M e i n e Deutschen tun das nicht!

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franziska rechperg
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M e i n e Deutschen tun das nicht!

von franziska rechperg (25.11.2009, 22:30)
Die (fast)wahre Geschichte vom Kater Oskar

M e i n e Deutschen tun das nicht!

Einer der vielen Tage hatte gerade begonnen, an denen der soeben zugewanderte rote Kater mit knurrendem Magen aufgewacht war. Trotz seines Hungers sorgte er dafür, dass sein Fell topp-gepflegt war, sein Gesicht sauber und sein Gang aufrecht. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren! Es war ihm nicht entgangen, dass die Katzendamen, allen voran die Schwarzhaarige mit den ausdrucksvollen grünen Augen ihn wegen seines gepflegten Aussehens bewunderten.
Vor einiger Zeit war er aufgetaucht und hatte sich seinen Platz an dem großen Wasserbecken erobert, wo jetzt im Sommer, wenn die Sonne untergegangen war, die großen Zweibeiner auf ihr Futter warteten. Manche trugen es sofort weg, andere verzehrten es an Ort und Stelle. Noch nie hatte der Herr über Haus und Nahrung einen von ihnen weggejagt. Aber sie waren ja auch seinesgleichen, im Gegensatz zu ihm, dem Kater, von dem anscheinend erwartet wurde, dass er sich sein Essen selber besorgte.
Die Zweibeiner, auch Menschen genannt, denen der Herr das Essen gab, waren meistens nicht bereit, ihm etwas zu davon abzugeben. Aber es gab einige wenige Ausnahmen. Das lag bestimmt an seinem schönen roten Fell, das stets sauber und adrett war. Vor den meisten der großen Zweibeiner musste er sich in Acht nehmen. Sie beeindruckte seine Schönheit nicht im geringsten. Sehr oft schon hatte er einen schmerzhaften Fußtritt einstecken müssen, noch häufiger war er mit Schlägen weggescheucht worden. Am Schlimmsten war die Herrin des Hauses. Sie hatte ihn schon öfters so heftig getreten, dass er mehrere Katzensprünge weit bis in die Wiese flog. Aber trotzdem schlich er sich manchmal in die Küche, wie sie den nahrhaften Ort nannten, an dem das Essen zubereitet wurde. Ab und zu war es ihm gelungen, ein Stück Fleisch zu schnappen und damit zu entkommen.
Einmal hatte ihm die Herrin etwas hartes nachgeworfen, als er sich nicht schnell genug mit seiner Beute davon machte. Seither hatte er einen beschämenden Knick in seinem Schwanz. Aber das war eben Berufsrisiko. Damit musste man leben!
Wenn es gar nicht anders ging, dann sah er zu, dass er eine Maus erwischte. Aber man musste schon viele Mäuse fangen, um satt zu werden! Und er hatte zahlreiche Konkurrenten, die ebenfalls den ganzen Tag auf der Jagd waren. Da war als Ergänzung das Essen der Menschen schon sehr willkommen. Allerdings schmeckte es oft merkwürdig, ganz anders als das Fleisch der Mäuse, aber wenn man hungrig genug war und sich außerdem daran gewöhnt hatte, so konnte man damit über die Runden kommen.
Eines Tages kamen zwei Menschen, die sich durch die Laute, die sie von sich gaben, von den anderen unterschieden und außerdem anscheinend sofort begriffen, was er für ein schöner Kater war. Bereitwillig ließen sie ihn an ihrer Mahlzeit teilhaben. Er bemühte sich, gesittet aufzutreten und verzehrte die Gaben der neuen Menschen mit der gebotenen Vorsicht und Gelassenheit. Das schien sie auch sehr zu beeindrucken, denn bereits am nächsten Tag wurden die Bissen von ihrem Tisch zahlreicher. Als sie fertig gegessen hatten, war auch er satt, und das wollte etwas heißen!
Schnell bemerkte er, dass die Neuen auch schon, wenn die Sonne noch gar nicht hoch am Himmel stand, am Wasser saßen und Nahrung zu sich nahmen. Bald erkannte er ihre Stimmen, und es dauerte nicht lange, und er verstand auch, was sie sagten, obwohl ihre Laute sich von den sonst üblichen sehr unterschieden. Aber sie teilten sich ja durch die Bilder mit, die sie vor Augen hatten, wenn sie sprachen.
Sie mochten ihn. Und er genoss es, dass sie sein Fell streichelten, ihm hinter dem Ohr kraulten und leise zu ihm sprachen. Es dauerte nicht lange, und sie gaben ihm einen Namen. Der war zwar fremdartig, aber es schmeichelte ihn dennoch, dass sie ihn Oskar nannten. Keine der anderen Katzen, die im großen Garten und in den Kellern lebten oder vielmehr ihr Dasein fristeten, hatte jemals einen Namen erhalten. Es gab die Graue, die durch ihre Geschicklichkeit, in großer Menge Mäuse zu fangen, einen guten Ruf hatte, dann die Schwarzweiße, die nie mehr als zwei Kinder zur Welt brachte, die Gescheckte mit den ausdruckvollen Augen, seine Favoritin, und als einzigen Kater ihn, den Roten, der die Küche und den Platz am großen Wasser inne hatte.
