Das grüne Hotel (15)

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Detlef Schumacher
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Das grüne Hotel (15)

von Detlef Schumacher (21.08.2010, 10:58)
Als ich am nächsten Morgen in einem fremden Bett erwachte, brummte mir der Kopf, als hätte ich in einem Bienenkorb genächtigt. Nur zähflüssig wurde mir bewusst, wo ich mich befand und wie ich zu diesem Brummschädel und zu der jungen Frau, die neben mir im Bett lag, gekommen war. Kollege Bastschuh und seine Zenzi hatten mich am gestrigen Abend in den Hintertutzinger „Ratshof“, eine gepflegte, typisch bayrische Gaststätte, zum Abendessen mit vielen Maas Weißbier eingeladen. Ich hatte dankend angenommen. Loisel und Zenzi, wie ich beide gegen Mitternacht und nach der zwölften Maas „Paulaner“ duzen sollte, hatten noch mehr Personen in den „Ratshof“ eingeladen. Davon wusste ich nicht, das hatte man mir nicht verraten. So saß ich mit meinen beiden Gastgebern nicht allein an einem Tischchen in einer gemütlichen Nische des urigen Gastraumes, sondern an einer langen Tafel, die von mehreren mich neugierig anschauenden Frauen und Männern besetzt war. Ich hatte das Gefühl, in eine pädagogische Ratssitzung geraten zu sein, denn die Leute, die mich wie einen Exoten bestaunten, waren ausnahmslos Lehrer des hiesigen Gymnasiums.
Seit eh und je ist es mir ein Gräuel, inmitten klug redender und besser wissender Lehrer zu sitzen. Immer wieder der gleiche blöde Quatsch, der da geredet wird. Ich hatte bisher wohl schlechte Erfahrungen gemacht, denn hier geriet die Ansammlung von Paukern zunächst zur Talk-Show. Bevor Knödel und Eisbein auf den Tellern dampften, musste ich vielerlei Fragen über mich ergehen lassen. Anfänglich war ich über deren Inhalt entsetzt, weil sie intelligentes Niveau vermissen ließen.
Ob mich die bösen Russen als Kind gequält hätten. Es sei berichtet worden, dass sie deutschen Jungen die Augen ausgestochen haben. Ich bat die junge Kollegin, die mich das gefragt hatte, mir tief in die Augen zu sehen. Ihr Gesicht lief rot an, weil sie das als Liebeserklärung verstanden hatte.
Wie viele dieser „Augenblicke“ mich noch erfasst hatten, wusste ich nicht zu sagen; die attraktive Kollegin sah ich jedenfalls am nächsten Morgen neben mir im Bett liegen. Krampfhaft kramte ich in meinem Gedächtnis, ob ich auch auf ihr gelegen hatte.
Im „Ratshof“ musste ich mir solche Gewissensbisse noch nicht machen, denn selbst eine ältere Kollegin, nahe dem Pensionsalter, wollte mir in die Augen sehen, weil – wie sie sagte – Augen nie trügen.
Trotz allen Schamgefühls war ich am nächsten Morgen froh, sie nicht auch im Bett zu haben.
Wie gesagt, dümmliche Fragen en masse, mit denen mich Hintertutzingens Intelligenz löcherte. Die einzige Frage, die von Überlegung zeugte, war die von Zenzi Mosthuber, der Verlobten des Alois Bastschuh. Sie wollte wissen, ob ich ebenfalls schon verlobt sei.
Bereits etwas angesäuselt erwiderte ich: „Mitnichten!“
„Oh!“ flötete es aus ihrem pausbäckigem Gesicht: „Er hots mit sanen Nichten!“
