Am Mühlenanger

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Thomas von Kienperg
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Am Mühlenanger

von Thomas von Kienperg (05.04.2015, 19:47)
Gar heimlich webt im Lande
der Lenz sein buntes Kleid
und hat am Waldesrande
Schneeglöckchen ausgestreut.
Mit Veilchendüften schwanger
geht nun der Frühlingswind
am alten Mühlenanger –
geschwind
ach geschwind!

Die zarten Frühlingsboten
erweckt sein sanfter Hauch
die Röslein dort, die roten,
die gelbe Primel auch!
Nur Vogelsang und Schweigen
fern in Waldeinsamkeit;
wie klingt ihr holder Reigen
so weit
ach so weit!

Im Lindengrund so kühle
der helle Waldesbach
treibt dort die alte Mühle
beim Anger allgemach.
Es beut des Frühlings Grüße
ringsum in Flur und Wald
der Kuckuck mir gar süße
schon bald
ach schon bald!

Am schatt’gen Waldessaume
weicht nun der letzte Schnee
und rings im grünen Raume
blüh’n Schlehenbusch und Klee!
Wie ruh’ ich nun so gerne
im Mühlengrunde aus
und träume in die Ferne
hinaus
ach hinaus!

Wie konnt’ ich jemals wähnen
du würdest nicht mehr sein?
Und mir ein heißes Sehnen
nur blieb’ nach dir allein?
Nach all den Jahr’n, den langen,
liegst du mir noch im Sinn:
wo bist du hingegangen
wohin
ach wohin?

Du trauter Mühlenanger,
Ort der Vergangenheit!
Wie grüß’ ich dich von langer
von langer, ferner Zeit!
Verblüht in meinen Händen
ist längst dein grünes Reis:
könnt’ ach, ich selbst nur enden
ganz leis’
ach ganz leis’!
Thomas von Kienperg - "Le dernier chevalier véritable du romantisme"!

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ricochet
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Re:

von ricochet (05.04.2015, 23:04)
Hallo Thomas,


im 19. Jahrhundert wärest du ein Star geworden. Heutigen Tags läuft solche Dichtung unter epigonal.

LG


rico
Ich schreibe, also bin ich.

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mtg
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Re:

von mtg (06.04.2015, 08:55)
ricochet hat geschrieben:
im 19. Jahrhundert wärest du ein Star geworden.

Deswegen wohl auch seine Signatur! :-)

Hallo Thomas,

diese schöne Reminiszenz an die verklärte, heile Welt der Romantik erschafft umgehend Bilder im Kopf! Eins nur: Kannst Du mir sagen, was »Es beut des Frühlings Grüße« bedeuten soll? Ich kenne das Wort nicht, und ich erkenne durch das »Es« keinen Zusammenhang zum Text davor.

Thomas von Kienperg
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Re:

von Thomas von Kienperg (06.04.2015, 10:30)
Ad 1)

Salve Rico,

kein Problem, hab’ ohnehin nicht vor, ein Star zu werden.
Mit dem Vorwurf des Epigonentums hatten übrigens schon weit bessere Dichter wie etwa Paul Heyse (der immerhin noch Nobelpreisträger war) oder Emanuel Geibel zu kämpfen, der daraufhin dieses treffliche Distichon verfaßte:

„Nennt Epigonen uns immer! Ein Tor nur schämt sich des Namens (Hexameter)
der an die Pflicht ihn mahnt, würdig der Väter zu sein!“ (Pentameter)

Ad 2)

Salve Matthias, danke für Deine Apologie!

Zu Deiner Frage: „Beut“ ist eine alte, flektierte Form (3. Person Singular) von „bieten“ und wird eigentlich nur noch in der Dichtung verwendet. Das Verbum wird hier sowohl unpersönlich als auch intransitiv gebraucht, d. h. es erfordert entweder keine Ergänzung oder eine im 2. oder 3. Fall.
Beispiel: „Der Mann bietet (beut) seinen Morgengruß (Erg. 4. F.)“ (persönlich (Der Mann), transitiv (Erg. 4. F.)
Beispiel: „Es bietet (beut) mir (Erg. 3. F.) der Mann seinen Morgengruß“ (unpersönlich (es), intransitiv (Erg. 3. F.)
Im konkreten Fall hieße es wohl vereinfacht:
„Der Kuckuck bietet in Flur und Wald seine Frühlingsgrüße“ (persönlich, transitiv)
„Es bietet mir der Kuckuck in Flur und Wald seine Frühlingsgrüße“ (unpersönlich, intransitiv)
Ich hoffe, die Sache durch diese Explikation etwas transparenter gemacht zu haben und gebe gerne zu, dass derartige Dinge gerade in der gebundenen Sprache manchmal etwas schwer analysierbar sind!

