Besuch im Deutsch-Russischen Museum Berlin

Präsentiert euren Roman, Thriller, Fantasy-, Science-Fiction-, Romance-Titel oder euer Kinderbuch.


Arno Abendschön
Beiträge: 839
Registriert: 31.10.2007, 10:23
Wohnort: Berlin

Besuch im Deutsch-Russischen Museum Berlin

von Arno Abendschön (19.05.2014, 18:27)
Deutschland und Russland sind gemeinsam Träger des Museums in Berlin-Karlshorst. In seinem Haus, einer früheren Pionierschule, hat sich einmal Weltgeschichte ereignet: Kapitulation der Wehrmacht in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Der Saal ist original erhalten und kann besichtigt werden. Das Hauptinteresse wird sich indessen auf die Dauerausstellung zum Krieg Deutschlands gegen die UdSSR 1941 – 1945 richten. Sie wurde mit neuer Konzeption 2013 wieder eröffnet und ist als historisches Spezialmuseum unbedingt sehenswert. Eine Fülle von Material erwartet den Besucher: vor allem Texte, Fotos, Filme, Gebrauchsgegenstände.

Die Ausstellung setzt mit den Beziehungen beider Staaten nach dem 1. Weltkrieg ein, gefolgt von der Eroberung und Aufteilung Polens. Wir lernen die Vorüberlegungen der Nazis zum großen Krieg im Osten kennen: Beschlagnahme der Nahrungsmittelproduktion, Inkaufnahme von –zig Millionen Hungertoten, keine Strafverfolgung krimineller Taten deutscher Militärs, Nichtbeachtung des Kriegsvölkerrechts in den besetzten Gebieten, ihre teilweise Germanisierung. Der Krieg war, anders als der im Westen, von Anfang an als totaler Vernichtungskrieg geplant.

Sehr übersichtlich, doch ausführlich genug wird sodann der Kriegsverlauf dargestellt. Reichhaltig ist das Anschauungsmaterial: Waffen, Erkennungsmarken, Lied- und Soldbuch, Uniformen, Orden, Kochgeschirr und Frostschutzsalbe. Und die ersten Fotos zum Erschrecken: die Märsche der Gefangenen, ihr Transport wie der von Vieh in offenen Waggons, wie ein Gefangener sein eigenes Grab schaufeln muss, die Hinrichtung von Partisanen und wie deutsche Soldaten sie dabei beobachten und fotografieren.

Die folgenden Räume vertiefen Einzelaspekte, als Erstes den Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen. Man erfährt vom Lager Minsk (140.000 Gefangene), sieht fürchterliche Filmaufnahmen aus dem Lager Pleskov, liest von Menschenversuchen (grausame Experimente mit Kälte, Zyklon B). Und immer wieder Fotos zum Erbarmen – nur gab es das nicht -: tote Soldaten in immer neuen schrecklichen Stellungen, die zu Skeletten Abgemagerten in Mauthausen.

Das nächste Kapitel ist der Zivilbevölkerung unter deutscher Gewalt gewidmet. Man lernt den Inhalt des Generalplans Ost kennen, sieht Bilder von der Belagerung Leningrads, wird mit Holocaust und Roma-Liquidierung konfrontiert. Zwangsarbeit ist ein großes Thema. Beim Rückzug endet alles mit der Strategie der verbrannten Erde. Ein Foto zeigt den „Schienenwolf“, wie er eine Bahnstrecke zerstört.

Die UdSSR im Krieg ist das folgende Thema mit den Facetten: Kriegswirtschaft, Abwehrkampf und Rückeroberung, Deportationen, die Beziehungen zu den Westmächten, die Behandlung deutscher Kriegsgefangener. Parallel dazu anschließend die Rückwirkung des Krieges auf Deutschland im Inneren: die Gefangenenlager dort, die Zwangsarbeiter, Briefe von der Front. Erschütternd ein Foto vom Selbstmord einer Familie in Wien im Frühjahr 1945. Makaber die letzte Kinowochenschau vor Kriegsende: Hitler empfängt noch einmal HJ-Jungen; wie man mit einer Panzerfaust umgeht.

Damit schließt die Ausstellung: Stalins Bündnis mit den Westalliierten, Eroberung Berlins, deutsche Kapitulation. Drei Stunden oder mehr mag man im Museum verbracht haben, verlässt es aufgewühlt – und begreift, woraus sich das russische Sicherheitsbedürfnis bis heute wesentlich speist. Mit –zig Millionen Toten hat das Land die Hauptlast des 2. Weltkriegs getragen. Es wurde damit zum zweiten Mal in eineinhalb Jahrhunderten Opfer einer gewaltigen Invasion von Westen her, die seine Existenz bedrohte. Demut läge nahe - für uns.

