ABSTIEG VOM BERG

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Arno Abendschön
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ABSTIEG VOM BERG

von Arno Abendschön (15.12.2007, 09:22)
Abstieg vom Berg


Er war einer von den Seilbahntouristen, die von oben auf den See schauen und vor Entzücken fünf Sekunden die Luft anhalten - da unten ein blauer Fjord zwischen steilen schwarzgrünen Kanten. Dann wenden sie sich zur anderen Seite, erblicken die entfernteren Gipfel des Hochgebirges und atmen aus - majestätisch! Noch einmal der See als Ganzes, die Grenzberge im Süden, die Berge im Norden ... Und nun?

Er war erst gestern angekommen und gleich heute Morgen heraufgefahren. Der See lag 500 Meter über dem Meeresspiegel, der Gipfel 1900 Meter hoch. Die Hochalm war mit Gastronomie und Hotellerie gut bestückt. Die Vierergondeln spuckten im Takt ihre menschliche Fracht aus. Die Wege kreuz und quer über die besonnten Wiesen belebten sich zusehends. Der Fremde sah von Nordwesten lang gezogene Wolkenbänke heransegeln. Wie lange wird sich das Wetter noch halten?

Man fährt nicht schon um halb elf wieder hinunter. Wenn er zu Fuß den direkten Weg zum See nimmt, ist er um zwei Uhr nachmittags dort - viel zu früh. Also noch länger hier oben bleiben? Nein, auf dem Gipfel ist es ihm zu betriebsam. Er wählte den Höhenweg nach Nordosten, nachdem er die Karte studiert hatte. Die gerade durchgezogene rote Linie auf ihr versprach leichtes Fortkommen. Es geht immer geradeaus, nur durch dichte Wälder. Es wird dort ruhiger sein, vielleicht einsam. Am Spätnachmittag sollte er nach langem Abstieg an einem der Bahnhöfe der Seitenbahn ankommen.

Er verlor rasch an Höhe und verschwand im Fichtenwald. Mit den Wiesen ließ er die anderen Seilbahntouristen zurück. Aufatmend ging er schneller und kam auf dem nun eben verlaufenden Forstweg gut voran. Es war wirklich einsam hier, nicht einer mehr begegnete ihm. Der Himmel bezog sich erst unmerklich, dann war es nur noch grau über ihm. Hier am Boden war es jetzt viel kühler geworden. Er ging noch schneller. Der Weg verlief nicht immer so gerade, wie es die Karte darstellte. Es war eine Frage des Maßstabs. Welche Maßstäbe soll man für sich wählen, dachte er, eine im Leben manchmal entscheidende Frage ...

Die Abzweigungen häuften sich, die Farbmarkierungen verloren sich. Er glaubte, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Aus dem Forstweg war längst ein schmaler Pfad geworden. Bei jeder neuen Gabelung wurde er unsicherer. Er musste sich auf seinen Instinkt verlassen. Der Wald hörte nicht auf. Am meisten beunruhigte ihn, dass er durchaus nicht an Höhe verlieren wollte.

Dann ging es doch hinab. Er gewann wieder Zuversicht - und stand binnen kurzem am oberen Rand einer steilen Felswand. Umkehren, den richtigen Weg suchen - oder irgendeinen Weg, wenn er nur hinunterführt. Der Alptraum begann erst jetzt. Er probierte immer neue Wege, neue Richtungen. Keine führte zurück in die Zivilisation. Die meisten Pfade endeten im Nichts. Es war schon mitten am Nachmittag. Nur einem Piefke kann so etwas passieren ... Leise Panik machte sich breit. Diese Zwangsvorstellung, niemals mehr ins Tal zu kommen - eigentlich hasst er das Gebirge ...

Einmal stürzte er, verletzte sich zum Glück nicht. Nur die blaue Jeans war über und über mit gelbem Schlamm bedeckt. Er hastete weiter und ging vermutlich im Kreis. Nach weiteren zwei Stunden lichtete sich der Wald seitlich in der Tiefe. Er verließ den Pfad und drang zwischen den Fichten ins Helle vor. Wie schön, die Wiesen eines Bauernhofs, so sanft, und dahinter das Talbecken, endlich. Er kletterte über den Stacheldrahtzaun und entdeckte erst dann die Bullen auf der Weide. Sie hatten ihn noch nicht gesehen. Er schlich sich von der Wiese und zerriss sich beim erneuten Zaunübersteigen weiter unten den Ärmel seiner Jacke. Immerhin stand er nun auf einem asphaltierten Feldweg. Die Dörfer an der Bahn mussten nach seiner Vermutung rechts liegen. Ein Bauernhof war noch zu passieren. Mit unsicheren Knien ging er so leise wie möglich an ihm vorbei - nicht dass er die Hunde weckte.

