Homophob, aber sonst gut erzogen

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Arno Abendschön
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Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (24.09.2017, 12:33)
Ich muss zum Bahnhof Friedrichstraße, ich werde die U-Bahn nehmen. Auf der Station unten läuft gerade ein Zug ein, schnell hinein! Aber da streitet ein Trio in der Tür, es sieht bedrohlich aus. Ein ganz Junger zetert, die beiden um die dreißig knurren - wenn sie nur nicht aufeinander einschlagen. Nein, der eine bleibt drinnen, die anderen verlassen die Bahn. Die beiden könnten Männer aus dem Süden oder Südosten sein, Migranten oder deren Söhne oder Touristen, was weiß ich. Jetzt aber in die U-Bahn!

Der Junge beugt sich an mir vorbei auf den Bahnsteig hinaus und schreit den Weggehenden hasserfüllt etwas nach: „Ihr Schwuchteln!“

„Du, hör mal“, sage ich so laut, dass die Umsitzenden es mitbekommen, „ich will das nicht hören. Ich bin selbst schwul und du hast mich auch beleidigt.“

„Sie haben in der Bahn geraucht, da haben wir gestritten“, sagt der Junge. Und dann: „Aber ich weiß, man sagt das nicht.“ Er kann Oberschüler sein, kurz vor dem Abitur, Kind deutscher Eltern, proper angezogen.

Er steigt schon eine Station weiter aus und an mir vorbeigehend entschuldigt er sich: „Tut mir leid.“ – „Ist schon in Ordnung.“ Ich frage mich danach, ob er tatsächlich bereut oder ob ihm nur die Bloßstellung peinlich war. Ehrlich gesagt, in seinem Affekt fand ich ihn überzeugender. Da war er ganz bei sich, nach dem treffendsten Schimpfwort suchend, dem, das am meisten verletzen muss, seinem Gefühl nach. Nachher gab er eher den Musterschüler, der schon weiß, was sich gehört.

Und die Umfragen? Sie glänzen mit ihren Ergebnissen, sprechen für Akzeptanz und Toleranz in hohem Grad. Ich misstraue ihnen. Da werden vermittelte Kenntnisse abgefragt und die erwarteten Antworten prompt geliefert, pflichtschuldig und fast mechanisch. Doch im gleichen Atemzug verschließen sich Herz und Hirn des Befragten – und öffnen sich wieder im Zorn.

Aber Sie werden doch nicht bestreiten, dass … Die Entwicklung der Gesellschaft ist weiter als … Wer’s glaubt.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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Siegfried
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Siegfried (24.09.2017, 14:13)
Arno Abendschön hat geschrieben:
Der Junge beugt sich an mir vorbei auf den Bahnsteig hinaus und schreit den Weggehenden hasserfüllt etwas nach: „Ihr Schwuchteln!“

„Du, hör mal“, sage ich so laut, dass die Umsitzenden es mitbekommen, „ich will das nicht hören. Ich bin selbst schwul und du hast mich auch beleidigt.“


Zu der Nutzung bestimmter Wörter durch Jugendliche, die bei älteren Mitbürgern sauer aufstoßen oder gar als Beleidigung ankommen, empfehle ich folgenden Youtube-Beitrag (insbesondere die Stelle ab 0:40 Min) :

https://www.youtube.com/watch?v=N9K8sg_wrO4
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (24.09.2017, 14:37)
Mir ist diese Theorie vom Bedeutungswandel in der Jugendsprache schon bekannt, Siegfried. Sie ist ja auch nicht falsch. Nur deckt sie eben nicht alle Situationen ab. Es kommt nach wie vor auf Anlass und Zweck der Verwendung des Wortes an. Was will der Sprecher konkret erreichen? In dem Video bezieht der Junge sich, wenn er "schwul" sagt, auf relativ harmlose Phänomene, unter denen die Mathearbeit noch das für ihn problematischste sein mag. In meinem Beispiel ging es dem jungen Burschen jedoch darum, die Fremden, mit denen er in Streit geraten war, persönlich zu verletzen. Das war eine offensichtlich homophobe Konnotation.
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Siegfried
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Siegfried (24.09.2017, 15:38)
Arno Abendschön hat geschrieben:
In meinem Beispiel ging es dem jungen Burschen jedoch darum, die Fremden, mit denen er in Streit geraten war, persönlich zu verletzen. Das war eine offensichtlich homophobe Konnotation.


