Zweite Version

Stellt euren Text vor und holt euch Feedback der BoD Community.


BridgetArO
Beiträge: 4
Registriert: 16.06.2020, 22:22

Zweite Version

von BridgetArO (28.08.2020, 13:23)
Liebe Community

Vor ein paar Wochen habe ich hier einen Text reingestellt, für den einige von euch mir ein Feedback gegeben haben. Das war zwar nicht sonderlich gut, aber ich fand es sehr hilfreich. Ich habe den Text nun da und dort abgeändert und erlaube mir, ihn hier nochmals reinzustellen. Vielleicht hat noch einmal jemand Lust reinzuschauen und mir einen Kommentar zu hinterlassen.

Vielen lieben Dank schon einmal für eure Mühe!

Bridget





Your skin
Oh yeah, your skin und bones
Turn into something beautiful
«Yello» Coldplay


Osaro
Es kommt ihm entgegen, dass er gerne draussen arbeitet, auch wenn die Sonne knallt. So wie jetzt. Die Arbeit ist anstrengender als bei angenehmen 20 Grad, aber er mag die Hitze. Er mag den inten-siven Duft, der von den Lavendel- und Pfefferminzstauden hinüberfächelt. Die Kühle, welche die Steine durchdringt, die er anfasst. Das Gefühl, wenn man vom grellen Sonnenschein unter die Blät-terschichten der Bäume tritt.
Was er nicht so mag, sind die Leute mit zu viel Zeit, die zu oft um die Ecke kommen um pseudomäs-sig irgendwas zu holen, während sie eigentlich bloss kontrollieren, ob er auch wirklich an der Arbeit ist und das richtige tut. Von denen gibt es erstaunlich viele. Sie beobachtet ihn auch, vermutlich aber aus anderen Gründen.
Er stapelt die nächste Ladung der Platten auf eine Sackkarre und schiebt sie vor sich her. Der Lie-ferwagen ist draussen auf der Strasse vor dem Haus abgestellt und der Weg führt vor dem Sitzplatz mit den grossen Fensterfronten vorbei, hinter denen er das Mädchen sehen kann. Ja, sie steht immer noch da. Sie checkt ihn ab, ganz klar. Er spürt den ganzen Weg, wie ihr Blick ihm folgt. Seltsamerweise fühlt sich das gar nicht so schlecht an.

