstags auch immer so spät essen? Ihr wisst doch, dass ich gleich noch weg will.“
Johannes Kempen blickte zur Uhr, die über der alten Anrichte an der Wand hing. Es war kurz vor halb neun Uhr abends.
„Dann wird es länger dauern?“ fragte Ella.
„Was?“ fragte Johannes.
„Deine ..., na, diese Besprechung.“
„Durchaus.“
„Ach nö, Paps. Corinna wartet doch auf mich.“ Stefan legte sein Besteck auf den Teller und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Johannes zuckte unwillkürlich zusammen.
„Corinna?“ fragte Ella. „Ist das nicht die nette Rothaarige, die dich letzte Woche besucht hat?“
„Das war Ingrid.“ Stefan hielt sich den Bauch, drückte sein Kinn auf die Brust und blies einmal kurz die Wangen auf. „Die ist längst Geschichte. – Sag mal, Paps, kannst du mir etwas Geld geben?“
„Schon wieder? Du hast doch erst vorgestern hundert von mir bekommen.“
„Das Leben ist teuer.“ Stefan grinste frech. „Und du weißt doch: Keine Arme, keine Kekse! Und meine Arme sind im Moment recht kurz.“
„Wie?“
„Er meint, er ist knapp bei Kasse.“ Ella stand auf und begann, den Tisch abzuräumen.
„Gib Geld. Mach schon!“ Stefan streckte seinem Vater die offene Hand entgegen.
Johannes Kempen schüttelte den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Irgendwann musst du lernen, vernünftig mit Geld umzugehen. Am besten jetzt, sofort. Denn ich habe ...“
„Ach, dann behalt doch deine Kohle!“ Stefan feuerte seine Serviette auf den Teller, dass Messer und Gabel klirrten und Ella erschrocken innehielt. „Ich komme auch ohne dich klar.“ Er schob seinen Stuhl ein ganzes Stück zu weit vom Tisch weg, sprang auf und lief in den Flur. Kleiderbügel klapperten heftig an der Garderobe, und dann krachte die Wohnungstür ins Schloss.
„Du solltest dem Jungen mehr Verständnis entgegenbringen.“ Ella schob wieder ihre Brille mit einem Finger zur Nasenwurzel hoch. „Er ist doch noch so jung.“
Jung sein, dachte Johannes Kempen, das ist ein Fehler der Natur, der sich von selbst korrigiert.
Ella stellte die Teller aufeinander, legte die Bestecke darauf und trug alles in die Küche. Johannes hörte Porzellan klappern und Metall klirren. Ella füllte offenbar die Spülmaschine.
„Ach, übrigens“, rief Ella aus der Küche, „ich muss gleich auch noch weg. Zu Wieses. Die Karin will uns ihre neuen Artikel aus dem Versand zeigen. Die Gerdi ist da, und Waltraud, und Petra. Und noch einige, die du nicht kennst. Es wird sicher spät werden. Vermutlich elf.“
Johannes legte seine Unterarme auf den abgeräumten Esstisch und seufzte leise.
„Was wolltest du uns eigentlich sagen?“ Ella stand im Flur und angelte nach ihrem Mantel.
„Ich wollte euch nur mitteilen, dass ich ...“
„Ach, Hannes, hat das nicht auch bis morgen Zeit?“ Ella schlüpfte in ihren Mantel. „Ich bin spät dran, weißt du, und möchte nicht unpünktlich sein. Im Kühlschrank ist eine Flasche Bier. Mach es dir doch vor dem Fernseher bequem, ja? Ich muss los. Tschüß!“
Als Ella die Tür öffnete und die Wohnung verließ, sah Johannes nicht einmal auf, auch nicht, als Ella die Tür mit einem leisen Klacken hinter sich zuzog. Eine Weile hörte er noch Ellas Schritte im Treppenhaus, bis sich auch dieses Geräusch verlor. So saß er am Esstisch, betrachtete seine Hände und lauschte der Stille. Nach einer Weile hörte er das Ticken der Wanduhr. Er sah auf. Die Zeiger standen auf viertel vor Neun.
Er wartete weitere fünf Minuten, saß unbeweglich auf dem Stuhl und lauschte dem Ticken. Er wartete, bis die erste Stunde seines neuen Lebens vorüber war. Dann zog er aus der Innentasche seines Jacketts einen kleinen Zettel. Sorgsam faltete er ihn auseinander, legte ihn vor sich auf den Tisch und strich zwei Mal mit der Handkante darüber. Auf dem Zettel sah er zehn Kästchen mit je neunundvierzig Zahlen, und in jedem der Kästchen sechs Kreuze. In einigen Kästchen hatte er ein oder zwei Kreuze pedantisch genau in Kreise gefasst.
Ausgenommen das Kästchen mit der Kennziffer 4.
Dort waren alle sechs Kreuze eingekreist.
Johannes Kempen hob den Kopf und schnupperte. Die Wohnung roch nach Bratkartoffeln mit Spiegelei. Und in diesem Moment begann er, Bratkartoffeln mit Spiegelei zu hassen.