Nach zwei Tagen und Nächten hatte er begonnen, die beiden Menschen in der Frühe zu begrüßen. Die kleine Mauer, die das große Wasser vom Garten trennte, diente ihm als Aussichtspunkt. Hier konnte er nichts übersehen, erst recht nicht so große Wesen wie es diese Zweibeiner namens Menschen nun mal waren. Wenn sie kamen, sprang er von dem Mauerchen ins Gras, direkt vor ihre Füße. Dieser gekonnt ausgeführte Sprung wurde von ihnen stets mit Entzückensschreien und Streicheleinheiten quittiert. Anschließend wurde er immer zum Frühstück eingeladen, das entweder aus etwas Süßem oder einem Stück saftigen Fleisch, manchmal auch aus beidem bestand.
Er beschloss, dass so etwas unbedingt die alte Graue erfahren musste. Sie war nicht nur alt, sondern auch weise, das musste man ihr lassen. Am dritten Tag begann er, ihr zu berichten, wie großzügig und liebevoll die neuen Fremden waren. Ihr Schnurrbart sträubte sich ein wenig, als sie nach kurzem Fauchen erklärte: „Roter, du bist ein Trottel! Ich habe dich für schlauer gehalten. Es sind Fremde, die so tun, als ob sie hier wohnen, aber nach spätestens fünf Nächten sind sie wieder weg. Sie drehen sich nicht einmal nach dir um, wenn sie gehen. Und du hast das Nachsehen. Bilde dir bloß nicht ein, dass du jetzt immer Nahrung von ihnen bekommst. Ich höre, dass die anderen Menschen sie Deutsche nennen! Die Deutsche genannt werden, sind oft sehr großzügig, bleiben für gewöhnlich vielleicht einen Tag länger, aber dann gehen auch sie wieder weg, genau wie alle Anderen!“
Oskar sträubte das Fell. „Die machen das nicht!“, erwiderte er beleidigt und untermalte das, was er fühlte, mit einem leisen Knurren. „Die bleiben hier. Das fühle ich. Sonst wären sie nicht so liebevoll mit mir!“
Die Graue maunzte verächtlich. „Spätestens morgen sind die weg! Deutsche dulden uns mehr als alle anderen in ihrer Nähe. Aber glaube mir, das hat nichts zu bedeuten.“
Am nächsten und übernächsten Tag waren die Deutschen immer noch da. Und sie blieben. Mit jedem Tag wurden das Essen, das sie ihm gaben, schmackhafter und reichhaltiger. Auch ihr Betragen wurde immer liebevoller und vertrauter. Mittlerweile verstand er auch sehr gut, was sie über ihn sagten. Der weibliche Mensch schien sogar zu planen, ihn bei sich wohnen zu lassen. Wenn das so war, dann war er im Paradies!
Einige Tage später redete er wieder mit der Grauen darüber, um ihr die neueste Entwicklung unter die Nase zu reiben. Sie war weniger beeindruckt und beharrlicher in ihrer Meinung, als er gedacht hatte. „Eines Tages sind sie weg, deine Deutschen, und du musst wieder, genau wie unsereins, schauen, dass du genügend Mäuse fängst, oder, wie du es ja leider öfter machst, etwas aus der Küche klaust.“
Oskar stolzierte wortlos und beleidigt davon, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Die Buntgescheckte blickte ihm jedoch bewundernd nach. Wenn die Zeit gekommen war, würde er sie bespringen. Darauf freute er sich schon. Vielleicht würde er sie einmal zum Frühstück einladen. Aber zu diesem Zweck musste er seine Deutschen noch besser kennen.
Die Tage vergingen. Die Nächte wurden kälter, aber die Tage waren noch warm. Seine Deutschen hatten jetzt ihren Frühstücksplatz in den Garten verlegt. Sie schienen bei der Herrin des Hauses einen hohen Rang zu haben, denn sie selbst brachte ihnen oft das Essen in den hintersten Winkel des Gartens. Von wegen abreisen! Die anderen Menschen waren schon lange abgereist, nur seine Deutschen blieben da.
„Pass auf, dass du das Jagen nicht verlernst“, mahnte ihn die Graue. „Wenn deine Deutschen weg sind, kannst du es womöglich nicht mehr.“
„M e i n e Deutschen reisen nicht ab,“ erwiderte er stolz. „Die anderen sind alle schon weg. Aber die bleiben.“
„Papperlapapp“, antwortete die Graue. „Die sind wie alle anderen.“
Viele Vormittage verbrachte Oskar bei seinen Deutschen. Er hatte es sich angewöhnt, nachdem er satt war und die übliche sorgfältige Fellpflege betrieben hatte, noch eine Weile unter dem Tisch, an dem sie saßen, zu dösen und sich die Sonne auf sein Fell scheinen zu lassen. Erst gegen Mittag brachen die Deutschen zu ihren Erkundungsfahrten auf.

