Daumenschrauben

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Zoba
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Re:

von Zoba (27.12.2007, 16:05)
Hi Arno,

nur eine kurze Antwort, denn ich bin auf einem 500km-Sprung... :roll:

Ich habe nirgendwo behauptet, daß ernste deutsche Literatur im Ausland keinen Anklang finden würde. Aber auch die unterhaltende deutsche Literatur findet dort ausgezeichneten Anklang und Absatz.

Ich hatte es von der deutschen Kritik und dem allgemeinen Ansehen dessen, was hier als "U" bezeichnet wird und dem Unterschied, der hierzulande diesbezüglich gemacht wird, den ich weder in Frankreich, noch in den USA oder Großbritannien je in vergleichbarer Weise bemerkt habe. Ich beziehe mich dabei auch keineswegs auf Hörensagen, sondern auf meine persönlichen Erfahrungen. Die werden allerdings durch die Feststellungen Vieler diesbezüglich unterstützt, die es ähnlich sehen.

Reich-Ranickis literarisches Quartett, egal wie amüsant die Spitzen gelegentlich gewesen sein mögen, ein geradezu klassisches und für mich ausgesprochen unerträgliches, teilweise anwiderndes Beispiel dessen was ich meine.

Es fehlt uns, meine Meinung, in Deutschland eine Kultur und Achtung des Unterhaltsamen. Allein die Reaktionen hier zeigen mir genau das, was ich festhielt: eben gerade keine Achtung davor.

Für mich vergißt diese Grundhaltung eine der ursprünglichen Traditionen aus denen heraus das Schreiben entstanden ist: nicht nur das Tradieren und Belehren (an dem wir Deutsche scheinbar doch sehr hängen), sondern vor allem auch das Unterhalten, das sich die erzählenden Cro Magnon-Menschen ums Lagerfeuer langer Winterabende geboten haben. Erzählen und Erzählung war schon immer beides, durchaus auch völlig getrennt und lange das Eine nicht minder geachtet als das Andere. Das Anerkenntnis dessen finde ich nun mal vor allem im nicht-deutschen Sprachgebiet.

Zwischen unterhaltender Literatur und dem von Postman zuvorderst kritisierten Mediengebahren des amerikanischen Fernsehens und seinen Konsequenzen, sehe ich deutliche Unterschiede. Unterhaltung an sich, noch dazu solcher, die durch Bücher vermittelt wird, war er nicht abgeneigt.
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (27.12.2007, 16:08)
Hi, Matthias,

Du hast doch hoffentlich nicht angenommen, mir wäre nur das Zitat, nicht jedoch der Name Postman bekannt ... Er war von Anfang an umstritten und ist es bis heute geblieben. Ich habe ihn nur als Beleg dafür zitiert, dass wertkonservatives Unbehagen nicht auf Deutschland beschränkt ist, sondern auch in den USA weit verbreitet. Es hat mich halt genervt, dass die uralte Schablone vom angeblichen Gegensatz zwischen westlicher rationaler Zivilisation und irrationaler deutscher Kultur mal wieder hervorgekramt wurde.

Dass die Diskussion seiner Thesen, die auch ich für Halbwahrheiten halte, abgeebbt ist, käme vielleicht manchen gelegen. So wie unsere Medienwelt beschaffen ist, rechne ich nicht so schnell damit.

Gruß
Arno

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (27.12.2007, 16:42)
Hi, Zoba,

Du siehst also in der Diskussion hier gerade den Beleg für Deine These, Unterhaltung sei in Deutschland schlecht angesehen. Wie denn das? Ich stehe doch hier mit meiner (relativen) Geringschätzung bis jetzt ziemlich isoliert da ...
Du verleitest mich zum Umkehrschluss: dass Deine Einschätzung nicht auf Erfahrung, sondern auf vorgefasster Meinung beruht.