Das Dorf sah wie andere in Kärnten aus. Eine Ortstafel suchte er vergeblich. Wo zum Teufel war er herausgekommen? Hat dieses Nest überhaupt einen Bahnhof? Er ging durch ein Neubauviertel mit kleinen Häusern, wie sie überall in der westlichen Welt stehen. Diese Ruhe auf den Straßen, kein Mensch in den Gärten zu sehen - es war zu ruhig. Sollte hier unten inzwischen etwas Unausdenkbares geschehen sein?

Dann entdeckte er doch zwei Einheimische. Sie und er saßen auf ihrer Terrasse. Das Haus war erst vor kurzem bezogen, der Garten noch nicht angelegt. Sie jausten und wirkten sehr gelassen. Die beiden redeten nicht miteinander. Die Dame des Hauses blätterte in einer Illustrierten.

Und er, der Fremde, außer Puste, schmutzüberkrustet, ziemlich derangiert, ruft ihnen zu: "Verzeihung, wenn ich Sie störe, ich bin fremd hier, ich habe mich in den Bergen da oben verirrt ... Würden Sie mir bitte den Namen Ihres Dorfes sagen? Nur den Namen, ich weiß nämlich nicht, wo ich heruntergekommen bin. Wenn Sie mir den Dorfnamen sagen, finde ich ihn dann schon auf meiner Karte ..." Mein Gott, er ist doch nicht vom Mond gefallen, sie zeigen ihr Befremden allzu deutlich.

Eine Viertelstunde darauf war er am Bahnhof, gerade recht zur Abfahrt des nächsten Zuges. Eigentlich unglaublich, wie reibungslos die Welt hier unten noch immer funktioniert.

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Zoba
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Re:

von Zoba (16.12.2007, 10:04)
Hi Arno,

so, nachdem ich diese Story etwas habe sacken lassen, meine Meinung dazu:

Schlechter als "Der Kurde", aber das liegt eher am Sujet, ich konnte wieder nicht aufhören zu lesen und das zeigt, daß du ein großes Talent hast! thumbbup Ich bin ein klassischer "Die ersten 20-Seiten"-Leser, hat mich bis dahin ein Autor nicht in den Bann gezogen, wandert das Buch zur Auktion auf Ebay und wird nicht gelesen. Wenn ich also schon nach einem Absatz unbedingt weiterlesen will, dann ist das ein Riesenkompliment.

Ich würde gern einen Roman von dir lesen, ich könnte mir z.B. gut recherchierte Krimis vorstellen, mit auf die dann längere Strecke etwas weniger wortgewaltigen Absätzen, aber genauso packenden Charakteren und Situationsbeschreibungen. Irgendwie fühle ich mich sehr an "Felidae" erinnert, auch Pirinçci zieht einen gleich zu Anfang in Bann. Aber auch endlich mal ein packender deutscher Horror wäre denkbar, auch da ist deine Art zu schildern und den Leser ganz flott zu interessieren sicher ein Gewinn.

Auf alle Fälle: weitermachen! cheezygrin
Gruß,

Zoba

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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (16.12.2007, 11:40)
Hallo, Zoba!

Danke. Ich muss Dich leider enttäuschen, in den von Dir genannten Genres bin ich wenig zu Hause, traue sie mir auch nicht zu. Alles, was ich schreibe, bezieht sich auf die Bereiche Seelenleben, Sexualität, Familie, Natur. Kurzprosa habe ich außer hier veröffentlicht bei Opinio (rp-online.de). Und den bei BoD publizierten Roman "Alle Männer sind Brüder" habe ich hier im Forum auch schon mit Leseprobe angezeigt. Bei amazon kann man von ihm die ersten 6 Seiten gratis lesen (search in).

Wo kann ich denn erzählende Texte von Dir finden? Hier im Forum habe ich noch nichts gefunden, vielleicht war ich zu ungeschickt beim Suchen? Oder muss ich auf Deinen angekündigten Roman warten? Vorerst verfolge ich mal Deine Äußerungen zu Sachthemen.

Freundlichen Gruß
Arno

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Zoba
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Re:

von Zoba (16.12.2007, 11:53)
Hi Arno,

schade schade schade cheezygrin

Ich könnte mir wirklich intensiv geschriebene, sehr dunkle Geschichten von dir vorstellen. Sobald ich ein bischen Zeit finde, werde ich mir jedenfalls deine Links mal durchlesen.

Und traue dir sowas doch einfach mal zu. "Der Kurde" z.B. könnte eine solche Geschichte, bzw. deren Anfang sein, du hättest nur den Zettel überreichen und etwas "Passendes" daraufschreiben lassen müssen ... :wink:
Gruß,



Zoba



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Re:

von Bärentante (16.12.2007, 12:52)
Ich habe die Geschichte mit Spannung gelesen, was wohl daran liegt, dass ich selbst einmal in einer ähnlichen Situation war. Durch die Fahrt mit der Seilbahn zu früh am Gipfel. Um doch etwas Sportlichkeit zu zeigen, wenigstens zu Fuß den Abmarsch in Angriff genommen. Am Nachmittag in einem Tobel gestürzt, kein Mensch weit und breit. Als ich hinkend wieder die Stadt erreicht habe, hätte ich alle umarmen können vor Erleichterung.