Schöne Grüße, Danke für Lob wie Kritik
Thomas von Kienperg - "Le dernier chevalier véritable du romantisme"!

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mtg
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Re:

von mtg (06.04.2015, 12:15)
Merci, Thomas!

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ricochet
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Re:

von ricochet (06.04.2015, 14:35)
Thomas von Kienperg hat geschrieben:
„Nennt Epigonen uns immer! Ein Tor nur schämt sich des Namens (Hexameter)
der an die Pflicht ihn mahnt, würdig der Väter zu sein!“ (Pentameter)


Jaja, wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen ... Das Problem orte ich darin, dass deine Dichtung die Ausdrucksweise "der Alten" ist. Auf die Idee, du könntest deine eigene entwickeln, bist du noch nie gekommen? Oder geißelst du dich, ob derlei frevlerischer Gedanken? cheezygrin cheezygrin cheezygrin

LG


rico

PS: Du musst nicht antworten. Kann mir eh denken, was kömmet.
Ich schreibe, also bin ich.

Streusalzwiese
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Re:

von Streusalzwiese (06.04.2015, 18:10)
Thomas von Kienperg hat geschrieben:
Ad 1)


„Nennt Epigonen uns immer! Ein Tor nur schämt sich des Namens (Hexameter)
der an die Pflicht ihn mahnt, würdig der Väter zu sein!“ (Pentameter)



Eiferst Du auch einem Vater wie Friedrich Schlegel nach?
Der hat Sachen geschrieben, aber hallo:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/erotis ... tte-2479/1

Thomas von Kienperg
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Re:

von Thomas von Kienperg (06.04.2015, 20:21)
Salve,

erstmal vielen Dank für die ergötzlichen Sonette des guten Schlegel, hab' ich bis dato noch gar nicht gekannt! Hoho - selten so gelacht, das nenne ich frivole Dinge auf den ?-Punkt gebracht!!!

Aber danke, nein, derlei Gegenstände sind mir zu indiskret, ich könnte mir nie vorstellen, dergleichen zu schreiben.

Nun im Ernst, ich denke, es ist noch lange nicht das Schlimmste, wenn man sich die romantischen Dichter zum Vorbild nimmt! Kritik sollte man ohnehin vertragen können, und recht eigentlich betrachte ich es ja als eine große und eigentlich unverdiente Ehre, überhaupt mit solchen Leuten verglichen zu werden!

Wie dem auch sei, gehabt Euch wohl
Grüße
Thomas
Thomas von Kienperg - "Le dernier chevalier véritable du romantisme"!

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Klonschaf
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Re:

von Klonschaf (06.04.2015, 21:25)
Thomas von Kienperg hat geschrieben:
Nun im Ernst, ich denke, es ist noch lange nicht das Schlimmste, wenn man sich die romantischen Dichter zum Vorbild nimmt!


Hoi

und ja, also wenn du selber am liebsten Werke aus dieser Epoche liest, ist es ja nur natürlich, dass du auch in dem Stil schreibst.

Bei mir ist aber alles, was vor 1900 geschrieben wurde, zu weit weg ... hab zwar die wichtigsten alten Sachen auch gelesen, aber kann mich nicht richtig in diese Leute reinversetzen, da gibts viel Zeug, wo ich mich dann immer neben der Spur fühle, halt einfach zu weit weg für mich.

Aber wie gesagt, jedem das seine und viel Erfolg und willkommen!

thumbbup

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Monika K.
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Re:

von Monika K. (07.04.2015, 13:16)
Wenn ein Dichter sein Handwerk beherrscht, kann ich mich auch für gebundene Sprache begeistern. Denn ich mag, wenn mich das Ergebnis anspricht, sowohl Prosagedichte als auch Lyrik, die wie hier einem strengen Schema folgt. In letzter Zeit stoße ich in Lyrikgruppen vermehrt auf Werke mit bestimmtem Reimschema und Versmaß. Manchmal ist der Schritt von "altmodisch und out" zu "retro und voll in" nur sehr klein. Ich beobachte die Entwicklung mit großem Interesse, erlaube mir selbst jedoch kein Urteil, da ich keine ernsten Gedichte schreibe.
Im Bereich der Scherzgedichte, in dem ich beheimatet bin, findet man übrigens kaum Prosagedichte. Sie funktionieren da auch nur selten.

Gruß,
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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