Hinkender Prolog

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arno63
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Hinkender Prolog

von arno63 (09.01.2008, 23:36)
Für die folgende kleine Geschichte muss ich vorausschicken, dass ich in den 80er Jahre den ersten umfassenderen Reiseführer zu Kuba geschrieben habe, DuMont-Verlag. Dazu bemühte ich mich – mit Erfolg – um eine inselweite Reise im Staatstaxi, damals nötig, heute genügt ein Mietwagen. Von allen Kuba-Reisen zur Recherche zum Reiseführer entpuppte sich diese Reise als die interessanteste, was mich immer noch im Nachhinein erstaunt. Aber es war so. Die Vorgeschichte möchte ich hier mal einstellen, vielleicht finden es einige Leser ja interessant.

Hinkender Prolog

Fidel legte seine Gabel auf den Tisch, schluckte seinen letzten Bissen Lachs herunter und setzte eine geschäftliche Mine auf.
Bueno, Arnulfo, wenn wir dir ein Taxi durch Kuba stellen sollen, müsste dein Verlag uns 1000 Exemplare deines Buches kostenlos überlassen.
Fast hätte ich den noch verbliebenen Lachs in meinem Mund verschluckt. Ich sah Fidel wohl mit etwas zu großen Augen an, denn er grinste jetzt etwas diabolisch.

Der mich da angrinste war nicht Fidel Castro, natürlich nicht, und wir aßen nicht an einem kubanischen Strand, auch das nicht. Noch nicht einmal die Sonne schien, es regnete in Strömen.
Sein Rufname war eigentlich Eusebio, sein zweiter Vorname Fidel. Ich behielt ihn in Erinnerung als Hinkefuß Fidel. Schauplatz des mäßigen Fischessens war Frankfurt a. M. - ganz in der Nähe des damaligen staatlichen kubanischen Reisebüros und Eusebio war dort der offizielle Vertreter von Cubatur. Sein linkes Bein - oder war sein rechtes? - war etwas zu kurz und der Fuß etwas nach innen gedreht und daher hinkte er. Hinkefuß war ein Mulatte und wahrlich keine Schönheit. Er war ganz einfach unsympathisch, nicht wegen seines körperlichen Nachteils, sondern weil er mürrisch war und leicht hinterhältig wirkte. So einen Kubaner hatte ich noch nicht kennengelernt. Aber vielleicht litt Eusebio ja unter Heimweh und der Regen in Frankfurt setzte ihm zu.

1000 Exemplare? quetschte ich hervor.

Mehr konnte ich in dem Augenblick nicht sagen. Ich versuchte kurz die Kosten für den Verlag zu überschlagen und kam in meiner Aufregung auf rund 5 000 DM. Kritisch! Ob das der Verlag macht? Aber nein doch, es waren 50 000 DM. Ich schaffte es gerade noch, mein schwaches Kopfrechnen zu korrigieren. Das Buch sollte an die 50 DM kosten. - Ganz unmöglich! Würde der Verlag nie machen. No way!
Ich sah schon meine Felle davonschwimmen, denn ich war mir noch nicht einmal sicher, ob überhaupt so viele Exemplare des geplanten Reiseführers „Cuba - Richtig Reisen“ im DuMont-Verlag verkauft würden. Es war mein erster Reiseführer, ich war Feuer und Flamme – und jetzt dieses!

Hinkefuß Fidel grinste immer noch. In mir kam etwas Wut hoch auf diesen Schock und Eusebios Grinsen.

1000 Exemplare? fragte ich noch einmal, schon mit etwas festerer Stimme.

Wirre Gedanken schossen mir durch den Kopf: Wollte Hinkefuß vielleicht die Erstellung des Reiseführers schon im Vorfeld abwürgen? Ein Reiseführer von einem aus der kapitalistischen BRD! Der Tourismus auf Kuba wurde zwar von Fidel, dem richtigen, stark angekurbelt, um dringend nötige Devisen zu schinden, aber vielleicht gab es schon Autoren aus der ganz linken Szene, die bei Hinkefuß vorstellig wurden und Kuba rosiger darstellen würden. Andererseits: Hinkefuß hatte möglicherweise auch völlig realitätsfremde Vorstellungen von „kapitalistischer“ Verlagsproduktion. Dieser Gedanke gab mir wieder Hoffnung

OK, sagte ich zögernd und zwang mich zu einem Lächeln, morgen rufe ich beim Verlag an und frage nach.

Eusebio antwortete kurz mit „Okay“, stand auf, verabschiedete sich erstaunlich höflich, wenn auch noch immer leicht hinterhältig grinsend, und hinkte zum Ausgang.

Damit war die „Verhandlung“ beendet. Seinen Fisch musste ich zahlen.

