Heimweg

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ricochet
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Heimweg

von ricochet (27.02.2012, 21:23)
Dort wo die Straßenbahnen der Linie 6 und 3 ihre gemeinsame Endstation haben, gehst du zwischen den Häusern, vorbei an parkenden Wagen, von Birken gesäumt, zu deinem Wohnhaus. Dort zwitschern die Amseln im Frühling, im Sommer sind es die Zikaden und Grillen, die dein Herz erwärmen. Du hörst sie vom nahen Park, der einen Steinwurf abseits deines Weges liegt. Im Herbst raschelt Laub unter deinen Füßen als teile es dir flüsternd Geheimnisse mit. Wenig später knirscht der Schnee und Kälte kitzelt deine Zehen. Dann bist du froh, wenn du bald zu Hause in die wärmenden Hausschuhe schlüpfen kannst.
Zuletzt das Gartentor. Sperr es auf, erfreue dich des wohlbekannten Klanges, wenn es sich in den Angeln dreht und zwanzig Meter dahinter findest du dich vor deiner Eingangstüre. Wie wohlig ist der Schein der Hofbeleuchtung, die sich nächtens einschaltet, wenn der Bewegungsmelder das Signal gibt! Heißt das doch, du hast es geschafft. Ein paar Augenblicke später erwarten dich Kaffee und Kuchen oder eine wärmende Gemüsesuppe, vielleicht ein Kuss zum Willkommen, deine Sprösslinge, das abendliche Fernsehprogramm ...
Doch bis dahin musst du noch über das kleine Stück Wiese, auf dem die Kinder spielen, wenn es Tag ist. Nun aber ist es Nacht. Verhaltenes Licht aus den angrenzenden Wohnungen reißt den Boden wegen der kahlen Bäume nur fragmentarisch aus dem Dunkel. Du ahnst mehr aus Gewohnheit als du wirklich weißt, wo du gehst. Schon rutscht du aus. Etwas Weiches unter den Schuhen. Nur mit viel Mühe fällst du nicht. Was war das? Möchtest du es wirklich wissen? Lieber nicht.
Das sind überhaupt so ein paar Meter, die haben es in sich. Wie oft verwandelt der Regen im Frühling und im Herbst das Gras in den reinsten Sumpf?! Und im Winter verunsichert tückisches Glatteis den Schritt der Passanten.
Man erzählt sich, aus dem Sumpf stiegen manchmal Dämpfe auf, und die enthüllten zuzeiten sogar Hexen, die sich mit magischem Gemurmel von der Erde erheben. Mit klammen Fingern greifen sie nach unsereiner. Flüche stoßen sie aus und wehe dem Heimkehrer, der nicht schnell genug den Schlüssel aus der Tasche reißt um das Gartentor aufzusperren. Wehe dem, den die Verwünschungen ereilen und die bedrohlichen Prophezeiungen.
Da war doch unlängst einer, dem genau das widerfahren war. Eine Armlänge vor dem Tor lag er die halbe Nacht. Bei Morgengrauen trugen sie seine Leiche fort. Und sie sahen es an dem, was einmal sein Gesicht gewesen war: Nein, dieser Tod war nicht als Freund gekommen. Mag sein, der Unglückliche weilt jetzt da, wo die Hexen herkommen. Aber an deren Feuern singt man keine Lieder.
So eilst du durch aufkommenden Nebel, weichst den Pfützen aus, die sich unvermittelt vor dir auftun. Nur noch ein paar Meter. Wie sehr sich diese ziehen können! Die Entfernung scheint sich zu vergrößern statt sich zu verkleinern. Und schon gewahrst du neben dir eine Bewegung. Da rührt sich was! So etwas ähnliches wie eine alte Frau erhebt sich vom Boden, streckt ihre Krallen nach dir. Wirre Haare hängen in die Falten ihres Gesichtes. Laute aus einer anderen Welt entsteigen dem zahnlosen Mund wie Rätsel aus der Unterwelt. Unheil und Bosheit schwängern die Luft mit Schwefel und Methan.
Schnell, reiß den Schlüssel aus der Tasche und lauf zum Tor! Tor, Tor, verdammt, welches Tor ...?
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Isautor
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Re:

von Isautor (27.02.2012, 21:56)
Recht schöne KG-Idee.
Ich hätte sie etwas länger gemacht, weil der Übergang von der sumpfigen Wiese zu den Hexen sehr plötzlich passiert. Dadurch kommt es einem etwas konstruiert vor. Es handelt sich ja um eine normale Wiese vor einem Haus, wenn ich das richtig verstanden habe.
Wenn wirklich schon einer dort gestorben ist, warum riskiert er es dann, dort rüberzulaufen? Das wäre meine nächste Frage gewesen. Wenn er nichts von den Hexen weiß, sondern nur denkt, hier ist es unheimlich, welch merkwürdiger Nebel etc. dann hätte ich es mehr nachvollziehen können. Dann begibt er sich unwissentlich in Gefahr und der Gang über eine Spielwiese wird plötzlich zum Horrortrip, was super wäre.
Wie oben schon erwähnt, finde ich auch diesen Zusammenhang Sumpfwiese -Hexen zu weit hergeholt, weil solch eine Wiese nicht zu einem tiefen Sumpf wird, auch nicht, wenn es nass ist. Zuerst dachte ich, die matschige Wiese erinnert ihn nur an einen ganz anderen Hexensumpf. Dann erfährt man, dass es die Wiese selbst ist und wundert sich. Lässt man seine Kinder nach einem vermeintlichen Mord durch eine Hexe überhaupt noch dort spielen?
Die Hauptfigur scheint bei ihrem Gang die Existenz der Hexen nicht auszuschließen, also ist es noch unwahrscheinlicher, dass er den Weg über die Wiese nimmt.

Stimmungsmäßig kommt es gut rüber, auch von Stil her, auch wenn ich den nicht über längere Zeit lesen könnte. Er eignet sich für die KG aber gut.
Seid gegrüßt,

Isautor

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ricochet
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Re:

von ricochet (28.02.2012, 09:47)
Hallo Isautor,

Isautor hat geschrieben:
Ich hätte sie etwas länger gemacht, weil der Übergang von der sumpfigen Wiese zu den Hexen sehr plötzlich passiert.


Da hast du völlig recht. In dieser Hinsicht ist die KG zu wenig ausgefeilt bzw. ausführlich. Ich werde auch ergänzen, dass sich der Prot an die Erzählung von unheimlichen Wesen, die dort gelegentlich auftauchen, erinnert, das aber für Ammenmärchen hält. Ich hoffe, die KG wird dadurch schlüssiger.
Die Erinnerung an den Toten ist wichtig, weil ich gegen Ende andeuten will, dass es dem Prot genauso ergeht, also die Auflösung vorweg nehmen will.

Die Hexen werde ich durch "unheimliche Wesen" ersetzen.

LG


rico
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Moe Teratos
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Re:

von Moe Teratos (28.02.2012, 13:20)
Erst einmal vorneweg: Der Stil erinnert mich an "DU" von Zoran Drvenkar. Kennst du das Ricochet? Ich hatte das als Hörbuch und brauchte lange, um mich an den seltsamen Stil zu gewöhnen. Später gefiel es mir aber recht gut, ich fühlte mich irgendwie angesprochen, als wenn der Autor mich meinte mit "DU", es zog mich dann tief in die Geschichte. War mal was anderes als die "normalen" Erzählperspektiven.

Jetzt zu deiner Geschichte. Im Grunde schließe ich mich so weit Isautor an. Hab aber noch ein paar andere Sachen zu bemängeln cheezygrin !
Da ich eher ein Splatterfan, als ein Gruselfan bin, fehlt mir bei der Erwähnung des Toten eine Beschreibung der genaueren Todesumstände, als nur der eine Satz: "Und sie sahen es an dem, was einmal sein Gesicht gewesen war: Nein, dieser Tod war nicht als Freund gekommen". Ich weiß ja nicht, inwieweit das im Dunkeln bleiben soll, was mit ihm genau geschehen ist, aber mein Blutdurst verlangt mehr :wink: ! Ist aber nur meine Ansicht. Viele mögen es ja auch lieber, nur die Andeutung von Gewalt zu lesen oder sehen. Ich bin eher ein Freund der detaillierten Gewaltdarstellung und mindestens 100 Liter Blut in einem Film.

Und dann ist mir noch ein Satz aufgefallen, der sich komisch anhört: "Das sind überhaupt so ein paar Meter, die haben es in sich." Vielleicht etwas einfacher ausdrücken wie: Das sind ein paar Meter, die es in sich haben. Oder so ähnlich :wink: !

