Wen juckt's

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (26.04.2014, 00:16)
Wen juckt’s?

Die beiden Motoren im Heck der Yacht grollten bösartig wie ein Tiger, der in die Ecke getrieben und zum Angriff gereizt wurde.
Carsten Roderbusch legte seine linke Hand auf das Steuerrad, während er mit der rechten den Gashebel ein Stück weit nach vorn drückte. Sofort röhrten die Motoren auf und beschleunigten die Yacht.
»Nicht schlecht!«, sagte Carsten. »Wirklich nicht schlecht!« Dabei warf er einen Blick auf die junge Frau, die neben ihm im Cockpit der Motoryacht stand. Auch nicht schlecht, dachte er.
Die junge Frau hieß Susanne und war Kundenbetreuerin der Janus-Werft in Neustadt/Holstein. So stand es jedenfalls auf dem Namensschild, das sie an ihr dunkelblaues T-Shirt geheftet hatte. Ein T-Shirt, das sich durch den Fahrtwind wie eine zweite Haut um ihren Leib legte und nahezu jede Rundung ihres Körpers nachzeichnete.
Carsten ärgerte sich. Er hätte gestern Abend bei der Feier im First-Class-Hotel in Boltenhagen diese Susanne abschleppen sollen. Aber da hätte Marion sicher etwas dagegen gehabt. Marion! Carsten blickte nach vorn aufs Vordeck. Dort räkelte sich Marion in der Sonne.
»Erzählen Sie mir was zu diesem Bötchen«, wandte sich Carsten an Susanne.
»Aber gerne!« Sie lächelte ihn an. »Das hier ist die neueste Version der Sphyra-Baureihe unserer Werft. 22 Meter lang, 45 Tonnen schwer. Ausgelegt für bis zu sechs Gäste, deren Unterbringung in Luxuskabinen unter Deck erfolgt. Für den Antrieb sorgen zwei Motoren mit je 1.800 PS. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 42 Knoten.«
»42 Knoten? Was ist das in richtiger Geschwindigkeit?«
»Ein Knoten sind 1,852 Kilometer pro Stunde«, erklärte Susanne geduldig. »Sie können das auch selbst ganz einfach ausrechnen: Nehmen Sie die Knoten mal zwei und ziehen Sie dann zehn Prozent ab. Dann haben Sie die ungefähren Stundenkilometer. Es ist eigentlich sogar etwas mehr.«
Carsten blickte auf die Geschwindigkeitsanzeige des GPS. 15 Knoten. Er überschlug die Rechnung im Kopf. Das sind … 27 Stundenkilometer. Und 42 Knoten Spitze? Er rechnete nach. Über 75 Sachen!
Wieder schob er den Gashebel ein Stück nach vorn. Augenblicklich beschleunigte die Yacht auf 25 Knoten.
»Und was kostet dieses Baby?« Carsten ließ seine Blicke recht unzweideutig über Susannes Körper wandern.
»Die Yacht ist für 2,1 Millionen zu haben«, antwortete Susanne ungerührt. »Es gibt natürlich Ausbauvarianten, die den Preis etwas nach oben treiben.«
Carsten lächelte. »Da bin ich mir ganz sicher. Alles hat seinen Preis!«
In seinen Gedanken rechnete er kurz durch. Der Wert für die Yacht entsprach in etwa der Hälfte seines derzeitigen Jahreseinkommens. Aber Letzteres würde sich wohl in Kürze ändern. Nach oben. Und zwar mehr als deutlich.
Er war der einzige Sohn von Werner Roderbusch, dem Besitzer der gleichnamigen Werke, und somit dessen Universalerbe. Die Roderbusch-Werke waren eines der größten Unternehmen Norddeutschlands: Über 6.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von mehr als 700 Millionen Euro. Während Sohn Carsten auf der Ostsee herumschipperte und ein neues Spielzeug suchte, lag Vater Werner in einer exklusiven Privatklinik und rang mit dem Tode. So hieß es jedenfalls auf der letzten Pressekonferenz der behandelnden Ärzte.
Carsten blickte kurz über die Schulter. Auf den Polstern im Heck der Motoryacht lag Tom und sonnte sich. Sie kannten sich seit mehr als 20 Jahren. Nach dem Abitur hatte Tom Jura studiert und war anschließend als Rechtsberater in den Betrieb gekommen. Zusammen würden sie das gesamte Unternehmen auf den Kopf stellen. Sobald sie das Sagen hatten.
»Sie sind fest bei der Werft angestellt?«, fragte Carsten.
Susanne schüttelte den Kopf. »Nur in den Sommermonaten. Ich studiere in Kiel.«
»Was denn?«
»Betriebswirtschaft. Noch zwei Semester. Dann möchte ich gerne etwas mit Marketing machen. Deshalb auch der Job hier für die Werft.«
»Marketing?« Carsten warf einen langen Blick auf Susanne. »Wenn Sie wollen, können Sie bei mir anfangen. Ich denke, ich habe da was für Sie.«
Susanne lächelte dünn, schwieg aber.
Plötzlich stand Marion vor dem Cockpit und verdeckte die Sicht über den Bug. Sie hangelte sich an der Reling entlang und kletterte in die Plicht.
»Warum fährst du so schnell, Schatzi?«, fragte sie. »Vorne wird es windig und kalt.« Beiläufig warf sie einen Blick auf Susanne und zupfte sich ihr knapp sitzendes Bikini-Oberteil zurecht. »Hat sie dir gesagt, so Gas zu geben?«
»Nein. Ich wollte einfach mal dieses Boot ein wenig ausprobieren.«
»Aber das hast du doch gestern schon gemacht.« Marions Stimme klang leicht schnippisch.
»Na und?« Carsten war unwillkürlich zu laut geworden. Aus lauter Verärgerung schob er den Gashebel ein ganzes Stück nach vorn. Die Geschwindigkeitsanzeige sprang über die 30-Knoten-Marke.
Die Motoryacht brauste quer durch die Lübecker Bucht, ließ weiß gequirltes Ostseewasser hinter sich und hielt auf die Landspitze von Pelzerhaken zu. Im Cockpit herrschte Schweigen.
Da legte sich eine Hand auf Carstens Schulter.
»Sag mal, hast du dein Handy abgeschaltet?« Das war Tom.
»Wieso?«, fragte Carsten.
»Deine Mutter versucht dich seit einer halben Stunde zu erreichen.«
»Was gibt es denn?«
»Lies selbst.« Tom hielt Carsten sein Handy hin. Auf dem Display war eine SMS zu lesen.
Hallo, Tom! Versuche seit einer halben Std vergeblich C zu erreichen. Werner soeben verstorben. Kommt sofort nach Hause! Gruß G
G – das war Carstens Mutter Gudrun. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Vater war tot. Er musste nach Hause. Sofort. Aber wie? Die Firma! Er war jetzt Eigentümer eines Millionen-Unternehmens. Die Motoryacht – was sollte er jetzt damit machen? Einfach abliefern oder doch kaufen? 2,1 Millionen. Ein halbes Jahresgehalt … Fuck! Das war mal. Ab jetzt würde er 60 Millionen im Jahr verdienen. Und mehr!
»Schlimme Nachrichten?« Das kam von Susanne.
»Mein Vater ist tot.« Carsten nahm den Gashebel zurück. Die beiden Motoren im Heck blubberten nur noch leise und die Yacht glitt nahezu geräuschlos durch das Wasser der Ostsee.
»Oh, wie furchtbar – mein Beileid.«
»Oh je!« Marion strahlte dabei über das ganze Gesicht. »Gehören wir jetzt zu den reichsten Leuten Deutschlands?«
»Was? Wie?« Carstens Blick wanderte zwischen Susanne, Marion und Tom hin und her. »Was machen wir jetzt?«, fragte er schließlich Tom.
»Ich besorg uns sofort einen Heli, der uns von Neustadt nach Hause bringt.« Tom drückte auf dem Handy herum. »Und dann, mein lieber Carsten …« Tom begann zu lächeln, während er das Mobiltelefon an sein Ohr hielt. »Dann machen wir das, was wir so lange geplant haben.«
»Einen Plan?«, mischte sich Marion ein. »Ihr habt einen Plan? Wieso weiß ich nichts davon?«
Carsten wandte sich ab. Sein Vater war gestorben, und er fühlte nichts. Keine Trauer, kein Entsetzen. Aber auch keine Freude darüber, dass er jetzt unglaublich reich war – und das Unternehmen so umgestalten konnte, wie er es schon immer wollte.
Werner Roderbusch hatte den Ideen seines Sohnes nie zugestimmt. Die Roderbusch-Werke sind ein Familienunternehmen, hatte er immer gesagt. Wir brauchen keine Investoren. Wir brauchen keine Aktien. Wir liefern ehrliche Arbeit ab.
Carsten – und Tom – sahen das anders. Ganz anders. Sie wollten aus der Firma eine Aktiengesellschaft machen, die Hälfte der Aktien verkaufen und so eine Milliardensumme einstecken. Eine Milliarde Euro! Hinter Werners Rücken hatten sie ein Analystenteam aus New York City konsultiert und sich einen Plan erarbeiten lassen, wie man das Familienunternehmen möglichst schnell und erfolgreich an milliardenschwere Investoren verkaufen konnte.
Milliarden!
Carsten schwankte und musste sich mit beiden Händen am Steuerrad festhalten.
»Alles in Ordnung?« Susanne legte ihre Hand auf seinen Rücken.
»Fassen Sie meinen Mann nicht an!« Marion packte Susanne am Handgelenk und zog deren Hand weg.
Carsten drehte sich um. »Ich bin nicht dein Mann!«, fauchte er Marion an. Dann wandte er sich an Tom. »Wie sieht es aus mit dem Heli?«
»Steht in einer halben Stunde in Neustadt bereit.«
»Gut.« Carsten spürte, wie er sich langsam sortierte und wieder Oberwasser bekam. »Wir fahren jetzt sofort zurück nach Neustadt. Tom, ruf unsere Freunde in New York an, wir ziehen den Plan so schnell wie möglich durch. Noch bevor irgendjemand etwas mitbekommt. Susanne, melden Sie der Werft, dass ich das Boot kaufe, und ich hoffe, Sie bekommen eine anständige Provision. Marion, wenn wir in Neustadt sind, kannst du dir ein Taxi zum Bahnhof bestellen.«
»Aber Schatzi?« Marion stand da und riss die Augen auf.
»Ende mit Schatzi! Für das, was jetzt kommt, kann ich dich nicht mehr gebrauchen!«
»Schatzi!!!«
Carsten nahm wieder hinter dem Steuerrad Platz und wollte gerade den Gashebel vorwärts schieben, als er innehielt.
»Was ist los?«, fragte Tom.
Carsten schaute Susanne an und lächelte. Ein bösartiges Lächeln »Das da vorn ist doch diese Landspitze von … wie heißt die noch mal?«
»Pelzerhaken«, antwortete Susanne.
»Da gibt es doch dieses hochnoble Ausflugslokal, nicht wahr?«
»Ja, das Perdu.«
»Gut. Statten wir den Möchtegern-Reichen einen Besuch ab!« Carsten drückte den Gashebel so weit nach vorn, bis er mit den Knöcheln das Teakholz berührte.
