Mit allen Sinnen - Aufsatz zur Lyrik aus dem Jahr 2005

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Anneliese
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Mit allen Sinnen - Aufsatz zur Lyrik aus dem Jahr 2005

von Anneliese (14.05.2007, 12:39)
Nein, ihr habt euch nicht verguckt! Lyrik ist nicht nur ein intellektuelles Erlebnis. Wörter können sich ganz unterschiedlich anfühlen, merkwürdig schmecken ... oder eine Flut von Bildern provozieren. Wer sich ganz und gar darauf einlässt, begegnet einer nicht zu unterschätzenden suggestiven Macht. Irgendwann schwingt die eigene Seele im Gleichklang mit der des Dichters ... und man wird für kurze Zeit ein anderer. Ihr zweifelt noch? Lest einfach weiter!


Helle und dunkle Worte

Der Klang eines Wortes wird hauptsächlich von seinen Vokalen bestimmt. E und I klingen hell, O und U dunkel, das A wirkt wie eine Fanfare ... Umlaute oder Lautkombinationen sind Welten aus Bergen und Tälern für sich und auch die Länge oder Kürze der Silben wirkt sich auf die Melodie einer Zeile aus. Man muss es selbst ausprobieren ... oder gute Gedichte darauf hin untersuchen. Mit dem reinen Klang der Worte lassen sich ganz unterschiedliche Stimmungen erzeugen: Hektik durch aufeinander folgende kurze Laute, Angst oder Widerwillen durch helle Vokale, Kraft und Zuversicht durch dunkle Töne.
Die suggestive Wirkung von Lyrik beruht zum großen Teil darauf, dass wir unterbewusst die Sprachmelodie aufnehmen und uns von ihr auf den Inhalt des Gedichts einstimmen lassen. Das ist übrigens ein Grund dafür, weshalb man Übersetzungen generell misstrauen sollte ... und weshalb in Gedichtbänden so oft Original und Übersetzung auf gegenüberliegenden Seiten stehen. Auch, wenn man die Sprache des Dichters nicht beherrscht ... den authentischen Klang kann man nur so studieren. Übersetzte Lyrik wirkt oft kälter und banaler als deutsche Gedichte. Das liegt daran, dass sie nicht auf allen Ebenen zu uns spricht. Selbst wenn der Übersetzer ein begabter Dichter ist ... er kann im besten Fall ein eigenes Kunstwerk schaffen ... was zwar verdienstvoll ist, uns aber kein bisschen weiter bringt. Jede Sprache hat ihre eigene Melodie und der unglaubliche Wohlklang eines spanischen oder französischen Gedichts lässt sich einfach nicht ins Deutsche übertragen. Obwohl ich meine Muttersprache sehr liebe, gibt es Völker, die ich heftig beneide ...
Der Dadaismus hat Sprache weitgehend auf ihren Klang reduziert. Man mag diese Gedichte für Unfug halten ... aber wenn man sie laut liest, können sie tatsächlich Gefühle erzeugen. Letztendlich kann man alle Lyrik irgendwo auf einer Skala einordnen, an deren einem Ende Brecht und seine Erben stehen und am anderen die Dadaisten ... inhaltliche Schärfe auf der einen Seite und sinnliches Schwelgen in reinen Klängen auf der anderen. Als jemand, der Extreme für unlogisch hält, empfehle ich, beide Aspekte zu berücksichtigen.


Lass sie tanzen!