Dieser Text stammt auf meiner Sammlung von Übungen, die nie für eine Präsentation in der Öffentlichkeit vorgesehen waren. Das sind nichts weiter als "Fingerübungen" ... cheezygrin

Unsterblichkeit

Das Leben eines Taschentuches gilt in der Welt nicht viel. Manche Taschentücher sterben bei einem kräftigen Nieser; andere halten jedem noch so starken Winde stand und überdauern Jahrzehnte. Ganz wenige jedoch erreichen die Ewigkeit, wenn sie aus einer weltbekannten Hand fallen und auf dem Boden der Geschichte landen.
Dieses Taschentuch, aus feinster Seide, bunt bestickt, mit einem verschnörkelten "C" versehen, fand sich eines Tages in der Rocktasche seines Besitzers wieder, bereit für die Nase, die Schläfe oder den Hals seines Herrn. Das Tuch lauerte nur darauf, von spitzen Fingern hervorgezogen zu werden, um sich einem Schmetterling gleich dem Licht und der Luft hinzugeben. Doch an diesem Tage tastete kein hochherrschaftlicher Fingernagel nach dem Taschentuch, kein kleiner Finger bohrte sich mit lässiger Eleganz in die Rocktasche, um nach einer Falte im Tuch zu suchen, sich darin festzuhaken und es herauszuziehen.
Auch die folgende Nacht verbrachte das Tuch in seinem engen Gefängnis aus samtenem Stoff. Die Stunden vergingen ereignislos, und das Seidentuch glaubte bereits, niemals auch nur einen einzigen Tropfen des sueur royale aufnehmen zu dürfen. Doch dann, als laute Stimmen durch den teuren Stoff des Rockes zum Taschentuch drangen, schien dessen große Stunde zu kommen.
Offenbar hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, denn als der Besitzer des Tuches mit festem Schritt eine hölzerne Treppe emporstieg, brach ein solches Jubelgeschrei los, daß das Tüchlein erzitterte.
Plötzlich brach sich Licht seinen Weg in die Tasche, und ein hochedler Finger, peinlichst manikürt, der Fingernagel sauber und mit einem feinen Halbmond ausgestattet, zupfte nach dem Tuch. Jubelnd stemmte es sich gegen die samtenen Wände und ließ die Fingerspitze über sich, in sich, zwischen sich gleiten. Gleich, jetzt kam der große Augenblick! Endlich ins Licht der Welt!
Doch was war das?
Der edle Herrscher stand auf einem primitiven Holzpodest, umringt von grimmig dreinblickenden Gesellen, die schwarze Kapuzen trugen. Einer von ihnen hielt ein großes, schweres Beil in seinen kräftigen Händen.
Der Herrscher entledigte sich seines Rockes, ohne das Tuch aus der Hand zu legen. Er kniete nieder, bewegte die Lippen stumm im Gebet und legte den Kopf auf einen groben Holzklotz.
Das Tuch in seiner Hand verstand nicht. War das noch der mächtigste Mann des Reiches? War es selbst noch das Schweißtuch des Königs?
Das Beil schwang hoch zum Himmel und sauste mit tödlicher Kraft herab. Die Hand öffnete sich, und das Tuch fiel zu Boden. Ein Tropfen Blut traf das Taschentuch. Es saugte gierig danach.
Die Menge schrie.
Das Tuch lachte.
Unsterblichkeit!