Sofort geriet ich in den Strudel schlüpfriger Fragen. Sie erstaunten mich nicht, weil derartige Sauigeleien auch in unseren Pädagogenkreisen üblich sind, wenn der Spiegel des Alkohols gestiegen und der des Geistes gesunken ist. Gott sei Dank entfuhren die erotischen Entgleisungen den Hintertutzinger Gymnasiallehrern erst nach dem Abendmahl. Mir war dieser Gesprächsstoff allemal lieber als ein langweiliges, unnützes Debattieren über die Bildungs- und Erziehungsunterschiede zwischen Bayern und dem restlichen Deutschland.
Alois und Zenzi war ich sehr dankbar, dass sie der Tischgesellschaft nicht erklärten, weshalb ich mich in Hintertutzingen befand. Sie sollten mich als neubundesdeutschen Pädagogen bestaunt sehen und nicht als Menschenräuber verachtet.
Die Nacht im „Ratshof“ war lang, sehr feucht und auch sehr ausschweifend. Den Höhepunkt erreichte sie, als der Direktor des Gymnasiums den Tisch bestieg – nur mit Unterhose bekleidet – und trunken rief: „Wanns anen gibt, der länger als i rülpse ko, dem spendier i a Fass Bier!“
Der Herr Direktor stimmte die Rülpsorgie an. Bei seinem Bemühen, das deftigste Bäuerlein aus der Kehle zu jagen, entfuhr ihm auch ein lauter Furz. Angeekelt dachte ich, dass solche Schweinerei in meinem Kollegium nicht vorkommen würde. Dann dachte ich gar nichts mehr, weil ich vom Stuhl unter den Tisch rutschte und Sekunden später einschlief.
Dass ich am nächsten Morgen in einem kuscheligen Bett aufwachte, stimmte mich zufrieden. Weniger jedoch der Anblick der jungen Gymnasiallehrerin, die neben mir fest schlief.
„Menschenskind!“ raunzte mein Ego böse, „schämst du dich nicht, mit einer fremden Frau im Bett zu liegen? Du bist verheiratet; hast du das vergessen?“
„Das habe ich nicht“, setzte ich mich zur Wehr, „aber vergessen, wie sie in das Bett gekommen ist.“
„Du warst besoffen“, wetterte mein Ich weiter. „Bevor du wie ein nasser Sack unter den Kneipentisch geplumpst bist, hast du der jungen Lehrerin zigmal an die Brüste gegrabscht. Pfui Deibel! So etwas ist Lehrer und will Vorbild für die Jugend sein!“
Beschämt fragte ich: „War denn Jugend dabei?“
„Gottlob nicht, aber die Lehrerin ist jung, weitaus jünger als du alter Lustmolch!“
„Du vergreifst dich im Ton“, wurde nun auch ich ärgerlich, „ich habe die junge Frau nicht gebeten, zu mir ins Bett zu steigen. Vielleicht wollte sie… -“
Augenblicklich brach ich den Satz ab, weil mich die Befürchtung beschlich, ich könnte die Kollegin gewaltsam mitgezerrt haben. Als Sexualstraftäter war ich zwar noch nie aufgefallen. Doch könnte es gewesen sein, dass ich im Delirium der Attraktiven Avancen gemacht und sie mit der Wortvielfalt meiner Süßholzraspelei – auf diesem Gebiet war ich Meister - betört hatte.
„Jetzt gehst du wohl in dich?“ unterbrach mein Ego mein Nachdenken so laut, dass ich fürchtete, die Schöne neben mir könnte wach werden.
Vorsichtig hob ich die Bettdecke, um aus dem Bett zu schlüpfen. Mein Ego meckerte: „Halt ein, Bube, du gehst zu weit! Berühre das unschuldige Fräulein nicht noch anderswo unsittlich!“
Ich verließ das Bett und suchte vor diesem nach meiner Kleidung.
„Die Klamotten hast du doch am Körper“, tadelte es von Innen her.
So war ich froh, mich in diesem Schlafzimmer nicht anziehen zu müssen. Auf leisen Schuhsohlen – auch die Schuhe hatte ich noch an den Füßen – schlich ich aus dem Raum. An der Tür verhielt ich kurz und schaute zu meiner Mitschläferin zurück.
Mein Ego kommentierte: „Hübsch die Kleine, nichts dagegen zu sagen. Aber jetzt raus mit uns!“