Das Museum hat die Anschrift Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin. Zu erreichen mit der S 3 bis Karlshorst, von dort Bus 296 (hält direkt am Museum). Eintritt frei.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

Weitere Werke als eBooks unter http://www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

Benutzeravatar
guenther h. klein
Beiträge: 55
Registriert: 16.01.2013, 18:48
Wohnort: Bischoffen

Musem

von guenther h. klein (19.05.2014, 20:53)
Dein Beitrag habe ich mit Interesse gelesen. Deine Hochsprache ist mir aufgefallen. Zur örtlichen Sache kann ich nichts sagen.

Als wir vor Jahrzehnten Israel besuchten und die Gedenkstätte Yad Vashem besuchten, hab ich geweint. Obwohl ich nach dem Krieg geboren bin, habe ich mich als Deutscher gefühlt. Das Erschrecken war groß. Was war da los?

Wie Israel es versteht, die Gefühle anzusprechen, könnte das Russland auch in Erwägung ziehen. Grüße guenther
Es irrt der Mensch, so lang er strebt. Goethe

www.g-h-klein.de

Arno Abendschön
Beiträge: 839
Registriert: 31.10.2007, 10:23
Wohnort: Berlin

Re:

von Arno Abendschön (19.05.2014, 21:57)
Ja, guenther, der Vergleich mit Yad Vashem dürfte naheliegend sein, zumal in der Berliner Ausstellung gerade auch die Verschleppung und Tötung von Juden breiten Raum einnimmt. Sie wurden ebenso wie die Asiaten von den übrigen Kriegsgefangenen getrennt und einer Sonderbehandlung unterzogen. Bei den Asiaten, Kaukasiern usw. hat man dann aber, als der Krieg nicht gut lief, eine Kehrtwendung vollzogen und versucht, sie als Mitkämpfer gegen die mehrheitlich russischen Heere des Feindes einzusetzen. In dieser späteren Phase wurden zunehmend auch Juden aus Mittel- und Westeuropa zur Vernichtung in Lager im besetzten Teil der Sowjetunion verbracht (also nicht nur nach Polen).

Zu den Gefühlen, die einen in der Ausstellung übermannen können, ein Zitat von Jens Bisky, der anlässlich der Eröffnung der jetzigen Dauerausstellung in der Süddeutschen Zeitung schrieb (25.4.13): " ... wer sich auf die Lebensgeschichten, die Momentaufnahmen des Alltags im Vernichtungskrieg einlässt, will, immer wieder, hinauslaufen." Das ging mir ganz genauso. Bleibt man aber und nimmt es auf, wird es zur Bereicherung - auch wenn mir das Wort jetzt unpassend vorkommt.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

Weitere Werke als eBooks unter http://www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

Benutzeravatar
buehne44
Beiträge: 150
Registriert: 25.09.2013, 17:05
Wohnort: Bremen

Re:

von buehne44 (19.05.2014, 21:59)
Danke für die ausführliche Beschreibung - ich wollte immer schon mal in dieses Museum - jetzt hat dein Bericht mich dazu animiert, in nächster Zeit eine Berlin-Fahrt zu machen.
LG Gerda
Mein lieber Matz! - Ach Papa..
Tanztheater in der Schule
Irrfahrten - Auf den Spuren des Odysseus
Top Girl
Inselgedichte - mit Fotos von Pellworm
Nimm Platz! -Bankgeschichten aus Bremen
Lilli, die Ausreißerin

http://www.gerda-smorra.jimdo.com

Arno Abendschön
Beiträge: 839
Registriert: 31.10.2007, 10:23
Wohnort: Berlin

Re:

von Arno Abendschön (19.05.2014, 22:36)
Sehr gut, Gerda. Mein Text mag zwar ausführlich erscheinen, beinhaltet tatsächlich aber nur einen kleinen Querschnitt aus dem im Museum Ausgebreiteten.

