Der Schneemann

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Daddy
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Der Schneemann

von Daddy (01.08.2010, 10:39)
Titel: Der Schneemann
Autor: Günter Schäfer



Der Autor über das Buch:

Nach "Tod auf dem Daniel" nun der zweite Fall des Augsburger Ermittlungs-Duos MArkowitsch und Neumann.

Der Roman steht kurz vor seiner Veröffentlichung. Die nachfolgenden Textpassagen sollen einen ersten Eindruck vermitteln.

Über ein entsprechendes Feedback (positiv oder auch kritisch) würde ich mich freuen.

Klappentext:

Beim Tod des Golfspielers John Stiller, der in Insiderkreisen auch als "Der Schneemann" bekannt ist, tappt die Augsburger Kripo zunächst völlig im Dunklen.

Erste Ermittlungsergebnisse öffnen jedoch nach und nach die Türen zu zwielichten Drogengeschäften, in die auch ein Staatsanwalt verwickelt scheint.

Die beiden Kriminalbeamten Robert Markowitsch und Peter Neumann versuchen in mühsamer Kleinarbeit Licht ins Dunkel zu bringen, und den Hintermännern auf die Spur zu kommen.

Inhalt:


Um wieder einmal beim alljährlichen Turnier in Augsburg teilzunehmen hatte sich Johannes Stiller dazu entschlossen, sein Domizil auf Kuba vorübergehend zu verlassen. Viel zu selten sah er seine Heimatstadt, seit er damals durch den Bruder mehr oder weniger dazu genötigt wurde Deutschland zu verlassen. Die zeitweilige Rückkehr sah er inzwischen jedoch als problemlos an. Er hatte auf Kuba relativ schnell ein gewisses Ansehen als Golfspieler erlangt.
Nachdem er aus anfänglicher Langeweile sein überraschend gutes Händchen für den Golfsport entdeckt und sich so im Laufe der Zeit einen entsprechenden Namen gemacht hatte, war er auch international ein gern gesehener Gast auf so manchem der großen Golfturniere. Außerdem war dieser Sport die perfekte Tarnung für seine kleinen Nebengeschäfte.
Den Temperaturen seiner zweiten Heimat angepasst, hatte er sich stets in schneeweiße Klamotten gepackt. So ließ sich die an manchen Tagen gnadenlose Hitze besser ertragen, mit der er anfangs als Westeuropäer doch immer so seine Probleme hatte. Und da ihm Weiß nun einmal gefiel, legte er sich nach und nach auch seine gesamte Golfausrüstung in diesem Farbton zu. So war es denn auch nur eine Frage der Zeit, bis man ihm in der Sportszene einen eigenen Spitznamen verpasste. Johannes Stiller grinste in sich hinein, als er an die Zweideutigkeit dieser Titulierung dachte:

Der Schneemann!

