Herbst

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ANOUK_F.
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Herbst

von ANOUK_F. (16.10.2014, 13:37)
Herbst

Wieder streif ich durch langsam ersterbend’ Wälder,
versinke in morast’gem Laub.
In Blut taucht der Herbst nun die Haine und Felder,
was grünte, zerfällt bald zu Staub.
Voll Ehrfurcht grüß ich die morbide Schönheit,
die Luft, sie trägt Kunde von Rauch,
Natur stirbt im buntgeflickten Hochzeitskleid,
im Tod neues Leben im Bauch.

So sink ich denn nieder, beseelt von dem Ende,
das auch mich nun ereilen soll.
Nebeldurchzog‘ner Herbst legt nun seine Hände
auf mich – macht den Erntekorb voll.
Der Heimgang steht an und die Luft, sie trägt Kunde
von Pilzen, Fäule, Rauch und Tod.
Noch im Erblassen habe ich Lob im Munde
für den Herbst, getaucht in blutrot.

Bardioc
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Re: Herbst

von Bardioc (16.10.2014, 14:09)
Herbst

Wieder streife ich durch ersterbende Wälder,
versink' in morastigem Laub.
In Blut taucht der Herbst nun die Haine und Felder,
was grünte zerfällt bald zu Staub.
Voll Ehrfurcht grüß ich die morbide Schönheit,
die Luft, sie trägt Kunde von Rauch,
% Natur vergeht im buntgeflickten Hochzeitskleid,
die Natur stirbt im buntgeflickten Hochzeitskleid,
im Tod neues Leben im Bauch.

So sink ich denn nieder, beseelt von dem Ende,
das auch mich nun ereilen soll.
Nebeldurchzog‘ner Herbst legt nun seine Hände
auf mich – macht den Erntekorb voll.
Der Heimgang steht an, und die Luft, sie trägt Kunde
von Pilzen, von Fäule und Tod.
% Noch im Vergehen habe ich Lob im Munde
Noch in meinem Scheiden hab' ich Lob im Munde,
für den Herbst, getaucht in blutrot.



Im Erblassen klingt so nach Erbrecht.

Die Zeile ''Natur vergeht im buntgeflickten Hochzeitskleid,''
ist etwas problematisch, da ein Hochzeitskleid normalerweise
nicht geflickt ist, schon gar nicht buntgeflickt. Hochzeitskleider
sind, wie jeder weiß, üblicherweise weiß.

Außerdem ''stirbt'' die Natur nicht, sie legt sich nur zur Ruhe.
Die Todesmetaphorik, auf die Du hier anspielst, paßt also nicht
ganz.

Dein Gedicht erinnert mich etwas an das Ende von PR2017, in dem Arystes den sterbenden Mönch Yhata-Satnaky damit tröstet, daß auch er, Arystes, sterbe, nur daß sein Sterben langsamer abliefe als das des Mönchs.

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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (16.10.2014, 15:36)
@ Bardioc

Danke fürs Lesen, für Deine Stellungnahme und die Verbesserungsvorschläge! Die ersten zwei Zeilen klingen in der Tat harmonischer in Deiner Version. Ich habe recht lange daran herumgebastelt und bin nicht auf diese
Lösung gekommen - grrrr! blink3

Das Wort "Erblassen" hatte ich eigentlich bewusst als Gegensatz zu der Buntheit, dem "blutrot" des Herbstes gewählt. Ich erinnerte mich lebhaft an dieses Wort aus
Schiller's "Die Bürgschaft"
"[...] so muss er statt Deiner erblassen,
doch dir ist die Strafe erlassen.

Das "Erblassen" klingt ggf schon etwas pathetisch, ich werde darüber nachdenken und es ggf gegen das "Scheiden" austauschen.

Das Hochzeitskleid wählte ich als Sinnbild für Eheschließung, die früher der Startschuss für Familiengründung/Geburten war.
Sicher, heutzutage braucht es dazu keine Hochzeit mehr...
und auch kein weißes Kleid.
Ich gebe Dir recht, traditionell sind Hochzeitskleider weiß -- ich sah aber auch schon welche, die waren cremefarben, oder weiß mit rot, weiß mit schwarz...
Sicher, ich sah noch kein geflicktes oder gar buntgeflicktes. Buntes Herbstlaub erinnert mich an einen Quilt, eine Flickendecke, daher das buntgeflickte Hochzeitskleid.
Nun , ich merke schon, es nutzt nichts, was ich DACHTE , wenn ich es im Gedicht dem Leser nicht rüberbringe.
Ebenso der Punkt, dass die Natur nicht komplett stirbt, sondern temporär ruht ( wie z. B. die Winterstarre vieler Frösche usw) -- das meinte ich mit
"im Tod Leben im Bauch". Naja. Es gibt zu denken, wenn man sein Gedicht erklären muss dozey:

Ich werde es wohl noch mal überdenken und überarbeiten müssen.
Danke, Bardioc. Dein Feedback ist wie immer wertvoll!!!!

Liebe Grüße,
Anouk

Bardioc
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Re:

von Bardioc (16.10.2014, 17:38)
ANOUK_F. hat geschrieben:
Das Wort "Erblassen" hatte ich eigentlich bewusst als Gegensatz zu der Buntheit, dem "blutrot" des Herbstes gewählt. Ich erinnerte mich lebhaft an dieses Wort aus
Schiller's "Die Bürgschaft"
"[...] so muss er statt Deiner erblassen,
doch dir ist die Strafe erlassen.

Ein Wort trägt eben gegenbenenfalls mehrere Konnotationen. Bei dem einen ist die eine stärker, beim anderen eine andere.

