Leipziger Nächte sind lang. Alltags-Horror

Präsentiert euren Roman, Thriller, Fantasy-, Science-Fiction-, Romance-Titel oder euer Kinderbuch.


Benutzeravatar
Tino
Beiträge: 48
Registriert: 22.06.2007, 15:51
Wohnort: Naunhof

Leipziger Nächte sind lang. Alltags-Horror

von Tino (14.12.2007, 15:47)
Titel: Leipziger Nächte sind lang. Alltags-Horror
Autor: Tino Hemmann

Verlag: Engelsdorfer Verlag
ISBN: 978-3-86703-606-1
Seiten: 273
Preis: 12,00

Der Autor über das Buch:

Das Manuskript schlummerte schon lange in mir. Da in den letzten Jahren - und in den letzten Wochen ganz besonders - die Thematik zu vielen Medien-Schlagzeilen führte, habe ich das Jahr 2007 diesem Buch gewidmet. Für das Wort "Leipziger" - das ausschließlich im Titel vorkommt - kann man jede x-beliebige Stadt Deutschlands einsetzen.

Rezensionen, wie die der Leipziger Internetzeitung oder auch der Umstand, dass der Leipziger OBM das Buch lesen will, erwecken in mir Hoffnung, dass es zum Nachdenken und Handeln anregt.

So schrieb die Leipziger Internetzeitung (www.l-iz.de):
Aus unserer Rubrik Leipziger Bücher:
Leipziger Nächte sind lang oder Wenn Kindheit zum täglichen Schrecken wird
veröffentlicht von: Ralf Julke am Montag, 03. Dezember 2007
"Alltags-Horror" untertitelt der Leipziger Tino Hemmann seinen neuesten Roman. Das trifft es nicht ganz. Manchmal stapeln Autoren tief. Aber: Wo stellt man so ein Buch hin? Einfach so zu Krimis? Zu Horror? Auch wenn man ahnt: Das gehört nicht neben die gebastelten Histörchen der Wallace, King und Co. Denn keiner all dieser Hochgelobten hat je auch nur versucht, die brutale Welt der Erwachsenen aus der Sicht eines Kindes zu schreiben. Oder besser: zu entlarven.
Auch wenn man anfangs nicht so recht weiß, wo man mit dem zehnjährigen Maximilian da eigentlich gelandet ist. Irgendwo in einer Stadt ohne Licht und Farbe. Leipzig als Kulisse. Aber um Leipzig geht es nicht wirklich. Auch Köln, München oder Berlin könnte so ein Schattenreich abgeben, so ein Zwischenreich, in dem alles wie leergefegt ist, keine Menschen, keine Veränderung. Nur dann und wann das Aufblitzen dramatischer Szenen, Todesfälle, die sich draußen in einer unerreichbaren Wirklichkeit abspielen. Ein Rätsel für den Jungen, der schreiend Nacht für Nacht oder Tag für Tag in seinem Bett erwacht und nur Stück für Stück zusammenfügen kann, was ihm geschah, was ihn in dieses seltsame Reich der Schatten brachte. Wo er Iwo begegnet, auch so einem Gestrandeten.
In immer neuen Begegnungen und Gesprächen mit dem Älteren versucht Maximilian sich zu erinnern, ruft die Szenen wach, die sich nach und nach zu einer Geschichte verbinden. Und für sich wahrscheinlich eine der emotionalsten Erzählungen sind, die bislang jemand darüber geschrieben hat, wie sich Kinder fühlen, die ihren Vater verlieren und dann erleben müssen, dass sich die eigene kleine Welt in einen Alptraum verwandelt. In diesem Fall durch einen Stiefvater, der sich als gewalttätig, unbeherrscht und grausam entpuppt.
Was für viele Kinder in Deutschland wahrscheinlich eher eine Regel ist als eine Ausnahme. Auch wenn man das nicht gern wahrhaben will und lieber über Elterngeld diskutiert und vernachlässigte Kontrollpflichten in Jugendämtern. Auch wenn es bei Hemmann in diesem Buch nicht um Armut geht. Zumindest nicht finanzielle. Aber um emotionale schon. Und um den Schrecken, den Typen wie Conrad verbreiten. Echte Kerle, wie sie sich wahrscheinlich nennen würden, hart im Nehmen, Saufen und Austeilen. Vorbilder, denen auch der sächsische Kultusminister keine Kinder anvertrauen würde, wenn er sie einmal kennen lernen würde. Und bei denen er sich hüten würde, an sie zu appellieren, wenn es um die Bildung der Kinder geht.
Jener Kinder nämlich, die immer die schlechten Karten ziehen. Und denen im heimischen Umfeld oft, viel zu oft die Vertrauensperson fehlt, bei der sie Schutz finden. Wenn dann auch noch das Unverständnis der Lehrer dazu kommt, die die Signale nicht verstehen und wieder die Eltern anrufen als Gerichtsinstanz für das "störrische Kind" - dann wird das junge Leben zum Ping-Pong-Spiel. Und das Kind ist der Ball.
Dass Maximilian auch noch seinen Freund Leon verliert, weil auch dessen Eltern den leichteren Weg gehen, sorgt endgültig dafür dass der Junge mit seinen Problemen allein bleibt, auch bei seiner "Mami" keinen Schutz findet. Es ist eine genaue Geschichte, eine beklemmende Geschichte. Weil bei aller Phantastik bald klar ist: Da spiegelt sich eine Wirklichkeit, in der viele Leipziger Kinder tatsächlich aufwachsen. Eine Wirklichkeit, in der sich Hilflosigkeit in Gewalt verkehrt, in der "Familienbande" nur noch ein Etikett sind. Und in der staatliche Helfer oft tatsächlich die einzige Hilfe sind. Zuweilen auch Vereine wie Fairbund, die Kindern und Eltern ihren Beistand anbieten, das kleine bisschen Rückhalt, das die Betroffenen in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft oft nicht mehr finden.
Die Hilfe reicht bei Weitem nicht für alle. Und immer wieder fallen Kinder durch das Hilferaster, werden zur Schlagzeile. Und die Schlagzeilen sind fett und rot: "Warum?" - Viele kleine Antworten stecken in den Geschichten von Tino Hemmann. Immer wieder macht er Kinder zu Helden seiner Bücher, betrachtet die Welt der Erwachsenen aus dem Blickwinkel der kleinen Abhängigen, die ratlos versuchen, alles richtig zu machen.
Es ist wieder so ein Buch, das der keineswegs unwichtigen Frage nachgeht: Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Wie kinderfreundlich sind wir tatsächlich? - Verpackt in eine Geschichte wie ein kleiner Kriminalroman, in dem die Lösung des "Falles" am Ende nicht so zu erwarten ist. Und das Happyend ist kein Happyend. Und man legt das Buch dann nicht zu Wallace und Co. Weil es da wirklich nicht hingehört.
Tino Hemmann "Leipziger Nächte sind lang", Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2007, 12 Euro
Und wer meint, das Problem sei nicht so groß, kann am heutigen 3. Dezember ab 16.30 Uhr an der öffentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses der Stadt leipzig teilnehmen. Da steht als vierter Punkt auf der Tagesordnung: "Bestätigung von überplanmäßigen Ausgaben gemäß § 79 Abs.1 SächsGemO in Höhe von 2.304.000 Euro - Mehrbedarf für Leistungen der wirtschaftlichen Jugendhilfe nach §§ 19, 27 ff SGB VIII Finanzieller Mehrbedarf für Leistungen der wirtschaftlichen Jugendhilfe nach §§ 19, 27 ff SGB VIII".

Klappentext:

Der zehnjährige Maximilian erwacht im sicheren Glauben, am Abend zuvor ins Bett gegangen zu sein. Nach und nach begreift der Junge aber, dass sich viele Dinge verändert haben. Es gibt weder Licht noch Töne, weder Schmerz noch Zerstörung. Die Stadt liegt einsam und verlassen, nur selten stören sterbende Menschen die ewige Nacht. Ermüdet Maximilian, so wacht er kurz darauf in seinem Bett wieder auf und lauscht dem eigenen Schrei nach. Einzig und allein Iwa - ein Student, der Maximilian mit wissenschaftlichen Worten Unerklärbares erklären will - hält sich dauerhaft in der leeren Stadt auf und entwickelt eine Freundschaft zu dem sensiblen Kind. - Es wird lange dauern, bis die aufschreckenden Erinnerungen Platz in Maximilians Gehirn finden.

Tino Hemmann legt einen tragisch anmutenden, spannenden Roman unserer Zeit vor, tangiert bewusst die Genres Horror, Krimi und Fiktion. Er führt den Leser in die Abgründe gegenwärtiger Familienstreitigkeiten, bis hin zu einer Apokalypse, die wieder einmal niemand voraussehen konnte.

Inhalt:

Das zweite Kapitel als Leseprobe zum Neugierigmachen. (Achtung, Copyright by Tino Hemmann!)