Mit diesem Namen war er zwischenzeitlich auf fast allen großen Golfplätzen in der Welt bekannt geworden. Deutschland hatte er in den ersten Jahren bei seiner Turnierteilnahme immer noch ausgelassen. Es sollte zunächst erst einmal lange genug Gras über die Vergangenheit wachsen. Dieser Ansicht war zumindest sein Bruder, der damals zukünftige Herr Staatsanwalt.
Johannes Stiller grinste wieder vor sich hin, als er an die Vergangenheit dachte. Einerseits trauerte er dieser immer noch nach, andererseits war er froh, dem damaligen Schlamassel so glimpflich entronnen zu sein.
Jedoch, wie hätte sich sein Leben wohl entwickelt wenn nicht Andreas, sondern er, Gerd Fugger, als erstes das Licht der Welt erblickt hätte? Schnell wischte er diesen Gedanken wieder beiseite. Sieben Minuten konnten in diesem Fall wohl kein Schicksal ändern. Okay, zwar wäre dann er der Ältere gewesen, ob sich das jedoch auf die wesentlichen Eigenschaften seines Charakters ausgewirkt hätte bezweifelte er.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse in der Zwillingsforschung zeigen, dass sich eineiige Geschwisterpaare in ihrem äußeren Erscheinungsbild sehr oft bis auf nur minimale, kaum erkennbare Unterschiede gleichen, und dies zum Leidwesen ihrer Angehörigen, ihrer Lehrer oder auch in sonstigen Lebenssituationen gnadenlos zu ihrem Vorteil ausnutzen. Jedoch ist es dagegen oftmals der Fall, dass die Charakterzüge nicht übereinstimmen. Eine Tatsache, welche schon so manchem Zwillingspärchen ungewollten Ärger einbrachte. So auch geschehen in der Familie Fugger.
Während sein Zwillingsbruder Andreas schon immer ein strebsamer Typ war der ganz genau wusste was er erreichen wollte, versuchte sich Gerd in erster Linie mit den schönen Seiten des Lebens anzufreunden. Dazu gehörten seiner Meinung nach nun einmal Mädchen, Alkohol, Kokain und Geld. Ohne Letzteres gab es meist all das Andere nicht, und dies stellte auch immer sein größtes Problem dar. Im Elternhaus war man zwar nicht kleinlich gewesen, allerdings nur so lange bis heraus kam, dass Gerd Fugger so ganz und gar nichts von ehrlicher Arbeit hielt. Er vertrat stets die Meinung, dass man die Zeit die man zum Geldverdienen brauchte, durchaus auch angenehmer verbringen konnte. So schmiss er dann irgendwann sein Studium hin, und bewegte sich in erster Linie auf der von ihm so geschätzten Sonnenseite des Alltags.
Die meiste Zeit verbrachte er damit auf sein erhofftes Erbe zu warten, und in der Aussicht darauf immer wieder Schulden zu machen. Seine Herkunft brachte ihm in dieser Hinsicht einen kleinen Vorteil. Der Name Fugger stand in Augsburg schon immer für Ansehen und Wohlstand, obgleich seine Eltern außer ihrem Namen nichts mit den berühmten Fuggern aus Augsburg gemeinsam hatten.
Dass sich Gerds Hoffnungen noch einige Jahre hinziehen konnten, war in dessen Augen damals eher zweitrangig. Es sollte seiner Ansicht nach doch genügen, wenn einer der beiden Brüder einen anständigen Beruf erreichte. Seiner Meinung nach war Andreas viel besser dafür geeignet. Strebsam wie immer stand dieser kurz davor, sein Jurastudium mit Erfolg abzuschließen. Staatsanwalt wollte er werden. Der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Wobei Gerd jedoch ganz genau wusste, dass Andreas auch nicht in jeder Hinsicht eine weiße Weste hatte. Er erinnerte sich noch genau an die Worte die er ihm ins Gesicht sagte, wenn es mal wieder Probleme zwischen ihnen gab.
Sein großer Bruder konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn er sich immer wieder für die Eskapaden des Kleinen rechtfertigen musste.