Die beiden Motoren schrien wie Raubtiere auf; der Bug der Yacht hob sich aus dem Wasser, als das Boot Geschwindigkeit aufnahm und über die Ostsee Richtung Westen flitzte.
»Sie sollten langsamer fahren!« Der Fahrtwind riss die Worte regelrecht von Susannes Lippen.
»Warum?«, schrie Carsten zurück.
»In Küstennähe besteht eine Geschwindigkeitsbeschränkung! Die wird mit Radar überwacht.«
»Geschwindigkeitsbeschränkung? Auf wie viel?«
»Sechs Knoten.«
»Ach, wirklich?« Carsten warf einen Blick auf die Anzeige. Soeben durchbrach die Yacht die 40 Knoten. »Was kostet es denn, hier auf dem Wasser zu schnell zu fahren?«
Susanne zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. 100 Euro vielleicht. Oder 150. «
Carsten prustete los. »100 Euro? Ich zahle für diese Yacht mehr als zwei Millionen Euro und da soll ich vor einer Geldstrafe von 100 Euro Angst haben? In Zukunft kann ich mir meine Zigarren mit 100-Euro-Scheinen anzünden!« Er lachte aus vollem Hals.
Sie rasten auf die Küste zu. Die Motoryacht bockte über die Wellen wie ein wilder Mustang. Tom und Marion saßen im Heck und hielten sich krampfhaft fest. Immer wieder sprühte Meerwasser über das Vorschiff.
»Sie sollten wirklich langsamer fahren!« Susannes Stimme kämpfte gegen den Fahrtwind. »Immerhin trage ich hier die Verantwortung als Skipper.«
Carsten verzog den Mund. »Machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie zu einer Strafe verdonnert werden … ich schätze, ich habe das notwendige Kleingeld, um Ihre Strafe zu übernehmen.« Er deutete mit dem Daumen kurz über die Schulter auf Tom. »Inklusive der Anwaltskosten, wenn es sein muss.« Er lachte plötzlich. »Sollten Sie Ihren Job verlieren, können Sie sofort bei mir anfangen.«
Susanne schwieg.
»Sehen Sie da vorn?« Carsten deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine Anhöhe. Zwischen ein paar Bäumen schimmerte das rote Ziegeldach eines großen Hauses hindurch. »Das ist dieses Perdu. Da sitzen sie, all diese Porsche- und S-Klasse-Fahrer. Essen Beluga-Kaviar auf Eis und trinken Champagner für 300 Euro die Flasche. Und denken, sie wären reich. Die und reich. Ha! Ich bin reich! Ich!«
Carsten bemerkte, wie Susanne einen halben Schritt zurückwich.
»Was meinen Sie, sollen wir diesen Leute mal so richtig den Stinkefinger zeigen?« Er drehte am Steuerrad und das Boot vollzog eine sanfte Linkskurve. Sie jagten jetzt parallel zur Küstenlinie dahin.
»Fahren Sie langsamer!«, mahnte Susanne.
»Gib Gummi!«, johlte Tom von hinten. »Denk dran, du kannst es dir jetzt leisten!«
»Ja!«, schrie Carsten und versuchte, den Gashebel noch ein letztes Stück vorwärts zu drücken. Die Küste mit dem Perdu raste an ihnen vorbei. Carsten, Tom und Marion winkten hinüber.
Plötzlich gab es einen dumpfen Schlag.
Dann ein Geräusch wie aus dem Mahlwerk einer Mühle.
Die Yacht bäumte sich trotz ihres Gewichtes kurz auf.
»Was war das?«, rief Carsten. Er riss den Gashebel zurück und das Boot verlor sofort an Geschwindigkeit.
»Oh Gott!«, stammelte Susanne. »Oh Gott! Oh Gott!« Sie drehte sich abrupt um und lief unter Deck. Augenblicke später klappte hörbar die Tür einer der Kabinen zu.
»Dreh um!« Tom war aufgestanden und starrte auf das Meer hinter ihnen. »Dreh um, verdammt noch mal!«
Carsten legte die Motoryacht in eine Rechtskurve und steuerte sie in das eigene Kielwasser.
»Was war das eben?«, fragte er.
»Keine Ahnung«, antwortete Tom. »Fahr mal langsam die Strecke zurück.« Er stellte sich rechts neben das Cockpit und schaute auf das Meer, während Marion die linke Seite übernahm.
»Da!« Marions Arm ruckte in die Höhe. »Da schwimmt was. Das sieht aus wie … wie eine Einkaufstüte …«
Tom wechselte auf die linke Seite. »Das ist keine Einkaufstüte. Das ist … Verdammt! Verdammt! Verdammt!« Er blickte Carsten an. »Das ist ein Stück Segel.«
Langsam bewegten sie sich an dem bunten Fetzen vorbei, der da im Meer trieb. Als nächstes fanden sie etwas, das wie ein mit Styropor gefüllter Karton aussah.
»Was ist das?«, fragte Carsten mit zitternder Stimme.
»Ein Windsurfbrett«, sagte Tom tonlos. »Oder das, was davon übrig ist.«
Plötzlich schrie Marion auf. Sie schrie und deutete hektisch auf etwas, das im Wasser trieb. Etwas Großes. Schwarzes.
Carsten und Tom brauchten ein paar Augenblicke, um den Gegenstand eindeutig zu erkennen.
Ein Mensch!
Er trieb mit dem Gesicht nach oben flach auf dem Wasser, vom Wellenschlag der Yacht hin und her geschaukelt. Sein Körper steckte in einem schwarzen Neopren-Anzug.
Er bewegte sich nicht.
Das Wasser um ihn herum färbte sich rot.
Während Carsten die Motoryacht dicht an den Mann heranmanövrierte, griff Tom zum Bootshaken und versuchte, den Surfer damit zu erreichen. Er benötigte drei Versuche. Vorsichtig zog er den Verletzten um das Boot herum. Zu dritt zogen und zerrten sie, bis der Mann an Bord war.
[gestrichen: Marion schrie erneut auf.
Der linke Unterschenkel des Mannes war fast komplett abgetrennt. Der Fuß baumelte nur noch an einigen wenigen Muskelsträngen. Blut schoss rhythmisch über das Deck.
»Abbinden! Sofort abbinden!«, rief Tom. »Ich brauche etwas zum Abbinden! Schnell!«
Carsten warf ihm einen Festmacher zu. Ihm war schlecht. Kotzübel. Schlimmer als jede Seekrankheit.
Marion griff nach der Leine und legte sie um den Oberschenkel des Verletzten, während Tom das verstümmelte Bein festhielt.
Carsten starrte auf die beiden, wie sie den Mann versorgten. Erstaunlich, wie professionell Marion mit dem Verletzten umgeht, dachte er. Als ob sie es gelernt hätte. Ihm fiel ein, dass Marion irgendwann mal etwas von Ersthelferkursen erzählt hatte.
]
[neu:Der Mann war bewusstlos und blutete stark aus mehreren Wunden am Unterschenkel.]
»Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Carsten.
Tom erhob sich. »Gar nichts. Du setzt dich ans Steuer und fährst uns jetzt in den Hafen von Neustadt. Und zwar mit einem mittelprächtigen Tempo. Ich werde in der Zeit zwei Anrufe machen.« Er zog sein Handy hervor.
»Wen willst du denn anrufen?«
»Zunächst den Notarzt. Den brauchen wir auf jeden Fall. Und dann einen alten Freund aus Studientagen.« Er tippte die 112 auf dem Display ein.
»Lebt er noch?«, fragte Carsten Marion, die sich neben dem Fremden hingehockt hatte und dessen Hand hielt. Erst jetzt hatte Carsten den Mut, den Mann genauer anzuschauen.
[gestrichen: Die Schiffsschrauben hatten ihn grässlich zugerichtet. Der linke Unterschenkel war direkt unterhalb des Knies fast vollständig durchtrennt worden. Der Neopren-Anzug wies eine Unmasse an Einschnitten auf, und der Mann blutete aus vielen kleinen Wunden.] Erstaunlicherweise war das Gesicht nahezu unverletzt. Es war das eines Mannes um die Vierzig. Etwa in Carstens Alter. Ein markantes, gutes Gesicht. Aber jetzt fahl, totenblass.
»Ja, er lebt noch«, antwortete Marion, ohne aufzusehen. »Aber ich weiß nicht, ob er es schaffen wird.«
Carsten setzte sich ans Steuer, wendete das Boot und hielt direkt auf den Hafen von Neustadt zu.
Ihm schoss ein wirrer Gedanke durch den Kopf. Was für eine Tagesbilanz: 700 Millionen geerbt und einen Menschen getötet! Sein Name würde in den Listen der reichsten Deutschen immer mit dem Namen des von ihm Getöteten erscheinen. Warum zum Teufel hatte er nicht auf Susanne gehört? Er warf einen Blick in den Salon. Von Susanne war nichts zu sehen oder zu hören.
»Ja? … Und du bist da ganz sicher? … Kein Irrtum? … Gut … Ich danke dir! Ich melde mich wieder bei dir …« Tom beendete sein zweites Telefonat. Er ging zu Carsten und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Entspann dich«, sagte er. »Alles wird gut!«
»Mit wem hast du gesprochen?«
»Mit einem Fachmann für Seerecht. Er sagt, es wird dir nichts passieren.«
»Was? Wieso?«
Tom grinste breit. »Nach deutschem Seerecht gelten in den hiesigen Küstengewässern ganz bestimmte Vorfahrtsregeln. Danach hat ein Windsurfer einem Motorboot auszuweichen.«
»Das bedeutet?«
»Der Windsurfer hat dir die Vorfahrt genommen und ist selbst schuld am Unfall! Du bist raus aus der Sache. Ganz einfach!«
Carsten blickte stur nach vorn. Aus dem Hafen von Neustadt lief das orange-rot markierte Rettungsboot der DGzRS aus und hielt direkt auf sie zu.
»Aber der Mann … Er wird mich verklagen … wenn er am Leben bleibt … oder seine Familie.«
»Na und? Wen juckt’s?« Tom steckte das Handy weg. »Du bist reich. Du bist einer der reichsten Menschen in diesem Lande. Solchen Menschen tut man nichts. Du hast jetzt so viel Geld, dass du dir die 30 teuersten Anwaltskanzleien leisten kannst. Gleichzeitig! Die machen den Kerl fertig. Oder seine Familie. Die überziehen jeden und alles mit Gegenklagen und Gegengutachten, dass es nur so rappelt. Die regeln das mit der Staatsanwaltschaft – hinter den Kulissen. Das wäre nicht das erste Mal. Bei dem Geld, das dir jetzt zur Verfügung steht, fällt jeder um. Ob Umweltverschmutzung, Steuerhinterziehung oder Verkehrsunfall – wenn du wichtig bist und ausreichend Beziehungen hast, wird dir keiner ans Bein pinkeln. Verstehst du?«
Carsten verstand.
Alles wird gut, dachte er und lächelte. Ich bin reich und das Leben ist schön! Also, wen juckt’s?
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Thomas Becks
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Re:

von Thomas Becks (26.04.2014, 06:58)
Torsten sagt:
Meine Empfehlung: Wenn man es nicht so genau weiß, dann soll man es auch nicht so genau schreiben. Es hätte gereicht: "Der Mann war bewußtlos und blutete stark aus mehreren Wunden am Unterschenkel." Der Rest ergibt sich in der Phantasie des Lesers.

Das finde ich auch! Du hast die Stelle geändert, das ist gut. Ich muss gleich nach GE und kann die Geschichte nicht komplett lesen.
In der Bratkartoffeln-Story hat mich ebenfalls irritiert und meinen Lesefluss gebremst, als die Gattin mit der einen Hand jenes und mit der anderen dieses machte. Das braucht keine Geschichte, die jemand lesen soll, das sind eher Regieanweisungen und gehören ins Drehbuch. Sie macht das, anschließend macht sie jenes, fertig. Da spielt die entsprechende Hand keine Rolle, außer es ist für das Fortkommen der Story relevant. Das sind Dinge, die Du selber schon mal anderen erklärt hast.
:wink:

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (26.04.2014, 11:29)
Thomas Becks hat geschrieben:
Torsten sagt:
Meine Empfehlung: Wenn man es nicht so genau weiß, dann soll man es auch nicht so genau schreiben. Es hätte gereicht: "Der Mann war bewußtlos und blutete stark aus mehreren Wunden am Unterschenkel." Der Rest ergibt sich in der Phantasie des Lesers.

Das finde ich auch! Du hast die Stelle geändert, das ist gut.