Maximilian öffnet allmählich die Augen. Der eigene Schrei verhallt. Er liegt in seinem Bett. Der schwarze BMW ist verschwunden und ebenso Hans. Der Junge erhebt sich, sucht mit den Füßen nach den Hausschuhen, fühlt mit der rechten Hand den Schalter der Nachttischlampe und betätigt ihn. Sie bleibt dunkel.
Jetzt erinnert sich Maximilian. Er ist allein. Es gibt keinen Strom. Das Telefon funktioniert nicht, auch mit dem alten konnte er niemanden erreichen.
Maximilians Hand fühlt das Kopfkissen. Es ist feucht von den eigenen Tränen.
Er sitzt regungslos da und erinnert sich an den Traum.
Hannes Kliems toter Körper und die Erinnerung an die starren Augen sind die Strafe dafür, einen Tag Held gewesen zu sein. Und dann? Hannes wich nicht mehr aus Maximilians Leben. Vor allem in den Nächten besuchte er oft Maximilian Kramer und redete mit ihm. Maximilian hingegen suchte in den Zeitungen nach einem Hinweis, der den Fall lösen konnte, in der Hoffnung, Hannes würde Ruhe geben. Doch entdeckte er nichts. Die Zeitung schrieb, jemand hätte das Opfer mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen, vorher wäre Hannes massiv misshandelt worden. Der Mörder wurde jedoch nicht gefunden.
Maximilian steht auf, geht vier Schritte zu seinem Schrank. Er nimmt einen Pullover heraus, dann eine Jeans und ein Paar Socken, läuft zurück zum Bett und zieht die Sachen über den Schlafanzug. Dann verlässt er das Zimmer, steht auf der kleinen Empore, von der aus die Holztreppe in die untere Etage führt. Maximilians Fußspitze berührt eine Glasmurmel. Der Junge hebt sie auf und betrachtet sie. Dann lässt er die Murmel in eine Hosentasche gleiten.
Er blickt hinunter und ist erschrocken. Er beginnt zu zittern. Unten, im Wohnzimmer, glaubt er einen Schatten zu erkennen, der vor dem geöffneten Schrank der Einbauwand schwebt. Maximilian schaut um die Ecke hinunter, versteckt sich hinter der Wand. Doch der Schatten, der wie der Torso eines dicken Menschen wirkt, bewegt sich plötzlich, die Schranktür schließt sich und der Schatten entweicht durch eine Wand.
Maximilian atmet hektisch, er klammert sich am Treppengeländer fest, während er vorsichtig hinunter geht. Unten blickt er sich ängstlich um. - Nichts. Kein Schatten, kein Fremder.
Er hat geschlafen! Oben im Bett.
„Mami?", schreit Maximilian, so laut er nur kann. „Mami, bist du jetzt da?"
Er lauscht erneut. Nichts. - Wieder kriechen Tränen über seine Wangen. Maximilian rennt zur Tür. Er öffnet sie und wirft sie mit aller aufzubietenden Kraft zu. - Kein Ton.
Maximilian rennt in die Küche, nimmt eine Kaffeetasse aus dem Schrank und wirft sie mit voller Wucht gegen die Wand. Er trifft die Uhr, deren Zeiger sich nicht bewegen. Kein Klirren. Die Tasse zerbricht nicht, sie fällt auf den Boden, dreht sich lange geräuschlos im Kreis, bis sie still liegen bleibt.
Maximilian hebt die Tasse auf, betrachtet sie von allen Seiten. Kein Kratzer, keine Schramme, kein Sprung ist zu sehen!
„Das gibt es doch nicht", flüstert er. „Das kann doch nicht sein!"
Noch einmal wirft er die Tasse, dieses Mal gegen das Fenster. Das Ergebnis erschreckt Maximilian mehr, als wäre das Fensterglas mit einem Krachen zersprungen: Kein Ton, kein kaputtes Glas. Die Tasse prallt zurück, fällt wieder auf die Küchenfliesen, dreht sich und bleibt schließlich wieder still liegen.
Maximilian rennt hinaus. Im Flur reißt er das Schüsselband vom Haken und hängt es sich um den Hals. Dann verlässt er das Haus und läuft zur Straße.
Nach wie vor ist er allein. Kein Auto weit und breit, kein Rauschen dringt von der Autobahn zu ihm, er hört nicht die Tram oder irgendetwas anderes. Maximilian geht zum Carport. Hinter den Autos steht das Fahrrad. Er zerrt es hervor und stößt mit einem Pedal gegen die Tür von Conrads Golf. Erschrocken hält Maximilian inne und tastet mit der Hand die Tür ab. Er fühlt zum Glück weder eine Delle noch einen Kratzer. Conrad würde Maximilian sonst erschlagen! Das rote Auto liebt der Freund der Mutter mehr als alles andere.
„Du bist einen Scheiß wert gegen dieses Auto!", hatte Conrad zu Maximilian gesagt. „Noch weniger als Scheiß! Nichts bist du wert!"
*
„Maximilian, kommst du Abendessen?", rief die Mutter.
Der Junge schlug das Buch zu und ging hinunter in die Küche. Es waren Ferien, Maximilian war am Tag mit Leon baden gewesen. Leon ist im Freibad hinten über den Zaun geklettert, weil er kein Geld für den Eintritt hatte. Ihn störte das aber nicht.
„Ist Conrad nicht da?", fragte Maximilian erfreut und setzte sich.
„Ich habe keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Er geht nicht ans Handy."
Dem Jungen schmeckte das Abendessen. Er saß neben der Mutter an dem länglichen Tisch. Auf der anderen Seite lag Conrads Brettchen auf dem Tisch, daneben stand eine Flasche Bier.
„Vielleicht hat er Stress", sagte Maximilian, der die Unruhe der Mutter nicht verstehen konnte. „Mit der Polizei." Der Junge grinste.
Conrad war häufig zu schnell gefahren. Nun durfte er einen Monat lang kein Auto fahren, tat es aber trotzdem. Der Monat hatte gerade erst begonnen.
„Bloß nicht", sagte die Mutter. „Du weißt, was er dann für schlechte Laune bekommt. Und das willst du doch nicht, oder?"
„Conrad hat immer schlechte Laune", stellte Maximilian fest. „Haut er dich auch manchmal?"
Die Mutter sah ihren Sohn erstaunt an. „Nein", sagte sie und wurde rot. „Das tut er nie!"
„Das blaue Auge, das du hattest, war es nicht von ihm?"
Maximilians Mutter verschluckte sich und hustete. Maximilian klopfte ihr vorsichtig auf den Rücken. Sie trank Tee.
„Er hat dich geschlagen."
„Ich habe mich gestoßen, das habe ich dir doch schon erklärt, Maximilian."
„Warum jagst du ihn nicht weg?"
Sie sah den Jungen ein Weilchen an und antwortete nicht.
„Papi hast du auch weggejagt. Und der war tausendmal besser als Conrad."
„Ich habe deinen Vater nicht weggejagt."
„Doch, Mami. Das hast du." Maximilian kuschelte sich an die Mutter.
Sie begann plötzlich zu weinen und fuhr dem Jungen immer wieder durch die Haare.
*
Maximilian saß an seinem Schreibtisch, erledigte die Hausaufgaben und hörte dabei Musik aus dem MP3-Player. Er trug Kopfhörer. Der MP3-Player war ein Geburtstagsgeschenk. Maximilian wünschte sich von allen Geld und kaufte davon den Player. Der Vater half ihm, die Musik vom Rechner zu laden.
Maximilian hörte nicht, dass jemand die Tür geöffnet hatte. Plötzlich lag eine Hand auf seiner Schulter, der Jemand nahm ihm die Kopfhörer ab.
„Papi!" Maximilian erhob sich und drückte den Vater. „Schau mal hier." Er zog einen Hefter aus dem Ranzen und schlug ihn auf. „Ich habe eine Eins in Mathe bekommen. Die einzige Eins in der ganzen Klasse." Er sah den Vater stolz an.
„Ich freue mich", sagte der und freute sich nicht. Maximilian sah es ihm an.
Der Vater setzte sich auf Maximilians Bett. „Komm her, Junge." Er hielt die Arme auf.
Maximilian lief zu seinem Vater und setzte sich auf dessen Schoß. Der Vater drückte den Jungen an sich und flüsterte in Maximilians Ohr: „Ich muss dich verlassen, Maximilian. Frag nicht, warum. Du kannst bestimmt manchmal bei mir sein. Ich habe eine kleine Wohnung gemietet. Im Zentrum. Du kannst mich bestimmt besuchen."
Längere Zeit war Ruhe. Dann flüsterte Maximilian: „Was hast du gerade gesagt?"
Der Vater drückte den Jungen noch fester an sich. „Vergiss mich nicht, Maximilian. Bitte vergiss mich nicht."