Ich kenne eine ganze Reihe der Leute aus den Kreisen in denen du verkehrst. Ich habe langsam die Nase voll, mich immer wieder wegen unseres Aussehens aus dem Schlamassel in den du dich hinein manövrierst heraus reden zu müssen. Treibe es nur nicht zu weit Gerd. Unsere Vorstellungen von der Zukunft gehen weit auseinander, und ich werde mir meine nicht von dir zerstören lassen. Glaube mir eines, Bruderherz: Ich werde notfalls auch über Leichen gehen um mein eigenes Lebensziel zu erreichen.
Johannes Stiller verzog etwas zynisch seine Mine, als er an die Folgen für sich dachte. Er erinnerte sich noch ganz genau daran wie sich alles zugetragen hatte, sodass er letztendlich hier in Kuba gelandet war. Wie in einem Zeitraffer lief das damalige Geschehen wieder vor seinem geistigen Auge ab.
Irgendjemand aus der Augsburger Szene hatte der Polizei einen Tipp gegeben. Als er dann eines Abends mal wieder seinen Geschäften, wie er es selbst nannte, nachging, platzte von einer Sekunde auf die andere ein Sonderkommando der Drogenfahndung dazwischen.
Gerd Stiller schauderte es, als er daran dachte. Es drohte zunächst einen riesigen Skandal in Augsburg zu geben als herauskam, aus welchen Kreisen er stammte. Nur den inzwischen gut gewachsenen Beziehungen seines Bruders war es zu verdanken, dass der Name der Familie Fugger nicht ans Licht der Öffentlichkeit kam. Jedoch hatte dieser Umstand für ihn weitreichende Folgen.
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Wilhelm Stadler stand nach Feierabend am Fenster seines Büros und sah Matthias soeben auf das Gelände fahren. Seiner Kleidung nach zu urteilen kam er wohl aus seinem Golfclub. Zunächst war der alte Stadler ganz und gar nicht damit einverstanden gewesen, dass Matthias die ersten Gelder in dieses Geschäft stecken wollte. Er ließ sich jedoch von ihm davon überzeugen, dass die dadurch entstehende Publicity durchaus vorteilhaft für die Brauerei sein konnte. Die Spezialitäten des Hauses konnten so weiterhin verbreitet werden, denn die alljährlichen Turnierveranstaltungen zogen eine ganze Reihe Prominenter an. Und Matthias sorgte stets selbst dafür, dass der Club die entsprechenden Lieferungen in bester Qualität erhielt.
Er kam soeben aus dem Wohnhaus zurück und machte sich sogleich daran, das am Nachmittag angekommene Leergut selbst zu entladen. Wilhelm Stadler sah dies mit Wohlgefallen. Er musste sich eingestehen, dass sein Sohn entgegen seiner Befürchtungen nun anscheinend doch eine recht positive Entwicklung zeigte. Deshalb hatte er sich am Nachmittag auch frei genommen um den vereinbarten Termin bei seinem Notar wahrzunehmen. Seiner Meinung nach war es nun an der Zeit sich über den eigenen Ruhestand Gedanken zu machen, wollte er diesen noch ein paar Jahre genießen.
Selbstverständlich würde er seinen Sohn auch danach noch unterstützen, falls es notwendig sein sollte. Doch er war sich in diesem Moment sicher, mit dem Aufsetzen des Testamentes nun den richtigen Schritt getan zu haben. Matthias Geburtstag war nicht mehr fern, und er wollte die Tradition seiner Eltern und Großeltern fortführen.
Der Brauereibesitzer verließ sein Büro und begab sich hinaus in den Hof. Er hatte sich entschlossen mit Matthias darüber zu sprechen wie er, Wilhelm Stadler, sich die weitere Zukunft vorstellte.
Als er ihm gerade etwas zurufen wollte scherte Matthias mit dem Stapler aus, bemerkte dabei jedoch nicht, dass sich sein Vater ihm seitlich von hinten genähert hatte.
