Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft

Präsentiert euren Reiseführer, Bildband, euer Koch- oder Lehrbuch, eure Biografie oder Monografie.


Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5980
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Re:

von Siegfried (12.02.2011, 23:47)
MartinVmann hat geschrieben:
In jeder Gesellschaftsform wird es unterschiedliche Charaktere geben. die bequemen, die Schleicher, die Schläfer, die Faulen und die Macher.
Es wäre ungerecht alle gleich zu behandeln.
Es ist tatsächlich eine Leistungsgesellschaft, wer mehr leistet soll auch mehr bekommen.
Trotzdem soll die soziale Gerechtigkeit die Schwachen der Gesellschaft nicht übergehen. Jeder steht in der Verantwortung die Schwachen der Gesellschaft zu schützen und zu unterstützen.


Ich denke, in diesem Absatz steckt der eigentliche Kern der Diskussion. Wer etwas leistet, soll für seine Leistung auch belohnt werden.

Wer schwach ist und diese eigene Schwäche nicht bewusst herbeigeführt hat, der hat das Anrecht, von der Gemeinschaft gestützt zu werden. Und die Gemeinschaft hat die Pflicht, diesen Menschen zu helfen.

Wer aber sich selbst ganz bewusst in eine Position der Schwäche gebracht hat, der hat meiner Meinung nach weder einen Anspruch auf Hilfe durch die Gemeinschaft noch besteht für die Gemeinschaft die Notwendigkeit, diesen Menschen Unterstützung zukommen zu lassen.

Ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen Ansprüche auf Unterstützung durch die Gemeinschaft erheben, wenn sie sich der Gemeinschaft verweigern, die Gemeinschaft beschimpfen oder alles tun, um die bestehende Struktur der Gemeinschaft zu zerstören.

Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro zzgl. 19 % USt. pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

Benutzeravatar
wgbajohr
Beiträge: 853
Registriert: 08.04.2007, 02:50

Re:

von wgbajohr (13.02.2011, 01:39)
Hallo Siegfried!

Siegfried hat geschrieben:
Ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen Ansprüche auf Unterstützung durch die Gemeinschaft erheben, wenn sie sich der Gemeinschaft verweigern, die Gemeinschaft beschimpfen oder alles tun, um die bestehende Struktur der Gemeinschaft zu zerstören.


Unser Staat ist meines Wissens keine Religionsgemeinschaft, die eine Kritik vielleicht als »Gotteslästerung« auffassen könnte. Sollte eine Gesellschaft keine Kritik mehr hinnehmen können, hat sie ihre demokratische Legitimation verloren.

Wie sehr muss man seine Augen zukneifen, um nicht zu bemerken, dass es in unserer Gesellschaft alles andere als gerecht zugeht, dass es nicht nur um ein paar marginale Fehler geht, sondern um die Struktur? Wir stehen nämlich vor einer strukturellen Ungerechtigkeit. Wer jetzt an diesen Verhältnissen etwas ändern will, kommt nicht darum herum, das, was ihn stört, zu kritisieren und dann zu versuchen, es zu ändern.

Jede Veränderung bedeutet jedoch – sofern man es ganz genau nimmt – die Zerstörung des Bisherigen und Einführung des Neuen.


Siegfried hat geschrieben:
Wer etwas leistet, soll für seine Leistung auch belohnt werden.


Das finde ich selbstverständlich völlig in Ordnung, schließlich kämpfe ich dafür seit Jahren.

Allerdings stellt sich die folgende Frage: Was ist mit denen, die keine Gelegenheit erhalten, etwas zu leisten, obwohl sie bereit und fähig sind?

Viele Grüße
Wolf-Gero
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
Etwas beeinflussen zu können heißt, dafür verantwortlich zu sein
http://www.leistung-und-gesellschaft.de/

Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5980
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Re:

von Siegfried (13.02.2011, 02:20)
wgbajohr hat geschrieben:
Hallo Siegfried!

Siegfried hat geschrieben:
Ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen Ansprüche auf Unterstützung durch die Gemeinschaft erheben, wenn sie sich der Gemeinschaft verweigern, die Gemeinschaft beschimpfen oder alles tun, um die bestehende Struktur der Gemeinschaft zu zerstören.


Unser Staat ist meines Wissens keine Religionsgemeinschaft, die eine Kritik vielleicht als »Gotteslästerung« auffassen könnte. Sollte eine Gesellschaft keine Kritik mehr hinnehmen können, hat sie ihre demokratische Legitimation verloren.


