Neuer Berlinroman

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skipteuse
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Neuer Berlinroman

von skipteuse (30.12.2017, 11:32)
Liebe Kollegen,
nach meinen beiden Berlinromanen "Meine Berliner Kindheit" und "Mit Erbsen auf Soldaten" soll nun 2018 evtl. ein neuer folgen ...

Hier ein erster Manuskriptauszug (Arbeitsstand 30.12.2017 - etwaige Orthografiefehler bitte ich zu entschudigen)
mit Bitte um Feedback. Danke sehr. thanks:

Herzliche Grüße, Barbara

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Helene 2 (Arbeitstitel)

Kapitel 1

Es war kalt, die Eisblumen am Fenster machten ihrem Namen alle Ehre. Helene drehte den Kopf zur Wand, blinzelte. Das Baby und die Kleinen schliefen noch. Gut. Wer schläft, ist nicht hungrig. Sobald sie wach waren, würde das Gejammer losgehen. Und sie hatte keine Ahnung, was und ob überhaupt etwas im Brotkasten zu finden war. Behutsam zog sie die kratzige Wolldecke bis zur Nase des Babys hoch. Sie zögerte. Sein Köpfchen war trotz des dünnen Häubchens kühl. Helene zog die Bettdecke noch ein Stückchen höher. Besser ersticken als erfrieren. Sie hielt inne. Durfte sie das? Durfte sie so etwas denken? Sie betrachtete ihren eigenen missgestalteten Zeh, der ihr als Kleinkind abgefroren war. Es tat so weh, auch heute noch, ihn anzusehen. Das schrumpelige, dunkle Ding. Nicht einmal richtig rennen konnte sie damit. Seufzend legte sie das Gesichtchen des Babys wieder gänzlich frei und achtete auch darauf, dass die anderen drei Geschwister genug Decke hatten, vor allem an den Füßen. Die ollen Wollsocken allein reichten nämlich nicht aus. Im Zimmer war es fast so kalt wie draußen, auf den Berliner Straßen, wo Dutzende frierende Menschen die Bürgersteige entlanghasten. Jeder mit einem anderen Ziel, alle mit mehr oder weniger gebeugtem Rücken.
Sie wappnete sich innerlich, sie biss die Zähne zusammen, sie hasste das – diese Kälte, dieses Zimmer, dieses Leben. Aber sie hatte kein anderes. Und sie musste da sein, für die Kleinen, die brauchten sie. Die Mutter würde es nicht allein schaffen. Mühsam stemmte sie sich vom Bett hoch, peinlich darauf achtend, kein Geräusch zu machen, um ja noch keines der kleinen Monster zu wecken. Bevor sie sich überlegen würde, wo sie ein Frühstück herbekam, musste sie erst einmal den Ofen befeuern. Doch ein Blick in den Kohleeimer daneben ließ sie mutlos zurück. Kein Stückchen war mehr übrig. Auch das noch. Ihre Laune sank, wie sie kaum hatte tiefer sinken können. Missmutig beugte sie sich zum Fenster hin und linste hinaus auf den Hof. Kein Glück. Nichts war da, was brennbar aussah. Kein Brett, kein Papier, nicht einmal Äste hatte der Wind hinabgeweht. Sie unterdrückte einen Bierkutscherfluch, der sich gewaschen hatte. Im Gegensatz zu ihr; dazu war es definitiv zu kalt. Sie kramte in den Schubladen herum, fand in der untersten eine fast leere Flasche Braunen, schraubte sie auf, roch daran, überlegte kurz - ob das gegen ihren Hunger half? Aber schon bei dem scharfen Geruch des Alkohols wurde ihr übel und sie legte die Flasche zurück. In der Ecke ein altes Baumwollhemd, es war weich und muss einmal weiß gewesen sein; sie hob es hoch. Als sie es ausschüttelte, fiel ein vertrocknetes Lavendelsäckchen heraus. Die Motten hatten den Stoff dennoch durchlöchert, es hatte nichts genützt. Plötzlich musste sie schlucken. Unangenehm. Der fließende Stoff erinnerte sie an das Totenhemd ihrer Oma. So hatte es ausgesehen damals, irgendwie rührend, beinahe feierlich. Vom Bett her kam ein Geräusch. Susi bewegte die Ärmchen im Schlaf, noch hatte sie die Augen fest geschlossen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, stopfte Helene das Hemd kurzerhand in den Ofen, nahm Streichhölzer und die Zeitung zur Hand, die sie gestern auf der Parkbank ergattert hatte. Die Flammen fraßen gierig das trockene Papier. Knisternd verbrannte „Sonnabend, 12.12.1946“ vor ihren Augen, der gestrige Tag.

