Lieber Thomas Mann!

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FraRa
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Lieber Thomas Mann!

von FraRa (04.11.2009, 18:12)
Im Irrläufer-Lesesaal der Post in Lübeck liegt folgendes aufschlussreiches Anschreiben aus, das ich hier ungekürzt wiedergebe.
„Lieber Thomas Mann!
Herzlichen Dank für Dein Interesse an unserem Schreibwettbewerb zum Thema ‚Der letzte Husten’!
Dein Manuskript ‚Der Zauberberg’ haben wir mit großem Interesse angelesen. Wie Du aber aus der Presse sicher bereits erfahren haben wirst, hat sich die Jury anderweitig entschieden, auch übrigens, was die Preise Vier bis Neunundneunzig betrifft, unsere beschrifteten Kugelschreiber und Mauspads.
Aber nicht traurig sein, lieber Thomas!
Gerade, weil ich in Deinem Text auch das eine und andere Talent erkenne und momentan ein wenig Muße habe, will ich Dir hier gerne ein paar Tipps geben, wie Du Dein Schreiben verbessern kannst, zuzüglich Sprache und ganz besonders auch Stil.
Du hast Reserven, Thomas. Das fängt schon bei der Wahl des Stoffes an. Mag sein, dass unsere Siegerautorin mit ihren ‚Memoiren einer Neunzehnjährigen’ unüberlesbare Schwierigkeiten zeigt, Sätze grammatikalisch zu vervollständigen. Auch hat sie offenbar einige Rechtschreibreformen übersprungen. Aber ihre von sparsamen Handlungsfäden durchwirkten Mitteilungen aus dem Milieu der Topmodels, Drogenabhängigen und Sexbesessenen zeugen von einem scharfen Marktinstinkt, der mit keinem Schachtelsatz aufzuwiegen ist!
Du solltest es einfach mehr krachen lassen, lieber Thomas. Angesichts eines Hauses voller Betten wie die Lungenklinik, die Du als durchaus coole Location für Deinen Schreibversuch ausgewählt hast, finden sich in Deiner Niederschrift entschieden zu wenig Bettszenen. Auch sind derzeit beim immer auch ein wenig perversen Publikum möglichst eklige Beschreibungen diverser Körperausdünstungen und -Flüssigkeiten äußerst beliebt. ‚Eiter-besinnlich’ lautet heute die Parole. Und da bin ich beim interessierten Anlesen Deiner literarisch ambitionierten Ausarbeitung höchstens auf etwas Auswurf gestoßen. Da ist also Dein ‚Zauberberg’ ein rechter Zauderzwerg, um mal einen Scherz zu wagen, den Du sicher nicht übel nimmst. Was hätte aus einer Bergklinik nicht alles zum Stichwort ‚Doktorspiele’ herausgeholt werden können!
Unsere Sieger-Autorin, von welcher man noch viel hören wird, weit mehr wahrscheinlich als lesen, weiß in all ihrer orthografischen und stilistischen Hilflosigkeit doch immer ganz genau, was der geile Markt will. ‚Lesen ist Sexkino im Kopf’, hat mal irgendeiner gesagt, vielleicht war ich das sogar selber.
Nun rümpfe, lieber Thomas, nicht gleich die Nase und verweise auf den einen oder anderen Preis, den Du mit Deinen schriftstellerischen Gehversuchen bereits erworben hast. Da hört man ja so Einiges, aber, wie gesagt, abgerechnet wird nicht vor der Ewigkeit, sondern an der Ladenkasse. Bei einem Preisausschreiben kommt erschwerend (für manchen aber auch erleichternd) das so genannte Drumherum hinzu, das nicht vordergründig nach literarischer Qualität lechzt. Da spielt Manches mit, was sich ein Eleve der Feder wie Du nicht gerne träumen lässt.
Unsere Siegerautorin etwa, die sich mit ihrem Fließtext ‚Memoiren einer Neunzehnjährigen’ auch sehr erfolgreich von ihren zwanghaften Katzenbüchern freigeschrieben hat, weiß, lieber Thomas, welche Art von Texten eine Jury gern gewinnen lässt. Ein Siegertext muss vor allem breit ansprechen, wenn auch wenig, aber Hauptsache breit. Das muss sich fluffig weglesen, lieber Thomas. Fluffigkeit ist vielleicht ein gutes Orientierungs-Schlagwort, das immer im Hinterkopf mitticken sollte, wenn Du an Deinen Texten herumklempnerst.
Ein literarisches Preisausschreiben will des Weiteren, und wer will das nicht, sein Ranking verbessern. Wir wollen uns mit unseren PreisträgerInnen schmücken, und da ist es, lieber Thomas Mann, zum Beispiel nicht verkehrt, wenn man auch etwas blond ist. Hast Du wenigstens mal überlegt, Dich nicht dauernd vor wuchtigen Schreibtischen fotografieren zu lassen, sondern zum Beispiel mal im Sprung mit einem frechen Blick zur Seite?
Natürlich gebe ich Dir Recht: entscheidend ist der Text, vor allem aber, dass es nicht zu viel davon wird. Ein Roman kann heute auch ein Großdruck von achtzig Seiten sein. Im nächsten Jahr werden wir das Limit für Einreichungen wohl weiter auf sieben- oder achthundert Zeichen begrenzen. Wir sind ja schließlich Menschen, die nicht ewig lesend auf dem Klo sitzen. Noch ist auch kein E-Reader je vollgeladen worden. Tausendseitige Ziegelsteine gehören höchstens ins Fantasy-Regal.
Ganz dick unterstreichen solltest Du also, lieber Thomas, in Deinem vielleicht anzulegenden Wie-werde-ich-besser-Heft das Wort ‚fluffig’. Die Fluffigkeit (Ich hoffe, Du liest noch fleißig mit) hat sich ja zu einem entscheidenden Bewertungskriterium für absetzbare Literatur und Vergleichbares entwickelt. Was die damit verbundene Slam- und Lesebühnentauglichkeit nun Deiner Wortmeldung betrifft, kommen mir da einige Zweifel.
Des Weiteren ist das Hier und Jetzt der Leser auch ganz wichtig. Nach Davos oder Sankt Moritz, lieber Thomas, fahren vielleicht Leute, die eine Kaufhauserbin geheiratet haben und denken, nun sind sie was.
Also, zusammengefasst: hier und heute und fluffig und je feuchter, desto besser. Und voll den Daumen drauf! Dieses Jahr zum Beispiel ist das Komasaufen von Jugendlichen ein ganz großes Ding. Hätte in einen Arztroman wie Deinen mühelos gepasst. Wenn man nur wollte!
Jedenfalls hoffen wir, dass Du auch beim nächsten Schreibwettbewerb wieder mitmachst. Das Motto ist diesmal ‚Liebesnächte in Venedig’.
Bestimmt fällt Dir dazu was ein.
Deine Jury.“
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hawepe
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Re:

von hawepe (04.11.2009, 18:53)
Hallo Frank,

einfach herrlich, ich bin begeistert. book: thumbbup

Beste Grüße,

Heinz.

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Bärentante
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Re: Lieber Thomas Mann!

von Bärentante (04.11.2009, 22:46)
FraRa hat geschrieben:
Unsere Siegerautorin etwa, die sich mit ihrem Fließtext ‚Memoiren einer Neunzehnjährigen’ auch sehr erfolgreich von ihren zwanghaften Katzenbüchern freigeschrieben hat, ...


:lol: Das ist meine absolute Lieblingsstelle in dem sehr treffenden Text. thumbbup
Liebe Grüße
Christel

Michael Abenath
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Wohnort: Recklinghausen

Re:

von Michael Abenath (04.11.2009, 23:33)
thumbbup thumbbup thumbbup

Gruß

Michael
Ein Video von mir zu Thema der Romane:
http://youtu.be/0mLicvseYyc

Worte und Klänge
http://www.dara-scope.jimdo.com

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (05.11.2009, 07:52)
... Da kann ich mich der allgemeinen Begeisterung nur anschließen.

Alle Daumen hoch.

thumbbup thumbbup

Viele Grüße,

Ch.

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Haifischfrau
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Registriert: 04.02.2008, 15:07

Re:

von Haifischfrau (05.11.2009, 08:21)
Eine köstliche Morgenlektüre :lol: :lol: :lol:

Haifischfrau

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Anouk
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Wohnort: Oberbayern

Re:

von Anouk (05.11.2009, 12:09)
Einfach köstlich! :lol:
Freundliche Grüße von
Anouk

http://bhasita.jimdo.com

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (05.11.2009, 22:05)
Tröstlich, dass man auch über eine große Misere so erheiternd schreiben kann. Hoffen wir, dass unser Lachen nicht nur unserer eigenen Entspannung dient, sondern hier und da auch Beschämung auslöst.

Arno Abendschön
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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skipteuse
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Re:

von skipteuse (08.11.2009, 10:08)
KÖSTLICH!!!

Ganz dickes Lob, sowas von treffend und - einfach herrlich ... thumbbup

Besten Gruß aus der Nachbarschaft,
Barbara

Hanna
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Registriert: 22.11.2008, 11:11

Re: Lieber Thomas Mann!

von Hanna (08.11.2009, 10:55)
Volltreffer! thumbbup
Herzliche Grüsse
Hanna
www.hanna-steinegger.ch

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