Nora
Auf der Strecke vom Garten zur Strasse wechseln sich Licht und Schatten, da der Weg von Birken und Ahornbäumen gesäumt ist. Die Bereiche im Schatten sind durchbrochen von dem feinen Mus-ter der Blätter, durch das die Sonne leuchtet. In den sonnenbeschienenen Bereichen wird die Hel-ligkeit durch die Bodenfliesen grell reflektiert. Sobald der Typ an die Sonne tritt, glänzen kleine Schweissperlen auf seinem Rücken wie kostbare Diamanten. Er hat die Strecke schon mehrere Male hinter sich gebracht um den Lieferwagen zu entladen. Und die ganze Zeit stehe ich fasziniert am Fenster und schaue zu. Schon eine ganze Weile wie mir auffällt, als ich auf die Küchenuhr schaue.
So was mache ich normalerweise nicht, ehrlich! Aber ihm zuzuschauen gefällt mir, ich finde es äs-thetisch total ansprechend. Es bringt eine Seite in mir zum Klingen, die für angenehme Dinge zu-ständig ist.
Während ich ihn also so betrachte, finde ich, dass er eigentlich ein wenig zu schmal gebaut ist für diese schweisstreibende Arbeit, seine Schultern sind nicht besonders breit. Aber ist einer dieser sehnigen Typen, wo die Muskeln zwar vorhanden, aber etwas versteckt sind. Seine Bewegungen sind konzentriert und selbstsicher. Die Dreadlocks faszinieren mich, sie reichen ihm weit über den Rücken, so dass Überzeugung und nicht Modebewusstsein dahinterstehen müssen.
Er hat noch einiges zu tun, eine ganze Weile wird er noch hier beschäftig sein, was mich wirklich freut. Obwohl er natürlich auch eine Ablenkung darstellt, die ich mir eigentlich nicht gönnen sollte. Aber man gönnt sich ja sonst nichts… Also schaue ich noch ein wenig.
Zuerst hat er Natursteinplatten hereingeschleppt, dann die Abschlussplatten in deren runde Öff-nungen noch Blumen und Sträucher gepflanzt werden sollen. Ich habe mich schon gefragt, ob der Lieferwagen mit diesem ganzen Zeug gewichtmässig nicht etwas überladen ist. Zum Schluss holt er die zarten Setzlinge und setzt sie im Schatten ab.
Ich muss jetzt doch aufhören, ermahne ich mich, das wird sonst peinlich. Was, wenn er mich sieht? Am besten ich biete ihm eine Erfrischung an. Es ist mindestens dreissig Grad im Schatten, da kann man einem Arbeiter schon mal was zu trinken holen, nicht wahr? Ich nehme je eine Flasche mit Mineralwasser und Eistee aus dem Kühlschrank und ein grosses Glas. Als ich ihn kommen sehe, steigt meine Pulsfrequenz und beinahe stolpere ich, weil ich die kleine Stufe vor der Verandatüre vergessen habe. Als ich mich wieder gefangen habe, frage ich, locker wie ich hoffe, ob er einen Schluck zu trinken möchte.
Er lächelt mich total nett an und sagt: «Gerne, Wasser bitte».
Ich reiche ihm das Wasser und überlege, dass er eine dunkle, irgendwie raue Stimme hat. Aber ich mag seine Stimme, ich mag sie definitiv. In einem Zug trinkt er das Glas leer und gibt es mir zurück. Fast hätte sich unsere Hände berührt.
«Ich werde jetzt noch die Terrasse frei räumen und damit ich die neuen Fliesen verlegen kann. Wohin soll ich die Stühle und Töpfe stellen?»
«Ach ja, Sorry, das hätte ich ja vorher erledigen können. Hier ist noch Platz frei».
«Kein Ding» sagt er und schon macht er sich wieder an die Arbeit. Ich habe also keinen Grund mehr, hier noch weiter herumzutrödeln. Zu schade. Ich verdrücke mich ins dämmerige Haus, das ich seit der leichten Morgenkühle schon wieder verdunkelt habe. Die Hitze dringt sonst schnell durch die angejahrten Fensterscheiben. Ich trinke selber ein Glas Wasser und setze mich dann seufzend an den Küchentisch von dem ich keinen Blick auf die Terrasse habe. Ich versenke mich in meine Lektüre, mache mir hin und wieder Notizen und komme ganz gut voran. Zum Glück fällt mir das Lernen nicht allzu schwer, zumal wenn mich der Stoff interessiert. Und das tut er. Die anatomi-schen Vorgänge im Körper finde ich faszinierend und logisch in ihren Abläufen, was ja sonst nicht bei allem so ist auf dieser Welt.
Ein leises Klopfen lässt mich aufblicken.
«Entschuldige die Störung» sagt der Landschaftsgärtner etwas verlegen. «Gibt es hier in der Nähe eine Einkaufsmöglichkeit?»
Kein Wunder, dass er fragt, es ist nämlich bereits ein Uhr geworden wie mir ein schneller Blick auf das vor mir liegende Handy zeigt. Ein zweiter Blick nach draussen bestätigt mir, dass er fleissig ge-wesen ist. Bereits sind die alten fleckigen Platten auf einer Seite aufgestapelt. Er hat begonnen eine grosszügige Lage Kies über den Platz zu verteilen, damit er die neuen Platten darauf verlegen kann.
Tatsächlich bemerke ich nun, dass ich auch ziemlich hungrig bin. Mein Magen mutiert beim Gedan-ken an Essen an einen knurrenden Beutel. Er hört es wohl auch, denn er grinst schelmisch.
«Na ja» beeile ich mich zu antworten, «der nächste Supermarkt ist in Hottingen. Aber mit dem Au-to ist man recht schnell da. Imbissstände hat es leider keine in der Nähe. Ansonsten gibt’s noch einige Restaurant… gerade um die Ecke ist eines».