Die Woche hatte so gut angefangen, Frau Schulze aus dem Vorderhaus hatte ihnen ein Mittagessen spendiert, ein richtiges. Mit fettem Kohl und Fleischstückchen in der Suppe – auch wenn sie nicht zu fragen wagte, von welchem Tier das sehnige Fleisch stammte. Die Kleinen hatten vor Begeisterung ganz rote Wangen bekommen und zu glucksen und lachen begonnen. Wie sie alle so um den großen Topf saßen, die angestoßenen aber vollen Teller vor sich, hatte sie so etwas wie Glück empfunden. Und mit Erstaunen festgestellt, dass sie seit langer Zeit das erste Mal wieder diese Wärme durch den Körper fluten fühlte, die sie bis in die Haarspitzen zufrieden machte. Sie genoss es noch einige Augenblicke. Dann hatte Susi eine Tasse zu Boden gestoßen und ihre Mutter war in Tränen ausgebrochen. Einfach so. Wenn sie da war, weinte sie. Das war fast schlimmer, als wenn sie nicht da war. Bevor das Gedanken-Karussell Fahrt aufnehmen und seine ganze unheilige Macht entfalten konnte, wurde Helenes Aufmerksamkeit auf den Ofen gelenkt Der Qualm bahnte sich einen Weg durch die Ritzen der Ofenklappe. Er war nicht dicht und schwarz, und doch reizte er Helenes Schleimhäute, so dass sie sich gezwungen sah, das Fenster zu öffnen. Quietschend bewegten sich de Scharniere in den Angeln. Beinahe erwachten der Kinder.

Helene schürte das Feuer, viel gab es da nicht zu schüren. So gierig die Flammen auch an dem dünnen Baumwollhemdchen emporgezüngelt hatten: Nun leckten sie an den Innenwänden des altersschwachen Ofens vergeblich auf der Suche nach Nahrung. Wie der winzige grau-melierte Spatz auf dem Dach, der jeden Morgen kam, und den sie manchmal heimlich fütterte. Doch heute hatte sie nicht einmal Krümel.
Nichts bleibt nichts, egal, wie sehr man sich fürchtet, dachte Helene bitter und sah dem Grau des vor ihr liegenden Tages angstvoll ins Gesicht.

„Wat jibts zum Frühstück?“ piepste ein Stimmchen in ihrem Rücken. {...}

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Haifischfrau
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Re: Neuer Berlinroman

von Haifischfrau (03.01.2018, 18:30)
thumbbup Babs! Du warst fleißig.
Also zum Thema Schlafen und Hunger: Wenn ich Kohldampf schiebe, kann ich nicht schlafen, bzw. wache vor Hunger auf.
Ich bin schon sehr gespannt auf dein neues Werk.

lg
maryanne
NEU: Die Baumwollfarmerin. Roman

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skipteuse
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Re: Neuer Berlinroman

von skipteuse (03.01.2018, 22:10)
Oh danke, liebe Maryanne ...! :D

natürlich auch für die hilfreiche Anmerkung ;-) thanks:

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skipteuse
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Re: Neuer Berlinroman

von skipteuse (15.01.2018, 22:06)
By the way ... zwinker::

Einen Roman schreiben ist wie Fahren ohne Navi:
Man weiß nie, wie es weitergeht,
hofft aber, dass man die Kurve kriegt.

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