Nach dem Essen mit Eusebio saß ich noch eine Weile im Restaurant, mit hängenden Schultern und in den Fängen einer leichten Depression. Ich sehe ihn noch heute deutlich vor mir, wie er scheinbar hämisch grinst und dann wegschlurft.
Ein doppelter Cognac musste her.
Und der wirkte, wie immer, sehr schnell. Das Grinsen von Hinkefuß Fidel wurde zum Lächeln, das zu kurze Bein zur bedauernswerten Behinderung. Der arme Mensch! In einem fremden Land! Der Regen!! So einer musste sich sicher beweisen, was er für ein harter Kerl er war – sicher auch gegenüber seinen Vorgesetzten in La Habana......

.... und da kam mir der rettende Gedanke! Vorgesetzte! – La Habana! - die staatliche Tourismus-Organisation Kubas. Ja, das war´s! Ihre Existenz war mir zwar bekannt, aber ich hatte keine Gedanken darauf verschwendet, nach Kuba zu schreiben und mich direkt dorthin zu wenden. Der offizielle Vertreter von Cubatur, Hinkefuß Fidel, saß ja in Frankfurt und beherrschte auch Deutsch, wohl gelernt in der damaligen DDR, dem sozialistischen „Bruderland“ des sozialistischen Kuba. Sein leicht sächselnder Akzent war nicht zu überhören. Ich hatte gedacht, es wäre einfach - bis zum Lachsessen.

Nun war die Lage brenzlig, vielleicht hoffnungslos. Die Forderung von 1000 Exemplaren des Reiseführers konnte ich vergessen, einfach utopisch. Ich rief den Verlag auch gar nicht erst an. Die würden sich totlachen. Ich hätte mich sicherlich unsterblich blamiert: Typisch naiver Reisebuch-Anfänger, Null-Ahnung, lächerlich, ha-ha ha, lässt sich über den Tisch ziehen.

Hinkefuß wollte aber nach einer Woche eine Zu- oder Absage. Ich war noch unsicher, schwankte, entschied mich aber dann für den direkten Kontakt mit Kuba.

Der Brief ging schon zwei Tage nach dem Fischfiasko ab nach La Habana. Es war nicht leicht, das in Spanisch hinzukriegen. Ich war zwar etliche Jahre vorher ein Jahr lang „im Stück“ durch fast ganz Lateinamerika gereist, per Bus, Bahn und Anhalter, aber Briefe schreiben: una cosa aparte - eine Sache für sich.
Musste doch wohl einigermaßen förmlich sein, oder? Ich entschied mich schließlich, bequem wie ich war, für das Unförmliche. Und das war sicher gut so, wie sich später herausstellte: Einfach Begeisterung für Kuba durchschimmern lassen, auch für den Sozialismus, nicht aufdringlich, eher in Nebensätzen, aber nachhaltig. Mein Schrift-Spanisch hatte Löcher, erhebliche, aber das würde vielleicht sogar sympathisch wirken. Ich erzählte kurz von meiner Familie und dass meine Kuba-begeisterte Frau mich auf die Idee zum Reiseführer gebracht hätte. Na ja, leichte Notlügen für die Taxe zum Null-Tarif durch Kuba.

Die Antwort, falls überhaupt eine, würde sicher drei Wochen dauern, mindestens. Eine hin, eine her und eine auf einem sozialistischen Büro-Schreibtisch irgendwo in La Habana. Mit dem Brief raste ich von Wiesbaden, wo ich wohnte, zum Flughafen Frankfurt und warf ihn kurz vor Mitternacht ein. Geschafft!

Jetzt hieß es warten.

Aber da war ja noch Eusebio Fidel, die hinkende Enttäuschung. Ich hatte Bring-Schuld nach einer Woche. 1000 Bücher oder Good-bye Taxi? Ganz ignorieren konnte ich den Burschen auch deshalb nicht, weil ich nicht genau wusste, welchen Einfluss der hatte.

Ich musste ihn wohl hinhalten.
Fatalerweise traf ich ihn schon vor Ablauf der Woche auf der „Zeil“ in Frankfurt. Er schaute sich gerade teure Herrenkleidung im Schaufenster an und sah mich wohl in der Fenster-Spiegelung. Jedenfalls drehte er sich abrupt um und begrüßte mich mit einer Wärme, die ich bei ihm nicht vermutet hätte. Hinkefuß lachte doch tatsächlich, er grinste nicht nur. Er hatte sich offensichtlich gerade entschieden, aus dem kapitalistischen Ausland was Schickes für Kuba mitzunehmen.

Hola, Arnulfo! fast schrie er. Alles geklärt?

Hola, Eusebio, gab ich zurück – ohne direkt auf das Taxi-Thema einzugehen zu wollen.
Na, hast du schon was gefunden? Das Hemd dort ist doch was für dich, oder?
Die textile Ablenkung lief ins Leere. Er murmelte etwas wie „posible“ und fragte sofort nach den 1000 Exemplaren.