„Ich würde den Oskar am liebsten mitnehmen. Der Arme war so mager, als wir ihn zum ersten Mal gesehen haben. Jetzt hat er ein schönes, glänzendes Fell bekommen und ist ganz zutraulich geworden“, bemerkte Christine.
„Du weißt genau, dass so etwas nicht geht. Eine halbwilde Katze, die es gewöhnt ist, sich im Freien aufzuhalten, kannst du nicht einsperren und zu einer Wohnungskatze machen. Wenn du sie aber raus lässt, dann wird sie sehr schnell von einem Auto überfahren oder läuft weg. Außerdem müssten wir sie kastrieren. Nennst du das ein Leben für einen solchen freiheitsliebenden und stolzen Kater wie Oskar?“, wandte Rainer, ihr Mann, ein.
Christine seufzte. „Du hast Recht. Die Freiheit ist für ihn wichtiger.“ Sie lachte. „Allein schon die Fahrt von hier bis nach München wäre der Horror für ihn. – Aber so eine Katze wie Oskar wäre schon was Schönes“ , fügte sie wehmütig hinzu. Jedoch Beide wussten, dass der Abschied kommen musste, weil es keine Alternative gab.

„Glaubst du wirklich, dass sie hier bleiben?“, fragte ihn die Buntgescheckte, als einige Zeit vergangen war, und die Deutschen nach wie vor ihr Frühstück im Garten einnahmen. „Vielleicht reisen sie ab, wenn es noch kälter wird.“
„Nein,“ maunzte Oskar entschieden. „M e i n e Deutschen tun das nicht. Komm morgen früh einfach mit mir, wenn sie erscheinen. Dann bekommst du sicher auch ein Frühstück.“ Die Buntgescheckte begann erfreut zu schnurren. „Aber gerne, wenn ich darf“, säuselte sie.
Es war wie jeden Morgen. Seine Deutschen erschienen pünktlich. Heute noch früher als sonst. Und doch hatte sich etwas verändert! Es gab nur Süßes zu essen. Kein Fleisch, kein Hühnchen, gar nichts. Die Buntgescheckte wandte sich enttäuscht ab und verschwand in den Büschen. Der Rote war eben doch nur ein Angeber!
Oskar blieb erwartungsvoll sitzen. Das konnte doch nicht alles sein! Er wurde zwar gestreichelt, aber etwas lag in der Luft.
Das durfte doch nicht wahr sein! Er kannte diese großen sperrigen Dinger, die sie heraustrugen, hatte sie schon unzählige Male bei anderen Zweibeinern gesehen. Das war der Abschied! Der große grüne Kasten, mit dem sie sonst immer zu ihren Erkundungen unterwegs waren, wurde beladen.
„Schau, hier sitzt unser Oskar“, sagte der Mann mit einem eigenartigen Ton in der Stimme. „Keine Angst, Oskar“, versuchte die Frau zu trösten und kraulte ihn hinter dem Ohr. „Wir kommen ganz bestimmt wieder.“
Dann saßen sie in dem grünen Kasten, der sich mit Getöse in Bewegung setzte. Oskar saß da und schaute. Er saß und schaute noch, als sie längst verschwunden waren.