Es geht nicht um Kritik, die zu einer evolutionären Veränderung der Gesellschaft führt. Es geht um radikalere Positionen.

Nehmen wir an, jemand verweigert sich aus Überzeugung dem vorhandenen Bildungssystem (weil "das Establishment das Gehirn verkleistert"), verweigert sich den gesellschaftlichen Regularien (geht freiwillig in die Obdachlosigkeit), beschimpft jene, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten (weil "Pappi sich in seinem Spießerleben einrichten will"), halten ordnungsregelnde Kräfte für Freiwild (gegen die Gewalt in jeder Form erlaubt ist), betrachten jede Form von Eigentum als Diebstahl (und sei es auch nur der Gebrauchtwagen mit 80.000 km auf dem Tacho) ...

... und fordern dann von den beschimpften Bürgern oder gar von der als Feind angesehenen Gesellschaft finanzielle Unterstützung ...

Kann jemand, der für die völlige Abschaffung des bestehenden gesellschaftlichen Systems eintritt und entsprechende Forderungen stellt, von genau dem System Gegenleistungen einfordern, wie finanzielle Unterstützung, kostenloser Wohnraum, Sachleistungen für den Lebensunterhalt bis hin zur Anstellung im Staatsdienst bei genau dem Arbeitgeber, den er abschaffen möchte?

Mir ist nicht klar, warum Gegner/Feinde dieser Gesellschaft von der Gesellschaft gestützt und getragen werden sollen.

Ob das ein sich bis heute zur Roten-Armee-Fraktion bekennender Terrorist ist, der von genau dem Staat Geld fordert, den er vorher bis aufs Blut bekämpft hat ...

... ob das Leute sind, die ganz offen sagen: "Ich arbeiten? Bin ich blöd? Die Stütze reicht doch!" ...

... ob das Total-Aussteiger sind, die auf die Bürger, auf die Gesellschaft, auf jegliche Form von Autorität "scheißen" und bei Gelegenheit mittels Vorgaben wie "Ordnung ist böse" (Originalzitat Karl Nagel) durch Demolieren ihren Widerstand gegen "das System" und "Spießbürgertum" demonstrieren ... dann aber genau jene "Spießbürger" mit "Hasse ma' 'n Euro?" anbaggern oder sich darüber aufregen, wenn die Behörden mal nicht die Kohle rausrücken ...

... da frage ich mich wirklich, ob da die Gesellschaft - und ich zähle mich zu dieser Gesellschaft - solche Leute (unter-)stützen soll.

Von mir bekommen die keinen einzigen Cent - jedenfalls nicht so lange, bis das Geld für die Reparatur meines damaligen Gebrauchtwagens, der von solchen Leuten demoliert wurde (August 1995), wieder eingespielt ist.

Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro zzgl. 19 % USt. pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

Benutzeravatar
wgbajohr
Beiträge: 853
Registriert: 08.04.2007, 02:50

Re:

von wgbajohr (13.02.2011, 03:14)
Hallo Siegfried!

Was Du als Beispiele anführst, sind zumindest auf den ersten Blick nicht die Staatsbürger, mit denen man eine gerechtere Leistungsgesellschaft aufbauen könnte. Deshalb gehe ich auch den leichteren Weg und wende mich zunächst an all die Menschen, die an dem genannten Ziel mitarbeiten wollen. Damit scheiden bereits etliche Gruppen aus: Als Erstes nenne ich einmal die Menschen, die Du als Beispiele gebracht hast. Die nächste Gruppe, von der ich keine Unterstützung erwarte, besteht aus Menschen, die sich in unserer derzeitigen Gesellschaft gut eingerichtet haben. Würden sie sich für eine Änderung starkmachen, würden sie sich doch selbst schaden.