Noch so eine "Fingerübung" ... cheezygrin

November

Die Leute im Dorf hatten mich gewarnt. Es sei gefährlich, durch den Wald zu gehen, jetzt, zu dieser Jahreszeit, bei diesem Wetter. Aber ich hatte nur gelacht, die Leute als Angsthasen bezeichnet, und war, alle Warnungen ignorierend, fröhlich pfeifend davongestiefelt.
Inzwischen war mir das Lachen - und das Pfeifen - längst vergangen.
Irgendwo mußte ich im Wald eine Abzweigung, einen Pfad übersehen haben, oder ich war einfach dem falschen Weg gefolgt. Das wäre mir nie passiert, wenn da nicht plötzlich dieser Nebeldunst aufgestiegen wäre. Obwohl der Tag noch nicht vergangen war, konnte ich kaum mehr als zehn Schritte weit sehen. Und es war kalt geworden, irgendwie unnatürlich kalt. So kalt muß es in einem Grab sein, schoß es mir durch den Kopf. Ich fror, und unwillkürlich zog ich den Mantel enger um den Körper.
Plötzlich schrie ein Kind, hell und hoch. Ich verharrte, lauschte, dann hob ich den Kopf. Nein, kein Kind, flüsterte ich mir zu, ein Vogel, nur ein Vogel, irgendwo da oben in den Bäumen.
Langsam ging ich weiter, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Waldboden war weich und federnd, gab unter meinem Gewicht leicht nach, um - kaum daß der Fuß fort war - die kleine Senke wieder zu schließen. Kein einziger meiner Schritte gab ein Geräusch von sich. Der Nebel schien jeden Klang zu schlucken, noch bevor er an mein Ohr drang.
Ich drehte mich um, blickte den Pfad entlang, der mich tief in diesen Wald geführt hatte. Nebelfetzen trieben über den Weg, fingen sich im tiefen Geäst der Bäume, versperrten mir den Blick. Ich schaute auf den Waldboden. Nichts, nicht die kleinste Spur verriet, daß ich dort vor wenigen Sekunden entlang gegangen war - kein Sohlenabdruck, kein geknickter Zweig, nicht einmal die kurze Schleifspur, die ansonsten immer der Absatz meines Schuhes hinterläßt, war zu sehen. Der Wald hatte alle Spuren getilgt.
Sollte ich umkehren? Zurück ins Dorf? Hohn und Spott ertragen? Nein, sagte eine Stimme in mir, es gibt keine Geister, nur Aberglauben. Und mein Kopf bezwang meine Beine.
Der Nebel wandelte sich in Niesel. Feuchtigkeit stand wie glänzende Perlen auf meinem Mantel und schimmerte im letzten Licht der fahlen Sonne. Der Pfad wurde schmaler und feuchter. Das Gehen machte Mühe, und jedes Anheben der schmutzbespritzten Schuhe wurde von einem leisen Schmatzen begleitet, gerade so, als würde der Wald sich auf eine Mahlzeit freuen.
Der Regen nahm zu und tropfte auf meine Schultern. Ich kämpfte mich weiter, tiefer in den Wald hinein. Unter meinen Füßen quoll schwarzes Sumpfwasser hervor, schwappte hoch bis an die Knöchel und lief mir in die Schuhe. Es fühlte sich kalt und klebrig an. Und es stank. Es roch faulig, nach Schimmel, nach nassem, vergammeltem Holz - und nach Aas.
Der Regen rieselte von den Ästen und Zweigen auf mich herab. Im Unterholz raschelte es. Irgend etwas kroch und sprang da, vor mir, neben mir, überall. Ich fühlte, wie mir die Angst die Hosenbeine hoch kroch und sich in meinen Gedärmen breit machte. Meine Beine versagten den Gehorsam. Ich stand wie versteinert, lauschte den Geräuschen. Der Wind stöhnte hohl und heiser in den Bäumen. Da war noch etwas. Etwas wie ein Wispern.
“Wir kommen dich holen”, flüsterte es. “Wir werden dich jetzt holen.”
Aus dem Unterholz schienen mich plötzlich Dutzende gelber Augen anzustarren, kalt, flackernd und gierig. Dann knackte etwas. Laut und nah.
Ich rannte. Ich lief davon, ohne auf den Weg zu achten. Zweige peitschten mein Gesicht, rissen kleine Wunden in die Haut. Ich rannte durch den sumpfigen Wald. Der Matsch spritzte hoch. Irgendwann verlor ich einen Schuh. Ich achtete nicht darauf. Ich wollte nur weg, raus aus diesem Wald, in dem es um mich herum stöhnte, quakte, knackte. Und wie ich so davonrannte, verfolgte mich ein irres Gelächter.
Ich lief davon, ohne zu sehen wohin. Der Regen traf mich mit schweren Tropfen. Mein Atem ging keuchend, und mein Herz schlug schmerzhaft hoch im Hals. Erst als ich in der Ferne das Licht des mir wohlbekannten Dorfes erblickte, hatte meine Flucht ein Ziel. Mit schnellen, trommelnden Schritten lief ich darauf zu.
Am nächsten Tag, es war wieder später Nachmittag, saß ich in der Dorfschänke, den Rücken an den wohlig warmen Kachelofen gedrückt, und trank in kleinen Schlucken einen vorzüglichen Branntwein. Der scharfe Alkohol wärmte mich von innen und vertrieb langsam die Grabeskälte, die noch immer tief in mir saß. Ich blickte durch das Fenster hinaus zum Wald, der sich dunkel und nebelverhangen am Horizont erstreckte. Auf der Straße unterhielt sich ein junger Wandersmann, der wohl fremd in der Gegend war, mit einem der Dorfbewohner. Der Bursche lachte, packte sein Bündel und seinen Stecken und marschierte mit festem Schritt den Weg hinunter auf den Wald zu. Ich sah zum Himmel hinauf. Es lag wieder Regen in der Luft.