«Dafür habe ich kein Geld» unterbricht er mich knapp. «Autofahren kann ich nicht. Normalerweise nehme ich mir etwas mit, aber ich hatte nicht mehr viel zu Hause», erklärt er, nun wieder verlegen. «Aber kein Problem, um vier Uhr kommen die anderen und holen mich ab».
Er will bis vier Uhr weiterarbeiten ohne was zu essen! Das geht doch nicht! Also ich könnte das nicht, da bin ich mir sicher, ich würde schlicht umkippen.
«Iss doch mit mir. Ist wirklich kein Problem» biete ich spontan an, während ich mir innerlich die Hände reibe.
«So habe ich es nicht gemeint». Er sieht mich etwas zweifelnd an. «Ich möchte niemanden zur Last fallen».
«Nein, nein, woher denn. Ich muss ja auch etwas essen. Nudeln und einen Salat?»
Nun lächelt er wieder. Sicher sehe ich so enthusiastisch aus, wie ich mich fühle.
«Danke für die Einladung».
«Gerne, ich rufe dich, wenn ich fertig bin».
Er nickt, dreht sich um und macht sich solange nochmals an die Arbeit.
Das ist ein Wink des Schicksals, ganz klar. Wir werden zusammen essen! Mein Hochgefühl kippt etwas, als mir einfällt, dass ich auch Kochen muss, damit wir was zu Futtern haben. Oh mein Gott, was habe ich mir nur gedacht! Ich und Kochen, das ist keine Liebesbeziehung. Ich habe auch schon Spiegeleier verbrennen lassen. Nun gut, ein paar Nudeln müsste auch ich packen. Ich mache mich gleich an die Arbeit und halte mich genau an die Anleitung auf der Packung. Dann suche ich mir auf dem Smartphone schnell ein Rezept für eine Salatsauce und ein Tomatensugo heraus. Zum Glück habe ich alle Zutaten da, das aber nur dank meiner Mutter. Ich habe zwar schon einige Lebensmit-tel eingekauft, Grundnahrungsmittel und auch Gemüse und Früchte. Die vielen Kräuter, Gewürze, Öl und Essig habe ich aber meiner Mutter zu verdanken. Sie hält viel vom Kochen.
Etliche Schreckmomente und eine knappe halbe Stunde später ist alles fertig. Ich decke rasch den Tisch und stelle die Speisen dazu.
«Ist fertig» rufe ich in den Garten hinaus.
Innert Sekunden steht er da, der Mann muss wirklich kurz vor dem verhungern sein. Leider hat er sich ein T-Shirt übergezogen.
«Ich heisse übrigens Osaro» stellt er sich vor, während er sich setzt. Ich nenne ihm ebenfalls mei-nen Namen, schöpfe ihm einen Riesenberg Nudeln und Salat und wir essen kameradschaftlich und schweigend. Ich bin erleichtert, alles ist ganz annehmbar, das Sugo schmeckt nach Basilikum und Tomaten wie es sollte.
Ich studiere mein Gegenüber und frage mich, weshalb er so knapp bei Kasse ist, dass er sich nicht mal ausnahmsweise in ein Restaurant setzten will. Er kommt mir zuvor und bricht das Schweigen. Mit einer Kopfbewegung zeigt er auf meine Bücher, die auf einem Sideboard aufgestapelt sind.
«Für was lernst du denn?»
«Ich muss eine Abschlussarbeit für meinen Bachelor in Physiotherapie fertigschreiben und mache mir Notizen dazu».
«Wow, cool. Läuft’s?»
Ich sage, dass soweit alles nach Plan läuft und ich ganz zufrieden bin. Jetzt ist die Gelegenheit etwas über ihn herauszufinden.
«Und du, machst du eine Ausbildung als Landschaftsgärtner?»
Daraufhin mustert mich Osaro mit einem abschätzenden Blick. «Nein, ich habe keine Ausbildung gemacht» sagt er schliesslich schulterzuckend.
«Wieso das denn?» platze ich erstaunt und unhöflich heraus. So rein gar nichts? Das kann ich mir kaum vorstellen.
«Realschule, schlechte Noten, keine Lust…» kommt seine lakonische Antwort. Nun gut, das erklärt es doch erschöpfend. Ich will nicht nachbohren, es geht mich ja auch nichts an. Aber interessieren würde es mich schon.
«Kaffee?» frage ich stattdessen.
«Gerne, schwarz» erwidert er knapp.
Die altmodische Kaffeemaschine braucht ein paar Minuten um sich aufzuwärmen. Ich schaue zu ihm rüber und er wendet den Blick nicht ab. Eine lange Sekunde schauen wir uns in die Augen. Die sind schön, aber er hat Augenringe. Er hat eine Selbstsicherheit an sich, die ich nicht verstehe. In der gleichen Situation wäre ich wohl total verlegen gewesen.
Ich bin diejenige, die schliesslich den Kopf abwendet. Ich drücke ich den Knopf der Kaffeemaschine und schaue zu, wie die dunkle Flüssigkeit in die Tasse läuft. Diese Hautfarbe hat Osaro. Beide nip-pen wir an dem heissen Getränk, obwohl er kaum Worte macht, fühle ich mich wohl in seiner Ge-genwart und ich glaube, es geht ihm genau gleich.
«Danke, das war echt lecker. Ich mache jetzt weiter. Morgen werden meine beiden Arbeitskolle-gen hier sein, die können mich mitnehmen. Du brauchst dir also keine Sorgen über meine weiteren Mahlzeiten zu machen».
Ich nicke, alles klar. Zu schade, denke ich.
«Viel Erfolg beim Lernen» ruft er mir im Hinausgehen zu. Ich erröte ein wenig, was er aber zum Glück nicht mehr sehen kann.
Kurze Zeit später beuge ich mich wieder über die Bücher. Aber dieses Mal klappt es nicht mehr so gut mit der Konzentration. Ich beschliesse schwimmen zu gehen, schnappe mir meine Badesachen und mein Fahrrad und düse los. Zwei Stunden später lasse ich mich am gleichen Ort wieder auf der Küchenbank nieder, angenehm ermattet durch den Sport und die Sonne. Ich arbeite noch eine Stunde und schliesse dann die Bücher endgültig. Als ich nach draussen spähe, ist Osaro bereits weg.