Richtig. Person A wollte die Personen B und C persönlich verletzen und benutzt dafür eine Vokabel aus dem Sexualsprachfeld. Das machen viele Jugendliche: "Fick deine Mutta!"

Aber mit welcher inhaltlichen Bedeutung? Ist "Schwuchtel" tatsächlich als der Begriff gebraucht worden, wie du ihn verstanden hast? Oder ist "Schwuchtel" das Jugendwort für "Weicheier"? Für "Trottel"? Für "Idioten"? Für sonst irgendwas Negatives?

In der Lesung heißt es: "Der Pitbull ist ein schwuler Hund". Was bedeutet "schwul" hier? Besteigt der Pitbull nur Rüden? Ist er also tatsächlich "schwul"? Oder ist "schwul" hier gemäß Jugendsprache das, was wir Älteren als "nicht gut" bzw. "schlecht" oder "übel" bezeichnen würden?

Jugendliche bezeichnen/bezeichneten sich gegenseitig auch gerne als "Asi" oder gar "Mongo" (Abkürzung für den veralteten Begriff "Mongoloid", heute "Down-Syndrom" bzw. "Trisomie 21"). Wenn Person A den Personen B und C aus Beleidigungsgründen den Begriff "Mongos!" hinterherjagt, leitet sich daraus eine "Mongophobie" ab?

Kurz: Ich halte die Bewertung in der Geschichte für überzogen. Jugendsprech ist eben nicht unsere Sprech ...

"Dieses Mädchen ist porno, jenes Mädchen ist psycho" - müssen sich über diesen Sprachgebrauch bei Jugendlichen nun alle psychisch kranken Menschen aufregen?

Nicht überall, wo Homophobie vermutet wird, ist auch Homophobie drin.
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (24.09.2017, 18:06)
Siegfried, nur noch zwei Anmerkungen von mir:

1. Dieser sprachliche Generationengegensatz erscheint mir zum Teil konstruiert und auch verharmlosend. Jugendsprache hin oder her, ihre Sprecher sind durchaus auch zu einem althergebrachten Sprachgebrauch imstande. Vor einigen Jahren z. B. erlebte ich in der Straßenbahn von Karlsruhe nach Bad Herrenalb, wie eine Gruppe ca. Zehnjähriger einen Einzelnen richtigehend mobbte und fertigmachte, auch körperlich, und ihn in diesem Zusammenhang "schwul" nannten.

2. Beim Vergleich des Bedeutungswandels von "geil" und "schwul" fällt Folgendes auf: In beiden Fällen handelt es sich um Verschiebung und Erweiterung einer ursprünglichen Bedeutung. "Geil", das vorher sexuell erregt bedeutete, charakterisiert nun das schlechthin Großartige (wie früher "pfundig"). Das ist eine Bedeutungsänderung mit positivem Vorzeichen. "Schwul" dagegen bezeichnet auch in der verwässerten Bedeutung der Jugendsprache niemals etwas Großartiges oder auch nur Positives. Und: "Geile" Menschen gab es immer nur fallweise, auf jeden konnte der Begriff irgendwann bezogen werden. "Schwule" Menschen dagegen sind eine Spezies für sich. Von ihnen einen und sei es auch nur schwach negativen allgemeinen Begriff der Jugendsprache abzuleiten, finde ich eher beunruhigend. Ich erkenne darin dieselbe Tendenz allmählich wieder abnehmender Toleranz, wie sie sich seit gut 15 Jahren in verschiedenen Untersuchungen der Einstellungen von Jugendlichen gegenüber Homosexuellen widerspiegelt.