Ich vergaß die Öffnungszeiten: täglich - außer montags - von 10 - 18 Uhr.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

Weitere Werke als eBooks unter http://www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

Benutzeravatar
buehne44
Beiträge: 150
Registriert: 25.09.2013, 17:05
Wohnort: Bremen

Re:

von buehne44 (20.05.2014, 01:46)
Hallo Günther, hallo Arno -

Mir ging`s beim Besuch von Yad Vashem wie dir, Günther, ich weinte. Und noch mehr ging`s mir so bei der sehr privaten Ausstellung des Nachbarkibbuz, in dem ich wohnte, in dem Nachfahren des Warschauer Ghettos lebten.- So eine Scham, Nachfahrin von Eltern zu sein, die das alles zugelassen haben.
Genau dies war ja auch der Anlass für mein Buch "Mein lieber Matz!..." und meine Sicht änderte sich - ich verstand, no more no less -ich begab mich in die Auseinandersetzung....

Und darum interessiert mich auch dieses deutsch-russische Museum .Ich kenne alle historischen Hintergründe - aber ich will SEHEN! Unmittelbar erfahren!

Ich denke, dass dort der russische Frontabschnitt Nord - Murmansk-Front - wieder mal nicht aufgenommen ist -der eisige Stellungskrieg in der menschenleeren russischen Tundra 600km nördlich des Polarkreises war damals medial nicht interessant(trotz Schörner) und ist s heute auch noch nicht.
Die Briefe, Kalenderaufzeichnungen,Fotos meines Vaters von dieser 3-jährigen Einöde in aktischer Tundra, mit täglichen Mann-gegen-Mann-Kämpfen - dieses historische Material eines einfachen Frontsoldaten interessierte niemand außer mich. Ich hab mich damit auseinandergesetzt, hab ihm als (unbekannte) Tochter geantwortet - oft so entsetzt über seine Äußerungen, oft so betroffen über seine Sehnsüchte, Liebe.

Verlage antworteten nicht - eben ein Nischenbuch - wirtschaftlich uninteressant - unbekannte Autorin - obwohl das immerhin schon das dritte Buch war - aber die anderen waren in Theaterverlagen vermarktet, das zählt nicht. Gab`s ja dann hier raus. Ohne jedes Marketing. Hab keine Ahnung davon. Bis jetzt sind etwa 60 Bücher verkauft. Für mich waren die Rückmeldungen wichtig - Kontakte mit Söhnen/Töchtern/EnkelInnen , die mir schrieben. 0-Resension auf Amazon oder so. 0-Marketing.

Dass das Buch sich - ohne jedes Marketing - nicht weiter verkauft, ist für mich ok., aber dass diverse Institutionen und Verlage an diesem Schatz an historischem Material vorbeigehen, versteh ich nicht.

Das deutsch-russische Museum hab ich noch nie angeschrieben -aber ich bin sicher, dass auch dort die "Eismeerfront" unter den Tisch fällt. Oder?

Ich werde ne Berlin-Fahrt machen und es sehen ...
LG Gerda
Mein lieber Matz! - Ach Papa..
Tanztheater in der Schule
Irrfahrten - Auf den Spuren des Odysseus
Top Girl
Inselgedichte - mit Fotos von Pellworm
Nimm Platz! -Bankgeschichten aus Bremen
Lilli, die Ausreißerin

http://www.gerda-smorra.jimdo.com

Arno Abendschön
Beiträge: 839
Registriert: 31.10.2007, 10:23
Wohnort: Berlin

Re:

von Arno Abendschön (20.05.2014, 17:23)
Gerda, ich habe in meinem Gedächtnis gekramt und mich an keine Details direkt aus dem Raum Murmansk erinnern können. Das bedeutet allerdings nicht, dass es sie in der Ausstellung überhaupt nicht gibt. Es kann durchaus sein, dass zu einzelnen Themen Fotos oder sonstige Dokumente aus dieser Region auftauchen. Als allgemein interessierter Besucher habe ich natürlich mehr auf den besonderen Gehalt eines Dokumentes als auf seine genaue geographische Herkunft geachtet. Zumindest taucht der Nordabschnitt der Front bei der kursorischen Darstellung des Kriegsverlaufs auf. Zahlreich sind im Übrigen die Ausstellungsstücke zur Belagerung Leningrads.

Möglich, dass du für dein Buch mit seinen Materialien beim Museum selbst auf Interesse stoßen könntest. In den Schaukästen finden sich wiederholt ausgelegte Bücher oder sonstige Dokumente mit Zeitbezug. Das Museum hat, wie ich seinem Internetauftritt entnehme, auch eine Spezialbibliothek, für die, denke ich, dein Buch in Frage kommen könnte. Dort ist dafür auch eine Ansprechpartnerin genannt.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

Weitere Werke als eBooks unter http://www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

Zurück zu „Buchvorstellung: Belletristik“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.