Handwerklich gut oder schlecht?

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dbs

Re: Handwerklich gut oder schlecht?

von dbs (11.05.2007, 15:19)
Hallo!

Ich habe gestern abend so in einer lauen Viertelstunde mal versucht, den zur Diskussion gestellten Text ein wenig durch Einsatz von handwerklichen Mitteln zu überarbeiten. Ich will nicht behaupten, meine Version sei besser, aber sie berücksichtigt zumindest ein paar grundsätzliche Regeln des Schreibhandwerks. Ich stelle sie einfach mal zur Diskussion.

Hier das Original:

Zur gleichen Zeit ist Detective Bill Raider beim Einsatz. Raider ist Mitte dreißig, mit einem durchtrainierten, muskulösen Körperbau. Er trägt ein weißes Muscle-Shirt und schwarze Lederhosen. Er steht vor einer Stahltür. Neben ihm diskutieren einige Polizisten die Situation.

Raider hämmert mit der Faust an die Tür. "Hallo? Können Sie mich hören?"

In einem kleinen, dunklen Labor hinter der Stahltür steht ein kleiner Mann mit grauem Haar, Bart und einer Brille, in einem weissen Laborkittel an einem Labortisch. Ein rotes Licht blinkt warnend über der Labortür und das Geräusch einer Alarmsirene ist überdeutlich zu hören. Verstreut über den ganzen Tisch, an dem der Mann arbeitet, liegen Messbecher und Glasflaschen. Er ignoriert das Warnlicht und den Alarm vollkommen, denn er ist versunken in seine Arbeit. Vor ihm hängt ein kleiner Glasbehälter über einem Bunsenbrenner. Die Flüssigkeit in dem Behälter sprudelt. Der Mann nimmt ein Reagenzglas und füllt vorsichtig einige Tropfen aus dem Glas in den Behälter.

Plötzlich sprenbt eine gewaltige Explosion die Stahltür aus den Angeln. Raider wird an die Wand geschleudert. Dichter Rauch steigt auf. Lachend kommt der kleine Mann, rußverschmiert im Gesicht, aus dem Labor und hält das Reagenzglas in der Hand.

"Ein winziges Tröpfchen zuviel." Geistesabwesend sieht er Raider und die anderen Polizisten an. "Was ist los?"

Raider steht auf. "Was los ist? Wir wurden informiert über ein Labor in Flammen und kein Kontakt zu den Personen in dem Labor."

Immer noch vollkommen in sein Projekt vertieft zeigt der Mann Raider das Reagenzglas. "Dies ist wirklich ein Durchbruch! Nur einige Tröpfchen dieser Flüssigkeit und wir sind in der Lage, die komplette Wasserversorgung zu revolutionieren."


(aus: Kira Cain - Gatecrasher; erschienen bei Lulu.com)

und hier meine "Fälschung":

Bill Raider nannte sich in Gedanken einen Vollidioten. Wieso nur war er heute morgen auf die Idee gekommen, die lange schwarze Lederhose anzuziehen, wo doch der Wetterbericht für Südkalifornien Temperaturen von mehr als 30 Grad vorausgesagt hatte? Jetzt stand er da, schwitzte sich tot und musste auch noch die grinsenden Gesichter seiner Kollegen ertragen, die in luftigen Polizeiuniformen hinter ihm standen.

Er wandte sich der Stahltür zu. Keine Klinke, nur ein Knauf. Bill zog daran, doch die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Er klopfte mit den Fingerknöcheln an das Metall. „Hallo? Können Sie mich hören? Hier ist die Polizei!“

Es tat sich nichts. Bill wartete noch einen Moment, dann hämmerte er mit der Faust drei Mal gegen die Tür. „Hier ist die Polizei!“, wiederholte er. „Machen Sie die Tür auf.“

Bill legte ein Ohr gegen die Stahltür und lauschte. Zunächst hörte er nichts außer dem Rauschen seines eigenen Blutes in seinem Innenohr. Dann glaubte er das Klirren von Glas zu vernehmen, also ob Flaschen aneinander stoßen. Und plötzlich fluchte jemand hinter der Tür.

Bill machte einen Schritt zur Seite – keine Sekunde zu früh. Die Stahltür flog auf, nur Zentimeter an Bills Gesicht vorbei, und ein Mann in einem weißen Laborkittel stürmte auf ihn zu.

„Weg hier!“, brüllte der Mann und rannte Bill über den Haufen.

Bill krachte der Länge nach zu Boden. Etwas Spitzes bohrte sich schmerzhaft in sein Hinterteil. Ein Stein. Der Mann stolperte über Bill, fiel auf ihn, rollte zur Seite.