Ich bin da zwar grundsätzlich anderer Meinung (Begründung: Durch den neuen Satz entsteht eine unnatürlich wirkende große Distanz zwischen dem Geschehen und den handelnden Figuren), aber des Lesers Meinung ist bekanntlich des Königs Meinung - denn es geht nur um den Leser.

Thomas Becks hat geschrieben:
Ich muss gleich nach GE und kann die Geschichte nicht komplett lesen.


Das ist nicht notwendig ... das Lesen, meine ich. Dein erster Kommentar war, dass du die Story in Gänze nicht magst ...

Thomas Becks hat geschrieben:
"Wen juckt's" kannte ich schon, die Story gefiel mir, ehrlich gesagt, gar nicht.


... da kann ich die Kommentare entsprechend erahnen ... Jedenfalls nichts Positives.

Thomas Becks hat geschrieben:
In der Bratkartoffeln-Story hat mich ebenfalls irritiert und meinen Lesefluss gebremst, als die Gattin mit der einen Hand jenes und mit der anderen dieses machte. Das braucht keine Geschichte, die jemand lesen soll, das sind eher Regieanweisungen und gehören ins Drehbuch.


Diese "Drehbuchanweisungen" sind Beschreibungen aus der Sicht des Ehemannes und charakterisieren damit ihn und nicht die Ehefrau. Er ist ein Pedant, der alles ganz genau haben will (siehe das exakte Ausrichten des Bestecks), der nach festgelegten Regeln lebt und in Schwierigkeiten gerät, wenn diese Regeln nicht beachtet werden - der ungelöste Konflikt mit seinem Sohn, der merkwürdige Abgang seiner Frau, die Unfähigkeit des Mannes, seine Mitteilung an seine Familie loszuwerden.

Ich zitiere einmal eine Stelle aus einem recht bekannten Buch, wo es auch um sehr detaillierte Beschreibungen geht:

Dr. Hannibal Lecter lag auf seiner Pritsche und blätterte in der italienischen Ausgabe der Vogue. Er hielt die losen Seiten in der rechten Hand und legte sie mit der linken eine nach der anderen neben sich. An der linken Hand hat Dr. Lecter sechs Finger.
(aus: Thomas Harris, Das Schweigen der Lämmer, Piazza Verlag 1990/1999, Seite 22)

Ist es wichtig, was Lecter in dieser kleinen Szene tut? Ist es in dieser Szene wichtig, dass Lecter die Vogue liest? Ist es wichtig, was seine rechte und was seine linke Hand macht? Ist es wichtig, dass die Zeitschrift aus losen Blättern besteht? Ist irgendetwas davon für die spätere Handlung wichtig?

Wichtig ist hier, wie die Beobachterin - hier: Clarice Starling - dem Leser geschildert wird: als eine Frau, die eine Szenerie genau und analytisch betrachtet. Nicht das vordergründig Erkennbare ist wichtig, sondern das hintergründig Geschilderte.

Ich bedauere, dass mein Text diese Informationen nicht zum Leser transportieren kann; dass meine Intention, etwas über die Hauptfigur auszusagen - sie zu charakterisieren -, nicht erfolgreich war. Daher muss ich daraus schließen, dass der Text nicht funktioniert und ich einen schlechten Text geschrieben habe. Dafür bitte ich bei allen Lesern um Entschuldigung für die verlorene Zeit.
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Re:

von Thomas Becks (26.04.2014, 17:34)
Der Vergleich "Wen juckt’s?" mit "Das Schweigen der Lämmer" spricht für Dein starkes Selbstbewusstsein. Doch was interessiert die Leute mehr? Wie Lieschen Müller ihre Hände im Einzelnen benutzt, oder aber jede Handbewegung, jede Geste oder überhaupt jedes Tun dieses einmaligen Monsters?
cool5

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (26.04.2014, 18:44)
Siegfried hat geschrieben:
Thomas Becks hat geschrieben:
Ich muss gleich nach GE und kann die Geschichte nicht komplett lesen.


Das ist nicht notwendig ... das Lesen, meine ich. Dein erster Kommentar war, dass du die Story in Gänze nicht magst ...


Eine Abneigung gegen ein Buch hat in diesem Forum noch nie einen gewissen Mitgliederkreis davon abgehalten, sich im Vorstellungs-Thread seitenweise damit auseinanderzusetzen und dem Autor das Geschäft zu erschweren. angle: Ich habe es bisher immer so verstanden, dass vom Autor sogar Dankbarkeit dafür erwartet wird, dass man sich so ausführlich mit einem Text beschäftigt. Aber vielleicht verwechsle ich da auch etwas. Ich erwarte jedenfalls keine - bevor die Frage kommt. cool5

*Ironie ausschalt*
Ein gewisser Abstand zum Text ist im Bereich "Lektorat" sogar hilfreich. Wenn man eine Geschichte sehr wohlwollend liest, übersieht man auch sehr viel.

Gruß, Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (26.04.2014, 21:11)
Monika K. hat geschrieben:
Siegfried hat geschrieben:
Thomas Becks hat geschrieben:
Ich muss gleich nach GE und kann die Geschichte nicht komplett lesen.


Das ist nicht notwendig ... das Lesen, meine ich. Dein erster Kommentar war, dass du die Story in Gänze nicht magst ...


Eine Abneigung gegen ein Buch hat in diesem Forum noch nie einen gewissen Mitgliederkreis davon abgehalten, sich im Vorstellungs-Thread seitenweise damit auseinanderzusetzen und dem Autor das Geschäft zu erschweren.


Es ist nichts weiter als ein Angebot, sich mit einem Text, den man generell nicht mag oder für schlecht hält, nicht noch einmal - oder gar zwei Mal oder drei Mal - befassen zu müssen.
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Thomas Becks
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Re:

von Thomas Becks (26.04.2014, 22:20)
Siegfried hat geschrieben:
Es ist nichts weiter als ein Angebot, sich mit einem Text, den man generell nicht mag oder für schlecht hält, nicht noch einmal - oder gar zwei Mal oder drei Mal - befassen zu müssen.

Vielen Dank für das Angebot!
Da bin ich ja nochmal gut davongekommen.
cheezygrin
Wenn der Autor schon sagt, dass da nichts zu retten ist ...

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mtg
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Re:

von mtg (27.04.2014, 10:30)
Monika K. hat geschrieben:
*Ironie ausschalt*

Hilf mir, wenn ich etwas übersehen habe ... aber wann wurde sie eingeschaltet?

Monika K. hat geschrieben:
Wenn man eine Geschichte sehr wohlwollend liest, übersieht man auch sehr viel.

Wenn man dem Autor alles Mögliche unterstellt, übersieht man natürlich vorsichtshalber nichts. Ich erinnere nur an HuWes ... oder an die Aussage »ich schlug vor« als Synonym für Provokation.

:-)

Ich habe in diesem Thread nur eine einzige allgemeingültige, unterschriftsfähige Aussage gelesen - und die kam von Klonschaf, als er sagte, dieses und jenes Wort kenne er nicht, aber ich entnahm seinem Post, dass er den Zusammenhang verstanden habe. Bingo. Damit geht es ihm so wie 95% der Leser.

Man erwartet vom Leser Phantasie (der muss das können), gesteht sie dem Autor aber nicht zu (der darf das nicht!). Woraus mag die Phantasie des Lesers denn entspringen, wenn nicht aus der Vorlage des Autors?

Es werden Logikfehler en masse angekreidet, von denen die wenigsten auch genannt werden. Gut - dann bitte auch keine Filme mehr anschauen! Oder um Himmels Willen keinen Krimi von Andreas Franz lesen, obwohl der so erfolgreich war. Der lässt seinen Protagonisten nämlich von Offenbach nach Frankfurt-Sachsenhausen am Baseler Platz vorbeifahren und im Stau stehen. Das machen nicht einmal die betrügerischsten Taxifahrer ...