Gute Reise. Ich mach jetzt mal ganz was Ernstes, eine Filmkritik.
Arno

matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (27.12.2007, 16:58)
Arno Abendschön hat geschrieben:
Du hast doch hoffentlich nicht angenommen, mir wäre nur das Zitat, nicht jedoch der Name Postman bekannt ...


Arno,

keine Sorge... :lol:

Ich habe nur die interessante Erfahrung gemacht, dass selbst in der Medienwelt der Name "Postman" oftmals maximal aus dem Filmtitel "The Postman Always Rings Twice" bekannt ist... - Aber auch insofern und gerade deswegen kann ich mit Dir hoffen, dass seine Thesen nicht mehr so wirklich relevant sind.

Frohes Rezensieren des Zelluloids!
Matthias

Laura
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Re:

von Laura (27.12.2007, 17:33)
Wenn es um Erotik ging, ist es nur logisch, dass der Lektor eine volljährige Protagonistin verlangt hat.

In meinem Manuskript, das auch schon einen richtigen wenn auch kleinen Verlag hatte, war die Protagonistin 17 und ich musste 19 daraus machen. Gruß Laura

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SandraR
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Re:

von SandraR (27.12.2007, 18:18)
@Matthias, ich habe Postman gelesen und muss ihm leider zustimmen. Wir leben tatsaechlich im Zeitalter des Banalen. Das Fernsehen hat tatsaechlich einen unglaublichen Verbloedungsmechanismus. Konsalik ist nicht einfach Trivialliteratur, es ist vorallem auch schlechtes Deutsch, Sprachniveau Bildzeitung und sabbert nur so von Vorurteilen. Da ist Simmel im Vergleich "tatsaechlich gehobeneres Niveau".
Gehobene Literatur laesst sich noch am ehesten als Publizistik verbraemt durch die Hintertuere verkaufen, wie mir letzthin jemand vormuliert hat "beim lesen moechte ich nicht noch denken muessen". Wohlverstanden, das Zitat stammt nicht von einem ungelehrnten Arbeiter, sondern von einem Volkswirt mit Abitur.
Deshalb als Buchreihe habe ich die Devise, zwei Sachbuecher ein anspruchsvolles Buch. Die Sachbuecher finanzieren die anspruchvollen Uebersetzungen.
http://russland-buecher.ru und http://twitter.com/russlandbuecher und bei Facebook, XING und Brainguide Sandra Ravioli

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Seshmosis
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Re:

von Seshmosis (27.12.2007, 18:43)
Laura hat geschrieben:
Wenn es um Erotik ging, ist es nur logisch, dass der Lektor eine volljährige Protagonistin verlangt hat.

In meinem Manuskript, das auch schon einen richtigen wenn auch kleinen Verlag hatte, war die Protagonistin 17 und ich musste 19 daraus machen. Gruß Laura


Wieso logisch?
Das ist kein Lektor, sondern ein Zensor!
Hier geht es doch um Literatur oder nicht?
Mit dieser Einstellung und dem häufig praktiziertem voraus eilenden Gehorsam wundert eine zunehmende Nivellierung und Verflachung nicht mehr.
"Lolita" (12) von Vladimir Nabokov oder "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F. (14) und andere sehr gute Romane wären mit solchen Literaturverhinderern nicht möglich.

julia07
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Re:

von julia07 (27.12.2007, 19:08)
@ Gerd
Ich bin da prinzipiell genau Deiner Meinung, aber eben nur im Prinzip - siehe Radio Eriwan :wink:

Als Autorin von Erotik & Co. muss ich mich zwangsläufig mit dem Thema Recht & Ordnung, bzw. was "man" dafür hält, befassen. Gerade vor kurzem habe ich gelesen, dass es eine Gesetzesänderung geben soll, gemäß derer es sogar strafbar sein soll, wenn man darüber schreibt, dass Minderjährige miteinander Sex haben etc.