Ich wohne noch gar nicht lange hier, ein paar Tage erst. Es ist das Haus meiner verstorbenen Grosstante Myrta. Ich habe sie nicht oft gesehen, aber ich mochte sie immer, weil sie mir Süssigkei-ten zusteckte. Besonders aber mochte ich es, sie zu besuchen und dann stundenlang in ihrem Gar-ten zu spielen. Der riesige Garten war schon zu Lebzeiten meiner Grosstante völlig verwildert, Sträucher und Bäume waren jahrelang nicht mehr zurückgeschnitten worden und wucherten in die Höhe ebenso wie in die Breite. Der Rasen mutierte jeden Sommer zur wilden, meterhohen Wiese und Unkraut schoss ungehindert aus allen Spalten und Ritzen. Früher hatten wir oft gescherzt, dass man einen Suchtrupp für den Wagemutigen bereithalten müsste, der es wagte, zu tief in den Gar-ten einzudringen. Eigentlich war es fast schade um die Wildnis, die hier ihre Herrschaft errichtet hatte. Je nach Wetter sah alles wunderbar verwunschen aus, manchmal aber auch nur ungepflegt. Aber man musste etwas tun, sonst gab es bald kein Durchkommen mehr.
Zusammen mit meinen Eltern habe ich vor ein paar Wochen einen Plan ausgeheckt, der mir sehr entgegenkommt. Nach über einem Jahr sind endlich alle Erbschaftsangelegenheiten geregelt, nun sollen Haus und Garten in Ordnung gebracht werden und eine WG daraus entstehen, in der ich auch wohnen kann. Das Haus liegt günstig in der Nähe der ETH und der Uni Zürich, wir werden mit Leichtigkeit Mieter finden. Natürlich hätte man es auch verkaufen oder vermieten können, aber für mich ist das eine wirklich tolle Gelegenheit ohne grosse Kosten auszuziehen. Für mich alleine ist das Haus zu gross, daher die Idee mit der WG.
Ich stelle es mir schön vor, zusammen kochen, netflixen, sich helfen… Freunde werden… Vielleicht gibt es die eine oder andere kleine Reiberei, klar, aber das wird zu regeln sein.
Und so habe ich mich gerne bereit erklärt, vor Ort zu sein, wenn die Handwerker die neue Heizung installieren und die Fassade gestrichen wird. Und noch einiges andere mehr. Und eben der Garten neugestaltet wird. Ich kann ja hier genauso gut arbeiten wie zu Hause, dachte ich mir. Wer kann denn ahnen, dass Landschaftsgärtner eine solche Ablenkung darstellen.
Und jetzt liege ich im Bett und kann nicht einschlafen. Die grösste Hitze hat zwar nachgelassen, aber es ist immer noch recht schwül. Das neue Bett ist mir noch unvertraut, die Matratze etwas weicher als meine vorherige. Ich fühle mich unangenehm klebrig, mein Haaransatz ist feucht vom Schweiss, obwohl das Fenster weit offensteht. Schliesslich schiebe ich die Bettdecke mit einem Ruck von mir und suche ein dünnes Laken aus dem mit kleinen schnörkeligen Blümchen verzierten Schrank. Ich sollte mir noch ein paar neuen Möbel besorgen. Aber vielleicht behalte ich auch die alten, sie sind echtes Vintage. Sie könnten als stylish durchgehen.
Ich lege mich wieder hin und breite das Laken über meinem Körper aus. Angenehm kühl legt es sich auf mich und ich entspanne mich. Kurz vor dem Einschlafen sehe wieder Osaros lächelndes Gesicht vor mir. Morgen wird er wieder da sein, das ist ein schöner Gedanke. Langsam gleite ich den Schlaf hinüber.
Aber wie Osaro angekündigt hat ist er jetzt nicht mehr alleine da. Seine beiden Arbeitskollegen sind freundlich und zu Scherzen aufgelegt. Sie halten gerne einen Schwatz miteinander oder auch mit mir, ganz im Gegensatz zu Osaro. Manchmal telefonieren sie kurz oder rauchen eine Zigarette. Die beiden schneiden die wuchernden Hartriegelbüsche zurück, legen einen neuen Kiesweg vom Haus zur Garage an und fällen zwei kleine Bäume, die ihre Zweige viel zu weit in das Nachbarsgrundstück hängen lassen.
Osaro ist immer noch damit beschäftigt, die Fliesen auf der Terrasse zu verlegen. Er ist mit einer Wasserwaage und einem Winkelmesser zugange und scheint trotz seiner fehlenden Ausbildung zu wissen was er tut. Wieder arbeitet er mit nacktem Oberkörper, aber die Intimität die ich am ersten Tag gespürt habe, ist verschwunden.