Gerade noch rechtzeitig entdeckte er ihn im Außenspiegel und trat vehement auf die Bremse. Das Fahrzeug bockte gewaltig, und die beiden oberen der vier Paletten die er auf die Gabeln geladen hatte, begannen beängstigend zu schwanken.
Einer Zeitlupenaufnahme gleich kommend konnten Vater und Sohn mit weit aufgerissenen Augen dabei zusehen, wie diese mit einem ohrenbetäubenden Krachen und dem darauf folgenden Lärm von zersplitterndem Glas auf dem Betonboden aufschlugen. Matthias Stadler saß für einige Sekunden regungslos auf seinem Sitz, reagierte danach allerdings äußerst aufgebracht als er bemerkte, was diese Aktion gerade vor seinen Augen angerichtet hatte. Panik schien sich in ihm breit zu machen und er biss sich fast schmerzhaft auf seine Unterlippe. In rasend schneller Folge schossen ihm die Gedanken durch sein Gehirn. Wie konnte er diese heikle Situation in den Griff bekommen?
„Was zum Teufel hast du im Ladebereich des Staplers zu suchen, Vater?“ schrie er den alten Mann an, indem er mit seinen beiden Fäusten aufgebracht gegen das Lenkrad des Fahrzeugs schlug.
„Du solltest als Chef doch ganz genau wissen, dass sich dort niemand aufzuhalten hat. Ich hätte dich beinahe über den Haufen gefahren.“
Kreidebleich im Gesicht stand der alte grauhaarige Mann da, und betrachtete sich den Schaden. Doch es war nicht der Verlust des Leerguts der beiden Paletten, der ihm seine fahle Gesichtsfarbe bescherte. Mit langsamen Schritten kam er näher und starrte ungläubig auf den Scherbenhaufen vor sich. Dann bückte er sich, wühlte etwas zwischen diesen Scherben, und betrachtete sich nun das, was er in seinen Händen hielt.
Mit fragendem Blick sah er seinen Sohn über die Schulter hinweg an.
„Was hat das zu bedeuten, Matthias?“, fragte er mit zitternder Stimme. „Ich erwarte eine Erklärung von dir wenn es das ist was ich vermute.“
Matthias Stadler, der zwischenzeitlich von seinem Fahrzeug abgestiegen war, blickte zu Boden und biss sich dabei auf die Unterlippe. Okay dachte er sich. Nun scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, dem Alten endgültig klar zu machen wie der Hase läuft.
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Das Bürogebäude der Augsburger Polizeiinspektion am Freitag, 11:45 Uhr. Normalerweise bereitet sich Kommissar Robert Markowitsch um diese Zeit langsam auf sein wohlverdientes Wochenende vor. Er hatte die Akte des aktuellen Falles zur Seite gelegt, seinen Schreibtisch aufgeräumt, und die gespülte Kanne seiner Kaffeemaschine an ihren Platz zurückgestellt. Er sah sich im Geiste bereits in seinem Stammcafe mitten in der Augsburger Fußgängerzone bei einem gemütlichen Tässchen Cappuccino sitzen und dabei die warmen Sonnenstrahlen genießen.
Markowitsch war gerade im Begriff sein Büro zu verlassen, als ihn das Telefon aus seinen Gedanken schreckte. Mit einem Blick auf das Display erkannte er, dass der Anruf vom Apparat seines Kollegen Peter Neumann kam. So nahm er den Hörer zur Hand und stieß dabei einen leisen Seufzer aus.
„Wenn sie mir nur ein angenehmes Wochenende wünschen wollen Neumann, so werde ich ihre Störung entschuldigen. Sollte ihr Anruf irgendetwas mit einem neuen Fall zu tun haben der mich davon abhält nun Feierabend zu machen, dann legen sie gefälligst den Hörer wieder auf und melden sich erst am Montagmorgen.“
Für einige Sekunden war Stille in der Leitung. Peter Neumann, seines Zeichens EDV-Spezialist der Augsburger Kriminalpolizei und rechte Hand von Markowitsch, überlegte einen Moment wie er seinem Chef die Situation erklären konnte, ohne ihm seine Vorfreude auf zwei ruhige Tage zu verderben. Wobei er sich ja eingestehen musste, dass in ihrem Job ein ruhiges Wochenende wohl eher zu den Ausnahmen zählte.
