Schreibhandwerk Grundlagen Dialog

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dbs

Schreibhandwerk Grundlagen Dialog

von dbs (09.05.2007, 18:49)
So, ich versuche es nun doch noch einmal - auch auf die Gefahr hin, wieder "Dogma-Diskussionen" zu riskieren. Sollte jemand eine andere Meinung zum Thema Dialog haben, so würde ich ihn oder sie doch bitten, seine Meinung zur Gestaltung von Dialogen hier anhand von Beispielen zur Diskussion zu stellen.


Ich möchte ein paar Sachen ansprechen, die mir immer wieder in Texten über den Weg laufen und die ich, sagen wir es mal so, recht unschön finde. Es handelt sich bei den nachfolgenden Themen um wirkliche Grundlagen, die unabhängig von der literarischen Gattung (Roman, Novelle, Kurzgeschichte) oder Genre (Krimi, Thriller, Science Fiction, Fantasy. usw,) anwendbar sind.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, dass es hier nicht um ein "So muss man das machen" geht. Jeder soll seine Geschichten so schreiben, wie er oder sie es für richtig hält.



1. Teil: Sprecherverben

Als "Sprecherverben" werden jene Konstrukte in einem Dialog bezeichnet, mit der ein Autor die Ausdrucksweise des Gesagten beschreibt. Das einfachste und allgemein gebräuchlichste Sprecherverb ist "sagen":

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Tom drehte sich noch einmal um. "Wir sehen uns morgen", sagte er.


Statt des Verbes "sagen" kann ein Autor der Ausdrucksstärke des Gesagten entsprechend andere Sprecherverben benutzen. Hier eine kleine Auswahl:

rufen - schreien - brüllen - ausstoßen - flüstern - blubbern - brabbeln - brummen - krächzen - lallen - lispeln - näseln - nuscheln -schluchzen - stammeln - stottern - leiern usw. usw. usw.


Leider trifft man immer wieder auf solche Texte:

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Tom erhob sich aus dem Gartenstuhl, als Gina auf die Terrasse trat.
"Hallo, wie geht's dir?", grinste er frech.
"Danke der Nachfrage", lachte Gina in ihrer unvergleichlichen Art.



Jedem, der sich ein wenig mit der deutschen Sprache auskennt, laufen jetzt Schauer über den Rücken. Hier werden falsche Sprecherverben benutzt. Man kann keine Sätze grinsen oder lachen. Wer das nicht glaubt. der möge mir bitte zeigen, wie man ein "Hallo, wie geht's dir?" grinst. Mir ist das bisher noch nicht gelungen.

Dies ist ein sehr typischer Anfängerfehler. Wie also macht man es besser? Eine Möglichkeit besteht natürlich darin, die Sprecherverben auszutauschen. Dies führt sehr häufig zu unschönen Vermischungen von Sprecherverben und Adjektiven oder Partizipien:

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Tom erhob sich aus dem Gartenstuhl, als Gina auf die Terrasse trat.
"Hallo, wie geht's dir?", sagte er frech.
"Danke der Nachfrage", antwortete Gina lachend in ihrer unvergleichlichen Art.


Jedoch - zwischen "sagte er frech" und "grinste er frech" besteht ein deutlicher Unterschied. Bei "sagte er frech" bezieht sich das "frech" nur auf den Tonfall von Toms Ansprache. Die körperliche Aktivität, eben das Grinsen, verschwindet spurlos. Was also tun?

Die Lösung: Die Sprecherverben vollständig streichen und durch Aktionen ersetzen.

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Tom erhob sich aus dem Gartenstuhl, als Gina auf die Terrasse trat.
"Hallo, wie geht's dir?" Er grinste frech.
"Danke der Nachfrage" Gina lachte in ihrer unvergleichlichen Art.


Dies ist eine sehr einfache Technik, um Dialoge aufzulockern und Wiederholungen wie "sagte er" ... "sagte sie" ... "sagte er" zu vermeiden. Ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Dialogen mit Sprecherverben und Dialogen mit Aktionen zu finden, das ist die Kunst.



2. Teil: Dialogstruktur

Was auch immer wieder in Texten von Autoren ohne Kenntnisse des Schreibhandwerks auffällt, das ist die fehlende Struktur des Dialogablaufes. Hierbei handelt es sich weniger um eine Struktur im Dialog oder darum, was im Dialog erzählt wird, sondern wie der Dialog dem Leser präsentiert wird. Zunächst wieder ein Beispiel, wie es nicht sein sollte:

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Tom stellte das Glas auf den Tisch und sah Gina an. "Ich muss mit dir reden." - "Ach, wirklich?" - "Wirklich. Was da gestern passiert ist, das ... " - "Du willst mir doch wohl nicht sagen, es sei dir nicht ernst gewesen?" - "Ernst schon, nur war die Zeit die falsche." - "Die falsche Zeit? Was soll das?"


Gemerkt?
Wenn zwei Leute sich in einem Text unterhalten, dann muss dem Leser sehr klar sein, wer wann spricht. Ein Dialog, wo ständig der Sprecher wechselt, kann nicht in einem Absatz zusammengefasst werden. Irgendwann kommt der Leser nämlich nicht mehr hinterher.