Heute ist der der letzte Tag, an dem die Arbeiter hier sind. Pünktlich um sieben haben sie angefan-gen und dann im Verlauf des Morgens eine Pause gemacht, in der ich ihnen wieder kühle Getränke angeboten habe. Mehr als ein knappes Dankeschön habe ich dabei nicht mehr von Osaro gehört.
Ich weiss gar nicht genau was mich so anzieht, wenn ich ihn anschaue. Klar, er sieht gut aus, zumin-dest in meinen Augen ist das so. Aber sonst? Wir haben doch nur ein paar kurze Sätze ausge-tauscht. Doch der Gedanke ihn nie mehr zu sehen, bedrückt mich und mein Magen klumpt sich dabei unangenehm zusammen. Ich kann mich kaum mehr auf meine Bachelorarbeit konzentrieren, obwohl ich gerade versuche einen wichtigen Zusammenhang zu beschreiben. Ich überfliege einen Abschnitt im Lehrbuch zu meinem Thema in der Hoffnung, dass mir die richtigen Worte zufliegen, nur um dann zu merken, dass ich kurz davor das gleiche bereits gelesen habe. Ich ärgere mich über mich selber und frage mich, ob ich nicht froh sein sollte, wenn Osaro hier verschwindet. Tatsächlich bin ich fast ein wenig erleichtert, als er kurz vor Mittag wieder an die Glasscheibe der Terrassentüre klopft und mich informiert, dass sie mit ihrer Arbeit fertig sind.
Osaro fragt mich, ob ich kurz in den Garten kommen will und um zu schauen, ob das Resultat ihrer Arbeit zu meiner Zufriedenheit ausfällt.
«Ich komme gleich mit» sage ich, schlüpfe in meine Flipflops und folge ihm ins Freie. Wolkentürme haben sich am Himmel aufgebaut, noch glüht die Luft vor Hitze, aber es wird wohl eine bald Abküh-lung geben, wenn die sich rasch ausbreitende Gewitterdämmerung und die plötzlichen Windstösse halten, was sie versprechen.
Osaro und seine Kollegen haben ganze Arbeit geleistet, von Wildnis ist nicht mehr viel zu sehen ist. Jetzt wird klar, welche Ausmasse dieser Garten eigentlich hat. Das Rasenmähen und Laubrechen wird einiges zu tun geben.
Osaro erklärt mir kurz, welche der neu eingepflanzten Sträucher und Blumenstauden in den nächs-ten Tagen besonders viel Wasser brauchen. Das sind eigentlich alle, denn der Hochsommer ist kei-ne besonders geeignete Zeit zum Bepflanzen. Aber eine halbe Stunde giessen morgens und abends schaffe ich schon.
Ich sage zu Osaro, dass alles in bester Ordnung ist und wir gehen auf dem neu angelegten Kiesweg zur Garage und dann zur Strasse runter. Osaros Kollegen verstauen bereits die letzten Arbeitsgerä-te im Lieferwagen. Ich unterschreibe eine Bestätigung über alle Arbeiten, die ausgeführt worden sind. Dann reicht mir Osaro die Hand zum Abschied. Beide heben wir den Blick und zum zweiten Mal schaue ich ihm direkt in die fast schwarzen Augen. Über den dichten geraden Augenbrauen haben sich winzige Schweisströpfen gesammelt. Osaro hat kurze Bartstoppeln an den Wangen und am Kinn. Wie sich die wohl anfühlen? Gerne würde ich mit den Fingerspitzen darüber streichen.
Plötzlich erscheint wieder dieses kleine Lächeln, welches sein Gesicht erhellt und Fünkchen in den Augen tanzen lässt. «Viel Erfolg noch beim Lernen. Ciao».
«Ja, danke. Tschüss» bringe ich heraus. Das war‘s, ich werde ihn nie wiedersehen. Wieso bloss ha-be ich das vorhin gerade noch für besser gehalten?