Reicht das oder brauchst du noch mehr?

Jedenfalls bin ich jetzt ziemlich gespannt, was da kommt! cheezygrin
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Monika K.
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Re:

von Monika K. (24.04.2014, 06:57)
Sehr gute Einstellung! thumbbup

Aber ich wollte nicht, dass du diesen Thread auch noch mit Fremdthemen kaperst. Suche dir bitte einen der Texte, von deren Qualität du überzeugt bist, aus und poste ihn, wie es sich gehört, entweder in einem neuen Thread hier im Lektorat oder unter der Rubrik "Textvorstellung Prosa".

Ich verstehe nicht, warum ich mich mit Texten beschäftigen soll, von deren Qualität du selbst nicht überzeugt bist, denn da kennst du ja bereits die Schwachstellen. Aber wenn es dir wichtig ist, können wir in den nächsten Wochen gerne alle hier aufgeführten Texte besprechen. Mir ist das heute ein bisschen viel auf einmal, deshalb überlasse ich es dir, in welcher Reihenfolge du die Threads startest. Aber ich werde mich auf jeden Fall zu jeder einzelnen Textvorstellung äußern - nur nicht hier in diesem Thread, den ich gerne verlassen möchte. Ich halte nichts davon, alle Texte in einen Thread zu packen, weil es ein Durcheinander geben könnte, und man am Ende nicht mehr weiß, welcher Kommentar sich auf welchen Text bezieht. Andere Mitglieder wollen sich vielleicht ebenfalls beteiligen.

Ich habe übrigens eine recht lange Stellungnahme zu deinem Werk "Vernissage" in meiner Schublade. Und eine kürzere zum Werk "Absturz". Wenn du für die Geschichten zwei Textvorstellungen machst, kopiere ich sie rein, und du hast heute noch eine ausführliche Antwort. Ich habe sie damals zwar geschrieben, aber brav deinem Wunsch entsprechend nicht gepostet. Aber wir wollen sie doch nicht umkommen lassen, oder?

Gruß,
Monika

P.S.: Ein Punkt ist mir beim kurzen Anlesen der Texte aufgefallen: "Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger, der unmittelbar vor dem Sprung auf sein wehrloses Opfer stand." Warum grollt ein Tiger, wenn er ein Opfer anspringen will? Dann ist die Beute doch gewarnt und haut ab? Aber lass uns das dann in der Textvorstellung besprechen. Ich erwähne es dort einfach noch einmal.
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

(Übersetzung: Besser ein weiser Narr, als ein närrischer Weiser.)

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