Aus einer unterhaltsamen Kurzgeschichte, die sogar so etwas wie Moral enthält (was eigentlich die Idee dahinter ist, die aber mit keiner Silbe angesprochen wurde), wurde ein Fachartikel für Nautik. Eigentlich hatte ich die Frage erwartet, warum nicht einfach der Zeitungsartikel abgepinnt worden sei. Es war bedenklich nahe dran – aber sie kam dann doch nicht. Zumindest nicht ausgesprochen.

So sieht also die political correctness der Kritker aus: Möglichst unverbindlich bleiben. Kritisieren, aber keine Gegenvorschläge bringen – und wenn doch, sie dann sofort kleinreden, damit man darauf nicht festgenagelt werden kann. Bloß nicht anecken. Nur aus dem Hintergrund schießen und im Zweifelsfall zurückrudern und lieber alles als Missverständnis bezeichnen ... aber Hauptsache, man hat Kritik geübt.

Naja, wenn man den eigenen Horizont als Maßstab nimmt, macht man wenigstens nichts falsch.

Amen.

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (27.04.2014, 10:51)
mtg hat geschrieben:
Wenn man dem Autor alles Mögliche unterstellt, übersieht man natürlich vorsichtshalber nichts. Ich erinnere nur an HuWes ... oder an die Aussage »ich schlug vor« als Synonym für Provokation.


HuWes ist keine Unterstellung, sondern eine Tatsache. Die kannst du glauben oder nicht, das bleibt dir überlassen. Sie als "Unterstellung" zu bezeichnen ist in Wirklichkeit eine Unterstellung. Und du bist schlau genug, sie nicht als Lüge zu bezeichnen, weil du weißt, dass das justiziabel wäre. Und das Risiko gehst du dann anscheinend doch lieber nicht an. Anständige Menschen fragen per PN nach den Hintergründen und nach Beweisen. Unanständige Menschen meinen, grundsätzlich alles zu wissen. Ich hätte die alte Geschichte nicht mehr ausgegraben. Wozu? Es ist schon seit einer Weile nicht mehr vorgekommen. Das ist für mich das einzig Wichtige. Warum du sie ausgräbst, ist mir völlig unverständlich. Du tust damit niemandem einen Gefallen. Wenn du möchtest, schicke ich dir per PN den Link zu dem Thread, in dem die Sache hochkam. Aufmerksame Leser stellen fest, dass ich keinen Namen genannt hatte, und erst in deinem Kommentar die konkrete Verbindung zum betreffenden Forenmitglied hergestellt wurde. (Hier will ich den Link nicht posten, denn hier gehört er nicht her.) Da warst du damals in deine Rage leider etwas übereifrig. Und auch hier in diesem Thread bringst du das Thema auf. Nicht ich.
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Re:

von Monika K. (27.04.2014, 11:46)
Eben las ich die jüngste Fassung des Texts, um ihn mal richtig zu fühlen. Die Grundidee der Geschichte gefällt mir. Und die Geschichte lässt sich jetzt glatter lesen, finde ich. Die verschiedenen Charaktere sind klar gezeichnet und man kann sich in sie hineinversetzen – mit einer Ausnahme: Marion.

Ich teile Schriftsteller in „Puppenspieler“ und „Schauspieler“ ein. „Puppenspieler“ können sehr detailgetreue und täuschend echte Kulissen schaffen, in die sie Figuren setzen, die komplizierte Handlungsstränge darstellen. Aber bei Kleinigkeiten wirken die Protagonisten plötzlich blutleer und hölzern. Oft verhalten sie sich auch klischeehaft. Die geschaffene Welt ist in Gut und Böse eingeteilt, und jeder kennt seinen Platz. „Schauspieler“ halten sich oft gar nicht mit detailverliebten Schilderungen der Umgebung auf. Sie beobachten ihre Mitmenschen und deren Verhaltensweisen sehr genau und schaffen realistische Figuren mit guten und schlechten Seiten. Beim Schreiben schlüpfen sie in die Rollen ihrer Protagonisten und fragen sich: Die Figur ist wie Onkel Egon – wie hätte er in dieser Situation reagiert? Wie reagieren die meisten Menschen in dieser Situation? Welche Reaktion erwartet der Leser, den die Figur an seinen Onkel Walter erinnert?

Im Fall Marion heißt das: Wie reagiert eine Frau, wenn sie urplötzlich den Laufpass bekommt? Überraschung ist natürlich und kommt im Text vor. Bis zu dem Punkt, an dem sie „Schatzi!!!“ ruft, ist die erschaffene Welt für mich in Ordnung. Aber was kommt dann? Sitzt sie irgendwo und weint? Beteuert sie ihm ihre Liebe? Versucht sie, ihn umzustimmen? Bittet sie um ein klärendes Gespräch? Hält sie ihm vor, was sie alles für ihn aufgegeben hat? Welche Männer sie hätte haben können? Wirft sie ihm vor, wie sehr er sich verändert habe? Es ist völlig egal, ob sie ihn wirklich geliebt hat oder nur wegen seiner Aussicht auf ein großes Vermögen bei ihm war. In beiden Fällen ist die Enttäuschung groß. Aber es geschieht erst einmal nichts. Sie scheint sich sofort mit der Sache abzufinden. Und dann kommt der Satz:
Die Küste mit dem Perdu raste an ihnen vorbei. Carsten, Tom und Marion winkten hinüber.

Ich kenne keine Frau, der nach Winken zumute ist, wenn sich kurz davor ihr Partner von ihr getrennt hat. Die einzige, die dann noch winken würde, wäre wahrscheinlich Elizabeth II. – und die würde das auch nicht freiwillig machen.

Mit dem Unfallhergang habe ich weiterhin das Problem, dass ich in meinem Kopfkino einen bewusstlosen Surfer im Wasser liegen sehe, dessen Kopf sich unter Wasser befindet. Hilfe! Er ertrinkt! Siegfried! Tu doch was! Rette ihn! Lass ihn die Schwimmbewegungen machen, die im Unfallbericht erwähnt sind. Oder lass die Torfköppe auf der Jacht nicht so lange suchen, und lass sie anschließend die typischen Wiederbelebungsmaßnahmen in Angriff nehmen, die Halbertrunkenen das Leben retten. Mensch, Marion! Du bist doch die mit dem Kurs! Hör auf zu winken und hilf ihm –statt nur seine Hand zu halten!

Um mal auf das Hollywood-Argument einzugehen: Auch Hollywood hätte das Problem, dass die dem Schauspieler ein nicht sichtbares Schwimmkissen unter den Kopf tackern müssten, um ihn oben zu halten. Ob das dann noch natürlich aussieht, liegt im Auge des Betrachters. Der dünne Neoprenanzug, den Surfer tragen, hilft da nicht, denn Surfanzüge haben – im Gegensatz zu Taucheranzügen – keine Kapuze. Deshalb müssen wir auch gar nicht über den Auftrieb von Neopren diskutieren. Warum der Surfer überhaupt einen Anzug trägt, frage ich mich auch so nebenbei. Die Mädels tragen trotz Fahrtwind T-Shirt bzw. Bikini, und der Surfer ist wohl extrem verfroren oder ein Neoprenfetischist.

Und mir ist noch immer nicht klar, warum am Ende die extreme Geschwindigkeitsüberschreitung rechtlich keine Rolle spielen soll. Das erwähnte ich bereits in meiner ersten Einschätzung. Ich kenne mich – wie viele Leser – mit dem Seerecht nicht aus. Wenn ich zu Fuß eine Straße überquere, muss ich auf den Verkehr achten und bin schuld, wenn ich über den Haufen gefahren werde. So geht es – laut Text – auch einem Surfer mit einem Motorboot. Ich glaube das jetzt einfach mal so, obwohl mir beim Segeln das etwas anders erklärt wurde. Wenn ich nun aber von einem Auto überfahren werde, das mit 120 Sachen durchs Dorf brettert, dann bekomme ich allerhöchstens eine Teilschuld. Warum das auf See nicht so ist, wird im Text nicht erklärt. Da man vorher den Restaurantbesuchern zuwinkte, würde ich auch nicht annehmen, dass es auf keinen Fall Zeugen gab. Und außerdem wird der Ort laut Text mit Radar überwacht. In Deutschland kann man zwar teure Anwälte bezahlen, aber keine Richter. Die Vorstellung, man könne sich mit viel Geld freikaufen, stammt aus den USA oder Großbritannien.
Die regeln das mit der Staatsanwaltschaft – hinter den Kulissen.

