Es weihnachtet in der Redaktion, Satire

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Joana
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Es weihnachtet in der Redaktion, Satire

von Joana (12.11.2007, 23:38)
Es weihnachtet in der Redaktion


Das alle Jahre wiederkehrende Fest der Geburt des Jesus-Kindlein treibt die tollsten Blüten, wird langsam unübersichtlich und viele vergessen den ursprünglichenSinn des Festes.

Jeder feiert es aber auch anders.
Die einen ertränken es in Alkohol, die anderen würden gerne auch die Schwiegermutter darin ertränken. Doch die Gewißheit, dass sie sich dann länger hält, lässt sie noch zögern.
Viele kaufen schon Wochen vor dem Fest jene Dinge, die keiner wirklich braucht, die aber so schön verpackt sind.
Andere wieder suchen den Weihnachtsfrieden übers Reisebüro in exotischen Ländern, wo es garantiert keine Christbäume und auch keine Glaskugeln zum Schmücken derselben gibt. Aber dafür Palmen und Temperaturen, die kaum erträglich sind. Auch gibt es keinen gebackenen Karpfen oder Weihnachtsbraten am sogenannten „Christtag“. Dafür wilde Stammeskämpfe, Terrordrohungen und Tsunamis.

Es gibt keinen Familienstreit und Tränen beim Weihnachtsbraten, aber auch keinen Schnee und auch keine Mitternachtsmette.
Ganz Schlaue haben einen künstlichen Baumschirm (Made in China) und ein paar Kekse mit, um dann unter Tränen und Heimweh dem Fest in der Ferne nachzutrauern und das um viel Geld!

Da sich unsere Redaktionsmitglieder eindeutig zu den Klügeren zählen, haben wir beschlossen, diese Weihnachten mit einem firmeninternen Fest in der Redaktion zu feiern.

Der redaktionseigene Bote Benjamin wurde auf die Leiter gejagt, um die künstlichen Plastikgirlanden schwungvoll zwischen den Türen und der Beleuchtung anzubringen. Er stand da oben, die Leiter wackelte gefährlich und sang ein Weihnachtslied nach dem anderen. Wir wußten gar nicht, dass es so viele gab!
Sein Gesang wurde jählings unterbrochen, als Ilse unsere Redaktionssekretärin, ein Tablett mit Gläsern balancierend herein kam und die Türe mit den linken Fuss rücklings schloß.
Die daran befestigter Girlanden rissen die Lampen aus der Verankerung, die Leiter um und unser Benjamin kam darunter zu liegen.
Er wird Weihnachten leider mit einem Gipsfuß, zwei Schlingen für die Hände und einer Halskrause verbringen und sicher sechs Wochen im Krankenstand sein. Naja, man kann nicht alles bedenken! Dafür wird er aber dann wie neu sein!
Gläser, eine Leiter und zwei Beleuchtungskörper brauchen wir ebenfalls neu, nur Ilse kam ohne jede Schramme davon, sie ist nur heiser vom Schrei und wird einige Tage nicht telefonieren können.

Peter aus der Sportredaktion hat sich erbötig gemacht, für die Getränke zu sorgen. Er kontaktierte sämtliche ihm bekannten Firmen mit der Bitte um eine Getränkespende. Nachdem er überall Proben zog, war er schon eine Woche vor Weihnachten in Feierstimmung und lief mit einer roten Zipfelmütze herum. Wenn es Schnee gegeben hätte, wäre er sicher mit dem Schlitten ins Büro gekommen. Er telefonierte schon ständig mit einigen Zoos, ob sie ihm ein Rentier zur Verfügung stellen könnten, falls, ja falls es Schnee gibt! Verkehrskontrolle oder aber den Tierschutzverein kann er aber nicht brauchen!

Das Buffet wurde von einem, bisher völlig unbekannten, aus Südostasien stammenden Sandwich-Lieferanten angeliefert und sah optisch wunderbar aus. Diejenige, die versteckt eine Kostprobe zogen, rangen noch nach Minuten nach Luft und brauchten pro Sandwich mindestens drei Flaschen Bier oder Mineralwasser. Aber, die Brötchen waren kunstvoll arrangiert und erfüllten den Raum mit einem sehr intensiven Geruch.

Überall wurden Kerzen aufgestellt, die eine sehr feierliche Stimmung verbreiteten, auf einer Grillplatte briet irgend jemand Äpfel und Tannenzweige, die den Geruch der Brötchen dann doch übertönten.
Unser Chefredakteur bestand auf echten Kerzen auch auf dem Weihnachtsbaum, der in der Ecke des Aufenthaltsraumes aufgestellt wurde.

Nachträglich muss gesagt werden, dass das keine sehr gute Idee war, denn der Baum stand bedenklich nahe an den Vorhängen und dem Tisch mit den kleinen Geschenken der Kollegen und innerhalb weniger Sekunden in hellen Flammen.