Ziel meiner Aufrufe sind die Menschen, die von einer gerechteren Leistungsgesellschaft wirklich profitieren würden. Genau da liegt aber das Dilemma. Sie sind inzwischen längst zu Opfern des Herrschaftsprinzips »Brot und Spiele« geworden. Fußball, Tennis, Autorennen, Unterhaltungsshows im Fernsehen sind ihnen wichtiger, als sich Gedanken über eine bessere Zukunft zu machen.
Wie weckt man solche Menschen auf?
Die Aufgabe wird noch dadurch erschwert, dass Fußball, Tennis, Autorennen, Unterhaltungsshows im Fernsehen im Grunde den Menschen einreden: »Schlaf, Bürger, schlaf! Die da oben richten es schon. Lasse dich nur nicht bei dem, was die Spaßgesellschaft dir bietet, stören!«


Allerdings bleibt noch eine Frage zu den Menschen aus deinen Beispielen: Wie viele von ihnen kampierten wohl unter den Brücken, wenn sie rechtzeitig einen Arbeitsplatz erhalten hätten, der für sie nach Neigung und Fähigkeit passend oder sogar ideal gewesen wäre?

Viele Grüße
Wolf-Gero
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen

Etwas beeinflussen zu können heißt, dafür verantwortlich zu sein

http://www.leistung-und-gesellschaft.de/

Benutzeravatar
SandraR
Beiträge: 2674
Registriert: 25.11.2007, 07:17
Wohnort: Moskau

Re:

von SandraR (13.02.2011, 05:21)
Siegfried hat geschrieben:
Ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen Ansprüche auf Unterstützung durch die Gemeinschaft erheben, wenn sie sich der Gemeinschaft verweigern, die Gemeinschaft beschimpfen oder alles tun, um die bestehende Struktur der Gemeinschaft zu zerstören.

Wer Siegfried soll die Unterscheidung treffen? Verweigert er sich wirklich oder hält er dem System (jede Gesellschaft ist letztlich auch immer ein System) nur den Spiegel vor?
Eine Gesellschaft benötigt auch immer Gruppen die gegen diese Gesellschaft sind, den nur so wird sich die Gesellschaft mit sich selber auseinandersetzen und weiter entwickeln. Insofern geht es also nicht ohne Gesellschaftskritiker, Verweigerer, Terroristen, Säufer ohne Dach über dem Kopf oder Wirren die jeden Beschimpfen der an ihnen vorbei läuft! Sie zeigen direkt mit ihrem Finger auf die Stellen, wo etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt! Eine Gesellschaft die sich Sicherheitsverwahrung erlaubt, wird nicht fertig mit Wirren und Säufern die auf der Straße leben! Eigenartig, findest Du nicht?

Der Teufel liegt im Detail, freiwillig macht sich keine Gesellschaft Gedanken über sich selber. Dafür braucht sie eben jene Kräfte die Du für unnütz hältst. Was Du für Zerstörung einer Ordnung ansiehst, kann in Wirklichkeit eine Bereicherung bedeuten. Ohne solche Kräfte hätte man Frieden, Freude, Eierkuchen! Zu deutsch Stagnation.

Eine Gesellschaft muss es sich leisten können Großzügig zu sein. Geiz in jeder Form wurde noch nie belohnt.
Damit eine Gesellschaft wächst benötigt es Gegner und deswegen soll man auch die Verweigerer unterstützen, den ohne sie würden wir noch immer im Mief der 50er Jahren stecken. Man würde ohne diese Unbequemen das System in seiner Gesamtheit nicht auf seine Gerechtigkeit überprüfen können, seine stärken und schwächen sehen.

Arbeit für alle Gero, gibt es nicht mehr und wird es auch nicht mehr geben. Dinge wie 1 Euro Jobs sind übrigens ein Armutszeugnis einer Gesellschaft. Sie bereinigen die Statistik, beleidigen aber den Arbeitnehmer genauso wie Arbeitgeber!
http://russland-buecher.ru und http://twitter.com/russlandbuecher und bei Facebook, XING und Brainguide Sandra Ravioli

Benutzeravatar
wgbajohr
Beiträge: 853
Registriert: 08.04.2007, 02:50

Re:

von wgbajohr (13.02.2011, 05:51)
Hallo Sandra!

SandraR hat geschrieben:
Arbeit für alle Gero, gibt es nicht mehr und wird es auch nicht mehr geben.


Für eine funktionierende Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit ist diese Situation kein unlösbares Problem.

Solange es noch praktisch sinnvoll erscheint, wird die Arbeit zeitmäßig aufgeteilt. Doch dem ist bald ein Ende gesetzt. Dann folgt eine andere Aufteilung: Wer gar nicht arbeiten will, wird auch nicht dazu gezwungen. Die Menschen, die noch arbeiten wollen, bewerben sich um Arbeitsplätze, für die sie nach Neigung und Fähigkeit geeignet sind. Arbeiten zu dürfen ist dann keine Strafe mehr, wie heute noch viele meinen, sondern ein Privileg.