„Sagen wir mal so“, begann Neumann mit seiner Erklärung, „der Anruf, den ich vor einigen Minuten erhalten habe lässt darauf schließen, dass wir uns in der nächsten Zeit wohl ein wenig in den gehobenen Kreisen Augsburgs bewegen dürfen, Herr Kommissar.“
„Und was kann ich mit dieser Aussage nun anfangen, Neumann? Soll ich etwa zum Polizeidirektor befördert werden und weiß noch nichts davon, oder heiraten sie in die bessere Augsburger Gesellschaft ein? Werden sie bitte etwas präzise und dies nicht zu langatmig, denn ich bin schon so gut wie auf dem Weg ins Wochenende.“
„Was halten sie davon, wenn wir übers Wochenende mal auf den Golfplatz gehen?“
Markowitsch glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Wollte sein junger Kollege ihn veräppeln? Warum in aller Welt sollte er seine wenige Freizeit auf einem Golfplatz vertrödeln? Noch dazu, wo er inzwischen einer der unsportlichsten Polizeibeamten war die es in seinen Augen gab. In seinem Dienstalter zählte er sich nicht mehr zu den kraftstrotzenden Sportskanonen, sah sich eher als den denkenden Kopf. Wobei er aber das Golfspiel nicht zu den besonders anstrengenden Sportarten zählte. Allerdings hatte er sich auch nie mit dem Gedanken anfreunden können einen kleinen Ball mit einem Schläger über holpriges Gelände zu dreschen, nur um ihn letztendlich in irgendwelchen Erdlöchern zu versenken.
„Was in Gottes Namen sollte ich auf einem Golfplatz, Neumann? Ich habe weder die finanziellen Mittel dafür, noch verspüre ich irgendwelche Lust dazu auf der grünen Wiese mit kleinen Bällen zu spielen.“
„Von Freizeitbetätigung habe ich auch nichts gesagt, Herr Kommissar. Ich wollte sie in keiner Weise zum Golf spielen animieren. Allerdings gibt es in der Nähe der A8 ein wunderschönes, idyllisch gelegenes Grundstück“, meinte Peter Neumann.
„Aha“, sagte Markowitsch nur. „Und?“
„Na ja“, sprach Pit Neumann weiter. „Auf diesem wunderschönen Grundstück ist ein herrlicher Golfplatz angelegt.“
„Neumann, sie nerven. Ich sagte ihnen doch schon, dass ich …“
„… nicht Golf spiele. Ja, das haben sie bereits erwähnt, Chef. Aber auf diesem herrlichen Golfplatz wurde vor etwa einer Stunde ein Toter gefunden, und deshalb scheint unsere Anwesenheit dort draußen dringend erforderlich. Man hat vor einigen Minuten hier angerufen. Eine Streife ist schon vor Ort, die Spurensicherung ist ebenfalls verständigt.“
Markowitsch verzog mit einem säuerlichen Grinsen seine Mine. Sport ist Mord kam ihm ein altbekannter Spruch in den Sinn. In Gedanken verabschiedete er sich schon einmal von seinem ersehnten Wochenende, nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und frotzelte in den Hörer:
„Mensch Neumann. Dass man sich beim Motorsport, beim Boxen oder anderen gefährlichen Sportarten den Hals brechen kann, darüber bin ich mir ja im Klaren. Aber wie kann man beim Golfspiel sterben? Doch höchstens, wenn man besoffen in ein Wasserloch fällt oder vom Golfschläger eines Kontrahenten erschlagen wird. Zum Teufel mit diesen Hobbymillionären. Glauben die denn ich hätte am Wochenende nichts Besseres zu tun?“
In Anbetracht seiner dahin schwindenden Freizeit schlug der Kommissar ziemlich gereizt mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte.
„Gratuliere, Chef. Da haben sie mit ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen. Das war ein Ass, ein regelrechtes Hole in one.“