Nachsatz: Die Fälle "Asi" und "Mongo", von dir angeführt, sind parallele Erscheinungen. Auch da die Tendenz zur Herabsetzung, indem man mit insgeheim oder offen verachteten Gruppen gleichsetzt. Schimpfwörter werden nicht von Bezeichnungen für Gruppen abgeleitet, denen man wohlwollend oder neutral gegenübersteht.
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Siegfried
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Siegfried (24.09.2017, 20:40)
Arno Abendschön hat geschrieben:
Siegfried, nur noch zwei Anmerkungen von mir:


Das alles mag ja richtig sein, aber woher kommt diese reflexartige Annahme, dass die Benutzung von Schimpfworten wie "schwul" oder "Schwuchtel" Ausdruck einer Homophobie sind?

Ist die Verwendung von Begriffen wie "Asi" oder "Mongo" demzufolge ein Ausdruck einer "Randgruppenphobie"? Wenn nicht, warum wird hier so ein haarfeiner, aber unerbittlicher Unterschied gemacht?

Es gibt weitere Begriffe, die heute anders benutzt werden, als sie ihrer eigentlichen Bedeutung gerecht werden:

"Merkwürdig" heißt heute "eigenartig" und nicht mehr "würdig, es sich zu merken".
Und noch schlimmer: "Hinrichten" hat seinen Sinn von "Töten nach einem Gerichtsurteil" verloren und wird heute für Morde durch Terrororganisationen benutzt: "Die Terroristen haben drei Geiseln hingerichtet" - nein, Terroristen richten nicht hin. Sie morden, schlachten ab, bringen um.

Von daher unterliegen auch Wörter wie "schwul" oder "Schwuchtel" solchen semantischen Veränderungen.

Also, Besenstiel aus dem Kreuz und die Sache einen Hauch lockerer nehmen.
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (24.09.2017, 22:06)
Siegfried, wir werden uns nicht einigen. Ich habe versucht, sprachliche und inhaltliche Zusammenhänge zu analysieren - du willst lieber "locker" bleiben. Das ist der in manchen Kreisen heutzutage übliche Illusionismus. Man verwechselt gern das Wünschbare mit dem tatsächlich Vorliegenden. Die gerade in Berlin feststellbare hohe Anzahl homophober Attacken (vgl. Maneo-Report) spricht doch eher für meine Skepsis, ebenso die Antwort des Bundesinnenministeriums auf die Anfrage des Abgeordneten Beck (bundesweit starke Zunahme über die Jahre).

Belassen wir es bei der unüberbrückbaren Differenz der Auffassung. Ich bin ja schon zufrieden, wenn eine solche Diskussion in sachlichem Ton ausgetragen wird.
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Monika K.
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Monika K. (25.09.2017, 09:19)
Hallo, Arno! Ganz kurz mein Feedback zur Textvorstellung:

Genre:
Da bin ich etwas ratlos. Prinzipiell habe ich nichts gegen extrem kurze Kurzgeschichten, wenn sie mich am Ende z.B. durch eine überraschende Wendung zum Nachdenken oder Lachen bringen. Doch hier tippe ich spontan auf einen Auszug aus einem echten oder fiktiven Tagebuch oder Memoiren. Ich finde es hier immer hilfreich, wenn Autoren dazuschreiben, ob es sich um eine Leseprobe oder ein in sich abgeschlossenes Werk handeln soll.

Zielgruppe:
Darüber solltest du dir vielleicht mal Gedanken machen. Wen möchtest du ansprechen? Spontan zähle ich mich eher nicht dazu und könnte sie auch nicht klar umreißen.

Rechtschreibung/Grammatik
Da fiel mir bei normaler Lesegeschwindigkeit nichts auf.