Die Feuerwehr war zwar in unglaublich kurzer Zeit da, doch trotzdem verbrannten fast alle Akten, die Registratur samt Stellagen und was heil blieb, ging im Wasserstrahl der tapferen Männer unter.
Eines steht fest, soviel Aufmerksamkeit und Beobachter auf den Gehsteigen gegenüber, hat unsere Redaktion noch nie gehabt, kostenlose Werbung sozusagen. Immer, wenn von der Feuerwehr noch rauchende Möbelstücke aus dem Haus getragen oder aus dem Fenster geworfen wurden, applaudierte das Publikum. Besonders begeistert zur Kenntnis genommen wurde die Explosion unserer Gastherme. Ein Schauspiel, das den Himmel erleuchtete und im ganzen Grätzel gesehen werden konnte.
Bunte und schwarze Papierfetzen flogen durch die Gasse, ein Konfettiregen sozusagen.
Und über allem tönte „Stille Nacht, Heilige Nacht“, aus einem der offenen Fenster gegenüber.

Die Polizei nahm eine Tafel aus dem Lieferwagen zur genaueren Untersuchung mit, auf der „Bin Laden“ steht. Unser Chauffeur, dessen Großeltern vor vielen Jahren aus Ägypten eingewandert sind, was ihn natürlich sofort verdächtig machte, soll nach dem Ausnüchtern zwecks Aufklärung von der Cobra einvernommen werden.

Die Aufräumungsarbeiten dauern noch an, vor allem, da jeder halbwegs lesbare Papierfetzen unter die Lupe genommen werden muss, es könnte sich ja um etwas Wichtiges, sprich eine Satire, handeln.

Es war jedenfalls ein be-rausch-endes Lichterfest, das in dieser Konzentration vielleicht nur alle Hundert Jahre stattfindet.

Als wir uns schon fast durch die verkohlten Reste der Manuskripte und Recherchenunterlagen durchgewühlt hatten, rief der Herausgeber unseres Magazins aus Phuket an.

Wir versicherten ihm, dass alles seinen gewohnten Weg geht.
Das klang so:

„Hier alles am Köcheln, die nächste Ausgabe brennt uns unter den Fingern! Wir suchen die geheimen Glutnester und machen uns Notizen. Wir haben die volle Aufmerksamkeit der halben Stadt“.
Er klang sehr zufrieden und wünschte uns ein fröhliches Weihnachtsfest.
Wir werden versuchen hin und wieder gequält zu lächeln.
Erst die kleinen Dinge erfreuen die Seele

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Johanna Pless
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Re:

von Johanna Pless (14.11.2007, 18:04)
Hallo Joana,

ich habe mich sehr gut amüsiert. Dieser schmissige Ton und wie du alles immer rasanter zur Katastrophe hinführst, einfach toll gemacht!

netter Gruß von Johanna

Heidrun
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Re:

von Heidrun (01.12.2007, 14:18)
Hallo Joana,

Habe mich köstlich amüsiert. Du sprichst mir aus der Seele, wie man sagt. Eine herrliche Satire.

Grüsse:
Musi http:boehmmusser.twoday.net

hwg
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Re:

von hwg (01.12.2007, 14:35)
Liebe Redaktionskollegin,

ist es nicht schade, dass ich bei dieser Feier nicht dabei sein konnte? :lol:

Einen schockfreien Gruß!

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skipteuse
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In den Genuss kommen lassen...

von skipteuse (04.12.2007, 17:57)
Kompliment. Find ich super diesen Text. Stell ihn doch bei eomtion.de (Weihnachtsschrei thumb up bwettbewerb) z.B. rein - dann lesen ihn noch mehr Menschen ... thumbbup

Nom
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Re:

von Nom (04.12.2007, 18:11)
:lol: Sehr gut! Hut ab!

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Joana
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Es weihnachtet in der Redaktion, Satire

von Joana (10.12.2007, 21:57)
Ich danke für die Kommentare und es feut mich, dass euch die Satire erheitert hat.
Lieber HWG, Weihnachten kommt ja immer wieder, lach. Wir hoffen, dass Du bei der nächsten Weihnachtsfeier dabei bist!

Ich hoffe, dass ich Euch gefehlt habe, war fast drei Wochen im Krankenhaus, aber nun wieder in voller Frische wieder da!

LG Joana ans Wien
Erst die kleinen Dinge erfreuen die Seele

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (12.12.2007, 17:09)
Geschätzte Mitautorin,

auch ich habe wiederholt unvermittelt auflachen müssen. Besonders hat mir der technische Kniff gefallen, wie nach langsamem, scheinbar bieder-ernstem Beginn plötzlich das erste Unheil wie aus heiterem Himmel hereinbricht.

Freundlichen Gruß an die humoristischen Brandstätte
Arno Abendschön

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