Osaro
Im Nachhinein kann er nicht genau sagen, wann er realisiert hat, dass etwas nicht stimmt. Er be-trachtet immer noch Noras graue Augen, die ihn so intensiv fixieren, als wollten sie niemals wieder etwas Anderes anschauen. Als wollte sie ihn nicht gehen lassen.
Die Iris ist an den Rändern fast dunkelgrau um dann gegen die Mitte immer heller zu werden. Die Wimpern darüber dicht und dunkelbraun, wie ihre Wuschelhaare. Nie hätte er gedacht, dass er diese Augenfarbe mögen würde, er fand sie immer eher kalt und abweisend. Aber bei Nora ist das nicht so, ihre Augen sind warm und fürsorglich. Wie zwei geschliffene Diamanten strahlen sie ihn an, als ob ein Lichtstrahl durch sie hindurchscheint um seinen Blick zu bannen. Am liebsten hätte er weitergeredet, damit die Verbindung zwischen ihnen nicht abbricht. Aber er sagt nichts mehr, denn jetzt lenkt ihn etwas ab. Etwas äusserst Unangenehmes drängt in seinen Kopf, eine vage Be-drohung und Beklemmung. Er wendet den Blick ab und lässt ihn über die Umgebung schweifen, aber er kann nichts Ungewöhnliches entdecken.
Es wird wohl in den nächsten Minuten anfangen wird zu regnen, vielleicht gibt es ein Gewitter, das ist alles. Trotzdem packt ihn eine Angst, bei der er nicht sagen kann, wieso sie überhaupt da ist. Er fühlt eine Verschiebung der Atome um ihre beiden Körper herum, etwas, dass man nicht fühlen sollte.
Das düstere Grau der Gewitterwolken erfasst Nora, verdichtet sich zu einem kalten wirbelnden Chaos. Etwas wird geschehen, etwas Schlimmes, Unerträgliches. Er weiss mit plötzlicher, untrügli-cher Sicherheit, dass er die Macht hat, es zu verhindern.
«Nutze die Macht deiner Ahnen» flüstert ihm eine vertraute Stimme zu, als der erste Regentrop-fen schwer aufs seinen Arm fällt. Ohne weiter zu überlegen und sich zu fragen, was das alles zu bedeuten hat, geht er den einen, entscheidenden Schritt auf Nora zu, die ihn immer noch fragend anschaut. Anscheinend hat sie bemerkt, wie abgelenkt er auf einmal ist. Er packt sie ohne Worte an den Schultern und stösst sie mit aller Kraft, die er aufbringt, von der Strasse. Erstaunen breitet sich auf ihrem Gesicht aus während sie zur Seite fliegt.

