Brunnen

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ricochet
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Brunnen

von ricochet (16.06.2014, 19:53)
(Im Original zentriert gesetzt. Hier muss ich mir mit Punkten helfen :cry: :cry: )


..................................Zischend
....................................steigt
................................das Wasser
.....................................auf.

...............................Glucksend es
........................im ersten Becken rinnt.

....................................Und
.....................im zweiten Raum gewinnt.

....................................Und
................vom dritten Becken dann darauf
...................................steigt

....................................das

.................................Wasser

......................beharrlich wieder auf.


rico
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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (16.06.2014, 23:46)
@ Rico

Hallo Rico,
Das von Dir empfohlenen erste Hilfe Buch (Lyrik nervt!) habe ich noch nicht vorliegen, bin also noch vollkommen unbewandert. Offen gestanden haben wir damals, zu Schulzeiten, lediglich Schillers Bürgschaft, Goethes Erlkönig und ein paar Gedichte von Brecht durchgenommen (an deren Titel ich mich nicht einmal mehr erinnere) Ist ja auch schon ewig her… Was ich damit sagen will: trotz Leistungskurs Deutsch hast Du in puncto Lyrik in mir eine total unbewanderte Person vor Dir. Gedichtinterpretationen waren mir immer zuwider. Ich wollte Gedichte stets einfach nur auf mich wirken lassen. Sie schlicht und einfach schön finden. Oder verabscheuen. Interessant finden, oder aber langweilig. Leicht, modern oder schwülstig. Inzwischen bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich (nach alle den Jahren!) ein wenig bereue, kaum theoretische Grundlagen in Punkto Lyrik zu besitzen.
Nun lese ich also dein Gedicht, stolpere (positiv) über das Layout (so, wie du es eigentlich darstellen möchtest, also zentriert und ohne Behelfspunkte), habe das Reimschema rausgefunden – und das war’s. Leider. Nun hab ich ein wenig nachgesurft und bin auf längst von mir vergessene Begriffe gestoßen.
Ja, dunkel, dunkel setzt die Erinnerung ein. Von dem einen oder anderen Begriff habe ich wirklich mal etwas gehört…

Ich habe mal auf die Anordnung Deiner Silben geachtet (betont-unbetont usw). Vielleicht liegt es daran, dass es schon so spät ist, aber in puncto Metrik habe ich gerade nur noch lauter Fragezeichen! Denn nachdem ich mal „Jambus“, „Trochäus“ und „Daktylus“ nachgesurft habe, hat sich bei mir die nächste Frage aufgetan: was ist mit einem einsilbigen Wort ( betont ? unbetont?) In Storms Gedicht „am grauen Strand, am grauen Meer“ sind all die einsilbigen Worte als betont (Hebung) dargestellt. Ist dies immer der Fall? Von meinem natürlichen Sprachempfinden her schon (aber ich könnte mich ja irren) und beim lauten Lesen würde ich Wörter wie "Stern" oder "Baum" et cetera unbewusst immer betonen.

Ist das alles schwierig! Ist auch schon spät (eine gute Entschuldigung cheezygrin )
Was ist also mit „steigt“? und mit „und“. Und „das“?
Und warum hast Du die Anordnung gewählt, die Du gewählt hast? „Nur“ aus optischen Gründen?
Warum am Ende folgende Darstellungsweise:
...........steigt
..............das
...........Wasser
....beharrlich wieder auf.

(Soll diese Anordnung einfach "nur" den Aufstieg des Wassers symbolisieren, oder beruht das auf einem theoretischen Hintergrund, den ich müder Dummi gerade nicht erfasse?

Ich würde es gerne verstehen und nicht nur schön zu lesen finden!!!!
Bitte, lieber Rico, kannst Du das bei Gelegenheit mal kurz erläutern?!