Anders als bei der Prosa ist der Rhythmus eines Gedichts ein unverzichtbares Stilelement. Er wirkt ebenso, wie der Sprachklang, auf das Unterbewusstsein des Lesers und verstärkt im besten Fall ganz enorm die Wirkung der Worte. Wenn man an Spitzwegs Bild vom armen Poeten denkt ... wie er frierend im Bett liegt und mit den Fingern die Silben zählt ... früher wurde das verdammt ernst genommen! Man dichtete viel mehr als heute in festgelegten metrischen Mustern. Ihr erinnert euch wahrscheinlich mit leisem Schaudern an den Schulunterricht, wo Hexameter und Co mit Biereifer auseinander genommen wurden.
Moderne freie Formen erfordern kein sorgfältiges Abzählen der betonten und unbetonten Silben. Die Zeilen können unterschiedlich lang sein. Wechsel und Brüche sind erlaubt, wenn sie mit dem Inhalt korrespondieren.
In Jubiläumszeitungen findet man häufig gut gemeinte Gedichte, bei denen sich der Rezitator auf der Feier die Zunge verknotet. Er kann nicht umhin, hastig einige Silben zu nuscheln oder ganz zu verschlucken, weil der eifrige Hobbyautor eigentlich klein gehackte Prosa mit Reimen am Ende geschrieben hat. Gönnen wir den Gelegenheitspoeten ihren bescheidenen Ruhm! Aber wer immer die Sache ein bisschen ernsthafter betreiben möchte, kommt nicht umhin, mit dem Stilelement Rhythmus bewusst zu arbeiten!
Manch einer wird sagen: „Mein Gedicht ist doch gar nicht so ernst gemeint! Ich mache doch nur Humor, da kommt es nicht so drauf an.“
Ein fataler Irrtum! Wie bei anderen Genres auch (Film, Fernsehserie, Roman ...), ist erfolgreiche humoristische Lyrik auf ihre Weise handwerklich perfekt. Skurrile Endreime sorgen für zusätzlichen Witz. Die Verse von Wilhelm Busch, Ringelnatz oder Tucholsky sind in Reim und Rhythmus nicht weniger ausgefeilt als die ihrer ernsthafteren Kollegen. Und was Christian Morgenstern angeht: Seine Galgenlieder sind sprachliche Meisterwerke, vor denen ich mich nur demütig verneigen kann. Generationen hatten sich schon ihren Spaß damit ... und ich bin sicher, dass das – vorausgesetzt, die Menschheit überlebt so lange – noch ein paar hundert Jahre weitergehen wird.
Aber wie erzielt man nun die größtmögliche Wirkung? Ganz einfach: Die Worte müssen tanzen lernen: mit langsamen und verhaltenen Bewegungen bei einer Elegie ... mit kurzen schnellen Sprüngen, um Freude oder Ungeduld auszudrücken ... mit dem kraftvollen Stampfen und den schnellen Säbelhieben eines Kriegers. Pathetische Hymnen, das ekstatische Flüstern von Liebenden und der Donner von Kanonen brauchen ganz unterschiedliche Rhythmen. Sprache ist wie Musik ...
Natürlich gibt es Grauzonen: Wer genau hinsieht, wird merken, dass manche Prosaautoren sich einige Kniffe der Dichter abgeschaut haben und in Dialogen und Autorensprache ganz bewusst rhythmische Elemente einsetzen. Sie tun das zumeist verstohlen und nur bei wichtigen Schlüsselszenen. Niemand mag heute noch einen richtig dicken Wälzer komplett in gebundener Sprache verfassen oder lesen ... und außerdem ist die Wirkung größer, wenn dieses Mittel sparsam wie ein Glanzlicht in einem Gemälde eingesetzt wird.
Eine interessante Zwitterform ist das Prosagedicht. Diese kurzen Momentaufnahmen sind niemals gereimt ... aber in manchen findet man mehr oder weniger große rhythmisch durchgestylte Bereiche. Ein interessantes Genre, mit dem sich gut experimentieren lässt!


Poetische Bilder

Poetische Bilder sind keine Erfindung der Neuzeit ... aber sie haben nach und nach an Bedeutung gewonnen. Daran sind vermutlich vor allem die Surrealisten mit ihrem Hang zur Vermischung von Traum und Wirklichkeit schuld. Es ist eine Rückbesinnung auf die Ursprache der Menschheit und wenn es dem Dichter gelingt, Bilder zu finden, die gleichzeitig originell und allgemein verständlich sind, hat er einen direkten Weg in die Seele seines Lesers gefunden. Das lässt sich heute kaum noch jemand entgehen.
Es ist wichtig, dass poetische Bilder in sich stimmig sind ... das heißt, dass der Autor so lange konsequent bis in die letzte Einzelheit darin bleibt, bis er fertig ist und sich dem nächsten poetischen Bild zuwenden kann. Wenn man das nicht macht, wird der Leser mit einem Wust von Metaphern überfordert ... und das ist nur in seltenen Fällen hilfreich. Wahrscheinlich kann man damit nur multiple Katastrophen, Hilflosigkeit und Überforderung ausdrücken ... heillose Verwirrung und den nackten Wahnsinn.
Poetische Bilder können sich dem Autor zuweilen ungestüm aufdrängen aber es empfiehlt sich dennoch, sie noch einmal ganz kühl zu überdenken. Auch wenn diese Visionen noch so gewaltig und deutlich sind ... falls es private Symbole sind, funktionieren sie bei Fremden nicht und Fußnoten sind das Ende jeder Poesie!
Und es gibt noch eine weitere Falle, in die der begeisterte Lyriker ganz leicht tappen kann: die Verwendung von Klischees. Poetische Bilder nutzen sich nämlich beim häufigen Gebrauch ab, wandern irgendwann in die Mottenkiste zu verknautschten Kitschromane und staubigen Poesiealben ... werden so auf eine Weise zum Allgemeingut, dass ihre bloße Verwendung suggeriert, dass man eine völlig irrelevante Banalität vor sich hat. Also Vorsicht mit dem stolzen Aar oben im Blau und dem funkelnden Tautropfen auf der Rose. Die Bilder mögen zwar stimmen, aber wenn sie nicht wenigstens durch einen Funken Ironie abgemildert werden ... keiner nimmt so etwas mehr wirklich ernst.


