Perspektiv-Wirrwarr

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MrThomson
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Perspektiv-Wirrwarr

von MrThomson (05.12.2018, 02:37)
Guten Abend,
ich sitze nun seit ein paar Wochen an meinen ersten längeren Geschichten und mir fällt es immer schwerer mit Erzählperspektiven umzugehen.
Ich bin mir bewusst, das "Head Hopping" - also das Springen der Perspektive vor allem im personalen Erzählen verpöhnt ist bzw. gut gemacht sein muss, aber ich bin leider schlichtweg nicht in der Lage einen auktorialen von einem personalen Erzähler zu unterscheiden. Meiner Meinung nach ist doch jeder auktoriale Erzähler irgendwie auch ein personaler Erzähler und oft auch umgekehrt, WENN er nicht völlig utopische Dinge erzählt, die er nicht wissen kann. Aber der Leser weiß ja selten, was die Person, aus der ich schreibe eigentlich weiß. Also kann ich auch die Lebenswege anderer Figuren beschreiben, weil der personale Erzähle sie vielleicht einfach kennt?!

Beispiele:
Hannes passierte Johanne auf der Straße. Sie drehte sich zwei Mal um, doch dann war sie sich sicher. "Hannes rief" sie und ihre Erregung wurde größer. Sie dachte an den Abend zurück, der so unerwartet ein Ende gefunden hatte. "Hannes warte doch" dachte sie fieberhaft und überlegte, was sie wohl sagen könnte um diesen Mann zu beeindrucken. Hannes war ein Mann mit Tatkraft. Ein Mann, der eine helle Freude daran hatte Dingen ihren nötigen Schups zu geben, damit sie sich nicht in dieser müden Stille wiederfanden, die manchen Menschen so verhasst war und von anderen geliebt wurde. Hannes glaubte nicht an Fügung und dergleichen, er wollte nach Hause gehen und wissen, dass er das Nötigste getan hatte. Dann schlief er gut und fest und war aus seiner beherrschten Ruhe nicht mehr aufzuwecken.

An Anna schepperten Geräusche und Gefühle vorbei. Es war seltsam, wie viele Handlungsfäden vor ihrem Auge gespannt waren. Ein falscher Tritt und das Gebinde wogte in die fasche Richtung und schnitt eine Schneise in ein Geflecht aus Entscheidungen, die nicht mehr zu schließen sein würde. "Warum stehen bleiben", dachte sie und folgte einem der Fäden in ein Wagnis, das ihr zu unbekannt war, um sich gefährlich anzufühlen.

Bunto war in Sorge. Dieses Gefühl war ganz deutlich. Noch im Bett war der Gedanke an die bevorstehende Tat in ihm aufgekeimt und war im Laufe der Stunden zu einem wild hüpfenden Kraut gewachsen, dass jetzt in alle Ecken seines Gehirns wucherte. "Warum musste ich mich auch darauf einlassen". Er konnte die nasse Schwere nicht von sich abschütteln. Er sah aus dem Fenster. Eine Frau stand auf dem Bürgersteig und starrte in die Leere. Sie war jung und schön und erinnerte Bento an eine Gegebenheit, die lange her war und die er eigentllich vergessen wollte.

Das waren jetzt ein paar Beispiele, die ich eben kurz runtergeschrieben habe. Am liebsten würde ich Buchpassagen kopieren, aber ich glaube, das darf ich nicht. Alle Beispiele wirken wie auktorial, aber eigentlich können sie auch personal sein, er weiß halt besonders viel bzw. ist hoch selbstreflektiert.
Folgendes Beispiel:
"Er lag im Bett und fühlte sich grausig. Er hatte schlecht geschlafen und sah noch schlechter aus. Sein Haar war struppig und abstehend. "Das wird ein fantastischer Tag" dachte er bei sich und hob ein Bein aus dem Bett. "Kann nur besser werden". - Angeblich (Satz kommt aus einem Forum) haben wir hier einen Bruch, weil gesagt wird, dass sein Haar struppig und abstehend ist, was er nicht wissen kann, weil er ja nicht in den Spiegel geblickt hat. Ich halte das allerdings für Quark. Kann der personale Erzähler nicht NEBEN der Figur stehen und trotzdem aus dessen Augen blicken? Dann erkennt er nämlich, dass die Haare abstehend sind, außerdem weiß vielleicht auch die Figur selbst, dass die Haare abstehen. Alternativ interpretiere ich den Text einfach als auktorial um und denke mir, dass der Erzähler hier eben einfach in die Figur gesprungen ist und gleich woanders ist.

Mich verwundert dieser personal/auktorial Unterschied einfach immens. Ich-Erzähler, kein Ding - verstehe ich. Aber derzeit lese ich "Underground Railroad" von Colson Whitehead und bei ihm würde ich ständig auktorial sagen und dann doch wieder personal, eigentlich in jedem Satz anders. Aber so wie er schreibt, schreiben viele...daher wundere ich mich. Dieses "Head Hopping" geht doch nur richtig schief, wenn ich keine Metaebenen schreibe, sondern wirklich unglaublich zentriert auf die Person blicke. Vielleicht so wie Fanfiction das oft tut oder Krimis.

Ich werde aus den Perspektiven nicht schlau.

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silke-k-weiler
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Re: Perspektiv-Wirrwarr

von silke-k-weiler (05.12.2018, 19:04)
"Er lag im Bett und fühlte sich grausig. Er hatte schlecht geschlafen und sah noch schlechter aus. Sein Haar war struppig und abstehend. "Das wird ein fantastischer Tag" dachte er bei sich und hob ein Bein aus dem Bett. "Kann nur besser werden"


Hallo,

also ich finde schon, dass dieses Beispiel für einen auktorialen Erzähler spricht. Er hat Einblick in das Innenleben der Person und kommentiert das Äußere. Wenn jetzt noch die Freundin reinkommt, die Nase rümpft und sich denkt, wie sie sich jemals in diesen stinkenden Taugenichts hatte verlieben können und was man ihr damals wohl bei jener schicksalhaften Party in den Drink gekippt hat, bei der er ihr zum ersten Mal aufgefallen ist - dann ist der auktoriale Erzähler perfekt, weil er Einblick in das Gefühlsleben einer weiteren Person hat. (korrigier mich bitte einer, wenn ich Blödsinn verzapfe)

Bei den anderen Bespielen stimme ich dir zu, denn du schreibst:
Aber der Leser weiß ja selten, was die Person, aus der ich schreibe eigentlich weiß. Also kann ich auch die Lebenswege anderer Figuren beschreiben, weil der personale Erzähle sie vielleicht einfach kennt?!
Sehe ich auch so. Wenn Johanne z.B. den Hannes gut kennt, denkt sie in diesem Moment darüber nach, was für eine Art Mann er ist, und wir erhalten Einblick in ihre Gedankenwelt als personale Erzählerin.

Die Sache mit dem struppigen, abstehenden Haar kann man aus der Sicht eines personalen Erzählers z.B. so lösen: Er fuhr sich müde durchs Haar. "Mann", dachte er, "heut' Morgen müssen mir ja echt die Haar zu Berge stehen. Passt zu dem Pelz auf der Zunge"

Viele Grüße
Silke

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