Er hob den Jungen von seinem Schoß, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer.
Maximilian saß regungslos auf dem Bett. Irgendwann ging er hinunter und fand die Mutter in der Küche.
Maximilian lehnte sich auf den Tresen und beobachtete die Mutter, die ihm nicht ins Gesicht sehen konnte. Sie wusch zehn Minuten lang eine Untertasse ab.
„Warum hast du das getan, Mami?", flüsterte Maximilian, und genau in diesem Moment begannen die Tränen über seine Wangen zu fließen. „Warum, Mami?"
Die Mutter drehte sich nicht um. Maximilian hörte jedoch ihre Stimme. „Er kann nicht mehr bei uns sein. - Ich habe nichts getan, glaub mir. Für uns ist es das Beste, dass er nicht mehr bei uns lebt. - Warum das so ist, wirst du erst später begreifen."
Maximilian kannte andere Kinder, deren Eltern sich trennten. Dass ihm so etwas passieren würde, daran hätte er nicht im Traum gedacht.
„Ich bin kein Baby mehr! Ich kann es ja doch verstehen! - Wie kannst du behaupten, dass es gut ist, dass Papi nicht mehr bei mir ist? Du hast ihn einfach weggeschickt!", schrie Maximilian plötzlich. „Ich hasse dich!"
Die Untertasse zersprang auf den Bodenfliesen. Sie war der Mutter aus den zitternden Fingern gerutscht.
*
„Ich habe Angst vor Conrad", sagte die Mutter. „Ich habe Angst, dass er dir etwas antut, wenn ich mich von ihm trenne. - Ich wusste nicht, dass er so ist …" Sie wischte sich Tränen aus dem Gesicht.
Maximilian sah die Mutter ernst an. Die Haustür krachte ins Schloss. Conrad kam heim.
„Ihn wegzuschicken, davor solltest du keine Angst haben, Mami", flüsterte Maximilian.
Conrad sagte kein Wort. Er öffnete die Flasche Bier und trank sie in zwei Zügen aus. Dann setzte er sich.
„Was glotzt ihr mich so an?"
Maximilians Mutter legte die belegte Semmel zurück auf den Teller. Sie schluckte. „Du hättest wenigstens guten Tag sagen können."
„Ein guter Tag?", schrie Conrad aufgebracht. „Ein Scheißtag ist das heute, ein hässlicher Scheißtag!"
Maximilian zuckte zusammen.
„Was ist passiert?", fragte die Mutter.
„Passiert? - Irgend ein Scheißtyp hat gegen mein Auto getreten. Scheinwerfer im Arsch, Delle in der Motorhaube. Und Kratzer! - Das ist passiert! Ich kann ja nicht mal zu den Bullen gehen. Nicht mal das kann ich."
Fahrverbot ist Fahrverbot, dachte Maximilian und erhob sich. Er ging zur Haustür und lief hinaus. Conrads roter Golf stand im Carport, jedoch nicht so wie gewöhnlich. Die Front hatte Conrad versteckt.
Maximilian lief um das Auto herum. Die linke Lampe war kaputt und Maximilian entdeckte auch die Delle. Er zuckte mit den Schultern.
„Was machst du da?", hörte er Conrad sagen. „Wag dir ja nicht, jemandem davon zu erzählen!"
Maximilian wagte es nicht, jemandem etwas zu sagen.
Zudem geschah zwei Tage später etwas, das ihn weitaus mehr beschäftigte.
*
Maximilian schiebt das Rad aus dem Carport und läuft zur Straße. Erneut blickt er sich um und lauscht. Nichts. Es ist dunkel. Der Junge spürt keinen Windhauch und vernimmt kein einziges Geräusch. Maximilian stellt das Rad an den Straßenrand, krempelt das rechte Hosenbein der Jeans hoch, setzt sich auf den Sattel, stößt sich ein wenig ab und radelt los. Er fährt auf die rechte Straßenseite, bewegt sich am Rand entlang, obwohl kein Auto zu sehen ist. Immer wieder sieht er sich um. Er fährt sehr langsam. Die Stille ist bedrückend. Rechts neben der Straße führen die Straßenbahnschienen entlang, eine hohe Betonkante trennt die Tram-Trasse von der asphaltierten Fahrbahn.
Das Quietschen! Der Reifen von Maximilians Hinterrad schleift an der Halterung des Gepäckträgers. Immer ist ein rhythmisches Quietschen zu hören. Maximilian hält an, steigt vom Rad, hebt es etwas hoch und bewegt das Hinterrad. Es schleift, doch es quietscht nicht.
Der Junge blickt sich erneut um. Die Straße verläuft geradeaus, verliert sich in großer Entfernung zwischen den Plattenbauten eines Wohngebietes.
Maximilian steigt wieder auf, tritt kräftiger in die Pedale und beginnt zu rasen. Er spürt keinen Windhauch.
Plötzlich bremst er, steigt erneut ab und klappt den Dynamo an den Reifen. Wieder hebt er das Rad an und dreht das Hinterrad. Die Lampen bleiben dunkel, das schnurrende Geräusch des Dynamos ist nicht zu hören.
Maximilian schaut in alle Richtungen. Es muss doch irgendein Mensch hier sein!
„Hallo?", brüllt er. Und noch einmal lauter: „Hallo!"
Nichts.
Die Fahrt geht weiter, die große Straßenkreuzung nähert sich. Alle Ampeln sind aus, auch die riesige Straßenlampe auf der Mitte der Kreuzung leuchtet nicht.
Zögernd fährt der Junge an die Kreuzung heran und hält an. Eine Schuhspitze berührt den weißen Streifen.
Maximilian sieht ungläubig in die sonst auch nachts stark frequentierte Querstraße. Kein Auto ist zu sehen. Gegenüber, an der Taxihaltestelle, stehen immer die Taxifahrer und warten auf Kunden. Heute steht dort kein einziges Taxi. Maximilian kratzt sich den Haaransatz am Hals, dann stößt er sich ab und befährt die Kreuzung.
Bevor er reagieren kann, liegt er auf dem Asphalt.
Aus dem Nichts taucht ein brummendes weißes Auto auf, berührt Maximilians Vorderrad, bremst mit einem ohrenbetäubenden Quietschen, dreht sich auf der Kreuzung und schlittert ins Gleisbett der Tram. Lärm! Ein schrilles Klingeln ertönt. Maximilian hebt den Kopf an, er sieht eine Straßenbahn, die mit großem Tempo aus der Dunkelheit schießt und mit voller Wucht gegen das weiße Auto stößt. Glas splittert, Autoteile fliegen durch die Luft, das Autowrack wird von der Tram zur Seite geschoben und kurz darauf zwischen der Bahn und einem Betonmast eingequetscht, der knirschend und krachend auf die Straße fällt.
Der Junge ist geblendet von einem hellen Licht! Das weiße Auto brennt!
Maximilian rappelt sich auf, läuft ein paar Schritte und stolpert. Auf der Straße liegt eine Frau, die aus dem Auto geschleudert wurde. Maximilian kniet sich neben sie. Ihr Pullover ist zerrissen, aus der Bauchgegend quillt Blut und sammelt sich auf dem Asphalt.
Sie greift nach Maximilians Hand, der zu keinem Wort fähig ist. „Meine Mädchen …", wimmert die Frau. „Meine Kinder …"
Maximilian reißt sich hoch und rennt zu dem lichterloh brennenden Auto. Er spürt die extreme Hitze, die ihm entgegenschlägt. Jetzt schreit er, will sich dem Fahrzeug nähern, kann es jedoch nicht. Ein Flammenmeer versperrt ihm den Weg. „Jemand muss helfen!", schreit Maximilian. „Ihre Kinder sind da drin!" Er blickt suchend um sich. Die Frau, die eben noch auf der Straße lag, ist verschwunden.
„Mami?", hört Maximilian eine Stimme.
Er läuft um das brennende Auto.
Zwei Mädchen sitzen zwischen den Schienen, sie halten sich an den Händen und sehen völlig gleich aus. - Zwillinge! Maximilian kniet sich hin, will eines der Mädchen tröstend berühren, doch greift er ins Leere.
Gleichzeitig spürt er die Hitze des Feuers nicht mehr, wieder ist es kalt, dunkel und still. Er springt auf. Alles ist verschwunden! Der Betonpfeiler steht unberührt neben der Straßenkreuzung. Wo eben noch das Auto brannte, ist jetzt eine gleichmäßig geschnittene Rasen-fläche zu sehen. Auch die Tram ist weg. Der Junge glaubt zu erkennen, dass sich schwarze Schatten von der Kreuzung entfernen.
Maximilian rennt zu der Stelle, an der die Frau lag. Auch hier ist nichts zu sehen. Kein Blut, keine Frau, nichts!
Hektisch atmet der Junge ein und aus. Er schaut mehrmals in alle Himmelsrichtungen. Niemand ist zu sehen.