Anouk

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buehne44
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Re:

von buehne44 (18.06.2014, 14:58)
Hallo Rico,

mir gefällt dein Gedicht - auch die Versanordnung und die durchgehenden 4- und 5-hebigen Trochäen, die das Aufsteigen des Wassers unterstreichen.

Natürlich kommen mir da Conrad Ferdinand Meyers "Römischer Brunnen" in den Sinn:
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

LG Grüße!
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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (18.06.2014, 16:56)
@bühne44

Somit hast Du quasi meine Frage bereits beantwortet-
:lol:
Anouk

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ricochet
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Re:

von ricochet (18.06.2014, 22:57)
Hallo buehne44, liebe ANOUK,


klar gibt es den C. F. Meyer, wie auch Rilkes Gedicht "Römische Fontäne". Beides Gedichte, die ich sehr schätze. In irgendeinem meiner Lyrik-Bücher wurden die Entstehungsstufen zu C. F. Meyer "Römischen Brunnen" nachvollzogen, mit der Aufforderung an die Leser, selbst ein Gedicht zum Thema Brunnen zu schreiben. Das habe ich denn auch getan, wobei ich mir die Aufgabe stellte, mit den Mitteln des Layouts einen Brunnen darzustellen (visuelle Poesie), was Meyer und Rilke nicht getan haben. Optik und Inhalt sollen kongenial sein.

LG


rico
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buehne44
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Re:

von buehne44 (19.06.2014, 02:41)
Ja, und das ist dir gelungen!
LG Gerda
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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (19.06.2014, 07:53)
Hallo Rico, hallo bühne44
da Ihr beide Euch ja bestens auskennt: eine Frage bleibt mir noch offen.
Wie steht es nun mit der Betonung eines einsilbigen Wortes?!

Trochäus betont-unbeton ist mir nun auch klar.
Ich habe im internet ein paar Beispiele gefunden.

Eines ist "Hat der alt-te He-xen-mei-ster...
wo bei hat, al, he, mei betont werden (der ist also unbeton)

nun habe ich aber als beipsiel auch das Beispiel von "am grauen Strand, am grauen Meer" gefunden und da werden oftmals einsilbige betont?!

Was ist nun mit den einsilbigen? betont? unbetont? Oder kann man das so pauschal nicht sagen und ist von Fallbeispiel zu Fallbeispiel unterschiedlich?

Anouk

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (19.06.2014, 08:40)
Hallo Rico,

ein sehr schönes Gedicht! Ich sehe das Wasser direkt vor mir. Ich hätte allerdings eher "ins erste Becken rinnt" geschrieben, da ich bei rinnendem Wasser an eine kleinere Menge denke. Das Becken ist jedoch voll. Aber das liegt vielleicht an regionalen Unterschieden bei der Ausdrucksweise und stört mich nicht.

Hallo ANOUK_F.,

ob man ein einsilbiges Wort betont, hängt bei einem ganz normalen Satz davon ab, welche Bedeutung es im Satz hat. Bei einem ernsten Gedicht sollte das auch so sein, damit es nicht unfreiwillig komisch erscheint. Es ist nämlich ein wichtiges Element vieler Spaßgedichte, absichtlich die falschen Wörter zu betonen. (Beispiel: Limericks) Wer also in einem ernsten Gedicht einen Satz mit Gewalt in ein Reimschema zwängt, ohne zu überlegen, welche Wörter er normalerweise beim Vorlesen betonen würde, der verwirrt seine Leser und lässt eventuell sogar sein Gedicht lächerlich erscheinen. Ob ein gedrucktes Gedicht vom Leser richtig wahrgenommen wird, hängt immer auch ein bisschen vom Wohlwollen des Lesers ab, weil viele Nuancen nur beim Vorlesen richtig rübergebracht werden können. Ich finde, man sollte da als Dichter seinen Lesern besser nicht zu viel zumuten.