Und die poetische Idee?

Dabei handelt es sich um einen Grundgedanken, eine alles bestimmende Situation oder ein zentrales poetisches Bild. Eine gute poetische Idee ist die halbe Miete ... und wenn es dem Dichter auch noch gelingt, sie konsequent und handwerklich perfekt auszuarbeiten, kann er mit Recht auf einen großen Wurf stolz sein. Ein typisches Beispiel für eine perfekt umgesetzte poetische Idee ist Goethes „Heideröslein“. Jeder versteht, dass damit ein Mädchen gemeint ist und dass ein junger Mann sich – hin und her gerissen zwischen Begierde und Verantwortungsbewusstsein – für die damals „ehrbare“ Lösung entscheidet. Durch die Metapher wird das Problem auf geschickte Weise hervorgehoben und verallgemeinert. Allerdings ist es nicht zu empfehlen, diesem Röslein heute weitere Gewächse zur Seite zu stellen. Die Idee ist inzwischen so ausgelutscht, dass sie nur noch historischen Wert hat. Deshalb ein moderneres Beispiel von Brecht:

Was an dir Berg war
haben sie geschleift
und dein Tal
schüttete man zu
über dich führt
ein bequemer Weg.


Oder ein anderes, pathetischeres von Tassos Livaditis:

Über den blutigen Hemden der Toten
hockten wir des Abends
und malten darauf Szenen vom künftigen Glück der Welt.
So wurden unsere Fahnen geboren.


Kurze Gedichte wie diese sind fast immer auf einer einzigen poetischen Idee aufgebaut ... längere können mehrere davon enthalten, die auf die verschiedenste Art und Weise miteinander korrespondieren. Sowohl starke Kontraste als auch subtile Abstufungen innerhalb einer Stimmung oder Aussage sind möglich.
Eine gute poetische Idee ist eine große Kostbarkeit, die auch ein routinierter Dichter nicht alle Tage findet. Um so verwerflicher ist es, wenn ein anderer sie dreist benutzt. Das Heideröslein beruht auf einem alten deutschen Volkslied, das der große Goethe nur geringfügig überarbeitet hat. Manchmal frage ich mich, wieso er das nötig hatte ...


Und nun alle zusammen!

Wenn Grundidee, poetische Bilder, Sprachklang und Rhythmus in die gleiche Richtung wirken, kann das Ergebnis überwältigend sein. Wie ein gut geschliffener Kristall von innen heraus zu leuchten scheint, bringt das geschliffene Wort Klarheit in die Gedanken und Gefühle des Lesers oder Zuhörers.
Es liegt an dem aus Naturwissenschaften und Wirtschaft bekannten Synergieeffekt, dass das Ganze soviel mächtiger als seine Bestandteile ist. Andererseits kann ein einziger Missklang den Zauber abrupt zerstören ... eine wenig tragfähige poetische Idee, ein holperiger Rhythmus oder ein einzelnes falsches oder ungenaues Bild.
Letztendlich ist es egal, ob der Dichter seinem Sprachgefühl folgt oder sein Werk mit handwerklichem Sachverstand auf etwaige Lunker abklopft. Wichtig ist das Ergebnis ... und die Erkenntnis, dass man in der Lyrik nichts aus dem Ärmel schütteln kann.
Die meisten Dichter müssen lange klopfen, bis sie irgendwann das richtige Gespür entwickelt haben ... wie der geübte Autofahrer, der schon am Motorengeräusch und den Schwingungen der Karosserie merkt, ob mit seiner Kiste alles in Ordnung ist. Bis es soweit ist, heißt es halt fahren, fahren, fahren ... und aufpassen ...


Fazit

Nur durch das perfekte Zusammenspiel verschiedener Stilmittel kann eine große Wirkung auf Leser oder Zuhörer erzielt werden. Dabei muss man stets berücksichtigen, dass alle Kunst zeitgebunden ist. Selbst die besten Rezepte von gestern sind heute nur noch bedingt brauchbar. Manches wirkt leider nur noch lächerlich oder kitschig.

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wgbajohr
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Registriert: 08.04.2007, 02:50

Re:

von wgbajohr (15.05.2007, 02:01)
Liebe Anneliese!
Obwohl ich mich vor einigen Jahren etwas intensiver mit Lyrik auseinandergesetzt habe, ist etliches in Deinem Beitrag völlig neu für mich, zum Beispiel das bewusste Einsetzen von ausgesuchten Vokalen.
Ich habe gerade einen zauberhaften Gedichtsband vor mir und werde einmal versuchen, was ich dort vom Lyrik-Handwerk entdecken kann.
Liebe Grüße
wgbajohr
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