Dann kontrolliert er seinen Arm, auf den er stürzte. Hektisch streift er den Ärmel hoch. Kein Kratzer, keine Schürfwunde ist am Ellenbogen zu sehen, so sehr sich der Junge auch verrenkt. Selbst die Knie der Hose sind heil!
Maximilian geht nachdenklich zu seinem Fahrrad, hebt es auf und betrachtet es ungläubig. Alles ist ganz. Die verchromten Teile glänzen in der Düsterheit.
Er lässt das Rad wieder fallen und vermisst erneut das klappernde Geräusch, als es auf dem Asphalt aufschlägt.
Der Junge setzt sich auf eine Bordsteinkante und starrt auf den schwarzen Straßenbelag. Ringsum herrscht eine unheimliche Stille.
„Was ist nur passiert?", flüstert er. Selbstmitleid entfacht in ihm großen Kummer. Er fühlt sich einsam und verlassen. Tränen sammeln sich in seinen Augen. „Ich verstehe das nicht." Maximilian führt ein Selbstgespräch. „Zuerst war der Schrei, dann bin ich aufgewacht. Dann der Mann im Keller. Der schwarze Schatten im Wohnzimmer. Jetzt der Unfall. - Es kann doch niemals sein, dass ich das alles träume. Ich bin nicht verrückt! Aber ich verstehe das nicht!"
„Dass du nichts verstehst, hat seinen Grund. Du bist ein kleines Individuum. K. wie kleines und Ind. wie Individuum. Das Ergebnis des Buchstabenspiels lautet k.Ind.! Du bist ein Kind. Deshalb verstehst du nichts."
Maximilian dreht sich erschrocken um. Die Augen sind feucht.
„Wer bist du?", fragt er und sieht hinauf.
Direkt hinter ihm, auf dem Fußweg, steht ein junger Mann. Er hält sich am Betonpfeiler fest, den Maximilian vor Minuten auf der Straße zersplittern sah. Die Haare des Mannes sind lang, dunkel und lockig, er trägt eine Sonnenbrille, obwohl es Nacht ist. Er ist sehr groß, steht auf einem Skateboard und schaukelt darauf hin und her. Maximilian erkennt die schwarzen Lederstiefel, die zum Teil von einem langen, schwarzen Ledermantel verdeckt werden, dessen Kragen hochgeschlagen ist und dem ohnehin schmalen Gesicht des Mannes ein geheimnisvolles Aussehen verleiht.
Der Fremde springt vom Skateboard, tippt es mit einer Stiefelspitze an, das Skateboard wirbelt durch die Luft. Er fängt es geschickt mit einer Hand auf und setzt sich neben Maximilian auf die Bordsteinkante.
„Wie lange?", fragt er.
„Was - wie lange?", fragt Maximilian zurück. „Was meinst du damit?"
„Wie lange bist du hier?"
„Hier? - Auf der Straße?"
„Mein Gott, was bist du für einer? - Du versuchst all meine Fragen mit Gegenfragen zu beantworten. Das kann ich nicht ausstehen." Der Fremde erhebt sich wieder, dreht sich einige Male um die eigene Achse, so dass sich der Ledermantel aufbläht, streckt die Arme aus und ruft: „Nicht auf der Straße, Dummkopf. - Hier, in dieser Welt!" Er setzt sich erneut neben Maximilian und redet sehr schnell. „Wie gesagt, du bist ein Kind. Ein Kind. Ein kleines Individuum. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit konntest du den Sinn meiner Frage nicht begreifen. Kinder sind Dummköpfe, weil sie nichts wissen. Kleine, unintelligente Dummköpfe. Klaro? - Und weil du ein kleines, dummes Kind bist, werde ich meine Frage umformulieren, damit du sie verstehst und beantworten kannst." Er holt Luft. „Kindgerecht formuliert heißt meine Frage: Hast du eine Mami?" Er redet wie mit einem Baby.
Maximilian staunt, dass ein Mensch in so kurzer Zeit so viel reden kann. „Ja. Ich habe eine."
„Und seit wann ist deine Mami verschwunden?"
Maximilian schaut dem Mann ins Gesicht, versucht die Augen hinter den dunklen Gläsern zu erkennen. „Ich bin ins Bett gegangen. Und als ich aufgewacht bin, war ich allein."
„Allein? - Ich bin doch hier, womit bewiesen ist, dass du nicht allein sein kannst. - Spaß beiseite, Dummkopf. Wann genau war das?"
„Ich weiß nicht … Und ich bin kein Dummkopf!"
„Nein?" Der Fremde schiebt die Brille in die Stirn, sein Gesicht kommt sehr nah an das von Maximilian heran. Er verdreht die dunklen Augen merkwürdig. „Du weißt es nicht und willst trotzdem kein Dummkopf sein. - Vielleicht bist du ja auch kein Dummkopf. Beweis es mir, dass du kein Dummkopf bist. - Was hast du erlebt? - Sprich, sprich, niemand kann sagen, wie viel Zeit mir bleibt, dir zuzuhören!"
„Zeit? Erlebt?"
„Ja, was hast du erlebt? Hier, in dieser ewigen Nacht. Kannst du dich erinnern, oder hat der kleine Dummkopf schon vergessen, was …"
„Ich bin kein …"
„Oh, wie gemein von mir. Vielleicht solltest du mir deinen Namen verraten - falls du ihn nicht auch verges-sen hast. Wenn ich deinen Namen kenne, muss ich das böse D-K-Wort nicht mehr benutzen."
„Maximilian. Ich heiße Maximilian. Maximilian Kramer. Und ich wohne da vorn." Maximilian zeigt in die Richtung, aus der er kam. „Und du?"
„Willst du wahrhaftig wissen, wo ich wohne? Oder willst du wissen, wie ich heiße? Was willst du, Maximilian Kramer? Was? - Kramer, wie Kram, Kramen, Kramladen, Krimskrams …"
Der Junge erhebt sich, baut sich vor dem Fremden auf und verschränkt die Arme. „Okay, hör auf! Also, wie heißt du?"
„Kein Mensch kann meinen Namen aussprechen. Frag mich, wie man mich nennt."
„Na gut, also: Wie nennt man dich?"
„Wie man mich nennt? Man nennt mich Iwa."
„Iwa? Was ist das für ein blöder Name?"
„Blöder Name? - Mein Gott - Maximilian! Habe ich nicht gerade erläutert, dass Iwa nicht mein Name ist, sondern dass man mich so nennt? Habe ich das gesagt?"
Der Junge nickt. „Okay, das hast du. Aber warum Iwa?"
„Das muss ich dir nicht sagen. Ich bin nicht dazu verpflichtet."
„Ich werde dich aber immer wieder fragen. Warum Iwa? Warum Iwa? Warum Iwa?"
„Du bist ein kleiner Sackgänger!" Erneut verdreht er die Augen. „Eine Ewigkeit treffe ich hier keinen Menschen. Und dann ausgerechnet dich! Ein Kind, das sich vehement dagegen wehrt, ein Dummkopf zu sein, was der Sache an sich widerspricht, und das sich zudem als einzigartiger Sackgänger auszeichnet." Iwa gibt dem Skateboard einen Schub. Es rollt langsam zur Mitte der Kreuzung.
„Conrad sagt auch manchmal Sackgänger zu mir. -Warum Iwa?"
„Conrad? Wer bitteschön ist Conrad? - Du wirfst mit Fachausdrücken um dich und definierst mir ihre Bedeu-tung nicht. Was soll das? Vertraust du mir nicht? He! Sag schon, wer ist Conrad?"
Maximilian läuft zum Skateboard, stellt einen Fuß darauf, nimmt Schwung und rollt zu Iwa. An der Bordsteinkante bremst er geschickt.
„Alle Achtung. Hat Conrad dir das beigebracht?", fragt Iwa erstaunt.
„Nein." Maximilian setzt sich auf das Skateboard direkt vor den Fremden. „Conrad hat mir noch nie etwas beigebracht."
„Wer ist Conrad?"
„Der Freund meiner Mutter."
„Also, dein Vater?"
„Nein. Er ist nicht mein Vater. Er ist nur mein Stiefvater."
Iwa nimmt die Sonnenbrille ab und verstaut sie im Inneren des Ledermantels. Er klemmt das spitze Kinn zwischen die Finger, die Stirn ist faltig. „Er ist dein Stiefvater. Gut. Aus deiner wissenschaftlichen Definition des Sachverhaltes kann ich ableiten, dass du diesem Stiefvater nicht gerade aufrichtig freundschaftlich liebevolle Gefühle entgegenbringst. - Was ist mit deinem leiblichen Vater?"
„Erst hat Mami ihn weggeschickt …", flüstert Maximilian.
Der fremde Mann, dessen Hautfarbe dunkel wirkt, lässt einige Sekunden vergehen, darauf wartend, dass Maximilian mehr erzählt. Da der Junge schweigt, flüstert er: „Ja, ja. So gemein sind sie, unsere Mamis. - Und dann?"
„Dann ist er weit weggezogen. Und dann …"
*
„Er ist weit weggezogen."
