Musiktexte / Zitatrecht?

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Siegfried
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Siegfried (20.07.2017, 19:14)
Monika K. hat geschrieben:
Siegfrieds Frage ist deshalb noch einmal eine Kiste für sich, weil es sich um einen normalen Satz aus einem Buch handelt, der aus dem Zusammenhang gerissen wird, und keine Zeile aus einem Songtext.


Huch! :shock::

Mir ist zunehmend weniger klar, wann ein Zitat ein Zitat ist.
Okay, der vollständige Text eines Liedes würde auf jeden Fall Ärger geben.
Eine einzelne Strophe vielleicht auch.
Aber eine einzelne Liedzeile?
Ich melde da mal Zweifel an. angle:

Ich verstehe auch nicht (mehr), was es mit der Schöpfungshöhe auf sich hat. Ich kenne den Begriff, aber ich kann ihn nicht umsetzen. Eine Zeile wie "Heute ist ein guter Tag zum Sterben" kommt exakt so im Film "Little Big Man" vor. Fast identisch gibt es den Satz bei der Rock-Gruppe JBO: "Heut' ist ein guter Tag zum Sterben".

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-5LmzIeUuT8

Überschreibe ich jetzt ein Buchkapitel mit diesem Satz - egal ob aus Film oder aus dem Lied -, ist das ein Zitat oder nicht? Liegt der Satz über oder unter der notwendigen Schöpfungshöhe? Keine Ahnung!

Ist eine einzelne Zeile aus einem Liedtext nur dann ein Zitat - und u. U. verboten -, wenn diese Zeile auch im Buch als Liedtext benutzt wird? Was ist, wenn eine Zeile Liedtext irgendwo im Fließtext erscheint?

Ich klettere über den Maschendrahtzaun, der den Schrottplatz eingrenzt. Auf der anderen Seite bleibe ich hocken und lausche. Nichts. Offenbar ist die Warnung vor dem bösartigen Wachhund nur Geschwätz. Ich sehe mich um.
Überall stapeln sich Autowracks. Ein Kran ragt wie ein toter Finger in die Höhe. Im Mondlicht hebt sich das Bürogebäude gegen den Nachthimmel ab. Der Vorplatz besteht aus unbesfestigtem Schotter. Ganz offensichtlich hat der Abschleppwagen Furchen und Senken hinterlassen, in denen sich Wasser gesammelt hat. Etwas schillert. Erst nach Sekunden wird mir klar, was das ist. In den Pfützen schwimmt Benzin. Alles bleibt ruhig. Ich laufe los, so leise wie irgendmöglich.


In dieser kleinen Beschreibung findet sich eine Liedzeile: "In den Pfützen schwimmt Benzin". Stammt aus dem Lied "Über den Wolken" von Reinhard Mey. Die Liedzeile ist in einen Fließtext eingebaut - und zwar nicht im Sinne eines Liedes. Ich tendiere dazu: Kein Zitat, also auch keine Probleme.

Würde es aber heißen

Ganz offensichtlich hat der Abschleppwagen Furchen und Senken hinterlassen, in denen sich Wasser gesammelt hat. Etwas schillert. Augenblicklich schießt mir ein Lied aus meinen Kindertagen durch den Schädel. Irgendetwas mit: In den Pfützen schwimmt Benzin. Wie heißt der Song noch genau? Keine Ahnung. Ist aber auch egal, ich muss mich konzentrieren.


dann wäre es plötzlich ein Zitat? Dann ist es verboten? Richtig?

Es geht weder um die Länge des Textes, der zitiert wird (beide Texte bestehen aus exakt 5 Wörtern), noch um eine Schöpfungshöhe. Die Art und Weise, wie der Text benutzt wird, scheint eine maßgebliche Rolle zu spielen. Ziehe ich diese Liedtextzeile aus dem Fließtext heraus und benutze sie als Kapitelüberschrift, wird es ganz gefährlich. Da ist die Klage dann sicher.

Ist doch recht eigenartig, oder?
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Eris Ado
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Eris Ado (20.07.2017, 20:07)
Siegfried hat geschrieben:

Ich verstehe auch nicht (mehr), was es mit der Schöpfungshöhe auf sich hat. Ich kenne den Begriff, aber ich kann ihn nicht umsetzen. Eine Zeile wie "Heute ist ein guter Tag zum Sterben" kommt exakt so im Film "Little Big Man" vor. Fast identisch gibt es den Satz bei der Rock-Gruppe JBO: "Heut' ist ein guter Tag zum Sterben".