„Ein was?“, fragte Markowitsch. „Im Büro sprechen sie bitte Beamtendeutsch mit mir, Neumann. Wir sind hier nicht auf dem Golfplatz. Wie zum Teufel soll ich ihre Bemerkung verstehen?“
„Also“, begann Peter Neumann. „Als Hole in one bezeichnet man …“
„Ich weiß was Hole in one bedeutet, Neumann. Ich bin zwar keiner der Freizeitgolfer die sich überwiegend auf dem Rasen aufhalten, ein paar wenige der Standardbegriffe sind mir aber dennoch geläufig. Also Erklärung bitte.“ Markowitsch schaltete das Telefon auf Lautsprecher und legte den Hörer zur Seite.
„Sorry, Chef. Ich wollte ihnen nicht zu nahe treten“, hörte er die Stimme seines Kollegen aus dem Lautsprecher. „Ich meinte damit nur, dass sie mit ihrer Vermutung, der Tote sei erschlagen worden, anscheinend genau ins Schwarze getroffen haben. Laut Zeugenaussagen und dem ersten Bericht der Kollegen vor Ort wurde der Mann wohl mit einem Golfschläger ins Jenseits befördert. Die vermutliche Tatwaffe wurde in unmittelbarer Nähe der Leiche gefunden. Alle weiteren Umstände sind bisher noch ungeklärt.“
Markowitsch musste unwillkürlich schlucken. Wieder ein Wochenende beim Teufel dachte er sich etwas missmutig.
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Pit Neumann überlegte ob er noch in sein Büro gehen und sofort mit den Recherchen beginnen sollte, entschloss sich dann aber doch dazu, erst einmal nach Hause zu fahren. Wenigstens einen Abend wollte er von seinem Wochenende genießen. Und falls es ihm in den Sinn kommen sollte, könnte er sich erste Details auch von daheim aus übers Internet holen.
Als er mit seinem Wagen stadtauswärts kam, sah er in der Ferne das erleuchtete Firmenschild der Privatbrauerei Stadler. Einem spontanen Gedanken folgend bog er von der Straße ab. Wenige Minuten später stellte er sein Auto vor dem Tor einer Altbauvilla, die sich auf einem weiträumigen Grundstück neben der Brauerei befand ab, und stieg aus. Er sah sich kurz um, betrachtete sich den Zugang zum Grundstück, und seine ersten Gedanken dabei waren: Passt zu Matthias. Lifestyle pur. Als er über dem Tor das rote Licht einer Eingangskamera und an der Säule die Sprechanlage entdeckte, drückte er zweimal kurz hintereinander auf den Knopf. Etwa eine halbe Minute später vernahm er eine Stimme aus dem Lautsprecher.
„Ja bitte?“
„Peter Neumann. Könnte ich sie einen Moment sprechen, Herr Stadler?“
Für einen Augenblick herrschte Stille, dann öffnete sich die Eingangstüre neben dem großen Tor.
Der Kriminalbeamte ging mit zügigen Schritten auf die Eingangstüre der Villa zu. Kurz bevor er diese erreicht hatte, wurde sie geöffnet, und die beiden Männer betrachteten sich kurz. Matthias Stadler schien ein wenig überrascht.
„Peter Neumann? Der Pit Neumann?“, fragte er etwas erstaunt. Seine Hand streckte sich seinem Besucher entgegen. „Welch eine Überraschung. Was führt dich denn zu mir her? Komm rein, alter Junge. Lange nichts gehört von dir.“
Matthias Stadler machte einen Schritt zur Seite und gab Peter Neumann somit den Weg ins Haus frei. „Geradeaus ins Wohnzimmer. Kann ich dir etwas zu trinken anbieten? Asbach-Cola wie früher? Ich mag das Zeug immer noch.“
„Nein, danke. Bin mit dem Wagen hier. Eigentlich wollte ich heute nicht mehr zu dir kommen. Aber als ich auf dem Heimweg die Leuchtreklame sah dachte ich mir: warum nicht gleich. Hast du ein paar Minuten für mich?“