Faustregel: Wechselt der Sprecher in einem Dialog, beginnt eine neue Zeile!

Bei langen Ansprachen einer Person kann es nötig sein, mal einen Absatz zu machen. Aber auf keinen Fall werden die Anführungszeigen geschlossen, ein Absatz gemacht und die Anführungszeichen wieder geöffnet, wenn die sprechende Person noch immer die selbe ist!


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Tom stellte das Glas auf den Tisch und sah Gina an. "Ich muss mit dir reden."
"Ach, wirklich?"
"Wirklich. Was da gestern passiert ist, das ... "
"Du willst mir doch wohl nicht sagen, es sei dir nicht ernst gewesen?"
"Ernst schon, nur war die Zeit die falsche."
"Die falsche Zeit? Was soll das?"



Nun ist es für den Leser wesentlich einfacher, dem Dialog zu folgen. Zusätzlich sollte man aber zu Beginn eines längeren Dialoges eine klare Zuordnung von Dialogsatz und Figur treffen und diese Zuordnung in einem gewissen Abstand erneut nennen.


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Tom stellte das Glas auf den Tisch und sah Gina an. "Ich muss mit dir reden."
"Ach, wirklich?" Ginas Augenbrauen schoben sich nach oben.
"Wirklich. Was da gestern passiert ist, das ... "
"Du willst mir doch wohl nicht sagen, es sei dir nicht ernst gewesen?"
"Ernst schon, nur war die Zeit die falsche."
"Die falsche Zeit?" Gina starrte Tom an. "Was soll das?"


Noch eine kurze Anmerkung zu den "..."
Häufig werden diese drei Punkte falsch benutzt. Die drei Punkte haben nämlich zwei Bedeutungen in einem Text. Entweder symbolisieren sie den Abbruch eines Wortes oder den Abbruch eines Satzes. Je nach Sinn sind die Punkte unterschiedlich einzusetzen. Bei einem Wortabbruch stehen die drei Punkte direkt am Wortkürzel, bei einem Satzabbruch sind die drei Punkte vom letzten Wort des Satzes durch ein Leerzeichen getrennt.

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"Das kannst du doch nicht ma..."
"Was glaubst du eigentlich, wer du ... "




3. Teil: Info-Dumping im Dialog

Oftmals werden Dialoge zum Info-Dumping missbraucht. Unter Info-Dumping versteht man Mitteilungen, die von einer Figur an eine andere weitergegeben werden, aber eigentlich an den Leser gerichtet sind. Dieses Info-Dumping findet man sehr häufig bei Fernsehserien, die sehr schnell produziert werden müssen, wie etwa Telenovelas oder Daily Soaps. Die Ursache dafür besteht meist darin, dass die Drehbuchschreiber einfach keine Zeit haben, sich zu überlegen, wie man eine bestimmte Informationen besser an den Leser bzw. den Fernsehzuschauer bekommt. Hier ein sehr typisches Beispiel für so ein Info-Dumping:

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Mutter Wieland hob den Kopf, als die Haustür ins Schloss fiel. Sie wandte sich ihrem Mann zu. "Da kommt Max, unser Sohn, der Arzt."


So etwas ist nur "Aua!" Denn Mutter Wieland wie auch Vater Wieland wissen, dass Max ihr Sohn ist. Und sie wissen auch, dass Max von Beruf Arzt ist. Die Informationen in diesem Satz "Max = ihr Sohn = Arzt" sind also ausschließlich an den Leser (oder den Fernsehzuschauer) gerichtet, damit der die Figur Max richtig einordnen kann. So bitte nicht!

Wenn man solche Informationen unbedingt braucht bzw. dem Leser vermitteln muss, dann macht man besser über eine kleine Dialogszene:

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Mutter Wieland hob des Kopf, als die Haustür ins Schloss fiel. "Max? Bist du das?"
"Ja, Mutter", kam es zurück.
"Wie war's in der Klinik?" Vater Wieland säbelte umständlich eine Scheibe vom Brotlaib ab. "Hast du heute vielen Leuten die Bäuche aufgeschnippelt?"


Die Information ist die gleiche: "Max = ihr Sohn = Arzt", nur kommen hier diese Informationen nicht so banal (oder brachial) rüber. Außerdem hat sich ein nettes Bild ergeben: Vater säbelt Brot und fragt nach chirurgischen Feinheiten - und legt gleichzeitig die Basis für einen nachfolgenden Konfliktdialog (Mutter Wieland könnte empört sein über Vater Wielands Wortwahl, oder Max fühlt sich von seinem Vater nicht ernst genommen).


So, das wär's erst einmal zum Thema Grundlagen Schreibhandwerk Dialog. Alles Genannte hat meiner Meinung nach nichts mit besonderer Kreativität, schöpferischem Schreiben oder ähnlichem zu tun, sondern das ist blanke Technik, nichts weiter. Man muss nur wissen, wie es geht und wie man sie für sich anwenden kann.