Das Hochzeitskleid wählte ich als Sinnbild für Eheschließung, die früher der Startschuss für Familiengründung/Geburten war.
Sicher, heutzutage braucht es dazu keine Hochzeit mehr...
und auch kein weißes Kleid.
Ich gebe Dir recht, traditionell sind Hochzeitskleider weiß -- ich sah aber auch schon welche, die waren cremefarben, oder weiß mit rot, weiß mit schwarz...
Sicher, ich sah noch kein geflicktes oder gar buntgeflicktes. Buntes Herbstlaub erinnert mich an einen Quilt, eine Flickendecke, daher das buntgeflickte Hochzeitskleid.
Nun , ich merke schon, es nutzt nichts, was ich DACHTE , wenn ich es im Gedicht dem Leser nicht rüberbringe.
Ebenso der Punkt, dass die Natur nicht komplett stirbt, sondern temporär ruht ( wie z. B. die Winterstarre vieler Frösche usw) -- das meinte ich mit
"im Tod Leben im Bauch". Naja. Es gibt zu denken, wenn man sein Gedicht erklären muss dozey:

Es ist schon klar, woauf Du anspielst (bunte Flickendecke). Das paßt aber nicht zum Hochzeitskleid. Ich wollte schon ''Umstandskleid'' schreiben. Aber wenn die schwangere Natur stirbt, dann stirbt auch das Kind, deshalb kann sie nur ruhen. Für die Natur gibt es nach dem Sterben eine Wiedergeburt, für die Person von der das Gedicht spricht, nicht. Zumindest legt das die Metaphorik nahe. (Natürlich muß die gesamte Natur auch irgendwann einmal sterben, spätestens, wenn die Sonne sich anschickt, zum Roten Riesen zu werden und alles Wasser verdampft.)

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (16.10.2014, 18:12)
Ich wär jetzt in dem Kontext auch nicht drauf gekommen, das "Erblassen" irgendwie mit Erbschaft u.ä. in Verbindung zu bringen. Finde es in Ordnung. "Scheiden" kommt mir nicht besser vor, aber auch nicht schlechter. Vielleicht gibt's noch ne dritte Möglichkeit, die allgemeine Begeisterung hervorruft.

angle:

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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (16.10.2014, 18:23)
@ Bardioc

Die Idee mit dem Umstandskleid finde ich gut. (Die sind meistens verspielt - buntgeflickt passte hier - und bunt, zumindest waren meine das :D

Wie wäre es mit:

die Natur SCHEIDET ( kann ein"Dahinscheiden", also "Sterben" sein, oder aber ein "von dannen gehen", was ein Pendant zum "Heimgang" wäre)

Es scheidet die Natur im bunten Umstandskleid
(oder: Die Natur, sie scheidet im bunten Umstandskleid),
legt sich zur Ruh - Leben im Bauch.


Das kann sowohl interpretiert werden als Tod=ewige Ruh, (als Pendant zum Tod des Menschen), als auch als Ruhephase in der Natur, bevor Saft & Leben im Frühling wieder einschießen.

Das einzige was mich an dieser Lösung stört, ist der Umstand, dass dann der Rest auch wieder nicht richtig passt :roll:

So sink ich denn nieder, beseelt von dem Ende,
das auch mich nun ereilen soll.

Nebeldurchzog‘ner Herbst legt nun seine Hände
auf mich – macht den Erntekorb voll.
Der Heimgang steht an und die Luft, sie trägt Kunde
von Pilzen, Fäule, Rauch und Tod.

Denn der Mensch will sich ja WIRKLICH das Leben nehmen und nicht nur bis zum Frühjahr ruhen...

*
Du hast Dir ja echt richtig viel Gedanken um meinen Text gemacht, Bardioc, 1000 Dank!!!

Anouk

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (16.10.2014, 18:58)
Klonschaf hat geschrieben:
Ich wär jetzt in dem Kontext auch nicht drauf gekommen, das "Erblassen" irgendwie mit Erbschaft u.ä. in Verbindung zu bringen. Finde es in Ordnung. "Scheiden" kommt mir nicht besser vor, aber auch nicht schlechter. Vielleicht gibt's noch ne dritte Möglichkeit, die allgemeine Begeisterung hervorruft.

angle:


Ich dachte beim Lesen auch nicht ans Erbrecht. In der Rechtssprache gibt es zwar den Erblasser (Erb-Lasser), der ein Erbe hinterlässt, aber in einem Herbstgedicht erwarte ich eigentlich kein Juristen-Sprech. cheezygrin Deshalb finde ich es eindeutig, dass mit "Erblassen" (Er-blassen) "blass werden" gemeint ist. Duden nennt als weitere Bedeutung "(dichterisch veraltet) sterben", was hier gemeint ist.
http://www.duden.de/rechtschreibung/erblassen


@Anouk
Da "Scheiden" ebenfalls andere Bedeutungen haben kann angle: , wenn man lange genug sucht, könntest du mit "Sterben" auf Nummer sicher gehen. Ich halte es jedoch nicht für nötig und würde bei "Erblassen" bleiben.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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ANOUK_F.
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Re:

von ANOUK_F. (16.10.2014, 21:08)
@ alle

danke euch allen! Ist schon interessant, was auf wen wie wirkt...
Ich denke, ich bleib beim Erblassen. Und über die Sache mit Umstandskleid und Hochzeitskleid werde ich in aller Ruhe nachdenken.

Vielleicht fällt ja noch jemandem eine mögliche Lösung ein...

lG, Anouk

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