Maximilian schaute erschrocken auf. „Er hat gesagt, ich kann vielleicht manchmal bei ihm sein."
„Dein Vater hat eine andere Frau kennen gelernt, er ist zu ihr gezogen und hat eine neue Arbeit. - Du musst ihn endlich vergessen."
Der Junge zitterte am ganzen Körper. „Vergessen? - Mami! Ich darf meinen Papi doch nicht einfach vergessen! Außerdem habe ich ihm versprochen, dass …"
„Conrad ist jetzt dein Vater", unterbrach ihn die Mutter.
„Conrad? Conrad ist nicht mein Vater! Conrad ist nur ein beschissenes, blödes Arschloch! - Ich will zu Papi!" Maximilian schrie die Worte voller Hass und Wut.
„Das geht nicht, Maximilian."
Tränen ergossen sich über die Wangen des Kindes. „Wo … wohin ist Papi gezogen?"
„Nach München. Er wohnt jetzt in der Nähe von München."
Maximilian warf sich auf das Bett und weinte schrecklich. Die Mutter verließ das Kinderzimmer.
Später nahm Maximilian das Mobilteil vom Telefon und schloss sich im Bad ein. Er suchte die Handynummer des Vaters im Speicher.
„Hallo?", meldete sich eine Frauenstimme am anderen Ende.
Maximilian bekam kein Wort heraus, die Kehle war wie zugeschnürt.
„Hallo?", fragte die Frauenstimme erneut. „Wer ist denn da?"
„Ich bin es, Maximilian. Ich will meinen Papi sprechen." Die Stimme des Jungen klang heiser und leise.
Maximilian lauschte in den Hörer, es herrschte Stille, bis endlich der Vater zu hören war.
„Maximilian? He, Maximilian, was ist los?", fragte er mit übertrieben freundlicher Stimme.
„Du weißt genau, was los ist, Papi. - Warum bist du weggezogen? Warum hast du mir nichts gesagt?"
„Es … Maximilian … versteh doch. Ich musste ins … - Verstehst du?"
„Du hast gesagt, ich soll dich nicht vergessen!"
„Du sollst mich auch nicht vergessen, Maximilian."
„Ich … Aber … Wenn du für immer weg bist, werde ich dich vergessen. Das weißt du!"
Maximilian drückte auf die kleine rote Taste. Der Va-ter sollte sein Weinen nicht hören.
Er legte das Telefon zurück in die Ladeschale und rannte hinauf in sein Zimmer. Dort stieg er auf das Bett, riss das Modell der MiG von der Decke und warf es gegen die Wand. Die Plastikteilchen verteilten sich auf dem ganzen Teppich.
*
Maximilian sieht Iwa ein Weilchen in die Augen. „Ich habe den Flieger wieder zusammengebaut. - Später", flüstert er.
Der junge Mann nickt übertrieben. „Okay, ich verstehe dich. Ja, ich verstehe deinen Kummer. Ist durchaus nachvollziehbar. Völlig klar. - Kommst du mit?" Er steht auf und streicht den Mantel glatt.
„Wohin?"
„Dorthin, wo ich jetzt wohne."
„Wo ist das?" Maximilian geht zum Fahrrad und hebt es auf. Iwa nimmt Schwung und rollt auf dem Skateboard neben dem Jungen.
„Das wirst du sehen."
„Warum nennen sie dich gerade Iwa?", ruft Maximilian.
„Iwa. So nannten mich die anderen Studenten. Ich weiß alles. Das ist eine Abkürzung. I für ich, w für weiß und a für alles. Iwa. Kapiert?"
„Wie alt bist du?"
„Ich schätze so um die zweiundzwanzig. - Und du?"
„In einem Monat werde ich zehn."
Er lacht! „In einem Monat? - Woher willst du das wissen?"
Maximilian bremst abrupt. Iwa hält sich am Fahrrad fest, so dass der Junge fast stürzt. „Wie meinst du das?"
„Wie ich das meine? - Mit großer Sicherheit ist es unmöglich, definitiv vorauszusagen, dass du in einem Monat zehn wirst."
„Ich verstehe dich nicht."
„Du kannst es nicht verstehen."
„Und warum nicht?"
„Du bist ein kleines Individuum. - Schon vergessen?"
„Erklär es mir."
„Später. - Vielleicht später. - Los, fahr!"
Maximilian stellt sich auf die Pedale und drückt die Beine mit aller Kraft hinein. Iwa steht auf dem Skateboard und hält sich am Gepäckträger fest. Allmählich kommt das Gespann in Fahrt.
„Schneller, Maximilian! Schneller!", schreit der Student und fuchtelt wie wild mit einem Arm in der Luft herum. „Nächste Kreuzung - links einordnen! - Juchhu!"
Die Beine des Kindes wirbeln immer schneller, gemeinsam rasen sie die Straße hinunter, fahren um eine lange Kurve in einen Kreisverkehr. Maximilians Beine sind nicht müde, der Atem ist gleichmäßig, als würde er sich nicht anstrengen.
„Jetzt abbiegen!"
Sie nähern sich einem großen Einkaufszentrum. Der riesige Parkplatz ist leer, die Geschäfte und Kaufhäuser liegen im Dunklen.
„Hier wohnst du?", schreit Maximilian.
„Ja. Momentan wohne ich hier!", ruft Iwa hinter ihm. „Fahr zum Eingang!" Er lässt den Gepäckträger los, das Fahrrad erhöht die Geschwindigkeit wie von allein, Maximilian kracht beim Bremsen mit dem Vorderrad gegen eine Bordsteinkante und stürzt kopfüber auf den Beton. Er stößt mit der Stirn gegen einen Mülleimer, kurz darauf landet das eigene Fahrrad auf ihm.
Iwa bremst das Skateboard geschickt, rollt es an die Seite und nähert sich lachend dem Jungen, der sich mühsam erhebt und dabei das Knie und den Kopf gleichzeitig betastet.
„Dafür bekommst du eine glatte Zehn!", ruft der Student. „Die Haltungsnoten sind nicht so gut, aber der Schwierigkeitsgrad war bedeutsam."
„Warum lachst du?", schreit Maximilian ärgerlich. „Das tut vielleicht mal weh!" Und noch immer reibt er sich die Beine. „Hör auf mit deinem blöden Lachen!"
Iwas Stimme klingt wieder ernst. „Vergiss die anatomische Anfälligkeit der menschlichen Art. Nichts tut dir weh. Du glaubst lediglich, dass dir nach diesem schrecklichen Sturz etwas wehtun muss. Dein Erinnerungsvermögen macht dir die Schmerzen glaubhaft."
Maximilian lässt die Beine los. Er bewegt sie, dann die Arme, dann den Kopf. - Tatsächlich, ihm tut nichts weh. Keine Schürfwunde ist zu sehen, kein Kratzer. „Das kann doch nicht sein!", sagt er und blickt den Studenten fragend an.
„Auch eine typische Angewohnheit der menschlichen Art, mein Freund. Es kann nicht sein, was der Mensch nicht versteht. Es kann nicht geben, was der Mensch nicht sieht. Selbst ausgewachsene Individuen verhalten sich so, nicht nur die kleinen."
Maximilian kontrolliert das Fahrrad. Auch hier ist keine Schramme zu sehen.
„Ich will versuchen, die objektiven Zustände unseres derzeitigen Seins in kindgerechte Worte zu fassen." Iwa setzt sich auf eine Bank, und Maximilian sitzt sogleich daneben. „Diese Zustände scheinen hier Gesetzmäßigkeiten zu sein. - Es sind genau sechs Gesetze. Erstens: Personen, die sich hier aufhalten, sind unverwundbar, egal was sie tun. Zweitens: Die atmosphärischen Zustände des begrenzten Bewegungsraumes der hier anwesenden Personen sind außer Kraft gesetzt. Zu ihnen gehören Wetterveränderlichkeiten und der Wechsel von Tag und Nacht. Drittens: Die Sinnesorgane der hier verweilenden Personen nehmen nur das auf, was hier verweilende Personen von sich geben, nicht aber die der scheinbaren Umgebung. Hier riecht eine Blume nicht. Hier gibt es kein Licht. Hier hörst du nichts. Lediglich die visuellen Erscheinungen sind wahrnehmbar. Eine Ausnahme bilden die extradimensionalen Störungen aus der realen Welt. Viertens: Egal, was die hier anwesenden Personen verändern, in bestimmten Zyklen wird alles auf einen Nullpunkt zurückgesetzt. Dies geschieht ausschließlich während einer Schlafphase der Personen. Fünftens: Die hier anwesenden Personen können alle Bedürfnisse des Individuums Mensch unterdrücken. Einzige Ausnahme ist der Schlaf, der benötigt wird, um den Ursprung herzustellen. Und letztendlich sechstens: Hier anwesende Personen dürfen sich nicht gegenseitig berühren."
Maximilians Augen sind weit geöffnet, als könne er so den Sinn der vernommenen Worte besser erfassen. Viel begreift er jedoch nicht.
