Schwule in der Zeitung

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Arno Abendschön
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Schwule in der Zeitung

von Arno Abendschön (29.06.2017, 14:46)
Bevor B. auf den Bahnsteig ging, blieb er an einem Kiosk stehen. Die Samstagausgaben der großen Zeitungen waren ausverkauft und so nahm er die dickleibige Wochenzeitung mit, die er sonst nicht las. Er freute sich schon über ihren Umfang, so groß war sein Bedürfnis nach Zerstreuung. Jenes Blatt galt als seriös, er selbst schätzte es von jeher ebenso ein. Allerdings hatte es da ein Zwischenspiel gegeben, vor Jahren war er in einem Café beim Durchblättern auf einen Artikel gestoßen, der ihn näher anging. Er fand darin die Kreise beschrieben, in denen er gewöhnlich seine Lust suchte. Der Autor hatte eine Reihe von zufälligen und untypischen Beobachtungen gesammelt und zu einem grellen Tafelbild verschmiert. Je weniger er gedanklich eingedrungen war oder die tatsächlichen Strukturen auch nur gestreift hatte, umso stärker musste sein Elaborat dank professioneller Kniffe und rascher Fehlschlüsse auf Fernstehende wirken – und nur um diese Wirkung war es dem Verfasser zu tun gewesen. War das auch sonst das übliche Verfahren, mit dem die seriöse Zeitung interessante Artikel fabrizierte? Indessen lag jener Artikel schon lange zurück, das solide Äußere des Blattes wirkte wie vor zwanzig Jahren wohltuend auf Auge und Gemüt. Man kaufte und glaubte, Geistiges von Gewicht in hübscher Verpackung zu bekommen.

Im Inneren des Blattes entdeckte er einen Artikel über homosexuelle Paare, aus ihnen sollten jetzt Lebensgemeinschaften werden. Der Artikel war gut geschrieben, argumentativ, der Verfasser wohlmeinend, er sprach von Gleichberechtigung und Verantwortlichkeit – so etwas liest man immer gern. Dem Verfasser ging es also um das Lebensglück anderer: Hier war größte Vorsicht geboten!

B. vermutete hinter den juristischen Erörterungen etwas anderes: tief sitzenden Verdruss über den Lauf der Dinge seit den sechziger Jahren. Ein Zitat aus einem anderen Artikel schob sich in seiner Erinnerung nach vorn: Siebenhundert Lederbars in den Staaten – haben wir dafür gekämpft?

Die Lebensverhältnisse waren einfacher und freier geworden, kein Zweifel, aber man vermisste die vorzeigbaren Vertreter, die positive Persönlichkeit, den verantwortlich handelnden, zufriedenen, harmonischen, aufrechten Schwulen. Wo war er? Irgendetwas war falsch gelaufen, es war furchtbar: Nach Jahrzehnten der Emanzipation sahen sie nur Promiskuität, Einsamkeit, Leerlauf und Krankheit … Und in ihrem Dilemma, sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen zu sehen, den Widerspruch zwischen dem eigenen hohen Menschenbild und der Realität ringsum nicht ertragen zu können, verfielen die alten Aktivisten und Theoretiker auf ein Mittel, das sie als Achtundsechziger noch verabscheut hatten: legalisierte Formen des Zusammenlebens, staatlich sanktioniert, womöglich die Ehe für Schwule … Das Leben war frei geworden, nun sollten ihm wieder die Korsettstangen von Sitte und Ordnung eingezogen werden. Davon konnte einem übel werden.

Er überflog die letzten Absätze des Artikels und blieb an einem Foto hängen, das zur Illustration eingerückt war. Zwei ältere Männer waren, umgeben von einer Schar jüngerer Freunde, vor einem Standesamt in Kopenhagen erschienen, um ihren jahrzehntelangen Bund auch behördlich registrieren zu lassen. Die beiden Alten strahlten über die faltigen Gesichter, ja, es schien als wären die Falten selbst Strahlen. Sie hatten eine Mission – nur welche eigentlich? Sie waren vom Gefühl ihrer eigenen Bedeutsamkeit durchdrungen. Sie waren die Ersten, es war ein historischer Augenblick – nur leider kein schöner Anblick. Tut nichts, wer schwul und politisch aktiv ist, muss nicht auch noch gut aussehen. B. genierte sich etwas für sie.

Verdrossen ließ er das Blatt sinken und malte sich aus, wie Marius und Toni vor dem Standesbeamten auftreten würden: in der gewohnten Aufmachung, selbstsicher und gut gelaunt, wie üblich. Das würde ein erfreulicher Anblick sein. Aber es würde niemals dazu kommen. Warum? Weil es für sie nur eine nutzlose, geschmacklose Veranstaltung sein würde. Sie lebten ohne den Staat dahin, heiter, im Wohlstand und im Gleichgewicht, und wenn sie ein Reglement benötigten, so schufen sie es selbst. Wohl wahr: Die Glückschancen sind ungleich verteilt, das Leben ist ungerecht. B. faltete die Zeitung zusammen und sah die Tiefebene draußen vorbeiziehen, feucht und grün, der Himmel verhangen.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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