„Die nehme ich mir selbstverständlich“, antwortete Matthias Stadler. „Wann hat man denn schon mal die Gelegenheit dazu, sich mit den alten Kumpels von der Uni über vergangene Zeiten zu unterhalten? Oder gibt es einen besonderen Grund für deinen Besuch? Du sagtest, dass du erst später zu mir wolltest? Wie kann ich das verstehen?“
Inzwischen im Wohnzimmer angekommen, ließ sich Peter Neumann in den ihm angebotenen Ledersessel nieder. Er schlug die Beine übereinander und sah sich kurz im Raum um. Edel und teuer ging es ihm dabei durch den Kopf. Der lässt seine Kohle ganz schön raushängen.
„Kann ich dir irgendetwas Anderes anbieten?“, wurde er von der Stimme seines ehemaligen Studienkollegen aus den Gedanken gerissen. „Wasser, Saft? Oder vielleicht ein Bier? Schließlich habe ich ausreichend davon in Haus. Du könntest sogar darin baden.“ Matthias Stadler versuchte mit einem Lachen diesen Scherz rüber zu bringen, Peter Neumann allerdings ging nicht darauf ein.
Er sah ihm ins Gesicht und setzte ein wissendes Lächeln auf als er sagte: „Im Bier ersaufen, die schönste Art zu sterben. War das nicht früher schon immer dein Lebensmotto? Dein Vater hätte sich wahrscheinlich einen angenehmere Art gewünscht um aus dem Leben zu scheiden.“
Pit Neumann vernahm das leichte Zucken, das in diesem Moment durch den Körper von Matthias Stadler ging. Dieser schloss für einige Sekunden die Augen. Als er sie anschließend wieder öffnete, hatte sich der Ausdruck darin verändert. Mit leicht zusammen gekniffenen Lidern sah er stehend auf Peter Neumann herab.
„Du wolltest doch damals zur Kripo, als sich unsere Wege an der Uni trennten. Bist du etwa dienstlich zu mir gekommen? Dann muss ich dir leider sagen, dass die Geschichte mit dem Unfall meines Vaters längst abgeschlossen ist. Das war erwiesener Maßen ein verdammter Unglücksfall. Man hatte beim Reinigen der …“
„Erstens: Ja, ich bin bei der Kripo. Und Zweitens: Ich bin nicht wegen dem Tod deines Vaters hier“, unterbrach Peter Neumann abrupt den erregten Redefluss seines Gegenübers.
Erstaunt sah dieser ihn an. „Nicht? Weshalb bist du dann gekommen? Dein Verhalten deutet nicht unbedingt auf einen rein freundschaftlichen Besuch um der alten Zeiten Willen hin. Warum bist du hier, Peter?“
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Felipe Cortez wurde in der Nacht zum Sonntag durch das Läuten des Telefons unsanft aus seinen Träumen gerissen. Sein Schädel brummte noch gewaltig von der ausgelassenen Feier des vergangenen Abends. Er hatte Mühe sich zu orientieren. Zwar fand er sich in seinem Haus am Stadtrand von Santa Clara fast blind zurecht, fühlte sich allerdings auf Grund des Drogen- und Alkoholkonsums der vergangenen Stunden noch ziemlich benebelt. Nachdem er einen kleinen Schalter an der Wand über seinem Kopf betätigt hatte und dadurch der Lampenschirm auf seinem Nachttisch hell wurde konnte er erkennen, dass es kurz nach zwei Uhr morgens war.
„Lo que me llama idiota en este momento?”, brummte er erregt in den Telefonhörer, nachdem er diesen zur Hand genommen hatte. Ein Blick auf das digitale Display des Apparates zeigte ihm dann auch sogleich, dass es sich um ein Gespräch aus Deutschland handelte. Ein kurzes Überlegen verhalf seinem vernebelten Gehirn dann auch dazu, die Nummer des Anrufers zuzuordnen.
„Stadler, du verdammter Hund. Ich hoffe nur für dich, dass du einen sehr guten Grund hast, mich um diese Zeit aus meinem wohlverdienten Schlaf zu reißen. Was zum Teufel ist in dich gefahren, mich um zwei Uhr morgens aus dem Bett zu werfen?“
Die folgenden drei Worte die Cortez aus der Hörermuschel vernahm, ließen seinen Brummschädel innerhalb weniger Momente wieder klar werden.