Wie soll ich das als Leser verstehen? Ist die Staatsanwaltschaft in Deutschland bestechlich?

Auf die Idee, dass eine Studentin, die in den Sommermonaten für eine Werft jobbt, die Schiffsführerin ist, wäre ich übrigens auch nicht gekommen. Das wird jetzt im Text besser erklärt. Aber so ganz überzeugt bin ich nicht. Ich stelle mir das als Männerwelt vor. Natürlich werden hübsche Frauen verkaufsfördernd eingesetzt, aber doch eher als zierendes Beiwerk. Vertraut eine Werft einer jobbenden Studentin so eine teure Jacht an? Und rentiert es sich für eine Werft, den Aushilfskräften den entsprechenden Führerschein (wie auch immer er genau heißt) zu bezahlen? Oder stammt sie aus einem reichen Elternhaus, jobbt nur aus Vergnügen und um Berufserfahrung zu sammeln und hat ihn selbst erworben? Sie scheint der Sache jedenfalls überhaupt nicht gewachsen zu sein, denn sie äußert zwar Bedenken und Ermahnungen, übernimmt aber nicht einfach selbst das Steuer. In Küstennähe kann man nicht nur Surfer plattmachen, sondern auch das gute Stück durch Lenkfehler auf Grund setzen. Dann ist die Nobeljacht vor dem Restaurant „Perdu“ perdu (um auch einmal eine Wortwiederholung als stilistisches Mittel einzusetzen). Letztendlich besteht ihr Job anscheinend darin, den (vielleicht lesefaulen) potentiellen Kunden die Informationen des Werbeprospekts herunterzubeten.

Fazit: Wenn man einen Autor ärgern möchte – egal ob aus purer Langeweile oder (in meinem Fall) zur Veranschaulichung eines Missstandes im Autorenpool – dann findet man fast in jedem Text etwas. Dass ich hier so viel fand, hat mich ehrlich überrascht. Das hatte ich nicht erwartet. Es ist sehr zeitaufwendig und auch ziemlich sinnlos, einen Text so dermaßen zu zerpflücken. Das rentiert sich nur, wenn man das als Satiriker macht und dafür bezahlt wird. Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen, warum manche das einfach so aus Spaß an der Freude machen. Wenn mir langweilig ist, albere ich lieber mit netten Leuten herum. Wenn ich normalerweise gebeten werde, einen Text testzulesen, gehe ich selbstverständlich längst nicht so streng und kleinlich an die Sache heran. Hier im Forum äußere ich mich normalerweise auch eher zurückhaltend zu Fehlern in Texten. Aber ich habe Siegfried versprochen, mir in den kommenden Wochen alle Geschichten ganz genau anzusehen. Und ich halte meine Versprechen. Es sei denn, ich werde davon entbunden.
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Klonschaf
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von Klonschaf (27.04.2014, 11:49)
Was Logik angeht, sehe ich es so: Logikfehler sind eventuell hinnehmbar, wenn sie nicht zu offensichtlich sind. Ich würde sogar sagen, ohne eine gewisse Logikfehler-Toleranz beginnt die Fantasie eines Autors zu leiden - und eine Unzahl fantastischer Geschichten hätte niemals das Licht der Welt erblickt.

Allerdings sollte der Autor jederzeit das Heft in der Hand haben, er darf nicht wie ein Grobmotoriker durch seine Geschichte stolpern, er muss immer wissen, wo die Logik lahmt und sich in jedem Einzelfall Rechenschaft ablegen, ob die Sache sich im Rahmen hält und gerade noch tolerabel ist - oder ob er dabei ist, in Peinlichkeit abzudriften. Weil es ist ja klar: Peinlichkeit bricht der besten Story das Rückgrat.

... abgesehen davon kommt es immer auch auf das Genre an, das ein Autor bedient.

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (27.04.2014, 13:41)
Klonschaf hat geschrieben:
Was Logik angeht, sehe ich es so: Logikfehler sind eventuell hinnehmbar, wenn sie nicht zu offensichtlich sind. Ich würde sogar sagen, ohne eine gewisse Logikfehler-Toleranz beginnt die Fantasie eines Autors zu leiden - und eine Unzahl fantastischer Geschichten hätte niemals das Licht der Welt erblickt.

Allerdings sollte der Autor jederzeit das Heft in der Hand haben, er darf nicht wie ein Grobmotoriker durch seine Geschichte stolpern, er muss immer wissen, wo die Logik lahmt und sich in jedem Einzelfall Rechenschaft ablegen, ob die Sache sich im Rahmen hält und gerade noch tolerabel ist - oder ob er dabei ist, in Peinlichkeit abzudriften. Weil es ist ja klar: Peinlichkeit bricht der besten Story das Rückgrat.

... abgesehen davon kommt es immer auch auf das Genre an, das ein Autor bedient.


Dem kann ich nur zustimmen!

Auch dann, wenn ich einen Text sehr wohlwollend lese, bin ich nicht in der Lage, die ständige Anwendung desselben stilistischen Mittels (in diesem Fall Wortwiederholung) und eine so hohe Dichte an Dingen, die mir spontan unlogisch erscheinen, zu tolerieren. Wenn ich am Ende mehr Fragen habe als am Anfang, dann gefällt mir eine Geschichte oder ein Film nicht.
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Siegfried
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Re:

von Siegfried (27.04.2014, 17:36)
Monika K. hat geschrieben:
Mit dem Unfallhergang habe ich weiterhin das Problem, dass ich in meinem Kopfkino einen bewusstlosen Surfer im Wasser liegen sehe, dessen Kopf sich unter Wasser befindet. Hilfe! Er ertrinkt! Siegfried! Tu doch was! Rette ihn! Lass ihn die Schwimmbewegungen machen, die im Unfallbericht erwähnt sind. Oder lass die Torfköppe auf der Jacht nicht so lange suchen, und lass sie anschließend die typischen Wiederbelebungsmaßnahmen in Angriff nehmen, die Halbertrunkenen das Leben retten. Mensch, Marion! Du bist doch die mit dem Kurs! Hör auf zu winken und hilf ihm –statt nur seine Hand zu halten!


Vorschlag:
Wenn es warm genug ist, spring in ein Schwimmbad, wo die Wassertiefe mindestens 1,80 m ist. Leg dich nach Rückenschwimmenart flach auf das Wasser. Das Gesicht also zum Himmel gewandt. Beweg dich nicht, weder Arme noch Beine. Du wirst feststellen, dass du nicht untergehst. Du liegst so auf dem Wasser, dass dein Gesicht oberhalb der Wasseroberfläche ist. Du wirst nicht ertrinken.
Recherche-Ergebnis: Die allerwenigsten Menschen, die über Bord gehen und im Meer treiben, ertrinken. Häufigste Todesursache ist Auskühlung.


Monika K. hat geschrieben:
Warum der Surfer überhaupt einen Anzug trägt, frage ich mich auch so nebenbei. Die Mädels tragen trotz Fahrtwind T-Shirt bzw. Bikini, und der Surfer ist wohl extrem verfroren oder ein Neoprenfetischist.


Weil Surfer - anders als Segler oder Motorbootfahrer - häufigen Kontakt zum Wasser haben. Eine hohe Lufttemperatur bedeutet nicht gleichzeitig eine hohe Wassertemperatur. Wenn einem Wind-Surfer ein Bö ins Segel schlägt, kann das schon mal zum Schleudersturz führen. Der Sürfer landet im Wasser, muss zu Brett zurückschwimmen und dann auf das Brett klettern. Das dauert. Ohne Neopren würde er mit nassem Körper weitersurfen müssen und dadurch extrem auskühlen. Deshalb tragen Wind-Surfer solche Anzüge - und nicht, weil sie Fetischisten sind.