Deinen vorletzten Absatz kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Warum nähert sich der Wanderer derart "unterwürfig" und verschüchtert den beiden Einwohnern des Dorfes? Wenn man jemandem eine Karte unter die Nase hält und sich zeigen läßt, wo man sich gerade befindet, ist das doch keine Zumutung, sondern eine ganz normale Sache.
Liebe Grüße
Christel

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Re:

von Arno Abendschön (16.12.2007, 14:14)
Danke, Christel, für die Reaktion.
Ja, warum so unterwürfig? Vielleicht ist er sozusagen seelisch abgestürzt, in eine andere Art von Tobel, und kann noch nicht auf Augenhöhe reden. Wenn wir draußen unterwegs sind, bewegen wir uns nicht ausschließlich in realem Gelände, sondern zugleich auch in unserer eigenen Seelenlandschaft.
Übrigens bin ich auch schon mal in der Steiermark in einen Tobel gefallen, zum Glück ohne Verletzung. War mir nur etwas unangenehm, dann so verdreckt auf Zimmersuche gehen zu müssen.

Gruß
Arno

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Re:

von Zoba (16.12.2007, 14:38)
Zwischenfrage: was zur Hölle ist ein "Tobel"? :shock::
Gruß,



Zoba



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Judith
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Re:

von Judith (16.12.2007, 15:06)
Hallo Zoba,

ein Tobel ist eine Gebirgsschlucht.

Alle, die schon öfter mal im Gebirge wandern waren, haben vermutlich schon ähnliches erlebt. Ich bin froh, dass es heutzutage Handys gibt. Ich benutze es selten, doch im Gebirge ist es dabei!

Arno, Mir geht es wie Zoba: den Kurden fand ich besser geschrieben, irgendwie spannender, obwohl vielleicht sogar weniger Dramatisches passierte. Man könnte den "Seilbahntouristen" noch ein bisschen näher beschreiben. Hat er vielleicht auch das falsche Schuhwerk? Ist er öfter wandernd unterwegs? Welche Gedanken gehen ihm bei seinen Irrwegen durch den Kopf? Die Geschichte wäre sicher noch aufzuwerten.

Grüßle,
Judith
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matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (16.12.2007, 15:10)
Judith hat geschrieben:
Ich bin froh, dass es heutzutage Handys gibt. Ich benutze es selten, doch im Gebirge ist es dabei!


:shock:: Gibt es denn da auch überall Sendemasten? In der Schweiz nämlich nicht, zumindest da, wo ich im Berner Oberland ("Heidiland") war ... Und dann ist ein Handy qua "Kein Netz" auch keine Hilfe, außer man benutzt es als Wurfgeschoss...

Beste Grüße
Matthias

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Re:

von Zoba (16.12.2007, 15:10)
Hallo Judith,

:lol: :lol: :lol:

Danke für die Erklärung, da ich niemals nicht auf die Idee käme, in irgendwelchen Bergen herumzukraxeln, ging mir der Begriff restlos ab :P
Gruß,



Zoba



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Re:

von Judith (16.12.2007, 15:13)
Oh, Matthias, in der Nähe bin ich auch meist unterwegs (Churfirsten). Jetzt machst du mir Angst! Zum Glück brauchte ich es bisher nicht! :shock::

Grüßle,
Judith
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matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (16.12.2007, 15:26)
Judith hat geschrieben:
Oh, Matthias, in der Nähe bin ich auch meist unterwegs (Churfirsten). Jetzt machst du mir Angst! Zum Glück brauchte ich es bisher nicht! :shock::


Also Angst machen will ich Dir nicht - aber ich denke nicht, dass da oben Sendemasten stehen (natürlich kann ich mich irren...) - aber vorher informieren ist dann besser als hinterher wundern...

Beste Grüße
Matthias

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Re:

von Arno Abendschön (16.12.2007, 18:29)
Hallo, Judith!

Du hast in jedem Punkt Recht. Das ist nur eine kleine Skizze, die ausgearbeitet werden könnte. Allerdings würde der Text dann zwangsläufig erheblich länger werden - und genau das wollte ich im Hinblick auf das Medium diesmal vermeiden. Zum gleichen Thema - diesmal aus der Schweiz - habe ich einen längeren Text in der Schublade, den ich kommende Woche bei Opinio in drei Teilen nacheinander einstelle. Hier im Autorenpool ist es wohl nicht üblich, etwas in Serie zu publizieren.

Freundliche Grüße
Arno

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