Aber ansonsten finde ich, dass es Lust auf mehr macht. Und Hexen mag ich sowieso recht gerne. Solange sie richtig fies und gemein sind :wink: !

Ich lasse den Text noch etwas auf mich wirken, sollte mir noch etwas einfallen, melde ich mich noch einmal!

LG
Moe

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ricochet
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Re:

von ricochet (28.02.2012, 19:09)
Okay, Leute, habe das jetzt mal überarbeitet. Für dich, Moe Teratos, habe ich eine spezielle Passage eingebaut:


Dort wo die Straßenbahnen der Linie 6 und 3 ihre gemeinsame Endstation haben, gehst du zwischen den Häusern, vorbei an parkenden Wagen, von Birken gesäumt, zu deinem Wohnhaus. Dort zwitschern die Amseln im Frühling, im Sommer sind es die Zikaden und Grillen, die dein Herz erwärmen. Du hörst sie vom nahen Park, der einen Steinwurf abseits deines Weges liegt. Im Herbst raschelt Laub unter deinen Füßen als teile es dir flüsternd Geheimnisse mit. Wenig später knirscht der Schnee und Kälte kitzelt deine Zehen. Dann bist du froh, wenn du bald zu Hause in die wärmenden Hausschuhe schlüpfen kannst.
Zuletzt das Tor im Zaun. Es führt zum Garten deines Wohnblockes. Sperr es auf, erfreue dich des wohlbekannten Klanges, wenn es sich in den Angeln dreht und zwanzig Meter dahinter findest du dich vor deiner Eingangstüre. Wie wohlig ist der Schein der Hofbeleuchtung, die sich nächtens einschaltet, wenn der Bewegungsmelder das Signal gibt! Heißt das doch, du hast es geschafft. Ein paar Augenblicke später erwarten dich Kaffee und Kuchen oder eine wärmende Gemüsesuppe, vielleicht ein Kuss zum Willkommen, deine Sprösslinge, das abendliche Fernsehprogramm ...
Doch bis dahin musst du noch über das kleine Stück Wiese, auf dem die Kinder spielen, wenn es Tag ist. Nun aber ist es Nacht. Verhaltenes Licht aus den angrenzenden Wohnungen reißt den Boden wegen der kahlen Bäume nur fragmentarisch aus dem Dunkel. Du ahnst mehr aus Gewohnheit als du wirklich weißt, wo du gehst. Schon rutscht du aus. Etwas Weiches unter den Schuhen. Nur mit viel Mühe fällst du nicht. Was war das? Möchtest du es wirklich wissen? Lieber nicht.
Das sind ein paar Meter, die es in sich haben. Wie oft verwandelt der Regen im Frühling und im Herbst das Gras in den reinsten Sumpf?! Und im Winter verunsichert tückisches Glatteis den Schritt der Passanten.
Plötzlich fällt dir ein, was man sich über dieses Stück Wiese erzählt. Es heißt, aus dem Sumpf stiegen manchmal Dämpfe auf, und die enthüllten zuzeiten sogar unheimliche Wesen, die sich mit magischem Gemurmel von der Erde erheben. Mit klammen Fingern greifen sie nach unsereiner. Flüche stoßen sie aus und wehe dem Heimkehrer, der nicht schnell genug den Schlüssel aus der Tasche reißt um das Gartentor aufzusperren. Wehe dem, den die Verwünschungen ereilen und die bedrohlichen Prophezeiungen.
Da war doch unlängst einer, dem möglicherweise das widerfahren war. Eine Armlänge vor dem Tor lag er die halbe Nacht. (ACHTUNG! ZUSATZ MOE TERATOS ANFANG: Die ausgeblutete Leiche lag halb zerfetzt im matschigen Gras. Die Eingeweide hingen vom Maschendraht das Zaunes. Die Zunge war dem Toten mit einem 100er-Nagel auf die Nasenwurzel genagelt, genau zwischen die Augenhöhlen, aus denen Blut und die Reste der eingedrückten Augäpfel quollen. Der Spaniel vom türkischen Gemüsehändler um die Ecke tat sich an der Leber gütlich. Der Passant, der den Toten entdeckte, kotzte sich vor die Füße, rutschte in seinem Erbrochenen aus, und landete im blutigen See neben der Leiche. "Scheiße", rief er aus, "ich muss schon wieder in die Reinigung." ZUSATZ MOE TERATOS ENDE) Bei Morgengrauen trugen sie seine Leiche fort. Und sie sahen es an dem, was einmal sein Gesicht gewesen war: Nein, dieser Tod war nicht als Freund gekommen. Mag sein, der Unglückliche weilt jetzt da, wo diese Wesen herkommen. Aber an deren Feuern singt man keine Lieder, wie du befürchtest.
So eilst du durch aufkommenden Nebel, weichst den Pfützen aus, die sich unvermittelt vor dir auftun, versinkst fast im matschigen Gras. Nur noch ein paar Meter. Befremdlich, wie sehr sich diese ziehen können! Die Entfernung scheint sich zu vergrößern statt sich zu verkleinern. Du gehst noch schneller, beginnst zu keuchen.
Und schon gewahrst du neben dir eine Bewegung. Hast du dich getäuscht, oder ...? Da rührt sich wirklich etwas! Aber was?! Ein Hund? Nein, so etwas ähnliches wie eine alte Frau erhebt sich vom Boden, streckt ihre Krallen nach dir. Wirre Haare hängen in die Falten ihres Gesichtes. Laute aus einer anderen Welt entsteigen dem zahnlosen Mund wie Rätsel aus der Unterwelt. Unheil und Bosheit schwängern die Luft mit Schwefel und Verwesung. Es will dir den Atem rauben, Angstschweiß perlt über deine Stirn.
Blitzschnell begreifst du. Schnell, reiß den Schlüssel aus der Tasche und lauf zum Tor! Tor, Tor, verdammt, welches Tor ...?