Für Geld braucht dann niemand mehr zu arbeiten. Jeder erhält ein Einkommen, das heute vielleicht einem durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen entspricht.

Wichtig dabei ist jedoch, dass die Leistung nicht aus den Augen verloren wird. Was an menschlicher Leistung fehlt, muss anderweitig erbracht werden, wie zum Beispiel durch Maschinen.

Viele Grüße
Wolf-Gero
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen

Etwas beeinflussen zu können heißt, dafür verantwortlich zu sein

http://www.leistung-und-gesellschaft.de/

Benutzeravatar
SandraR
Beiträge: 2674
Registriert: 25.11.2007, 07:17
Wohnort: Moskau

Re:

von SandraR (13.02.2011, 10:16)
Ganz ehrlich gesagt Gero, das sogenannte Bürgergeld wäre eine wirtschaftliche Katastrophe. Wenn jeder Bürger automatisch einen Betrag xxx bekommt, wäre die Folge eine Hyperinflation noch nie erlebten Ausmaßes.
Die Idee ist mir sehr geläufig und sie ist sehr gefährlich. Weder Gießkannenprinziep noch Hyperinflation ist ein Ausweg. Es würde zuviel Geld in den Konsumentenbereich einfließen und die Folge wäre nur Konsumieren. Da aber die Geldmittel auch nicht einfach so vorhanden wäre, würde einfach die Druckerpresse angeschmissen werden.
Ein solches Partyszenario unter dem Jubel der Maßen hätte einen ganz bösen Kater zur Folge. Wäre es anders, glaub mir die Industrieverbände wären die Ersten die dafür wären. Bloß folgt der anfänglich wilden Konsumierer schnell eine Tragödie.
Besser ist, medizinische Grundversorgung staatlich garantieren und kostenlos. Schlecht ausgebildete oder gar nicht ausgebildete umschulen und als soziales Personal, Hilfspersonal etc. im Pflegedienst, in Altersheimen, Hospitzen und Krankenhäusern beschäftigen. Man braucht zum Putzen und desinfizieren nicht Einstein sein. Dafür ein staatlich garantiertes Gehalt. Medizinische Grundversorgung muss kostenlos werden, anders wird man der Pharmaindustrie keine Grenzen aufzwingen können. Die Pflege wird bei einer überalternden Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten immer wie wichtiger. Anders wird man ein Ende in Würde nicht garantieren können. Das Mindestlöhne her müssen, denke ich versteht jeder.
Der staatlich garantierten medizinischen Versorgung würde ich aber einen Katalog gegenüber stellen. Wer mit 90 noch einen Stand will, der hat entweder eine Zusatzversicherung oder bezahlt selber. Das ist nicht grausam, sondern vernünftig. Zudem sollte Forschung wieder vermehrt staatlich finanziert werden und die privatisierte Forschung durch einen Ethikbeirat kontrolliert werden.
Dinge wie die Patentierung von Pflanzen dürfen nicht zugelassen werden, den dies ist reine Spekulation mit Nahrungsmitteln.
Haben wir eine staatlich garantierte Krankenkasse die kostenlos ist, kann man schlechte industrielle Nahrungsmittel zB. mit einer Steuer belegen die direkt in diese Krankenkasse einfließt. 10 cent pro Hamburger oder Fertiggericht geht dann an die Krankenkasse. Während saisonales Gemüse etc. steuerfrei wäre.
http://russland-buecher.ru und http://twitter.com/russlandbuecher und bei Facebook, XING und Brainguide Sandra Ravioli

Benutzeravatar
Alexandermerow
Beiträge: 251
Registriert: 22.09.2010, 01:57

Re:

von Alexandermerow (13.02.2011, 11:59)
Wie gerechtfertigt sind derartige Vorwürfe? Sind es möglicherweise nur Versuche, sich selbst der Verantwortung zu entziehen?


Der Staat hätte, wenn er gut wäre, die Aufgabe, jedem seiner Bürger Arbeit zu geben, denn er ist für sein Volk verantwortlich. Das heißt auch, dass Leute, die nicht mehr arbeiten können, auf Kosten der Gemeinschaft leben können. Wer aber schlichtweg faul ist, sollte notfalls zu einer gemeinnützigen Arbeit verpflichtet werden.
Jobs zu schützen, heißt aber dann auch, dass nicht jedes Unternehmen nach China ausgelagert wird und die eigenen volkswirtschaftlichen Produkte notfalls durch entsprechende Zölle geschützt werden.
Das widerspricht allerdings der neoliberalen Globalisierungsideologie in höchstem Maße.