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-5LmzIeUuT8

Überschreibe ich jetzt ein Buchkapitel mit diesem Satz - egal ob aus Film oder aus dem Lied -, ist das ein Zitat oder nicht? Liegt der Satz über oder unter der notwendigen Schöpfungshöhe? Keine Ahnung!



Diesen Satz sollte man problemlos verwenden können.
Das ist ein Zitat von Low Dog und der ist schon länger alos 100 Jahre tot.
https://en.wikipedia.org/wiki/Low_Dog

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Monika K.
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (20.07.2017, 20:35)
Genau das ist ja das Problem mit der Schöpfungshöhe: Keiner kann genau voraussagen, wie ein Richter im Einzelfall entscheiden würde. Wenn es klar wäre, würden keine Fälle vor Gericht landen. Die Anwälte wissen es also im Vorfeld auch nicht sicher. Man kann es also ruhig darauf ankommen lassen, wenn man mutig ist. Das sprach holz ja weiter oben schon an.

Aber so ganz klar ist mir dein Problem nicht, Siegfried: Wenn ein Satz tatsächlich aus deiner Feder stammt und du dir nichts dabei denkst, kann er eigentlich gar kein Zitat sein. Du führst lauter Beispiele auf, bei denen du eine Quelle nennst. Also ist dir ja doch beim Schreiben bewusst, dass du einen fremden Satz verwendest. Wozu soll das gut sein, wenn kein Effekt damit erzielt werden soll? Dann formuliere es doch einfach anders und zwar so, wie du es spontan ausdrücken würdest. Dann musst du dir gar keinen Kopf wegen dieser Sache machen. Ich kann nur wiederholen, was ich oben schon schrieb: In diesem Thread geht es um das bewusste Zitieren von Songtexten, die der Protagonist hört. Aus dem Kontext soll also klar ersichtlich sein, dass es sich eindeutig um Lieder handelt. Kein Zufall, kein nichtssagender Allerweltssatzfetzen mitten im Text. Zu deiner Frage, was passiert, wenn eine einzelne, banale Liedzeile zufällig in einem Text auftaucht, schrieb ich oben bereits etwas. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ansonsten kann ich dir nur empfehlen, dich mit deinen Detailfragen an einen Anwalt zu wenden, der sich mit Urheberrecht auskennt, denn wir Autoren können dir keine verbindlichen Rechtsauskünfte geben.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Siegfried
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Siegfried (20.07.2017, 23:29)
Eris Ado hat geschrieben:
Diesen Satz sollte man problemlos verwenden können.
Das ist ein Zitat von Low Dog und der ist schon länger alos 100 Jahre tot.


Es geht doch nicht um diesen einen speziellen Satz. Der Satz ist pars pro toto. Es geht um jeden Satz, der aus einem Buch, einem Film, einem Lied kommt. Die Zeile "Heute ist ein guter Tag zum Sterben" ist frei austauschbar. Er passt nur exemplarisch, weil er sowohl als Filmzitat wie auch als Liedtext existiert.


Monika K. hat geschrieben:
[...] denn wir Autoren können dir keine verbindlichen Rechtsauskünfte geben.


Wenn das die Quintessenz ist, frage ich mich, warum wir das Thema überhaupt diskutieren.

Allgemeinaussagen wie Warnungen oder Befürchtungen oder andere Angst machende Aussagen (dazu mit viel Konjunktiv) helfen (mMn) kein Stück weiter.

Ein Verlagsautor hat mir z. B. von der Rechtsabteilung des Verlages die Info zukommen lassen, dass in belletristischen Werken Zitate keineswegs besonders optisch hervorgehoben werden müssen. Das sei bei wissenschaftlichen Arbeiten sowie bei Sach- und Fachbüchern üblich. - Was wieder eine gänzlich andere Meinung ist, als sie hier vertreten wird.

Damit pendel ich ganz persönlich im Dreieck, was Einzeiler angeht:
- generell verboten nach UrhG und vom Autor strikt zu vermeiden (weil viel, viel Strafe droht)
- erlaubt, wenn hervorgehoben und Quelle angegeben ist
- Einzeiler generell gestattet, solange sie Bestandteil eines neuen künstlerischen Werkes sind (also nicht in Überschrift oder als Beiwerk)

Nochmal: Wenn nur Juristen in der Lage sind, zu diesem Thema Informationen und Ratschläge zu liefern, warum diskutieren wir das Thema dann?


Ergänzend:
http://www.literaturcafe.de/expertentip ... ntlichung/
und
http://www.literaturcafe.de/rainer-dres ... gabe-2016/
jeweils als Podcast - bitte bis etwa zur Mitte nach unten scrollen
Hier spricht der Justiziar von der Random House Verlagsgruppe u. a. zum Thema Zitieren
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mtg
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von mtg (21.07.2017, 09:13)
Siegfried hat geschrieben:
… warum diskutieren wir das Thema dann?