Plot:
Etwas dürftig für meinen Geschmack. Ich-Erzähler ärgert sich über Jugend von heute.

Umsetzung:
Nicht gerade originell. Ich hoffe, du nimmst mir meine Ehrlichkeit nicht übel, aber in diesem Unterforum geht es ja schließlich um Textarbeit. Am Ende des Texts kommt noch der erhobene Zeigefinger gemischt mit allgemeiner Empörung. Das würde ich komplett streichen und stattdessen etwas mehr Pfiff in die Handlung bringen, indem man aus zwei oder gar drei Perspektiven erzählt. Momentan unterstellt der Ich-Erzähler dem Jugendlichen Gedanken und Motive. Das finde ich stilistisch ziemlich schwach, wenn ich ehrlich bin. Erzähle die Geschichte abwechselnd aus der Sicht des Homosexuellen, des Jugendlichen und eines der anderen Jugendlichen, die geraucht haben, und du wirst sehen, dass da gleich viel mehr Schwung in die Story kommt. Man könnte eine ganz eigene Spannung erzeugen, indem man jede Figur mit eigenen Vorurteilen ausstattet, die sich aber alle letztendlich als unbegründet erweisen. Eine überraschende Wendung am Schluss wäre dann noch das Tüpfelchen auf dem I.

Fazit:
Zwischen Kurzgeschichten mit mehr Handlung würde der Text nicht gleich völlig unangenehm auffallen. Ein Buch mit lauter solchen Episoden würde ich mir hingegen nicht kaufen. Als Leseprobe für einen Kurzgeschichtenband finde ich den Text daher auch eher ungeeignet. Aber das ist natürlich Geschmackssache und nur meine persönliche Einschätzung als stinknormale Leserin und Fan von Kurzgeschichten.

Gruß
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

(Übersetzung: Besser ein weiser Narr, als ein närrischer Weiser.)

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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (25.09.2017, 10:22)
Danke, Monika, für deine Anmerkungen, die ich durchweg als konstruktiv-fragend empfunden habe.

Der kleine Text will gar keine Kurzgeschichte sein, eher eine autobiographische Kürzestgeschichte. Er beruht auf einer realen Begebenheit von 2013 oder 2014, wobei die Niederschrift in der Art eines Tagebuchsplitters erst neulich erfolgte. Als Zielgruppe stellte ich mir in erster Linie Homosexuelle vor. Der "erhobene Zeigefinger" hängt mit der Intention zusammen: vor Sorglosigkeit und unbegründetem Optimismus warnen.

Richtig, in einer Sammlung von Texten würde dieser hier nur die Rolle eines kurzen Zwischenstückes spielen können, zwischen längeren mit mehr Stoff.

Jugendliche im Plural? Nein, es gab allenfalls einen, seine Kontrahenten waren "um die dreißig". Insofern geht auch der weiter oben erfolgte Verweis auf Jugendsprache in die Irre. Jugendsprache ist ein Idiom unter Jugendlichen. Hier hat jedoch ein eher schon Heranwachsender zwei erwachsenen Männern in beleidigender Absicht etwas zugerufen. Situation und Ablauf waren so klar, dass ich gar nichts "unterstellen" musste. Mich hat der Kontrast zwischen dem hasserfüllten Ausbruch und seiner sonstigen Wohlerzogenheit frappiert.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
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Monika K.
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Monika K. (25.09.2017, 11:32)
Arno Abendschön hat geschrieben:
Jugendliche im Plural? Nein, es gab allenfalls einen, seine Kontrahenten waren "um die dreißig". Insofern geht auch der weiter oben erfolgte Verweis auf Jugendsprache in die Irre. Jugendsprache ist ein Idiom unter Jugendlichen. Hier hat jedoch ein eher schon Heranwachsender zwei erwachsenen Männern in beleidigender Absicht etwas zugerufen. Situation und Ablauf waren so klar, dass ich gar nichts "unterstellen" musste. Mich hat der Kontrast zwischen dem hasserfüllten Ausbruch und seiner sonstigen Wohlerzogenheit frappiert.