Dazu kommt, dass es unterschiedliche Arten von Surfbrettern gibt. Eine Sorte wird als "Sinker" bezeichnet. Ist der Wind zu schwach, trägt es den Surfer auf dem Brett nicht mehr. Der Surfer muss also zwangsweise ins Wasser. Auch das ist ein Grund, warum Windsurfer Neoprenanzüge tragen.


Monika K. hat geschrieben:
Und mir ist noch immer nicht klar, warum am Ende die extreme Geschwindigkeitsüberschreitung rechtlich keine Rolle spielen soll. Das erwähnte ich bereits in meiner ersten Einschätzung. Ich kenne mich – wie viele Leser – mit dem Seerecht nicht aus. Wenn ich zu Fuß eine Straße überquere, muss ich auf den Verkehr achten und bin schuld, wenn ich über den Haufen gefahren werde. So geht es – laut Text – auch einem Surfer mit einem Motorboot. Ich glaube das jetzt einfach mal so, obwohl mir beim Segeln das etwas anders erklärt wurde.


Windsurfer gelten laut Seeschifffahrtsstraßenordnung (das ist die gesetzliche Regelung für den Schiffsverkehr innerhalb der Drei-Meilen-Zone Deutschlands) nicht als Wasserfahrzeug und müssen gemäß § 31, Abs. 2 SeeSchStrO allen anderen Wasserfahrzeugen ausweichen. Diese Regelung wurde 1998 eingeführt, nachdem Lobbyisten (hier sind vor allem die Motorboot- sowie die Motorbootmotorenhersteller zu nennen) und FDP entsprechenden politischen Druck aufgebaut haben.

Selbstverständlich könnte man den gesamten rechtlichen Sachverhalt inkl. Vorfahrtsrecht und internationaler Kollisionsverhütungsregeln innerhalb der Geschichte klären - aber würde das den Leser noch interessieren?


Monika K. hat geschrieben:
Wenn ich nun aber von einem Auto überfahren werde, das mit 120 Sachen durchs Dorf brettert, dann bekomme ich allerhöchstens eine Teilschuld. Warum das auf See nicht so ist, wird im Text nicht erklärt.


Es geht in dem Text nicht um eine schlüssige, rechtswirksame Verurteilung, sondern darum, wie sich die Hauptfiguren gegenüber ihrem Opfer stellen. Es ist ihnen völlig egal, ob sie den Unfall verursacht habe - sie sind von sich selbt so überzeugt, dass sie meinen, das Recht entsprechend beugen zu können. Das mag man so nicht glauben, aber die Fälle, wo der "Name" und das dahinter befindliche Kapital, also der Einfluss auf die Gesellschaft, eine Ungleichbehandlung vor Gericht bedeuten, nehmen zu. Wenn ein ehemaliger Landwirtschaftsminister wegen Untreue angeklagt wird, dann kommt da ein Urteil heraus, dass sich grundsätzlich von dem unterscheidet, wenn es Otto Normalverbraucher im gleichen Fall erwischt hätte.

In der Geschichte geht es nicht darum, dass der Motorbootfahrer Teilschuld trägt oder nicht - es geht darum, dass ihn das überhaupt nicht kümmert, weil er weiß, dass er sich freikaufen kann. Teilschuld am Unfall und 100.000 Euro Geldstrafe bei 60 Millionen Jahreseinkommen, da lacht der sich doch drüber tot und über sein Opfer. Das ist der Kern der Geschichte.

Monika K. hat geschrieben:
Da man vorher den Restaurantbesuchern zuwinkte, würde ich auch nicht annehmen, dass es auf keinen Fall Zeugen gab. Und außerdem wird der Ort laut Text mit Radar überwacht. In Deutschland kann man zwar teure Anwälte bezahlen, aber keine Richter. Die Vorstellung, man könne sich mit viel Geld freikaufen, stammt aus den USA oder Großbritannien.

Die regeln das mit der Staatsanwaltschaft – hinter den Kulissen.

Wie soll ich das als Leser verstehen? Ist die Staatsanwaltschaft in Deutschland bestechlich?


Zu den Zeugen ein Vorschlag:
Setz dich ans Ufer eines Meeres und versuch mal mit bloßen Augen einen im Wasser treibenden Gegenstand von der Größe eines Menschen zu entdecken, der - sagen wir mal - 400 Meter entfernt ist. Als ich meinen SKS (Schiffer-Küsten-Schein - dritthöchste Stufe im Sportbootbereich) gemacht habe und Rettungsübungen auf offener See machen durfte, sagte uns der Ausbilder, dass bei mehr als 50 Metern Distanz ein Mensch im Wasser kaum noch zu sehen ist. Um einen Menschen aus dem Wasser zu retten, kommt es auf Tempo an - und auf möglichst geringe Distanzen.

Zur Bestechlichkeit:
Von Bestechlichkeit ist nicht die Rede. Aber in Deutschland nimmt die Zahl der außergerichtlichen Vergleiche zwischen Staatsanwaltschaften und Verteidigern von Angeklagten deutlich zu, Man einigt sich auf eine Geldzahlung an das Opfer und der Prozess landet in der Tonne, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Mit Geld kann man auch im deutschen Rechtssystem inzwischen sehr viel regeln, ohne dass man dabei in die Schlagzeilen gerät.

Monika K. hat geschrieben:
Auf die Idee, dass eine Studentin, die in den Sommermonaten für eine Werft jobbt, die Schiffsführerin ist, wäre ich übrigens auch nicht gekommen. Das wird jetzt im Text besser erklärt. Aber so ganz überzeugt bin ich nicht. Ich stelle mir das als Männerwelt vor. Natürlich werden hübsche Frauen verkaufsfördernd eingesetzt, aber doch eher als zierendes Beiwerk. Vertraut eine Werft einer jobbenden Studentin so eine teure Jacht an? Und rentiert es sich für eine Werft, den Aushilfskräften den entsprechenden Führerschein (wie auch immer er genau heißt) zu bezahlen?


Zur Männerwelt:
Im Original-Fall war seitens der Werft die Pressesprecherin an Bord. Also eine Frau.

Zum Führerschein:
Zum Führen eines Motorbootes in den deutschen Küstengewässern ist für Deutsche der Sportbootführerschein See erforderlich. Diesen Führerschein kann man binnen einer Woche für einen Preis von ca. 300 bis 400 Euro (für die Schulung, nicht für die Prüfung) erwerben. Wäre ich Werftbesitzer, würde ich jedem Verkäufer (und jeder Verkäuferin) diesen Schein finanzieren, wenn ich dadurch ein Boot im Wert von über 2 Mio Euro verkaufen kann.

Dass bei Carsten Roderbusch eine Frau als Verantwortliche an Bord war, ist nicht ohne Grund gemacht worden. Bei solch großen Geschäften werden Kunden auf ihre persönlichen Vorlieben gecheckt und einer entsprechenden Betreuung übergeben. Aber vermutlich hätte auch das vorab im Text geklärt werden müssen.

Monika K. hat geschrieben:
Sie scheint der Sache jedenfalls überhaupt nicht gewachsen zu sein, denn sie äußert zwar Bedenken und Ermahnungen, übernimmt aber nicht einfach selbst das Steuer. In Küstennähe kann man nicht nur Surfer plattmachen, sondern auch das gute Stück durch Lenkfehler auf Grund setzen. Dann ist die Nobeljacht vor dem Restaurant „Perdu“ perdu (um auch einmal eine Wortwiederholung als stilistisches Mittel einzusetzen). Letztendlich besteht ihr Job anscheinend darin, den (vielleicht lesefaulen) potentiellen Kunden die Informationen des Werbeprospekts herunterzubeten.