Grüße
Siegfried

g.c.roth

schreibhandwerk-grundlagen-dialog

von g.c.roth (09.05.2007, 19:21)
Hallo Siegfried
ich freue mich sehr, dass Du weiter machst!
Habe mich auch gleich erwischt. Schreibe gerade an einem Text mit vielen kleineren Dialogen. Gleich im ersten Absatz wurde ich fündig:

„Cool! Ganz bis nach oben?!“ rief sie begeistert.
„Natürlich ganz bis nach oben!“ lachte ich.


Werd ich jetz mal ändern in:
[i]„Cool! Ganz bis nach oben?!“ rief sie begeistert.
„Natürlich ganz bis nach oben!“ erwiderte ich lachend.[/i
]

Und siehe da, der Text erleidet keinen Schaden dadurch.

Gruß
Grete
:D

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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (10.05.2007, 06:36)
Hallo Siegfried,
ich freue mich, dass Du weitermachst. Ich muss gestehen, bis jetzt habe ich die Methode, Sprecherverben durch andere Verben zu ersetzen, für legitim gehalten. Natürlich wusste ich, dass niemand eine Antwort grinsen kann, aber offensichtlich habe ich mich von zu vielen schlechten Beispielen auf einen falschen Weg bringen lassen.
Viele Grüße
wgbajohr
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wgbajohr
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Re:

von wgbajohr (10.05.2007, 06:44)
Hallo Grete,
wenn Du schon beim Korrigieren bist, dann setzt Du vielleicht auch noch vor "rief" und "erwiderte" jeweils ein Komma.
Viele Grüße
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hwg
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Re:

von hwg (10.05.2007, 07:41)
Siegfried,
für Deine Bemühungen
gibt es von mir nur
diese Antwort:
"Bravo!!!"

g.c.roth

Nachricht

von g.c.roth (10.05.2007, 07:47)
Hallo wgbajohr,
danke für Deine Aufmerksamkeit.
Nicht nur vielleicht - sondern ganz bestimmt - habe die Kommatas im Original schon drin! :wink:
Auch Dir einen schönen Tag!
(Aber es ist schon so, dass ich sie gefühlsmäßig setze und nur wenige Regeln befolge. Vielleicht wird Siegfried das Thema ja noch mal auffrischen, ist schon so lange her...)

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Adriana
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Re: Schreibhandwerk Grundlagen Dialog

von Adriana (10.05.2007, 10:56)
dbs (Moderator) hat geschrieben:
Alles Genannte hat meiner Meinung nach nichts mit besonderer Kreativität, schöpferischem Schreiben oder ähnlichem zu tun, sondern das ist blanke Technik, nichts weiter. Man muss nur wissen, wie es geht und wie man sie für sich anwenden kann.


Dagegen sagt bestimmt niemand was :D .
Sehr nützlich, der Artikel!
LG, Adriana.

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (10.05.2007, 21:22)
Hallo Siegfried,

du solltest den Fernsehmachern unter die Arme greifen und ihnen das Info-Dumping (was für ein wunderbarer Begriff für diese Unsitte) austreiben!

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Judith
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Re:

von Judith (06.08.2007, 12:09)
Hallo Siegfried,

vielen Dank für die gute Zusammenstellung! :D

Vieles davon habe ich "gelernt", indem ich andere Bücher aufmerksam gelesen bzw. darin nachgeschlagen habe. Trotzdem hilft es, manche Dialoge nochmal zu überdenken. Und ich habe nun endlich begriffen, wie es mit den Leerzeichen bei den "..." aussieht. Ist zwar logisch (wenn man's weiß), aber bisher hatte ich dazu nie eine klare Aussage gefunden. Ich hatte auch grundsätzlich die Leertaste weggelassen.

Schöne Woche wünscht
Judith

hwg
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Re:

von hwg (07.08.2007, 09:36)
Gäbe es keine Fehler, wären Lehrer, Kritiker, Korrektoren und Lektoren - und somit viele Berufsstände - überflüssig! :lol: :wink: :D

tche
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Re:

von tche (25.10.2010, 10:29)
Hallo zusammen,

die Suche "Dialog im Dialog" hat mich zu diesem Thread geführt. Folgendes Beispiel:

»Ja klar! Und ich wusste das auch vorher, dass ich das nicht schaffe, aber ich wollte halt unbedingt dabei sein. Stellt euch vor: Ich klettere mit letzter Kraft diesen gottverdammten Anstieg hoch, um dann am Gipfel zu hören, dass die mich rausnehmen wollen: ‚Nee, mein Jung, so geht das nich, nich mit mir. Das lässt Du mich noch schön runterfahren, und was Du unten machst, das ist mir Schnuppe. Die Abfahrt, die lässt Du mir noch!‘«

Der Spruch: "Nee, mein Jung, so geht das nich, nich mit mir. Das lässt Du mich noch schön runterfahren, und was Du unten machst, das ist mir Schnuppe. Die Abfahrt, die lässt Du mir noch!" ist also Bestandteil des Dialogs. Die Person gibt hierbei etwas aus der Vergangenheit wieder, während sie in der Gegenwart spricht. Wie lautet die korrekte Zeichensetzung?

Viele Grüße,
Thomas

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