Stimmt, beim Alter der Raucher habe ich mich vorhin vertan. Sie wirken wie Kulisse, Statisten ohne Eigenleben. Dabei waren sie ja eigentlich der Auslöser für das Geschehen. Ihre Aktion verursachte eine Reaktion. Dennoch bleibt sie irgendwie im Dunkeln. Der ganze Text scheint nur zum Ziel zu haben, eine ganz bestimmte Botschaft an den Mann (auch Frau?) zu bringen, die aber auch wahrlich nicht neu ist und daher ebenfalls keine spannenden Impulse in den Text bringt. Er wirkt deshalb so erzwungen und konstruiert und kein bisschen unterhaltsam oder lebendig auf mich.
Ich gehöre nicht zur Zielgruppe, wie du selbst bestätigst, aber meinst du wirklich, dass deine angestrebte Zielgruppe solche Texte lesen möchte? Dass irgendein Fremder über diesen Text stolpert, ihn zu Ende liest und denkt "Hey, super! Mehr davon!"?
Du schreibst: "Mich hat der Kontrast zwischen dem hasserfüllten Ausbruch und seiner sonstigen Wohlerzogenheit frappiert." Das musst du aber mit stilistischen Mitteln rüberbringen und nicht in der Überschrift vorwegnehmen oder in der Diskussion mit zufälligen Lesern als Erklärung hinterherschieben. Eine gute Kurzgeschichte braucht keine Erklärung des Autors, sondern steht und wirkt für sich selbst.
Man darf bei der gewählten Erzählperspektive auch nie vergessen, dass der Ich-Erzähler zwar die Ansichten des Autors reflektieren kann, es aber nicht muss. Letzteres ist sogar eher die Regel, behaupte ich. Momentan rangierst du im Bereich "autobiografisches Schreiben". Das hat sicherlich auch so seine Zielgruppe, aber selbst da muss trotzdem ein bisschen mehr rüberkommen, um die Leser zu fesseln. Humor ist immer eine gute Lösung, Action oder lebhafte Dialoge eine andere ebenso gute. Dein Ich-Erzähler wirkt jedoch verbissen-unsympathisch-belehrend, und die anderen Figuren farblos und hölzern. Viele Leser möchten sich aber unheimlich gern mit dem Ich-Erzähler identifizieren können. Die verschreckst du.
Beim Schreiben geht es nicht darum, irgendeine Botschaft, die dem Autor wichtig ist, möglichst kurz und bündig an den Leser zu bringen, sondern man muss die Leser unterhalten, ihnen etwas bieten und kann darin meinetwegen auch ab und zu mal die eigene Grundhaltung verpacken, wenn es gerade passt. Doch das sollte auf keinen Fall dominieren und erst recht nicht der einzige Zweck eines Texts sein, sondern maximal eine kleine Nebenrolle spielen. Daran würde ich an deiner Stelle mal arbeiten, um mich weiterzuentwickeln - weg vom autobiografischen und hin zum eigentlichen Schreiben. Du kannst die Leser nicht zwingen, deine Story zu lesen, sondern musst sie mit deinem Stil und dem Plot überzeugen und anlocken. Verschiedene Meinungen und Gedankenwelten müssen aufeinandertreffen, und man lässt durch eine gute Argumentation und Plotführung den Leser entscheiden, welche er bevorzugt, statt ihn mit Gewalt in eine ganz bestimmte Richtung zu drängen.
Mir geht es ähnlich wie Siegfried: Ich hatte beim Lesen fast Mitleid mit dem "Jungen", dessen Gedanken und Motive eigentlich gar nicht wirklich zum Vorschein kommen, sondern er wird vom Ich-Erzähler verbal gepackt und in eine Ecke gestellt. Ob er dort wirklich hingehört, kommt im Text nicht klar heraus. Das halte ich für die größte Schwachstelle der Geschichte.
Seit du mir einmal erklärt hattest, dass ich deine Texte gar nicht richtig verstehe, habe ich die späteren nicht mehr gelesen, wie du weißt. Bei diesem machte ich eine Ausnahme, weil mich der Titel, der wirklich sehr gelungen ist, ansprach. Lust auf mehr bekam ich nicht, aber ich gehöre ja auch nicht zur Zielgruppe. Ich steige aus der Diskussion wieder aus.