Ich habe mich dazu noch nicht wirklich schlau gamacht, fürchte aber, dass da was Wahres dran ist.
Wenn ich dann noch an den Esra-Prozeß denke, der ja auch ein Schlag in das Gesicht der "künstlerischen Freiheit" ist, dann bewegen wir uns aber ganz schön in eine gewisse Richtung...

Dagegen wirkungsvoll auflehnen, können sich höchstens die Großen, zu denen offenbar ja noch nicht einmal gestandne (erfolgreiche) Autoren wie wie Biller gehören! Ich jedenfalls, so rot eingefärbt ich auch immer bin, werde jedenfalls demnächst sehr vorsichtig sein mit Altersangaben. Der Rest ist bei mir eh harmlos cheezygrin

LG, Julia

matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (27.12.2007, 19:13)
SandraR hat geschrieben:
Das Fernsehen hat tatsaechlich einen unglaublichen Verbloedungsmechanismus.

Liebe Sandra,

auch ich habe diesbezüglich meine Hausaufgaben gemacht. Eines vergisst jedoch Herr Postman - genau wie offensichtlich auch Du: Ich schaue zwar z.B. Fernsehen, aber ob ich alles, was "die Tanten in dem Kasten da" erzählen, auch glaube, steht auf einem anderen Blatt. Woher willst Du das beurteilen? :shock:: Auch wenn ich gelegentlich die BLÖD-Zeitung lese, bedeutet das nicht, dass ich alles glaube, was darin steht. (Übrigens wäre es für manche sogenannte Intellektuelle sehr hilfreich, mal Boulevard-Zeitungen zu lesen, um zu begreifen, was "die Leute" so umtreibt, bzw. von was sie sich umtreiben lassen. Der Elfenbeinturm ist auf Dauer nämlich keine geeignete Wohnstätte...) Ich glaube übrigens auch nicht alles, was Du erzählst ... Du befindest Dich also in guter Gesellschaft... :D

Und die Bezeichnung "gehobene Literatur" halte ich für Anmaßung par Excellence. Deine Auffassung von "Literatur" mag diametral von meiner abweichen (was ich nicht weiß) - das macht aber weder Deine Auffassung noch meine zu einer falschen solchen. Und wer will definieren, was falsches oder schlechtes Deutsch ist, wenn er in einem Autorenforum schreibt, in dem der Fehlerteufel fröhliche Urständ feiert? Hier ist niemand auf der Flucht, und müsste damit Flüchtigkeitsfehler begründen. Und selbst ich, der Tucholsky und Kästner und Marquez mag und sogar versteht, verliere mich - wenn auch selten - doch trotzdem gerne mal in einen Konsalik. Selbst Du, liebe Sandra, schickst nicht immer nur Bücher nach Russland, sondern legst auch mal welche auf Seite. (Scherz)

Es stimmt traurig, wenn jemand wie Du - der ja offensichtlich selbst und viel denkt - sich von der Devise leiten lässt: "Das Fernsehen (oder welches Massenmedium auch immer) verblödet - also sind alle Rezipienten blöd". Das zeugt von mangelnder Differenzierung, die ich auch in so manch anderen Beiträgen hier leider immer mal wieder beklagen muss. thumbdown:

Sandra - das geht nicht gegen Dich: Aber wenn mir jemand (Postman - und durch die Blume auch Du, da Du ihm ja zustimmst) erklären will, dass ich mich verblöden lasse, muss er gewaltig früher aufstehen. Ob und von wem ich mich verblöden lasse, entscheide immer noch ich. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich das kann - und auch in die Tat umsetze.

Sich in Plattitüden und (ich zitiere Arno:) vorgefassten Meinungen zu ergehen, hilft der Sache in keiner Weise. Ganz im Gegenteil: So verhelft Ihr Postman noch posthum zu Richtigkeit. Wollt Ihr das wirklich?