„Stiller ist tot.“
Es folgte einige Sekunden Totenstille in der Leitung, fast so, als hätte jemand das Gespräch getrennt.
„Hast du mich verstanden, Felipe? Der Schneemann hat das Zeitliche gesegnet. Bist du noch dran, oder hat es dir die Sprache verschlagen?“
„Maldito, nein. Ich habe genau verstanden was du gesagt hast. Und deswegen schmeißt du mich aus dem Bett?“
Matthias Stadler war verblüfft. Hatte sein Gegenüber nicht verstanden was er eben gesagt hatte? „Stiller ist tot“, wiederholte Matthias Stadler. „Irgendjemand hat ihn am helllichten Tage mit einem Golfschläger ins Jenseits befördert.“
„Das weiß ich bereits, Stadler“, vernahm er die Worte des Angerufenen. Der hämische Unterton in den Worten von Felipe Cortez war nicht zu überhören.
„Du weißt es?“, fragte er überrascht. „Aber woher?“
„Das braucht dich nicht zu interessieren, Stadler“, blaffte Cortez genervt in den Hörer. „Nur so viel: Meine Beziehungen nach Deutschland sind gut, um nicht zu sagen aus erster Hand. Alles Weitere muss dich nicht berühren. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich hatte einen anstrengenden Abend.“
Damit schmiss Felipe Cortez den Anrufer aus der Leitung, baute aber sogleich eine neue Verbindung nach Deutschland auf.
Als dort am anderen Ende das Gespräch entgegengenommen wurde und sich der Angerufene meldete, sprach er ohne abzuwarten: „Stadler hat mich angerufen. Er scheint mir ziemlich nervös zu sein.“
„Dieser Idiot“, gab der Angerufene zurück. „Ich habe mir die Sache längst unter den Nagel gerissen.“
„Du weißt genau, dass ich verdammt noch mal über jede Kleinigkeit die aus dem Ruder läuft sofort unterrichtet werden will.“
„Ich habe hier aber, um es mit deinen Worten zu sagen, verdammt noch mal auch noch einen anderen Job zu verrichten als den deines persönlichen Informanten.“
„Du gehörst zu einem Personenkreis der als einer der Ersten von dieser Geschichte erfahren hat“, schrie der Kubaner in den Hörer. „Und ich erwarte von dir, dass du für Ruhe sorgst. Ist das klar?“
Einige Sekunden herrschte Stille zwischen den beiden Männern am Telefon. Dann sprach der Teilnehmer aus Deutschland weiter.
„Nun halt mal die Luft an, Felipe. Noch ist weiter nichts Gravierendes passiert. Schlimm genug für mich, dass Gerd tot ist. Bis jetzt steht noch nicht fest wer ihn beseitigt hat, aber das herauszufinden wird sicherlich nur eine Frage von wenigen Tagen sein. Das bin ich ihm und mir schuldig, egal was jemals zwischen uns vorgefallen ist. Sollte Stadler dahinter stecken, werde ich ihm sehr schnell das Handwerk legen. Ansonsten müssen wir die polizeilichen Ermittlungen abwarten.“
„Dann solltest du aber aufpassen, dass dabei nichts zu Tage kommt, was unsere Geschäfte gefährden könnte“, gab Cortez gefährlich leise zurück. „Sonst könnte es vielleicht passieren, dass du schneller von deinem Stuhl kippst als dir lieb ist.“
Grüße aus dem Donau-Ries

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Re:

von MarleneGeselle (02.08.2010, 08:10)
thumbbup Ich drück Dir die Daumen. thumbbup
Es gibt kein größeres Laster als Tugend im Übermaß.
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Re:

von Daddy (02.08.2010, 19:25)
:D Danke, wird schon werden. Hab das Buch gerade einer absoluten Krimiliebhaberin zum Testlesen gegeben. In 2 bis 3 Tagen hab ich ihr Feedback. Wenn das positiv ausfällt kann ich davon ausgehen, dass der Schneemann verlagsreif ist :lol:
Grüße aus dem Donau-Ries



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