Die darauf folgende Zeit war die Hölle für Oskar. Die Buntgescheckte würdigte ihn keines Blickes, während ihn die Graue nur spöttisch ansah: „Was hast du gesagt? D e i n e Deutschen tun das nicht?“
„Sie kommen wieder,“ sagte Oskar tapfer. „Sie haben es mir versprochen.“
Er änderte sein Verhalten. Zwar begann er zäh und verbissen mehr denn je nach Mäusen Ausschau zu halten und erwischte auch immerhin so viel, dass er nicht verhungerte, aber am großen Wasser hielt er sich fast nie mehr auf. Meistens saß er neben der Einfahrt zum Hotel, wenn er nicht auf der Jagd war. Er saß dort stundenlang, auch als es kälter wurde und der Wind um die Ecken pfiff. Nur die oft urplötzlich niedergehenden Platzregen konnten ihn vertreiben und dazu bewegen, die trockenen Kellerräume aufzusuchen.
Als der Winter fast vorbei war, besann sich Oskar auf seine Qualitäten als Kater. Die Buntgescheckte ließ ihn gewähren, obwohl sie ihm nicht ganz verzeihen konnte, dass er ein solcher Aufschneider war. Aber gleichzeitig war er ein strammer Kater, der Schönste in der ganzen Gegend!
Als die Paarungszeit vorbei war, saß Oskar jedoch wieder an der Einfahrt und schaute und wartete.
„Glaubst du denn immer noch, dass sie wiederkommen, deine Deutschen,“ fragte ihn die zukünftige Mutter seiner Kinder fast mitleidig. Sie hatte mittlerweile einen runden Bauch bekommen, in dem die Früchte seiner Freuden heranwuchsen.
„M e i n e Deutschen kommen wieder“, erwiderte er nur mit stoischer Ruhe.
Es wurde wärmer, seine Kinder waren inzwischen geboren und machten die ersten tapsigen Schritte im Freien. Aber das kümmerte ihn wenig. Er hatte seine Pflicht schließlich getan! Die Sonne wärmte wieder sein Fell, aber dieses Mal war es die Frühlingssonne.
Und eines Tages sah er den grünen Kasten, in dem sie damals weggefahren waren, wieder. Er erkannte am Brummen des Motors, dass s e i n e Deutschen kamen. Das Paradies, aus dem er jetzt so lange vertrieben war, war ganz nahe. Mit einem Satz sprang er auf die Straße. Er musste sie begrüßen, ihnen entgegenrennen! Welche Freude nach so langer Zeit!
Er sah nicht den Lieferwagen, der direkt auf ihn zufuhr. Ein kurzer, heftiger Schmerz und dann das Nichts, die Schwärze, die ihn umfing.

„Schau mal, da liegt eine tote Katze. Die sieht aus wie Oskar! Das arme Ding ist wohl überfahren worden.“ Christine hatte das tote Tier am Straßenrand bemerkt, während sich Rainer auf den Weg vor ihnen konzentrierte. „Aber das ist bestimmt nicht Oskar. Solche Zufälle gibt es nicht.“
„Wohl kaum“, murmelte Rainer und fuhr weiter und ließ das vor ihnen auftauchende Hotel links liegen. Sie würden dieses Mal nicht hier übernachten, denn sie hatten ein billigeres Quartier bei einem Freund bekommen.
„Eigentlich schade, dass wir Oskar nicht wiedersehen konnten“, meinte Christine einige Tage später. „Wir hätten ja schließlich in der Pizzeria des Hotels etwas essen können und ihm ein paar Stücke davon abgeben. Aber der hat uns garantiert schon längst vergessen...“ Ihr Mann nickte etwas zerstreut. In Gedanken war er schon wieder weit weg...


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Franziska Rechperg
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Michael Abenath
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Wohnort: Recklinghausen

Re:

von Michael Abenath (25.11.2009, 23:08)
Traurige Geschichte :(
So ist das Leben.

Liebe Grüße

Michael
Ein Video von mir zu Thema der Romane:
http://youtu.be/0mLicvseYyc

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