Besser so?

LG

rico
PS: Ja, Moe Teratos, du hörst mich schallend lachen ... cheezygrin cheezygrin cheezygrin
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Moe Teratos
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Re:

von Moe Teratos (28.02.2012, 19:35)
thumbbup thumbbup thumbbup thumbbup thumbbup thumbbup

"Der Spaniel vom türkischen Gemüsehändler um die Ecke" hat mich vom Hocker gehauen, ein wahrer Knaller. Noch nicht perfekt, aber ausbaufähig.

P.s. Du hörst mich schallend mitlachen, auch wenn ich mir grad nicht sicher bin, ob du mich veräppelst cheezygrin !

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ricochet
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Re:

von ricochet (28.02.2012, 20:02)
Moe Teratos hat geschrieben:
auch wenn ich mir grad nicht sicher bin, ob du mich veräppelst cheezygrin !


Tu ich nicht. Tatsache ist, ich kann solche Texte nicht schreiben, weil sie mir irgendwann - fast schon zwangsläufig- in Richtung Monty-Python-Humor kippen. Mit der Reinigung hat es bereits angefangen. Ich hätte noch mehr schreiben können, aber ...

Schön, dass es dir gefällt, obwohl deine Passage im Originaltext nicht enthalten ist. Sollten ein paar Blumen für dich sein, so by the way, wie der Engländer sagt cheezygrin cheezygrin cheezygrin

LG

rico
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Moe Teratos
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Re:

von Moe Teratos (28.02.2012, 20:23)
ricochet hat geschrieben:

Tu ich nicht. Tatsache ist, ich kann solche Texte nicht schreiben, weil sie mir irgendwann - fast schon zwangsläufig- in Richtung Monty-Python-Humor kippen. Mit der Reinigung hat es bereits angefangen. Ich hätte noch mehr schreiben können, aber ...

Schön, dass es dir gefällt, obwohl deine Passage im Originaltext nicht enthalten ist. Sollten ein paar Blumen für dich sein, so by the way, wie der Engländer sagt cheezygrin cheezygrin cheezygrin

LG

rico


Mir gefällt genau so etwas und deshalb schreibe ich es auch. Auch wenn es nicht dein Ding ist, hast du definitiv Talent dafür :wink: ! Aber es ist ja auch alles eine Frage des Geschmacks. Das hatte ich ja schon erwähnt. Mein Mann macht sich z.B. schon bei Filmen wie "The Grudge" oder "The Ring", die Remakes, in die Hose. Für mich sind es gute Nacht Geschichten cheezygrin !

Und ja, mir hat es gefallen und fühle mich jetzt überaus geehrt, dass du mir extra eine Passage widmest, auch wenn sie nicht im Original sein wird!
Vielen Dank, für die Blumen. Vielen Dank, wie lieb von dir, wie Udo Jürgens bei Tom und Jerry singt cheezygrin cheezygrin cheezygrin.

LG
Moe

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