Ja, sie ist der Situation nicht gewachsen. Genau so ist sie angelegt. Sie versucht den Spagat zu schaffen, sich nicht von Roderbusch anmachen zu lassen, auf der anderen Seite aber auch nicht geschäftsschädigend aufzutreten und Roderbusch als möglichen Käufer zu verärgern. Nicht ohne Grund heißt es im Text, dass die Firmenvertreterin eine Provision zu erwarten habe. Das dürfte bei solchen Geschäften eine hohe fünfstellige, wenn nicht sogar sechsstellige Summe sein. Wenn dir 80.000 Euro für zwei bis drei Tage Arbeit in Aussicht gestellt werden, vergrätzt du da deinen Kunden, weil der an einer Stelle Vollgas gibt, wo er es nicht darf?

Auf der anderen Seite weiß die Werftvertreterin genau, was geschehen ist (ihr Ausruf: "Oh Gott! Oh Gott! Oh Gott!" kommt nicht ohne Grund und zeugt somit auch von Erfahrung - sie ahnt, dass es einen Schwimmer, einen Surfer, zumindest aber ein Lebewesen, etwa eine Robbe oder einen Schweinswal, erwischt hat). Und sie weiß, dass dies für sie Konsequenzen bedeutet

Monika K. hat geschrieben:
Dass ich hier so viel fand, hat mich ehrlich überrascht. Das hatte ich nicht erwartet.


Was mich überrascht, ist der Wunsch hin zum Abschreiben des Zeitungsberichtes bzw. des Untersuchungsberichtes der Bundesstelle für Seeunfälle. Das habe ich nicht erwartet.

Ich bin davon ausgegangen, dass man sich zunächst mit dem eigentlichen Thema der Geschichte befasst: Worum geht es eigentlich?

Es geht nicht um den Unfall. Die Zeitungsgeschichte und der Unfallbericht der BStU waren für mich ein Auslöser für diese Geschichte. Was mich zu dieser Geschichte gebracht hat, waren das unglaubliche Vorgehen von Menschen mit sehr viel Geld. So etwas wie das hier:

Ich bin davon ausgegangen, dass man die Hauptcharaktere und deren Handeln untersucht. Handeln sie so, dass der angestrebte Kern der Erzählung ausreichend untermauert ist? Sind Roderbusch und seine Freunde so unsympathisch, wie ich es beabsichtigt habe?

Einzig Matthias scheint die Geschichte so verstanden zu haben, wie sie angelegt ist. Nicht als reportagehafter Bericht über einen Unfall, sondern als Beschreibung über menschliches Verhalten, das alles andere als menschlich (im übertragenen Sinne) ist.

Monate später formuliert er [der Unfallverursacher; Anm. von mir] mit seiner Kanzlei eine Erklärung an die Kieler Staatsanwaltschaft. An deren Ende spricht er sein Bedauern aus: gegenüber seiner Tochter, weil die psychisch hoch angespannt und völlig durchnässt eine Stunde mit dem Schwerverletzten auf seinem Schiff verbracht habe.


Der Unfallverursacher bedauert, dass seine Tochter eine Stunde lang mit dem Schwerverletzten verbringen musste. Kein Wort des Bedauerns gegenüber dem Unfallopfer.

Oder das hier:

Am 2. Oktober 2012 – Fahlbusch [das Unfallopfer] sucht seit Monaten nach einer passenden Prothese – hat der Sachverständige Semmerling das von Dröhmer [der Motorbootfahrer] beauftragte Gutachten fertig. Er kommt zu dem Schluss, Dröhmer habe Fahlbusch nicht überfahren. Vielmehr habe sich der Surfer der Jacht mit hoher Geschwindigkeit von hinten genähert. Semmerling vermutet, bei dem missglückten Versuch, Dröhmers Predator zu überholen oder sogar auf deren Heckwelle zu surfen, sei Fahlbusch gegen den Rumpf geprallt und in die Schiffsschraube geraten.


Ein Gutachter erklärt allen Ernstes, bei Windstärke 3 habe der Windsurfer sich einem mit 70 km/h bewegenden Motorboot von hinten mit großer Geschwindigkeit genähert und in die Schiffsschrauben gestürzt.

So ein Gutachten bekommt man für Geld, aber nicht für Logik!

Mich irritiert, dass große Teile der Kritik sich an den Unterschieden zwischen der Geschichte und dem realen Hintergrund aufspulen. Mir geht es darum, wie diese Menschen denken, fühlen und vor allem handeln. Sie glauben, sie stehen aufgrund von Geld und Posiiton außerhalb des Rechtssystem - und sie kommen damit durch. Vielleicht nicht im konkreten Fall, der hinter dieser Geschichte steht, aber solche Fälle gibt es zu Hauf.

Darum geht es in der Geschichte. Um die Menschen an Bord und wie sie sich in einer Situation verhalten, wo ein Unbeteiligter durch ihre Schuld verletzt oder gar getötet wurde.

Was muss jetzt mit der Geschichte geschehen?

Alles das, was nach Drehbuchanweisungen eines Regisseurs klingt, ist zu entfernen. Statt "show" muss mehr "tell" hinein. Okay, was gelernt.

Detaillierte Beschreibungen, etwa von Verletzungen, stören den Leser. Eine möglichst allgemein gehaltene Beschreibung genügt hier völlig. In Ordnung, werde ich mir merken.

Es muss viel, viel mehr Hintergrundwissen eingebaut werden, etwa dass ein Mensch mit dem Gesicht nach oben auf dem Wasser treiben kann. Dass Surfer auch bei gutem Wetter Neoprenanzüge tragen - und warum. Gut, das nehme ich mit aus dieser Diskussion.

Alles Wichtige aus der Seeschifffahrtsstraßenordnung gehört in die Geschichte und natürlich das gesamte Führerscheinwesen im Sportbootbereich - vor allem, wie man an einen solchen Führerschein kommt und was er kostet. Akzeptiert, muss ich wohl einbauen.

Bezieht sich ein Text auf eine konkrete Vorlage, so darf sich der Text keinesfalls von dieser Vorlage entfernen, sondern muss möglichst dicht am Original bleiben. Dies gilt auch, wenn zwischen Originalvorlage und der literarischen Umsetzung völlig unterschiedliche Intentionen stehen. Akzeptiert, schreibe ich mir in mein Notizbuch.

Gibt es noch etwas, was an der Geschichte falsch ist, nicht funktioniert oder sonstwie Probleme bereitet?

Ansonsten bitte ich hier ganz offiziell um Entschuldigung. Um Entschuldigung bei denen, die sich mit dieser Geschichte befasst haben und nun feststellen, dass es verlorene Zeit war.

Vor allem aber um Entschuldigung bei den Mitstreitern der Anthologie, wo diese Geschichte veröffentlicht wurde. Ganz offensichtlich habe ich mit meiner Erzählung erheblich dazu beigetragen, dass die Anthologie qualitativ gescheitert ist. Ich bedaure das zutiefst.
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Re:

von mtg (27.04.2014, 18:52)
Siegfried hat geschrieben:
Ganz offensichtlich habe ich mit meiner Erzählung erheblich dazu beigetragen, dass die Anthologie qualitativ gescheitert ist. Ich bedaure das zutiefst.

Nein Siegfried, Du bist nicht schuld.
Natürlich bin ich schuld.

Ich habe ein schreckliches Cover entworfen (was aber erst hinterher festgestellt wurde, weil sich im Vorfeld dazu kaum jemand geäußert hatte) und ich habe mich erdreistet, statt einer Kurzgeschichte eine Glosse einzureichen. Dadurch fühlt sich der potenzielle Käufer verschaukelt und nimmt vom Kauf Abstand.

Ich habe meine 30 abgenommenen Exemplare übrigens verkauft und interessanterweise das Feedback bekommen, dass »Wen juckt's« und »Der west-östliche Tresen« zu den beliebtesten Geschichten im Buch gehören. Das tut mir natürlich auch leid.

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Adriatic
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Re:

von Adriatic (27.04.2014, 19:45)
Gott sei Dank ist die Originalgeschichte in der Anthologie vertreten!
Coccobello (Roman) - Eine Reise in einem alten VW-Bus durch die Toskana

Adria-Express (Roman) - Eine Reise mit der Bahn durch Italien

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