Mensch, ärgere dich nicht!

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Detlef Schumacher
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Mensch, ärgere dich nicht!

von Detlef Schumacher (25.01.2010, 16:11)
Mensch, ärgere dich nicht!
Die ersten Jahre meines Lehrerseins waren insofern anstrengend, als ich mich verbissen bemühte, ein untadelig fähiger Pädagoge zu sein. Der Wind des Lebens war mir bislang nur lau um die Nase gefächelt. Ich war noch sehr jung, nur einige Jährchen älter als meine ältesten Schüler.
Eines Tages wurde ich gebeten, vertretungsweise eine 3. Klasse zu unterrichten, für wenige Stunden nur. In selbstbewusster Überzeugung, diesen Knirpsen mit Links pädagogisch zu kommen, betrat ich den Unterrichtsraum. Vierundsechzig Augenpaare waren neugierig auf mich gerichtet.
Vor mehr als fünfzig Jahren waren die Klassenstärken noch erheblich.
Die Stille, die über den kleinen Häuptern lag, hatte etwas Lauerndes. Erwartet hatte ich, dass man mich mit einem jauchzenden „Guten Morgen!“ begrüßt. Das inhaltsleere „Hallo!“ war damals noch nicht üblich.
Weil die Masse stumm blieb und darauf wartete, dass ich das Wort nehme, schmetterte ich ein überschwängliches „Guten Morgen!“ in den Raum. Ein Mädchen mit niedlichen Zöpfen am Kopf, in der ersten Bank sitzend, schreckte zurück. Ich ging zu gemäßigtem Ton über und sagte, dass wir uns ein bisschen in unserer Muttersprache umsehen wollen. In ihr gebe es viel Interessantes zu entdecken, zum Beispiel auch die Rechtschreibung.
Lange Gesichter.
Während ich nun bemüht war, die Kinder für meine Absicht zu begeistern – bei anhaltend betretenem Schweigen derselben - rutschte plötzlich ein Knabe von seiner Bank zu Boden.
Ich vermutete, ihm sei wegen meiner Ankündigung schlecht geworden. Hilfreich wollte ich zu ihm eilen, was mir wegen der aneinander gereihten, niedrigen Klappbänke, wie sie damals in Dorfschulen noch zu finden waren, nicht gelang. Krampfhaft überlegte ich, wie ich den zu Boden Gegangenen erreichen könnte. Mir war nicht wohl in meiner Haut, da ich im Umgang mit Schülern dieser Altersgruppe noch ungeübt war.
Hilfesuchend sah ich in die Gesichter der Jungen und Mädchen, die meinen ängstlichen Blick mit stoischer Ruhe hinnahmen. Ihr mangelndes Mitgefühl machte mich ärgerlich.
Schon drängte mich der Entschluss, auf die erste Bank zu steigen und auf diese Weise die nächsten zu beschreiten, da tauchte unter ihr der verschwundene Knabe auf und sagte: „Mensch, ärgere dich nicht!“
Meine Gefühlslage entkrampfte sich zwar, doch die Anrede erregte meine pädagogische Konsequenz. Als ich ansetzte, ihn auf notwendige Höflichkeit hinzuweisen, hielt er mir eine kleine rote Spielfigur eines Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels entgegen und fügte zufrieden lächelnd hinzu: „Die war unter die Bank gefallen.“

hwg
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Registriert: 24.04.2007, 16:39

Re:

von hwg (26.01.2010, 10:45)
:lol: Guten Tag Detlef!

Beinahe wäre ich seinerzeit auch Lehrer geworden.

Ich kann mir gut vorstellen, wie es damal einem
Jungpädagogen hätte ergehen können.

Bei uns waren vor gut 50 Jahren noch bis zu 48 Schüler
in einer Klasse.

Die kurze Geschichte gefällt mir sehr gut!

Kollegialen Gruß!
Hans
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Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (26.01.2010, 11:20)
Danke und kollegialen Gruß zurück,
Detlef

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