Weißt du, Eusebio, sagte ich, schwierige Kiste, das. Der Verlag denkt über 500 nach, mehr geht sicherlich nicht, glaube ich. - Das war schlicht gelogen, aber immer noch vage genug.
Die Reaktion überraschte mich.
Okay, Arnulfo, ich denke mal darüber nach und rufe dich dann an, ja?

Das war´s. Hinkefuß hatte jetzt die Bring-Schuld. In den nächsten Tagen ging ich tunlichst nicht ans Telefon und die Antwort aus La Habana kam eher als ich dachte.
Darin: Nicht der kleinste Hinweis auf Eusebio, kein Problem mit dem Taxi - und ja, ich sollte gleich nach meiner Landung auf Kuba im Tourismus-Institut in La Habana vorsprechen, um die näheren Umstände der Reise durch Kuba abzusprechen. Compañero Roberto würde mich am Flughafen La Habana abholen. Compañero steht in Kuba für „Genosse“.
Absender war eine Frau. Ich hätte sie küssen können. Der Brief schloss ab mit einem revolutionären (!) Gruß an mich. Eine Floskel oder ein Vertrauensbeweis? Hatte mein brieflicher Hinweis auf meine Frau vielleicht etwas bewirkt?

Jedenfalls: Bingo! Das war geschafft!

Hatte Hinkefuß Fidel sozusagen „exemplarisch“gepokert? Auf eigene Faust? Ich habe es nie erfahren. Ich hörte auch nichts mehr von ihm, obgleich der Flug nach Kuba erst drei Wochen später war. Es war mir auch egal, das kostenlose Taxi durch Kuba hatte ich in der Tasche.

Das Nähere würde ich mit der sicher netten revolutionären Dame – sie hieß Josefina - „unter Palmen“ klären.
Zuletzt geändert von arno63 am 25.02.2008, 11:45, insgesamt 2-mal geändert.
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (11.01.2008, 17:43)
Ja, interessante Details, vor allem auch für andere Reisebuchautoren. Vermutlich könnte mancher von ihnen Spannendes aus der Vorphase der Buchproduktion berichten. Aber im Allgemeinen bleiben das wohl Geschäftsgeheimnisse. Vielleicht kannst Du diese Story einmal bei einer Neuauflage des Reiseführers in Form eines zusätzlichen Vor- oder Nachwortes verwenden, etwa nach größeren Veränderungen auf Kuba selbst.

Was mir als Einziges weniger gut gefallen hat: der Vergleich mit Goebbels. Das war dann doch ein anderes Kaliber, scheint mir.

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arno63
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Re:

von arno63 (05.02.2008, 19:03)
Hallo, Arno

du hst Recht. Der Vergleich mit Göbels ist übezogen und ich habe es eliminiert. Auch so erscheint das Ganze gerecht.
Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrat aufrecht stehen können.

Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (08.02.2008, 17:38)
Noch einmal hallo, Arno!

Deine Reaktion freut mich. Ohne den Goebbels-Vergleich wirkt der Kubaner gleich noch einmal so glaubwürdig (als Figur).

Ich finde, hier im Forum wird allgemein zu wenig konstruktive Kritik en detail an den vorgestellten Texten geübt. Man ist wohl insgesamt zu sehr mit technischen und Marketing-Fragen beschäftigt. (Wobei ich bei nicht wenigen die so intensiv angestrebte Professionalität mit einem Fragezeichen versehen
möchte.) Eigentlich schade. Das nur am Rand.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

Weitere Werke als eBooks unter http://www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

julia07
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Re:

von julia07 (24.02.2008, 20:15)
Hallo Arno,
da ich so lange Texte hier nur ungern lese, wie blöd eigentlich, denn die sind manchmal wahre Perlen, hab ich den Deinen auch erst jetzt "in Angriff" genommen.
Mich hat Cuba auch begeistert und ich bin 1988 exakt nach Deinem damaligen Reiseführer (DuMont, Richtig Reisen, Cuba) drei Wochen durch die ganze Insel gestreift.
Diese Leichtigkeit des karibisch-sozialistischen Seins hat schon was. Wenn ich die kleinen Gauner von Neapel mit denen von Havanna vergleiche, sind mir Letzere fast schon sympathisch :wink:
So arm dieses Volk damals war, heute ist es ja noch sehr viel schlimmer, so fröhlich und hilfsbereit waren sie. Und wer will es ihnen verdenken, dass sie sich zusätzlich dort bedienen, wo es genug zu holen gibt.
Ich selbst habe zwar nie mit Essensmarken in der Hand irgendwo anstehen müssen, kenne das aber aus der Ex-DDR - und eben aus Cuba.
Hast Du eigentlich ein Buch mit Deinen Cuba-Geschichten gemacht? Ich meine die, die nicht bei DuMont zu lesen sind :lol:
LG,
Julia

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