Weihnachtsstollen

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Detlef Schumacher
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Weihnachtsstollen

von Detlef Schumacher (22.11.2009, 10:01)
Wieder etwas Neues von Ottilie:

Weihnachtsstollen
Wenn in Emma Meckers Emma-Laden die ersten Weihnachtsstollen im Regal liegen, zieht ein vorweihnachtlicher Duft durch ihr Geschäft. Auch in diesem Jahr begann es wieder zu duften, allerdings zehn Tage später, nämlich am 10. Oktober. Frau Mecker entschuldigte die Verspätung mit der Erklärung, dass aufgrund des Pilotenstreiks bei der Lufthansa die Rosinen nicht rechtzeitig aus Südamerika eingeflogen werden konnten. Ohne Rosinen können Stollen aber nicht gebacken werden.
Oswald Hucke, immer zu Scherzen aufgelegt, denn er ist ledig, meinte, dass Emma die Rosinen aus ihrem Kopf zur Verfügung hätte stellen sollen. Diese Bemerkung missfiel ihr, weshalb sie ihn aufforderte, sofort den Laden zu verlassen und ihn nie wieder zu betreten. Oswald verließ ihn nicht, weil er ein solches Verbot schon mehrmals erhalten hatte.
Esmeralda Schwundleib, die in Oswald ein bisschen verliebt ist, verteidigte ihn und sagte, dass Emmas Kopfrosinen nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen wären.
Nun entbrannte ein heftiger Meinungsstreit darüber, ob man es den Lufthansapiloten gestatten sollte, in der Stollenbackzeit einfach keine Rosinen zu fliegen.
„Wenn jeder das so machen wollte“, empörte sich Frau Schlimmer, die vornehme Frau des Bürgermeisters.
„Stellen Sie sich nur mal vor, verehrte Anwesende“, sprach sie weiter, „mein Gatte würde so handeln.“
Trine Tratsch, dumm wie Bohnenstroh, fragte, ob der Bürgermeister nun Rosinen nach Südafrika fliege.
Die Leute guckten sie spöttisch an, und Frau Schlimmer zeigte ihr den Piep.
„Man wird doch mal fragen dürfen“, tat Trine beleidigt.
Damit auch etwas Kluges gesagt wurde, mischte ich mich in die Gesprächsrunde ein. Ich befand mich nämlich im Geschäft, um etwas einzukaufen. Die anderen hatten sich hier nur wieder zusammengerottet, um den neuesten Dorfklatsch auszutauschen.
„Die Lufthansa müsste mit Rosinenbombern fliegen, dann würden die Stollen rechtzeitig hier sein.“
Die Leute sahen mich an, als hätte ich etwas Verbotenes gesagt.
Weil ihr nichts Besseres einfiel, fragte Frau Mecker: „Was machst du hier, Ottilie?“
„Ich habe die Absicht, zwei Tüten Spaghetti zu kaufen.“
„Dann kaufe sie und verschwinde“, forderte sie mich auf.
Ich merkte, dass sie mich loswerden wollte.
„Augenblick, Ottilie“, verhinderte Frau Schlimmer meinen Abgang, „woher weißt du von den Rosinenbombern?“
Die Ladeninsassen guckten mich an, als wäre ich ein bisschen plemplem. Nur Frau Schlimmers Augen nahmen einen milden Glanz an, und der passte zum vorweihnachtlichen Duft der Stollen.
Weil ich mit meiner Antwort zögerte, legte sie mir ihre behandschuhte Hand aufs Haupt. Außerhalb ihrer vier Wände trägt sie immer Handschuhe, auch im Hochsommer, damit sie von Bakterien verschont bleibt.
Da ich noch immer schwieg, streichelte sie sanft meine Haare. Das wunderte mich, denn sie streichelt nur den neuen Mercedes, mit dem sie und ihr Mann in der Gegend spazieren fahren.
„Warum sagst du nichts, Ottilie?“ fragte sie mich in gütigem Ton.
„Nun mach schon den Mund auf!“ verlangte Josefine Schmerbauch in ungütigem Ton.
„Von den Rosinenbombern hat uns Herr Dünnschuss im Geschichtsunterricht erzählt. Die schmissen nach dem Krieg Rosinen über Westberlin ab, damit die dortigen Kinder was zu essen hatten.“
Frau Schlimmer sah mich erstaunt an. Wahrscheinlich bezweifelte sie meine erworbene Intelligenz.
„Was erzählt euch der Lehrer bloß für Blödsinn?“ meckerte Emma Mecker.
„Bomber werfen Bomben ab und keine Rosinen. Habt ihr schon mal was von Rosinenbombern gehört?“ fragte sie die Kundschaft und grinste dabei höhnisch.
Die grinste höhnisch zurück. Nur Oswald Hucke grinste nicht, sondern lachte laut. Die Leute stutzten, weil sie nicht wussten, warum er lachte. Esmeralda Schwundleib kicherte, weil sie ihn ein bisschen liebt.
Frau Mecker stellte ihr Grinsen ein, denn wenn Oswald lachte, hatte das nichts Gutes zu bedeuten.
„Wenn man dich so sieht, Emma“, sprach er zu ihr, „könnte man glauben, du wärest von einem Kalorienbombern bombardiert worden.“
Kaum hatte er das gesagt, flog ihm ein Weihnachtsstollen an den Kopf.
Die vorweihnachtliche Stimmung war nun futsch. Aber nur im Emma-Laden.

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Amos
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Re:

von Amos (22.11.2009, 11:56)
Unterhaltsame Namensfindung.
Im Laden ist viel Publikum und ich habe beim lesen dann den Überblick nur schwer halten können.
Wer ist da oder ist der / die jetzt noch jemand anders.

Im ersten Satz ist für mich einmal zuviel Emma drin.

Das mit dem Schluss ist so nicht ganz schlüssig. Rosinenbomeber ist das Stichwort und das wäre auch der schlüssige Geck.

Kalorienbomber macht einen neuen Strang auf, der sogleich mit fliegendem Stollen sich wieder schließt.
Das aktuelle Buch: Die bösen Tage sind vorbei Planungshilfen für den beruflichen Erfolg.
ISBN 3-8334-4103-8
www.amos-ruwwe.de

Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (23.11.2009, 11:58)
Danke, Amos, für Deine Bemerkungen. Für Dich, der Du die vorangegangenen Ottilie-Geschichten sicherlich nicht kennst - die hier allerdings schon eingestellt wurden -, muss es ein namentliches Wirrwarr sein. Vielleicht gelingt es Dir, so Du gewillt bist, das Andere zu Ottilie zu finden.
Mit besten Grüßen,
Detlef

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