Gruß
Monika
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(Übersetzung: Besser ein weiser Narr, als ein närrischer Weiser.)

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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Arno Abendschön (25.09.2017, 17:34)
Danke, Monika, für die weiteren Tipps. Sie zu befolgen, würde allerdings die winzige Episode überfordern. Es liegt nicht in meiner Absicht, sie zu einer regelrechten Kurzgeschichte auszubauen. Präsentiert werden sollte nur ein mit sprachlichen Mitteln gestalteter Realitätspartikel, um Nachdenken auszulösen. Unterhaltsam wollte ich dabei nicht sein. Die Botschaft sollte schon im Vordergrund stehen.

Der Gattung Kurzgeschichte stehe ich ohnehin kritisch gegenüber. Sich ihr anzupassen, bedeutet oft, aus formalen Gründen Retuschen am Stoff vorzunehmen, die dann auf Kosten seiner inneren Wahrhaftigkeit gehen. Wenn ich schreibe, versuche ich, einem vorgefundenen Stoff formal gerecht zu werden. Rücksicht auf den Leseprozess ist dabei nachrangig. Unterhaltsamkeit kann sich ergeben, ist aber nicht das Ziel. Mein Schreiben hat keinen ökonomischen Hintergrund, ich bin in keiner Weise von Verkaufs- oder Klickzahlen abhängig.

Dass ich hier überwiegend Autobiographisches präsentiert habe, hat wohl zu einem falschen Bild geführt. Fiktives habe ich durchaus auch gestaltet, darunter die Romane "Alle Männer sind Brüder" und "Der Cousin" (hier vorgestellt). Manche Erzählungen könnte ich wegen ihrer speziellen Thematik im Autorenpool gar nicht veröffentlichen, z.B. "Kein Entkommen" (zu lesen in der Leselupe unter Erotisches).

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
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Monika K.
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Re: Homophob, aber sonst gut erzogen

von Monika K. (25.09.2017, 19:03)
Ganz kurz, bevor hier Missverständnisse entstehen.
1. Dein Werk würde ich durchaus als "Kurzgeschichte" bezeichnen. Es ist eben eine autobiografische Kurzgeschichte.
2. Bezüglich "innere Wahrhaftigkeit": Die Formulierung finde ich unglücklich, da auch beim autobiografischen Schreiben ein Geschehen immer durch einen subjektiven Filter betrachtet wird. Bei einer schlecht beobachteten Szene kann die Wahrhaftigkeit sogar mehr leiden als bei einem rein fiktiven Werk, das realistisch geschrieben ist. Besonders die Interpretation fremder Gedanken und Gefühle birgt die Gefahr, unter dem Deckmäntelchen der Wahrhaftigkeit die Wahrhaftigkeit regelrecht mit Füßen zu treten. Da würde ich dem Leser stets entweder mehrere Interpretationsmöglichkeiten anbieten oder ganz darauf verzichten, lediglich die Beobachtung schildern und dem Leser die Interpretation überlassen. Aber bei dem Punkt werden wir uns wohl nicht einig werden, da dir deine Botschaft zu wichtig ist, um dem Leser irgendwelche geistigen Freiräume zu gewähren.
3. Um Verkaufszahlen ging es mir nicht, sondern um Leserzahlen. Ich nahm an, dass du deine Texte hier postest, damit sie gelesen werden.

Gruß
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