Monique und das Frauengefängnis

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Arno Abendschön
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Monique und das Frauengefängnis

von Arno Abendschön (08.03.2021, 10:32)
Monique streifte durch die Wälder, über die Heiden. Entspannung, das war es, was sie suchte, nach all der Plackerei mit dem Schreiben. Wenn die Leute wüssten, wie schwer das ist: Autorin zu sein. Und noch saurer wird es einem, für den Absatz der leider nur zu verderblichen Ware zu sorgen. Allzu groß ist die Konkurrenz - Überproduktion, wohin der Blick fällt. Da heißt es ständig auf dem Sprung sein, antichambrieren, Fremden schöntun, sich mit raschem Lob vordrängen. Kaufen und lesen sie oder kaufen sie nicht, nämlich dein Buch: die allein entscheidende Frage.
Ach, wo sind sie geblieben, die Wälder, die Heiden? Stattdessen: eine Fußgängerbrücke über die Autobahn. Eigenheime, meilenweit, jedes anders und doch alle gleich. Das Plakat einer Baufirma: Kommen auch Sie nach Goldau, ins Dorf Ihrer Träume. Daneben zwei Discounter, ein Möbelmarkt. Monique schlüpfte durch die Pappelreihe dahinter und fand sich auf einmal in einer ganz anderen Welt …
Die Bauschutthügel waren nett begrünt: Goldrute und Ambrosia wucherten um die Wette. Ein Pfad schlängelte sich hindurch und auf ein Gebäude zu. (Monique, denk an die Zecken!) Sie blieb stehen und musterte das seltsame Haus – nun, ein Haus war es wohl nicht, eher eine Baracke, die zugleich von fern an ein Schloss gemahnte. Hm, gemahnte? Das war sonst nicht ihr Vokabular, doch von dem Bauwerk ging eine betörende Wirkung auf sie aus. Zwar schwankten einige Bretter der Vorderfront leicht im Sommerwind – aber farbig war es, so bunt, und es gab Spitzgiebel und Erker und Türmchen, poetisch anzusehen. Wer da wohl wohnte?

Gudrun sah ihm über die Schulter und überlas das zuletzt Geschriebene. Dann stellte sie etwas schnippisch fest: „Viel weiter bist du immer noch nicht gekommen. Hapert es auch diesmal mit dem Plot, Egon?“
„Ja, in der Tat. Es soll eine satirische Abrechnung mit der lieben Kollegin werden, aber ich sehe allmählich ein: Sie selbst stellt schon alles in den Schatten, was man, sie persiflierend, mit ihr veranstalten könnte. Hast du keine gute Idee?“
„Warte mal … Erst das Haus: vielleicht ein geschickt getarntes Frauengefängnis? Ein Privatgefängnis, betrieben von dem sadistischen Rezensenten einer Wochenzeitung? Er hat sie dahin gelockt, um sie mit einer Lesung aus seinen eigenen Werken zu foltern!“
„Nicht schlecht, Gudrun. Ich schmücke das alles noch aus mit diversen Accessoires schlechten Geschmacks. Es ist also schwüles Wetter, der Himmel verfinstert sich, Schmerzensschreie, die einem das Blut gefrieren lassen …“

An dieser Stelle unterbrach Werner seine Lesung und fuhr in freier Rede fort: „Weiter bin ich nicht gekommen, es ist noch Fragment. Kann mir einer aus dem Auditorium helfen?“
Da meldete sich eine Lange, Dünne schwer bestimmbaren Alters. „Erst mal will ich mich vorstellen, ich bin Monique, das heißt unter dem Namen publiziere ich. Gleichzeitig bin ich auch diese Gudrun, heiße nur in Wahrheit anders … Und Egon und Werner, das ist auch derselbe Kerl und er ist wirklich Redakteur.“ Sie musste sich unterbrechen, denn das erstaunte Gemurmel um sie herum wurde lautes Gelächter. Als es sich beruhigt hatte, fuhr sie fort:
„Der, der sich mal Werner, mal Egon nennt, ist in einer chronischen Schaffenskrise und rächt sich dafür mit Texten wie eben an mir. Er selbst macht schon seit Jahrzehnten in Kurzgeschichten. Es ist bei ihm im Grunde immer dieselbe Chose. Da trifft einer nach zwanzig oder dreißig Jahren zufällig seine große Jugendliebe. Beide kommen ursprünglich aus Oer-Erkenschwick. Er ist Pilot oder Börsenguru oder Stararchitekt geworden und sie wahlweise Opernsängerin, Statistikprofessorin oder Spitzenköchin. Jetzt lebt er in Singapur oder Davos oder auf Spitzbergen und sie in Sevilla oder Toronto oder auf Sansibar. Und rein zufällig treffen sie an einem einsamen Fjord auf der Südinsel von Neuseeland erstmals nach so langer Zeit wieder aufeinander. Nun ab in die noch einsamere Hütte und alles ist wieder so wie damals. Aber, große Überraschung: Entweder gibt es gleich ein Erdbeben oder einen Vulkanausbruch oder es steht ein nackter Psychopath mit Samuraischwert auf der mondbeschienenen Lichtung …“
„Aufhören, aufhören, das ist unerträglich. Seit achtzig Jahren immer die gleiche gequirlte Scheiße in der Literatur!“ Der das schrie, war ein altes Männchen mit verschleimter Stimme.
Egon-Werner übertönte ihn mühelos: „Genau das, verehrtes Auditorium, das ist es: die Krise der Kurzgeschichte. Und kein Ausweg in Sicht, auch der satirische nur eine Sackgasse. Liebes Publikum, das war es nun mit der Lesung, die auch eine Performance war. Unsere literarische Matinee ist zu Ende. Bitte verlassen sie zügig den Raum, wir haben ihn nur bis zwölf Uhr gemietet. Er ist schon für einen Kindergeburtstag dekoriert.“
Einer sagte im Hinausgehen zu einem anderen: „Wenigstens hat das Plakat da nicht zu viel versprochen: Noch kein Ende abzusehen – Lesung aus einem unvollendeten Werk mit anschließender Diskussion
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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