Viele Grüße,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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David Damm
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Re: Brunnen

von David Damm (19.06.2014, 09:35)
Hallo rico,

ich habe noch ein bisschen mehr getricktst und die Farbe der Punkte auf weiß gesetzt. Jetzt wirkt dein Gedicht hier auch sehr gut. :-)

ricochet hat geschrieben:
.................................Zischend
...................................steigt
...............................das Wasser
....................................auf.

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....................................das

..................................Wasser

........................beharrlich wieder auf.


Im ersten Moment hatte ich auch überlegt, ob du die Form gewählt hast, um einen Brunnen darzustellen. Aber ich dachte an einen Brunnen, aus dem man Wasser schöpfen kann, einen Tiefbrunnen, weshalb ich auch vom Text etwas verwirrt war. ;-)
Aber jetzt sehe ich es, dass es ein Springbrunnen ist! thumbbup

Viele Grüße,
David.

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ANOUK_F.
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@monika

von ANOUK_F. (19.06.2014, 11:36)
Hallo Monika,

danke für die Ausführung. Ich werde mir wirklich mal in kürze einen Ratgeber Lyrik zulegen, damit ich Euch nicht länger mit meinen Fragen nerve. Es nervt mich ja selbst: ich bin nahezu schockiert, was alles in der Schule damals NICHT vermittelt worden ist. Es wurden 2, max. 3 Gedichte durchgenommen, es fielen knapp Begriffe wie Metrik, ferner wurde erwähnt, dass es da sowas gibt wie Jambus, Trochäus und co -- und das war's. Keinerlei wirkliche Analyse, lediglich Interpretation des Inhaltes, aber nie im Zusammenhang mit der Metrik oder gar des Layouts. Ich würde das ja einsehen, wenn es sich um eine Hauptschule gehandelt hätte. Aber es war ein Gymnasium, noch dazu eines. das in gutem Ruf stand. Den muss ich ihm leider absprechen.

Nun, da ich generell ein wissbegieriger Mensch bin, will ich das Versäumte nun nachholen. ( Denn die Backfisch-Zeit, in der man aus lauter Herz-Schmerz mal fix was Schwülstiges dahingereimt hat, ist definitiv vorbei. )

Zum Lernen ist es ja zum Glück nie zu spät. Also, notiert: Ratgeber Lyrik anschaffen.

Lg,
Anouk

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ricochet
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Re:

von ricochet (19.06.2014, 12:27)
@ David,


recht herzlichen Dank. Genauso habe ich mir das vorgestellt.


@ ANOUK,


aus Angst, ich könnte zu formalistisch in meiner Arbeit werden, habe ich es mit Silbenzählen usw. gar nicht so. Ich finde mich diesbezüglich eher in den Reihen der Theoretiker, aber in meinen kreativen Prozessen habe ich mir frühzeitig einen intuitven Umgang damit angewöhnt. Es werden ja auch viele Wörter je nach Sprachraum anders betont, wie schon Monika sehr richtig sagt. Bsp.: Kaffee. Norddeutsch wird auf die erste Silbe betont, süddeutsch auf die zweite (wie die Franzosen). Letzten Endes geht es um das Klangbild beim Vortrag.
Bei diesem Gedicht geht es mir darüber hinaus darum, Bild - Text - Vortrag in Balance zu kriegen oder halten. Das soll ein Springbrunnen mit drei Schalen sein, wobei die untere einen Tick größer ist als die jeweils obere. Wenn mir das auf ansprechende Weise gelungen ist, bin ich schon zufrieden.

Könnte ich noch: Thomas Wieke "Gedichte schreiben", Autorenhaus empfehlen.

LG


rico
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buehne44
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Re:

von buehne44 (19.06.2014, 20:40)
Hallo Anou,

doch, ganz sicher können einsilbige Wörter eine Betonung (Hebung) haben. Bei deinem Storm-Beispiel handelt es sich um einen 4-hebigen Jambus, der betont endet.
LG buehne44
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