„Das sechste Gesetz werde ich dir beweisen. Reich mir deine Hand, Maximilian!", fordert Iwa plötzlich.
Der Junge zögert, doch dann greift er zu. Gleichzeitig mit der Berührung der Hand des Studenten trifft Maximilian ein gewaltiger Schlag! Er wird von einer Druckwelle durch die Luft geschleudert, vor den Augen ist kurzzeitig alles schwarz.
Auf dem Boden liegend, suchen seine Blicke und finden Iwa am Eingang des Einkaufszentrums, fünfzig Schritte von ihm entfernt. Gleichzeitig stiebt eine Wolke schwarzer Gestalten auseinander.
Iwa läuft zu Maximilian. „Womit die sechste Gesetzmäßigkeit bewiesen wäre. Hier anwesende Personen dürfen sich nicht gegenseitig berühren."
Maximilian atmet hektisch, obwohl er wiederum keinen Schmerz fühlt. „Was waren das für schwarze Gestalten?"
„USD. Ich nenne sie USD."
„USD?" Der Junge folgt dem Studenten zum Eingang und will das Fahrrad aufheben. „Was bedeutet USD?"
„Lass es liegen, Maximilian. Niemand wird es dir wegnehmen. - Undefinierbarer Sicherheitsdienst. USD. Scheint hier so etwas wie eine Polizei zu sein. Manchmal geht der USD ziemlich hart vor. Es ist ihm egal. Wahrscheinlich wissen diese Schatten vom USD von der ersten Gesetzmäßigkeit. Du erinnerst dich: Personen, die sich hier aufhalten, sind unverwundbar, egal was sie tun."
„Warum sind wir unverwundbar?" Maximilian schüttelt den Kopf. „Das kann doch alles nicht sein!"
„Wie gesagt, Maximilian: Eine typische Angewohnheit der menschlichen Art. Es kann nicht sein, was der Mensch nicht versteht. Es kann nicht geben, was der Mensch nicht sieht. Bei kleinen Individuen - wie du eins bist - sind diese gewöhnlichen Eigenschaften besonders stark ausgeprägt. Fakt ist: Wir sind hier. Fakt ist: Hier gelten die genannten sechs Gesetzmäßigkeiten."
„Das mag alles sein, Iwa, aber was ist hier?"
Der Student bleibt augenblicklich stehen. „Was diese Frage angeht, gibt es nur eine Antwort: Das muss ich noch herausfinden. In Beziehung auf die Definition des Standortes hier bin auch ich ein … Du weißt schon, das böse D-K-Wort. - Komm jetzt endlich."
Maximilian schüttelt den Kopf. „Das ist alles so komisch. - Warum ist die Tür in der Nacht offen? Können wir einfach so rein gehen?" Er folgt Iwa und schaut sich ununterbrochen um, stets damit rechnend, die Polizei oder jemand vom Sicherheitsdienst würde auftauchen und beide festnehmen.
„Dass die Türen offen sind, besser gesagt, dass hier alle Türen offen sind, gehört zum Ist-Zustand. Man kann sich ewig darüber wundern, man kann sich aber auch damit abfinden und diesen Fakt - wie all die anderen - akzeptieren. - Verstehst du, Maximilian Kramer?"
„Nein."
Iwa betritt ein Geschäft und fordert Maximilian auf, ihm zu folgen. Er schwingt sich über den Verkaufstresen und steht an der Kasse. „Was möchtest du? Eine goldene Uhr? Eine Halskette für fünftausend Euro, die sind heute im Angebot?"
Erschrocken sieht Maximilian hinaus in den Gang. Kein Mensch ist zu sehen. Niemand interessiert sich für die beiden Besucher des Uhren- und Schmuckladens.
Währenddessen öffnet Iwa einen Kasten und holt verschiedene goldene Ketten unter der Auslage hervor. „Komm her", fordert Iwa und hängt Maximilian die Ketten um den Hals. „Das sind die teuersten, die ich finden konnte."
„Bist du verrückt? Tu sie zurück. Schnell!"
„Hast du Angst? Warum habe ich dir ausführlich die sechs Gesetzmäßigkeiten erläutert, die über uns bestimmen? Ich wiederhole die vierte: Egal, was die hier anwesenden Personen verändern, in bestimmten Zyklen wird alles auf einen Nullpunkt zurückgesetzt. Dies geschieht ausschließlich während einer Schlafphase der Personen. Du kannst alles Mögliche mitnehmen und dich daran erfreuen oder nicht, wenn du das nächste Mal aufwachst, liegen die Ketten wieder hier in diesem gottverdammten Glasfach! - Verstanden? - Und versuch erst gar nicht, irgendetwas kaputt zu machen …"
„Ich weiß, dass das nicht geht. Ich habe es zu Hause ausprobiert. - Ist in der Kasse Geld?"
„Natürlich." Iwa drückt ein paar Tasten der Kasse, die Schublade öffnet sich. Er greift mit beiden Händen hinein und wirft Geldscheine und Münzen über sich.
Maximilian fasst das Geld nicht. „Was tust du da?"
„Früher habe ich mir so etwas gewünscht. Einen Geldsegen. Aber jetzt … Das Geld ist nichts wert. Nichts. Kapierst du das?"
Der Junge bückt sich und liest einige Scheine und Münzen auf. „Nein", antwortet er. „Es sieht doch aus wie richtiges Geld!"
„Es ist auch richtiges Geld. Doch wozu brauchst du es, wenn du dir alles nehmen kannst? Dieses Geld ist nichts wert. Auch das Gold, der Schmuck, die Diamanten … Das ist alles Dreck, sinnloser Dreck, verstehst du?"
Erneut schüttelt Maximilian den Kopf.
„Komm mit!" Iwa geht um den Tresen herum und hält Maximilian die Ladentür auf. „Vielleicht war Schmuck nicht das anschaulichste Beispiel für ein kleines Individuum wie dich. Los, komm!"
Der Junge sieht sich noch einmal in dem verwüsteten Geschäft um. Um den Hals trägt er mehrere goldene Ketten. Auf dem Gang ist es dunkel und still. Maximilian folgt dem Erwachsenen wortlos.
Vor einem Imbiss bleibt Iwa stehen. „Wie sieht es mit deinem Appetit aus? Hast du Hunger oder Durst?"
„Ich weiß nicht." Maximilian sieht in den Imbiss hinein. Sonst riecht es hier nach Wurst und Essen. Heute jedoch ist alles sauber, leer und geruchlos.
„Du weißt es", erklärt Iwa. „Es gibt keinen Hunger, keinen Durst. Es gibt hier nichts zu essen und nichts zu trinken. Wir sind auf solche Dinge nicht mehr angewiesen."
„Warum fragst du dann?"
Iwa gibt Maximilian auf diese Frage keine Antwort.
Maximilian bleibt plötzlich stehen. Er blickt durch das Schaufenster eines Spielzeugkaufhauses.
Iwa bemerkt Maximilians Fehlen und läuft zurück.
„Du kannst reingehen und dir nehmen, was du möchtest. Nur … die ferngesteuerten Autos funktionieren nicht."
„Ich will nichts davon!" Der Junge starrt durch die Scheibe, er haucht sie an, doch sie beschlägt nicht. „Wir sind tot", flüstert er plötzlich.
„Wie bitte?"
Maximilian dreht sich zu Iwa. „Um mit deinen Worten zu sprechen, Herr Doktor: Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nicht mehr leben! Wir sind tot! Was auch immer das hier bedeutet …, all der ganze Scheiß beweist nicht mehr und nicht weniger, als dass du und ich nicht mehr leben. - Kapiert?"
„Nein. Er beweist lediglich, dass wir nicht mehr bei den anderen sind. Nur das. Wir wurden von der Herde getrennt. Nun ist es eine Frage der Zeit, dass der Hirte uns findet."
„Der Hirte?"
„Der gute Hirte. Das verstehst du nicht. Du bist ein …"
„… Kind. Ich weiß", sagt Maximilian traurig.
„Komm mit!" Iwa will Maximilians Hand ergreifen, doch zuckt er im letzten Moment zurück. Er sagt kein Wort.
Mit kurzen, schnellen Schritten läuft Maximilian ihm hinterher. Sie erreichen den Eingang eines großen Elektronik-Marktes. Maximilian sieht die Einkaufskörbe, die ordentlich gestapelt vor der Sperre stehen. Iwa drückt die Sperre auf und läuft weiter. Er geht zu einer stillstehenden Rolltreppe, steigt eilig hinauf. Oben betreten beide die Computerabteilung, vor einem riesigen Bildschirm setzt sich Iwa im Schneidersitz auf den weichen Bodenbelag. „Setz dich, Maximilian Kramer!", fordert er.
Maximilian lässt sich in der Nähe nieder, liegt auf dem Boden und sieht Iwa nicht an.
„Ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte finde, damit du es begreifen wirst …", beginnt Iwa eine Rede.