Benutzeravatar
R. Ulrich
Beiträge: 6
Registriert: 16.12.2010, 19:26
Wohnort: Koblenz

Leistungsgesellschaft und Kapitalismus

von R. Ulrich (13.02.2011, 13:32)
Hallo Wolf-Gero!

Du hast bei deiner Antwort auf Richard schon den richtigen Punkt angesprochen und dies trifft es genau. Ist Leistung nur materiell zu bewerten?
Ist dies so, dann ist für mich auch verständlich, weshalb die großen Steuerhinterzieher, welche ja letztlich den Ärmsten das Geld vorenthalten, auch nicht bestraft, sondern für ihre Cleverness belohnt werden. Was für eine "armselige" Leistung.

Der einfache Bankräuber, der sich dazu noch erwischen lässt, müsste ja eigentlich auch zumindest ohne Strafe ausgehen, denn er befindet sich ja quasi in der Lehre oder beim Versuch auch eine höhere Stufe zu kommen.

Die Frage die sich überhaupt stellt, ist die: "Welche Gesellschaft stellen wir uns vor bzw. wie soll diese konkret aussehen?"

Der Kommunismus hat ausgedient, der Kapitalismus steht bald-ohne es schon zu wissen- kurz vor seinem Ende und die Frage ist, werden wir die Kurve zu Weltbürgern kriegen, unser Verständnis der Welt und unser Bewusstsein erweitern oder werden wir uns, einschließlich der anderen Arten, als Krone der Schöpfung selbst vernichten?

Wie hat doch ein berühmter Philosoph, ich glaube Aristoteles war es, einmal gesagt: "Ich wusste gar nicht, dass es so viele Dinge gibt die ich nicht brauche!"

Es ist wohl so, dass mit der Erkenntnis des Nichtwissens das wahre Wissen erst beginnt und mit dem Begreifen des Besitzes/des Kapitals erst die Sinnlosigkeit des Übermaßes einem bewusst wird.

Leider verstehen aber viele Besitzende/Reiche/Kapitalisten oder wie man sie/uns immer nennen mag das geistige Gefängnis, in dem sie sich befinden, nicht. Je mehr ich habe, umso mehr habe ich mich davon abhängig gemacht. Wer Immobilien hat, weiß wovon ich spreche. Wie heißt es doch so schön: "Wenn du einen Feind hast, dann schenke ihm ein Reihenhaus mit Mietern!".
Zum Schluss muss ich dann doch alles hier lassen und die Frage ist: "Warum habe ich eigentlich gelebt?"

Damit ich ackere, mir Vermögen anschaffe oder bestehendes/ererbtes Vermögen erweitere?
Gegen Geld ist nichts zu sagen und das man seinen Wohlstand auch genießt, aber man muss seine Grenzen kennen. Geld, um des Geldes willen oder um zu protzen bzw. sein psychologisch kleines Ich auf zu werten, sind nach meiner Überzeugung keine guten Gründe.

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich trotz meiner gerade mal 51 Jahre schon länger mich nicht mehr am Arbeitsprozess beteiligen muss, also genug Geld erwirtschaftet habe.
Mancher würde mich sicher als Beispiel für das funktionierende Leistungsprinzip sehen, aber ich sehe mich selbst nicht so.
Weiter würde ich auch nicht so weit gehen und mich selbst beweihräuchern, zu sagen das andere die dies nicht geschafft haben etwas falsch machten oder ich cleverer war.

Im Leben eines Menschen spielen so viele Faktoren eine Rolle und er sollte sich nicht einbilden dies sei alles sein Verdienst sei. Allein die Tatsache, dass er die Faktoren und ihre Interdependenzen schon nicht ganz versteht, vom im Griff haben ganz abgesehen, sollte ihn etwas Bescheidenheit lehren.

Mache jetzt Schluss!

Viele Grüße

Reinhold[/list]
Helft mit, eine Welt von Frieden, Respekt, gegenseitiger Toleranz und Liebe zu schaffen.

Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5980
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Re:

von Siegfried (13.02.2011, 14:12)
SandraR hat geschrieben:
Eine Gesellschaft benötigt auch immer Gruppen die gegen diese Gesellschaft sind, den nur so wird sich die Gesellschaft mit sich selber auseinandersetzen und weiter entwickeln. Insofern geht es also nicht ohne Gesellschaftskritiker, Verweigerer, Terroristen, Säufer ohne Dach über dem Kopf oder Wirren die jeden Beschimpfen der an ihnen vorbei läuft! Sie zeigen direkt mit ihrem Finger auf die Stellen, wo etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt!


Diese Leute sollen der Lackmus-Test für die Gesellschaft sein? Sorry, glaube ich nicht ...

Meine unmittelbare Erfahrung - weil in den letzten acht Wochen als direkt Betroffener miterlebt:

Einer Frau, die zu der Gruppe der konsequenten Verweigerer gehört, wird seitens der Behörden angedroht, jegliche finanzielle Unterstützung zu streichen, sollte sie sich nicht in eine ihr angebotenen Berufsausbildung begeben. Sie bekam mehrere Berufe zur Auswahl vorgelegt - vermutlich war ihr Traumberuf nicht darunter, aber wer hat schon den Traumberuf? Danach wurde für sie ein Arbeitgeber gesucht, wo sie die Ausbildung beginnen sollten - mit der ganzen Aktion vorab: Beratung, Bewerbungsunterlagen, Vorstellungsgespräch.

Die Ausbildung wird durch Sozialträger finanziert, also durch "die Gesellschaft". Ihr Gehalt während der Ausbildung wird zur Hälfte durch Sozialträger finanziert, die andere Hälfte durch den Arbeitgeber. Da die Frau eine schlechte Schul- wie Allgemeinbildung hat, wird ihr ein individueller Unterricht angeboten (da komme ich ins Spiel). Einmal die Woche drei Unterrichtsstunden, Einzelunterricht nur für sie alleine, damit sie auf den notwendigen Wissensstand für die Ausbildung kommt (das fängt z. B. bei den Grundrechenarten an. Wie man schriftlich drei Zahlen von einer vierten abzieht, ist manchen Leuten heutzutage nicht mehr bekannt - so ganz ohne Taschenrechner).

Was war die Folge? Die Frau hat von Mitte Dezember bis Anfang Februar sechs Termine dieser extra für sie angesetzen Einzelunterrichtsstunden in Folge kurzfristig mit dubiosen Begründungen abgesagt. Mal war ihr schlecht, dann funktionierte das Auto nicht, dann hätte sie angeblich den Bus verpasst. Nach der sechsten Absage ist der Einzelunterricht für sie storniert worden. Und da war plötzlich das Geschrei groß!

Jetzt erzähl mir bitte, dass diese Frau - und sie ist nicht die Einzige, die so reagiert, ich habe in den letzten Jahren eine ganze Reihe von diesem Kaliber erlebt - mir einen Spiegel vorhält, wie schlecht die Gesellschaft mit ihr umspringt. Und dass wir solche Leute brauchen, damit die Gesellschaft sich verändert.

Bei der Mehrzahl der Leute, die ich bei ihrem Weg zu einer qualifizierten Berufsausbildung erlebe, stelle ich fest, dass ohne klare Ansage die meisten - nicht alle! - überhaupt nicht aus ihrer selbstgewählten Verweigerung heraus kommen. Deshalb gehen für meinen Geschmack die Theorien für eine bessere Gesellschaft an der Realität vorbei.

Sorry, das sagen zu müssen, aber meine Erfahrungen mit solchen Menschen sehen nun mal anders aus.

Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro zzgl. 19 % USt. pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (13.02.2011, 14:32)
... man kann niemanden wirklich zum Arbeiten zwingen, wenn er's eben nicht will. Geldverschwendung. Ich geh davon aus, dass solche Fälle, wie von Siegfried geschildert, ein Problem mit sich selbst haben. Also, wer sich nicht in der Gesellschaft engagieren möchte, der hat ein Problem mit sich selbst.

Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5980
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Re:

von Siegfried (13.02.2011, 14:45)
chnuppesaager hat geschrieben:
Also, wer sich nicht in der Gesellschaft engagieren möchte, der hat ein Problem mit sich selbst.


Damit bleibt aber die Frage, ob die Gesellschaft solche Leute stützen soll und damit anderen ein Beispiel gibt, dass man auch als totaler Verweigerer (oder überzeugter Gegner) der Gesellschaft mehr oder minder gut von der Gesellschaft leben kann.

Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro zzgl. 19 % USt. pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

chnuppesaager

Re:

von chnuppesaager (13.02.2011, 14:55)
@Siegfried

... ja, ich wär dafür, so ein Grundeinkommen zu gewähren und dafür diese ganze Arbeitsbeschaffungs-, Eingliederungs- und Jobcenter-Bürokratie abzubauen. Natürlich würden manche dann lebenslang Ferien machen, andererseits würde es auch Kräfte freisetzen. Es könnte sich z.B. jemand weiterbilden, eventuell sogar studieren, der sich sonst in einem Brotberuf sinnlos aufreiben täte, obwohl er Talent für "Höheres" hätte.

Dieser Gedanke - wie gesagt - vor dem Hintergrund, dass man niemanden zu etwas zwingen kann. Und ich persönlich finde den Sozialstaat an sich wünschenswert.

Benutzeravatar
SandraR
Beiträge: 2674
Registriert: 25.11.2007, 07:17
Wohnort: Moskau

Re:

von SandraR (13.02.2011, 15:31)
Siegfried hat geschrieben:
- mir einen Spiegel vorhält, wie schlecht die Gesellschaft mit ihr umspringt.


Genau lesen Siegfried, ich habe nicht geschrieben der Spiegel wird bewertet in "gut" oder "schlecht"! Sondern dort steht nur, dass sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhält! Und das tut Sie! Wie der Spiegel dann im einzelnen zu bewerten ist, dies ist eine ganz andere Frage.

Sie hat ein Auto, kann aber nicht addieren. Sie soll auf dieser Grundlage eine Ausbildung machen obwohl klar ist "sie will nicht". Ergo, ist dies ein Spiegel einer Gesellschaft die am Ziel vorbei schießt.
Was habe ich geschrieben? Genau, zum putzen in sozialen Institution (und von denen wird es immer wie mehr geben) muss man nicht Einstein sein. Dafür muss man auch nicht Addieren können! Kurz formuliert, dort ist offensichtlich ihr Platz und irgend ein ARG Berater hat Probleme damit, dass dem nun mal eben so ist.

Der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten ist absolut Wertfrei! Der Wert wird von den Betrachtern dann hinein interpretiert.

Meine Meinung, sie hat ihre Berechtigung. Sie zeigt deutlich, dass das System mit Leuten die nicht wollen nicht umgehen kann. Jeder soll nach Meinung des Systems sich eben diesem unterordnen. Da bin ich anderer Meinung. Jeder wie er will nur mit den entsprechenden Konsequenzen für ihn selber.
http://russland-buecher.ru und http://twitter.com/russlandbuecher und bei Facebook, XING und Brainguide Sandra Ravioli

Ikarus
Beiträge: 163
Registriert: 04.03.2010, 10:33
Wohnort: SH

Re:

von Ikarus (13.02.2011, 15:49)
SandraR hat geschrieben:
Sie hat ein Auto, kann aber nicht addieren. Sie soll auf dieser Grundlage eine Ausbildung machen obwohl klar ist "sie will nicht".


Genau hier muss man doch aber differerenzieren. Das eine ist "kann nicht", das andere "will nicht". Auch du wirfst das einfach in einen Satz.

Klar gibt es Opfer der Wende und der Umstrukturierungen im Osten und Westen, und denen soll der Staat helfen, wenn dieser nicht in der Lage ist, die Unternehmen zu veranlassen, Arbeitskräfte einzustellen.

Aber die zweite Generation - das ist die, die gerade die dritte Generation zur Welt bringt(!) - kann nicht die nächsten 45 Jahre von staatlichen Transferleistungen leben. Das hält keine Wirtschaft aus.

Und dann muss man in Betracht ziehen, dass in Deutschland niemand obdachlos sein muss (der Staat zahlt immer für Wohnraum) und niemand ohne ärztliche Versorgung bleibt. Wer keine Krankenversicherung hat, kann zum Sozialamt gehen - das muss die Kosten übernehmen. In Krankenhäusern gibt es die Unabweisbarkeitsbescheinigung - damit werden Notfälle behandelt, und die Krankenkassen bzw. Sozialämter müssen zahlen.

Gruß
Michael

Zurück zu „Buchvorstellung: Ratgeber, Sach- und Fachliteratur“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.