Warum wir das diskutieren? Weil sich der Inhalt vom Thread immer weiter vom ursprünglichen Thema entfernt hat, denn plötzlich werden allerlei Artikel und Berichte in die Diskussion eingeführt, die es den Threadteilnehmern erlauben, immer mehr aneinander vorbei zu reden.

Es ging – ich hab mich gerade noch einmal dessen versichert – überhaupt nicht um das Zitieren als solches, sondern um den Einsatz eines Liedtextes als Liedtext in einem Buch. Und die Ursprungsfrage ist: Darf man das – und unter welchen Voraussetzungen?

Betrachten wir den Liedtext (und ich spreche nicht von einzelnen Worten, sondern ausschließlich von erkennbaren Strophen oder gar dem gesamten Text) als gesamtheitliches Kunstwerk, wie z. B. das selbst geschossene Foto eines Bildes von Gerhard Richter. Darf ich das in meinem Buch verwenden … ohne Genehmigung? Da ist die Antwort klar. Nein, ich darf nicht. Das gilt auch bei einem kompletten Liedtext, auch wenn er aus Teilen der täglichen Sprache (Buchstaben, Worte, Sätze) besteht. Die Schöpfungshöhe besteht hier aus dem Bogen zwischen Werkbeginn und Werkende.

Ergo:
a) Ein ganzer Text darf ohne Genehmigung keine Verwendung finden, solange noch jemand die Rechte hält.
b) Bei einer Strophe würde ich mich grundsätzlich an die (engen) Vorgaben des Zitatrechts halten.
c) Ein einzelner Satz ist kein Zitat, solange er keine Kunstworte, Satzbauweisen oder dergl. enthält, die einen Rückschluss auf die Herkuft zulassen.

Ich denke, darauf kann man sich auch ohne Rechtsanwalt einigen. Vielleicht bringt das die Diskussion ja wieder auf das Ausgangsthema zurück? Zumindest sollte jetzt jedem klar sein, dass die Empfehlung lautet, im Zweifelsfalle (bei Punkt. a.) einen Juristen zu Rate zu ziehen. Denn gerade das Urheberrecht enthält viele Fallstricke …

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Monika K.
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Re: Musiktexte / Zitatrecht?

von Monika K. (21.07.2017, 10:59)
mtg hat geschrieben:
Ergo:
a) Ein ganzer Text darf ohne Genehmigung keine Verwendung finden, solange noch jemand die Rechte hält.
b) Bei einer Strophe würde ich mich grundsätzlich an die (engen) Vorgaben des Zitatrechts halten.
c) Ein einzelner Satz ist kein Zitat, solange er keine Kunstworte, Satzbauweisen oder dergl. enthält, die einen Rückschluss auf die Herkuft zulassen.

Ich denke, darauf kann man sich auch ohne Rechtsanwalt einigen. Vielleicht bringt das die Diskussion ja wieder auf das Ausgangsthema zurück? Zumindest sollte jetzt jedem klar sein, dass die Empfehlung lautet, im Zweifelsfalle (bei Punkt. a.) einen Juristen zu Rate zu ziehen. Denn gerade das Urheberrecht enthält viele Fallstricke …

Ja, so schätze ich das auch ein. thumbbup
Bei c) würde ich der Vollständigkeit halber noch ergänzen "und die Herkunft nicht im Kontext deutlich gemacht wird", indem der Satz z.B. gesungen wird oder als Musik aus dem Radio schallt.

Viele Grüße
Monika

Siegfried hat geschrieben:
dass in belletristischen Werken Zitate keineswegs besonders optisch hervorgehoben werden müssen. Das sei bei wissenschaftlichen Arbeiten sowie bei Sach- und Fachbüchern üblich. - Was wieder eine gänzlich andere Meinung ist, als sie hier vertreten wird.

Wie man in Belletristikwerken Quellen dezent im Anhang angeben und auch dort die zitierten Stellen benennen kann, habe ich schon weiter oben erklärt. Jedem ist freigestellt, hier immer wieder dieselben Fragen zu stellen. Man kann aber nicht erwarten, dass ich brav meine Antworten immer und immer wieder wiederhole. Die Erfahrung hat gezeigt: Wer es einmal nicht liest, liest es auch beim zweiten Mal nicht.

Ich steige aus der Diskussion aus und lese nur noch mit. Sollte Zappelfry eine Frage zu meinen Beiträgen haben, werde ich selbstverständlich antworten, sobald ich Zeit habe.
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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