Der Junge dreht sich zu ihm um. „Rede mit mir, wie mit einem Großen!", sagt er barsch.
„Okay, okay", Iwa sucht nach Worten. „Wissenschaftlich gesehen …"
„Aber hör mit diesem wissenschaftlichen Scheiß auf!"
„Okay … Ich denke, es ist bewiesen, dass wir nicht tot sind."
„Warum denkst du das?"
„Ich habe in dieser Welt häufig Menschen gesehen, die plötzlich verschwanden. Nämlich genau in dem Moment, als sie wirklich tot waren. Wir aber sind in dieser Welt. Also sind wir nicht tot."
„Aber … aber … warum sind wir hier? Wenn wir noch leben, dann haben wir hier nichts zu suchen!"
„Dass wir nicht tot sind, hat nicht zwangsläufig zu heißen, dass wir noch leben."
„Du spinnst. - Weißt du, was ich denke?"
„Was denkst du?"
„Ich denke, dass ich einen verdammt langen, hässlichen Traum träume. Und wenn er zu Ende ist, dann werde ich aufwachen und denken, warum nur war ich so bekloppt zu glauben, dass ich das wirklich erlebt hätte! - Das denke ich!"
Iwa räkelt sich und kommt näher an Maximilian heran. „Hast du jemals einen Traum geträumt, in dem jemand vorkam, den du vorher nicht gekannt hast? Gab es jemals einen Traum, der so real wie dieser war? - Kneif dich in den Arm!"
Maximilian kneift sich in den Arm. „Ich spüre nichts", sagt er dann.
„Wenn du es im Traum tun würdest, würdest du die Schmerzen spüren und aufwachen."
„Nein", Maximilian schüttelt den Kopf. „Nein. Wahrscheinlich würde ich nichts spüren und weiterträumen."
Iwa erhebt sich und klopft gegen den großen Plasmabildschirm. „Wenn du im Traum einschläfst, meinst du, dass du an der gleichen Stelle aufwachst, an der dein erster Traumabschnitt begann? Immer und immer wieder?"
„Ich weiß nicht. - Was passiert genau, wenn ich einschlafe?"
„Du wirst an der gleichen Stelle erwachen, an der du erwacht bist, als du diese Welt betratst. Mir ist das schon einige hundert Male passiert. - Was geschieht, wenn du in dieser Welt aufwachst?"
„Ein Schrei weckt mich", flüstert Maximilian.
„Gut, ein Schrei. - Wer schreit?"
„Ich."
„Du? - Und warum schreist du?"
„Ich weiß es nicht."
„Du weißt es nicht. - Ebenso erging es mir. Immer wieder wache ich mit meinem eigenen Schrei auf. Immer wieder. Anfangs wusste ich nicht, was dieser Schrei bedeutet. Doch dann, ganz plötzlich, fand ich die bewusste Stelle, an der mein Schrei das erste Mal auftauchte. Die Stelle, die Ausgangspunkt des Hier-Seins ist. Ich erfuhr, welche Bedeutung der Schrei hat. Ganz plötzlich und unerwartet geschah es."
„Warum hast du geschrien?", fragt Maximilian.
Iwa zögert. „Warum? - Vielleicht sag ich es dir irgendwann. Vielleicht zeig ich es dir. Jetzt nicht. Man wird angezogen von der Stelle, an der es geschah, verstehst du? Man kann nichts dagegen tun. Irgendwann erreicht man die Stelle."
Maximilian schweigt. Die Augenlider werden ihm allmählich schwer. Häufig fallen die Augen zu.
„Ich habe heute den Unfall miterlebt, eine Frau und ihre beiden kleinen Mädchen … Sind sie gestorben?"
„Hast du sie aus den Augen verloren, sind sie vor deinen Augen verschwunden?"
„Ja, ich wollte sie berühren, sie waren so echt, so nah … Und dann …"
„Sie sind gestorben."
„Ist es heute passiert?" Maximilians Augen sind trotz der aufsteigenden Müdigkeit weit geöffnet.
„Kann sein, muss aber nicht. Manchmal bin ich irgendwo an einer Stelle, an der jemand stirbt, dann muss ich es mit ansehen. Es waren Dinge dabei, die vor vielen Jahren geschahen. Immer ist es das Gleiche: Die Leute tauchen erst auf, wenn feststeht, dass sie sterben."
„Werden wir auch sterben?", flüstert der Junge. „Dauert es bei uns vielleicht nur länger?"
Maximilian hört nicht die Worte, die Iwa haucht. „Du hast es tatsächlich begriffen. Du bist ein kleines Individuum und hast es doch begriffen …"
Maximilian möchte das Gespräch fortführen. Zunächst schaut er Iwa längere Zeit an. Endlich stellt er eine Frage: „Warum kannst du Kinder nicht leiden?"
Iwa dreht sich erstaunt zu Maximilian. „Wie kommst du darauf, dass ich Kinder nicht leiden kann?"
„Weil du es sagst."
„Nein, Maximilian Kramer, das habe ich nie gesagt, und niemals möchte ich, dass du behauptest, ich hätte es gesagt. Immerhin war ich selber ein Kind. Ich halte mich lediglich an die wissenschaftliche Definition des kleinen Individuums. Du erleidest einen Paralogismus."
„Para… was?"
„Paralogismus. Der wissenschaftliche Bereich menschlicher Logik. Deine Meinung unterliegt einem Denkfehler und führt dich zu einem Fehlschluss."
„Warum siehst du alles immer nur wissenschaftlich?"
„Sehe ich das?" Der Student verdreht die Augen. „Ist mir noch nicht aufgefallen, Herr Kramer. Wahrscheinlich ist das Studium schuld. Ein Bombardement meines armen Gehirns mit Fremdwörtern und Definitionen. Du musst wissen, ich studiere seit einigen Jahren die menschliche Psychologie, speziell die des kleinen Individuums, sprich die Kinderpsychologie. - Wie soll ich dir das begreiflich machen? Eine grundsätzliche Erkenntnis in Bezug auf die Lebensform Mensch ist, dass es zwei bedauernswerte Abschnitte im menschlichen Leben gibt."
„Bedauernswert?"
„Unterbrich mich nicht! - Ein Professor würde niemals einen Vortrag unterbrechen, ist der Inhalt auch noch so armselig. - Der erste bedauernswerte Abschnitt im Leben eines Menschen ist die Kindheit, die bekanntlich bei den meisten bis zum vierzehnten Lebensjahr geht. Ich erläutere anschließend die Gründe meiner These. Der zweite bedauernswerte Abschnitt ist das Altwerden, beginnend ab fünfundsechzig. Letztgenannte These lässt sich einfach erklären, und selbst du wirst sie verstehen. Alte Menschen erwarten das Ende ihres Daseins, den Tod. Sie dürfen nicht mehr aktiv am produktiven Leben teilnehmen, ihr Hirn wird durch Krankheiten und Verkalkung arg in Mitleidenschaft gezogen, die körperlichen Möglichkeiten verfallen zusehends. Daher kann man sie nur bedauern. Fakt ist auch, dass die Gesellschaft ihnen eine Doktrin aufzwingt, nach der sie in völlige Abhängigkeit der Gesellschaft geraten." Iwa hört sich an wie ein Wissenschaftler. Maximilian staunt über die Worte.
„Und warum meinst du, dass Kinder bedauernswert sind?"
„Diese These zu beweisen ist wesentlich komplizierter. Du musst dich darauf konzentrieren, was ich sage. - Wenn ein Kind geboren wird, ist sein Gehirn praktisch leer. Vergleiche einfach ein Gehirn mit einem Computerspeicher. Einen neuen Rechner schaltest du ein, und er verlangt von dir, dass du ein Betriebssystem installierst. Sein Speicher ist zunächst leer. Die Baugruppen sind lediglich vorformatiert. Neugeborene sind ebenso strukturiert. Das Gehirn ist vorformatiert und wartet auf das Betriebssystem. Die Vorformatierungen - menschlich betrachtet - sind die vorhandenen fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken und natürlich eine ganze Menge von Erwartungen, die die einzelnen Bauteile des menschlichen Körpers an das Gehirn weiterreichen: Hunger, Durst, Lust auf Luft, sich bewegen wollen und so weiter. Einen Rechner kann man in kurzer Zeit erwachsen werden lassen, man spielt das Betriebssystem auf und anschließend ein paar Programme. Bei einem bedauernswerten kleinen Individuum ist das nicht so einfach, wenigstens hat es die moderne Gesellschaft noch nicht auf diesem Weg probiert. Das Betriebssystem und die Anwenderprogramme installieren sich bei den meisten Kindern im Laufe von vierzehn Jahren. Was im Gehirn