Dann explodierte etwas mit donnerndem Getöse. Bill war, als ob ihn eine riesige unsichtbare Hand packte und über den Boden schleifte. Die Stahltür knallte gegen die Wand und ließ Putz auf Bill prasseln. Die Türöffnung spuckte Rauch, Dreck, gesplittertes Mobiliar. Und Papier. Berge von zerfetztem Papier. Als Bill die Augen öffnete, blickte er in einen Himmel, aus dem es Papier wie übergroßes Konfetti regnete. Bill schaute zur Seite und sah das staubverschmierte Gesicht des Mannes aus dem Labor. Quer über die Stirn zog sich ein Riss, aus dem etwas Blut quoll.

„Die Dosis war wohl etwas zu stark.“, sagte der Mann und hustete.

Bill hörte die Worte des Mannes nur dumpf und wie aus weiter Ferne. Die Explosion dröhnte noch immer in seinen Ohren. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte Staub. Als er den Kopf hob und an sich herunterblickte, entdeckte er drei Glassplitter, die in seinem linken Hosenbein steckten. Vorsichtig und mit sehr spitzen Fingern zog er sie heraus. Dann tastete er sein Bein ab. Nichts, keine Schmerzen, kein Blut.

Was für ein Glück, dachte er, dass ich heute morgen die Lederhose angezogen habe.



Was habe ich verändert?

Zunächst einmal bleibt die Erzählperspektive ausschließlich bei dem Protagonisten, also diesen Bill Raider. Und Bill hat von Beginn an ein kleines Problem - er kommt sich vor seine Kollegen wegen der falschen Kleidungswahl etwas lächerlich vor.

Was wegggefallen ist, das ist der Blick hinter die Tür. Somit gibt es ein kleines Rätsel für den Leser, was sich dort befindet. Dass sich dort ein Labor befindet und jemand am Herumexperimentieren ist, kann sich der Leser im Laufe der Handlung selbst erschließen. Leser sind nicht blöd!

Bill kann die Tür nicht öffnen. Im Original gibt es dafür keine Begründung (immer daran denken: Verhält sich die Figur logisch bzw. schlüssig? Gilt das Prinzip von Ursache und Wirkung?). Bill klopft also an und gibt sich als Polizist zu erkennen (was mir erspart, ihn als Polizei-Detective durch Nennung "Detective Bill Raider" einzuführen). Als niemand öffnet, reagiert Bill so, wie die meisten anderen Menschen auch. Er lauscht.

Das Lauschen ermöglicht mir die Benutzung eines der fünf menschlichen Sinne. Bill hört etwas. Viele Autoren benutzen häufig nur die Optik, also was man sieht, und vergessen dabei die anderen vier Sinne.

Mit einem Mal bekommt die recht statische Szene Dynamik. Die Tür fliegt auf, der Labormensch kommt schreiend herausgestürzt, rennt Bill über den Haufen, und dann fliegt das Labor in die Luft.

Was für Folgen die Explosion hat und wie Bill als Perspektivfigur sie empfindet bzw. was sie mit ihm macht, kann man nun prima beschreiben. Auch die Nachwirkungen.

Am Ende kehrt der Blick wieder auf die Lederhose zurück, mit der die Szene begonnen hat. Somit ist die Szene geschlossen - und der Forderung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow ist auch genüge getan. Denn Tschechow hat mal - sinngemäß - gesagt: "Wenn in einer Geschchte ein Gewehr an der Wand hängt, dann muss es auch irgendwann schießen". Soll heißen: Alle Figuren und Gegenstände, die in einem Text erwähnt werden, müssen eine Aufgabe erfüllen, sonst haben sie in dem Text nichts zu suchen.

In diesem Sinne
Siegfried

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Re:

von Adriana (11.05.2007, 16:33)
Schon sehr viel besser! Die Situation wird durch Siegfrieds Änderungen anschaulich, nachfühlbar. Die Löcher in der Logik wurden gestopft, die Figuren erwachen zum Leben und der Gag mit der Lederhose kommt auch gut :) .
Das einzige, was ich am geänderten Text noch zu mäkeln hätte, wäre zuviel Umgangssprache (oder auch unkonkrete Klischeeformulierungen) im Erzähltext, wie z.B. "über den Haufen rennen" oder "schwitzte sich tot". Im Dialog wär das ja völlig okay - aber in der Autorensprache?
Ansonsten liest sich die überarbeitete Version ausgesprochen spannend und flüssig 8) .

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