julia07
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Re:

von julia07 (21.08.2010, 12:22)
Witzig erzählt und sicher tausendfach so geschehen thumbbup

Als "Bayerin" haben mich allerdings ein paar regionale Begriffe gestört, die nicht nach Bayern gehören:
- Eisbein wird man kaum auf einer oberbayerischen Speisekarte finden. Hier heißt das Schweinshaxe.
- in einem "Ratshof" wird man höchstwahrscheinlich auch nie speisen können, denn ein solcher Wirtshausname ist hier eher unbekannt.

Und dann noch: ein Krug Bier heißt hierzulande kurz und knackig "eine Maß" (1 Liter) oder eine "Halbe" (0,5 Liter). Also nix mit langem "a" und einfachem "s" :wink:

LG, Julia

Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (21.08.2010, 13:03)
Danke für die Richtigstellungen, Julia.
Für einen Außerbayerischen ist es nicht leicht, diese ganz spezifische Mundart richtig zu erfassen, geschweige denn korrekt wiederzugeben.
"Das grüne Hotel" findet nach neun weiteren Folgen seinen Abschluss, und so will ich mich nicht mehr der Mühe unterziehen, das bayerische Sprachflair nahezu gekonnt nachzuempfinden. Ich hoffe auf dein Verständnis.
LG Detlef

julia07
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Re:

von julia07 (21.08.2010, 20:15)
Detlef Schumacher hat geschrieben:
Für einen Außerbayerischen ist es nicht leicht, diese ganz spezifische Mundart richtig zu erfassen, geschweige denn korrekt wiederzugeben.

Ich habe einmal einen längeren TV-Beitrag über einen Groschen-Roman-Schriftsteller gesehen. Darin sagte dieser sinngemäß: "Sie glauben gar nicht, wie sehr ich auf Details achten muss. Wenn ich eine Geschichte in eine bestimmte Stadt lege, erhalte ich tatsächlich Reklamationen, wenn ich auch nur eine Strasse falsch benenne.

Ich arbeite gerade an einem Buch, dessen Anfang in New York spielt. Naja, was soll ich sagen, das Internet, samt Google StreetView, sind ein Segen cheezygrin

LG,
Julia

Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (21.08.2010, 20:48)
Du sagst es. Ist doch nett das Internet.
LG Detlef

Enya
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Re:

von Enya (21.08.2010, 21:16)
Die Idee an sich ist nett, dennoch hat mich die Umsetzung nicht ueberzeugen koennen. Wie schon angemerkt wurde, sind Dir einige wichtige Details mangels Recherche daneben gegangen. Als Autor ist es sehr wichtig, zu lernen, alles gut zu recherchieren, sonst kann es sehr peinlich werden. Schlimmstenfalls fuehlen sich Deine Leser sogar beleidigt. :twisted:
Das Ende war leider vollkommen daneben.
Beispiel:
*„Die Klamotten hast du doch am Körper“, tadelte es von Innen her.*

Klingt sehr unnatuerlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du so sprichst.
In Deinem ganzen Text faellt mir auf, dass Du krampfhaft versuchst, locker zu klingen und das macht es nicht ueberzeugend. Manchmal ist weniger mehr.

Dies soll keine boese Kritik sein. Ich habe auch schon so manches von meinen Lektoren und Verlegern einstecken muessen. Habe grad mein neuestes Werk verschiedenen Agenturen angeboten und schon wollen zwei alles umgeaendert haben. So ist das halt. Man lernt und lernt und das hoert nie auf. smart2
Deswegen sieh es bitte als Hilfe und nicht als Tadel. cheezygrin

Liebe Gruesse
Enya

Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (22.08.2010, 07:33)
Im Gegenteil, Enya. Die Bedenken, die du äußerst, sind mir schon beim Schreiben bewusst geworden. Ich hatte und habe nicht vor, diese 24 Teile umfassende Erzählung zu veröffentlichen. Sie ist aus einer Laune heraus geboren und will auf keinen Fall ernst genommen werden. Du solltest, wenn du nur diesen Teil in Betracht gezogen hast, auch den anderen Teilen dein Augenmerk schenken.
Wenn ich etwas zu veröffentlichen gedenke, gehe ich mit meiner Fantasie sorgsamer um.
Sieh doch mal auf meine Homepage:

- www.detlef-schumacher.eu
- www.detlef-schumacher.net

Mit freundlichen GRüßen,
Detlef

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