programmiert und eingeschrieben wird, sind nichts weiter als ERFAHRUNGEN. Alle menschlichen Gehirndaten sind Erfahrungen. - Merk dir das. - Einem Neugeborenen fehlt es an Erfahrungen, daher ist sein Gehirn leer, was durchaus als bedauerlich eingestuft werden kann. Erfahrungen sind nicht nur eigenständige Daten, die das Kind aufnehmen muss, weil es existiert, es sind auch Programmierungen von außen: Moralpredigten, Dogmen, Werte, Lehren aus der Schule. Es gibt zwei Formen der unbewussten Motivation zur Datenaufnahme: Einmal ist es der Fluss des Lebens, zum anderen die Störungen des Lebens, wie Krankheiten und Schicksalsschläge. Aus all diesen Daten entwickelt ein Mensch seine Erwartungen an die eigene Zukunft. Das kleine Individuum durchläuft einige Phasen. Die erste Phase - bei einem Computer ist dies die Installation des Betriebssystems - ist die Prägephase in den ersten sieben Lebensjahren, eine grundsätzliche Ausstattung des Gehirns. Hier werden von den äußerlichen Einflussfaktoren, zu denen man auch die Erziehungsberechtigten zählt, die meisten Fehler gemacht, die sich zeitlebens auf das Individuum auswirken werden. Nur ein Beispiel: Ein Kind, das in den ersten sieben Jahren ständig verwöhnt wird, stellt sehr hohe Ansprüche an seine Umgebung, auch wenn es erwachsen ist. Bis zum zehnten Lebens-jahr legt das kleine Individuum seine Wertansprüche fest. Bis zum vierzehnten Lebensjahr folgt die Nachahmphase. Es entwickelt Vorbilder, schlechte und gute. Anschließend wird es erwachsen. Diesen Vorgang nennt man Pubertät, was nicht nur damit zu tun hat, dass das Individuum von nun an neue kleine Individuen erzeugen kann, weil es geschlechtsreif ist, sondern es passt sich in das bestehende Sozialsystem ein, daher nennt man die Phase auch Sozialphase. Hier ist der Einfluss der Gesellschaft sehr groß. - Hast du alles verstanden?" Iwa sieht Maximilian erwartungsvoll an.
„Also bin ich gerade dabei, alles nachzumachen?"
„Im weitesten Sinne - ja."
„Das stimmt aber nicht."
„Es ist wissenschaftlich bewiesen."
„Ich bin nicht zu bedauern."
„Natürlich bist du das." Iwa lacht. „Du bedauerst dich ja selbst."
Maximilian schweigt. Er wird plötzlich müde und liegt auf dem Boden.
Der Junge schläft.
Glanzlos hängen die goldenen Ketten an seinem Hals. Zum Glänzen fehlt ihnen Licht.
*
„Papi?" Maximilian hob den Oberkörper ein wenig an. Jemand stand neben seinem Bett. „Bist du das?"
Der Jemand griff in Maximilians Schlafanzug und zog den Jungen an sich heran. Er roch nach Alkohol.
Maximilian drehte angewidert das Gesicht weg. „Lass mich los, Conrad!", forderte er.
Der Griff wurde eher noch fester.
„Hör zu", lallte der Stiefvater. „Deine Mutter will, dass wir uns vertragen. Verstehst du? Sie fordert es. - Also reiß dich zusammen!"
„Ich hasse dich aber", flüsterte Maximilian.
„Na und?", antwortete Conrad. „Ich dich auch. Und trotzdem wirst du so tun, als wenn …"
„Als wenn was?"
„Als wenn du mich gut leiden könntest."
„Niemals!" Maximilian versuchte die Hand zu lösen.
„Gut …" Conrad beugte sich zu Maximilians Ohr und flüsterte: „Dann wird sie dich in ein Kinderheim ste-cken. In eins für böse Kinder, verstehst du? In ein Erziehungsheim!"
„Mami würde das nie tun!"
Conrad lachte höhnisch. „Ach, meinst du tatsächlich?"
„Ja, das meine ich!"
„Hättest du denn gedacht, sie würde dir deinen richtigen Vater wegnehmen?"
Maximilian schwieg.
„Und hättest du gedacht, sie würde einen wie mich holen und von dir verlangen, dass du brav Vati zu mir sagst?"
Maximilian weinte.
„Ein Kinderheim für schwererziehbare Kinder! Verstehst du? Keine Freiheiten, kein Computer, kein Fernsehen, nichts! Wie im Gefängnis ist das. Nur lernen, still sitzen, lieb sein müssen. - Freust du dich darauf?"
Wieder schwieg der Junge. Er bekam kaum noch Luft.
„Falls du das nicht willst, dann tu so, als wenn wir Freunde wären. Tu einfach so, wenn deine Mutter in der Nähe ist. - Sonst kannst du mich natürlich weiter hassen. - Und in den Ferien machen wir einen Ausflug, okay? - Du wirst sehen, wir werden noch gute Freunde." Conrad ließ Maximilian los, der auf das Bett fiel und die Lichter beobachtete, die über die Zimmerdecke krochen.
Tränen rollten ins Kopfkissen. „Niemals!", flüsterte Maximilian im Selbstmitleid.
In dieser Nacht schlief er schlecht, immerzu musste er an das Kinderheim denken. Ob die Mutter es tatsächlich tun würde?
Am Morgen schlich Maximilian hinunter, setzte sich wortlos an den Küchentisch und beobachtete die Mutter.
„Was willst du essen?"
„Cornflakes."
„Was willst du trinken?"
„Kakao."
Kurz darauf stand das Frühstück vor Maximilian. Er stocherte in der Schüssel herum. Die Mutter saß ihm gegenüber.
„Ich freue mich, dass du dich mit Conrad vertragen willst", sagte sie.
Maximilian schaute die Mutter argwöhnisch an. „Hat er das gesagt, Mami?"
„Ja. Heute Morgen."
„Ich habe keinen Hunger." Maximilian stand auf und ging ins Bad.
Am Tag in der Schule konnte der Junge sich nicht konzentrieren. Er erzählte niemandem, was Conrad am Vorabend zu ihm gesagt hatte, auch nicht seinem besten Freund.
„Soll ich dich abholen?", fragte Leon nach der Schule.
„Ich kann heute nicht", rief Maximilian wütend und rannte davon.
Am frühen Abend war Maximilian mit der Mutter allein im Haus. Zunächst hielt er sich fern von ihr, doch dann setzte er sich ins Wohnzimmer und beobachtete sie.
„Einer muss ins Kinderheim", begann Maximilian vorsichtig.
Die Mutter schaute kurz auf. „Einer?"
Maximilian schluckte. „Aus meiner Parallelklasse. Er hat geklaut. Er muss in ein Heim für schwererziehbare Kinder."
Wieder blickte die Mutter zu Maximilian. „Vielleicht ist es für diesen Jungen, besser in einem Heim zu sein."
„Meinst du wirklich, es gibt etwas Besseres als die Familie, Mami? - Der Junge war sehr traurig."
„Es wird das Beste für ihn sein, glaub mir, Maximilian. - Hast du deine Hausaufgaben gemacht?"
„Ja. Hab ich!" Maximilian erhob sich von der Couch und rannte hinauf ins Kinderzimmer. Für ihn war damit bewiesen, dass die Mutter ihn wegschicken würde. „Es wird das Beste für ihn sein …"
Am späten Abend schloss sich Maximilian im Bad ein. Er wählte die neue Nummer des Vaters.
„Hallo, hier ist der Anrufbeantworter von Frank Kramer", hörte Maximilian die Stimme des Vaters. „Leider bin ich zurzeit nicht zu Hause. Sie können mir jedoch gern eine Nachricht hinterlassen … - Piep."
Weinend lag Maximilian im Bett. Er pustete Luft nach oben, bis sich das Flugzeugmodell bewegte, das er wieder zusammengepuzzelt hatte. Er sah sich allein und eingesperrt. Unter Tränen schlief er schließlich ein. Es war am Ostermontag, kurz vor Mitternacht.




Autor: Hemmann,Tino
Titel: Leipziger Nächte sind lang.
UT: Alltags-Horror
ISBN-10: 3-86703-606-3
ISBN-13: 978-3-86703-606-1
Preis: 12,00 Euro (D)
Seiten: 273
Engelsdorfer Verlag
November 2007
Dateianhänge
Leipziger_m.jpg
Das Cover meines neuen Buches

hwg
Beiträge: 6034
Registriert: 24.04.2007, 16:39

Re:

von hwg (14.12.2007, 16:36)
Guten Tag Tino!

Beim Wandern auf der Verlagshomepage bin ich bereits über dieses Buch - allein schon des vielversprechenden Titels wegen - "gestolpert".
Werde es mir im Jänner bei "Amazon" bestellen. Für heuer ist mein Bücherkaufbudget bereits mehr als erschöpft. Also, noch etwas Geduld!

Gruß Hans

Zurück zu „Buchvorstellung: Belletristik“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.