Beste Grüße
Matthias

julia07
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Re:

von julia07 (27.12.2007, 21:12)
@ Matthias
Du sprichst mir aus der Seele. thumbbup
Verblöden läßt sich meiner Meinung nach auch heute nur der, der bereits blöd ist!
Keinem, der mit einer ausreichenden Portion Verstand ausgestattet ist, wird es schaden, wenn er gelegentlich mal zu McDoof geht, in die Blöd schaut oder bei RTL II rein guckt... Ich jedenfalls lasse mir meine Meinung durch die jedenfalls nicht verbiegen.
Schon der alte Sunzi wusste übrigens, dass man seinen Feind nur besiegen kann, wenn man sich dessen Denkweise zu Eigen macht!
LG, Julia

matthiasgerschwitz

Re:

von matthiasgerschwitz (27.12.2007, 21:50)
julia07 hat geschrieben:
Schon der alte Sunzi wusste übrigens, dass man seinen Feind nur besiegen kann, wenn man sich dessen Denkweise zu Eigen macht!


Auch wenn ich Sunzi nicht kenne (hat der 'ne Sendung auf Arte? :P ):

thumbbup thumbbup thumbbup

Recht hat er...

LG - Matthias

Laura
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Re:

von Laura (27.12.2007, 22:37)
Hallo Seshmosis, da wir in Deutschland ein Jugendschutzgesetz haben, ist es sehr wohl logisch, dass kein Verlag eine Story drucken wird, in der Sex mit Minderjährigen stattfindt. Und ich finde das auch o.k. so. Jugend - und Kinderschutz hat nichts mit Zensur und schriftstellerischer Freiheit zu tun.
Freiheit hat da ihre Grenzen, wo die Freiheit anderer verletzt wird. Und es gibt schon in der Realität genug Kindesmissbrauch, den braucht man nicht noch zu verherrlichen. Gruß Laura

julia07
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Re:

von julia07 (27.12.2007, 23:34)
@ Matthias
Sunzi, Sun-Zu, Sun-Zi, chinesischer Feldherr
(Der Schreibweisen gibt es viele...)

„Kunst des Krieges“
"Der chinesische Klassiker kann Ihnen auch heute noch – über 2000 Jahre nachdem er geschrieben wurde – in vielen alltäglichen Situationen mit hilfreichen Tipps und Ratschlägen dienen."
cheezygrin cheezygrin cheezygrin

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Seshmosis
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Re:

von Seshmosis (28.12.2007, 00:00)
@ Laura

Und es gibt schon in der Realität genug Kindesmissbrauch, den braucht man nicht noch zu verherrlichen.


Ich spreche nicht vom Genre "erotische Romane", sondern allgemein von Literatur.
In den von mir als Beispiele genannten Romanen kann man wohl nicht von Verherrlichung des Kindsmissbrauchs sprechen. Ganz im Gegenteil!
Außerdem muss man meines Erachtens über alles schreiben dürfen, was es in der Welt gibt, auch über Folter und Krieg. Es kommt immer auf das wie an!
Im Film "Schindlers Liste" werden massenweise Hakenkreuze gezeigt und Menschen zwingt man in die Gaskammer - ist das Verherrlichung der Nazis und des Holocausts?

Unsere Politiker sollten die Kirche beim Dorf lassen und auf die Inhalte schauen. Aber weil ein Thema gerade "in" ist und Wählerstimmen bringt, wird auf jeden Zug gesprungen, auch wenn die Grundrichtung von den amerikanischen Evangelikalen kommt, die fünfjährige Jungs einsperren wollen, wenn sie sich ihrer vierjährigen Schwester nackt zeigen.

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SandraR
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Re:

von SandraR (28.12.2007, 06:28)
@Matthias, Glauben gehoert in die Kirche:)warum solltest Du mir also irgendetwas "glauben muessen":))). Natuerlich hast Du das Recht RTL zu schauen und Bloed zu lesen und ich aber das Recht dies unertraeglich zu finden. Nennt sich dann Demokratie.
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