Nora
Eben habe ich mich noch gefragt, wonach Osaro Ausschau hält. Da wird urplötzlich die Strasse le-bendig. Ich fühle eine Art Vibration, fühle wieder Hitze, die vom Asphalt aufsteigt. Regentropfen fallen darauf und verdampfen fast sofort wieder. Es gibt einen Knall der mir durch Mark und Bein fährt und sehe gleichzeitig wie Osaro zur Seite geschleudert wird. Das Kreischen von Bremsen, die bis zum Anschlag noch unten getreten wurden.
Einen Moment bin ich so erstarrt in meinem Schrecken, dass ich mich nicht bewegen kann. Unab-lässig schickt mir mein Gehirn verwirrende Nachrichten. Als die Meldung, dass dies ein schwerer Unfall sein muss, zu meinem Bewusstsein durchdringt, keuche ich auf vor Entsetzten und versuche mich aufzurappeln. Meine Hinterseite und mein Rücken schmerzen höllisch, aber ich ignoriere alles. Ich ignoriere auch den roten Lieferwagen, der nun an der Stelle steht wo ich vorhin eben noch ah-nungslos stand. Wenige Meter neben mir liegt Osaro am Strassenrand, der Aufprall muss ihn zur Seite geschleudert haben. Ich eile zu ihm und knie mich neben ihn auf die Strasse. Panik macht sich ihn mir breit als ich ihn nach Verletzungen absuche. Der Herzschlag donnert mir in den Ohren und meine Finger zittern. Er liegt regungslos da, die Augen sind geschlossen. Blut sucht sich seinen Weg zwischen den vielen Haaren hervor und sickert tropfenweise auf die Strasse. Regentropfen ver-dünnen es zu einem hellen Rot.
Ohne grosses Nachdenken versuche ich, seine schlaffen Glieder in der Seitenlage zu platzieren. Sie scheinen unwahrscheinlich schwer, aber schliesslich schaffe ich es trotz meiner Aufregung. Immer noch füllt mich die Panik völlig aus, lässt mein Denken verschwimmen und ich merke kaum, was ich eigentlich tue. Ich höre Stimmen neben mir und blicke auf. Osaros Arbeitskollegen stehen vor mir, ebenso entsetzt wie ich es bin. Der eine hält ein Handy in der Hand und spricht hinein. Er hat die Ambulanz angerufen denke ich dankbar. Ich zermartere mir das Hirn ob noch etwas tun kann, aber ich weiss nicht was das sein könnte. Hoffentlich war es überhaupt richtig, ihn in die Seitenlage zu bringen. Was, wenn der Rücken verletzt ist? Entsetzten bricht über mich herein und ich setzte mich mit schlotternden Knien hin.
Es fühlt sich an, als ob mir sämtliches Blut aus dem Kopf in die Füsse gesackt wäre. Die beiden Män-ner reden ohne Unterlass miteinander und mit mir aber ich verstehe kaum was sie sagen. Die Mi-nuten dehnen sich endlos bis endlich, endlich in der Ferne das Martinshorn erklingt.
Jetzt wo ich weiss, dass Hilfe naht, wird meine Wahrnehmung wieder klarer und ich sehe den zu Tode erschrockenen Fahrer des Lieferwagens, der hilflos und mit bleichem Gesicht auf die Szene blickt. Ich sehe die schwarzen Bremsspuren auf der Strasse, rieche den ekligen Geruch nach ver-branntem Gummi. Ich spüre die heissen Stellen an meinen nackten Beinen, die mit dem glühenden Asphalt Kontakt hatten. Ich senke den Blick und sehe verwundert hellrote Flecken darauf. Es schiesst mir sogar durch den Kopf, wie heimtückische der Strassenverlauf hier ist. Viele kurze Kur-ven, die dazu verleiten, sie zu schneiden. Dazu die vielen hohen Hecken vor jedem Haus, die alles noch unübersichtlicher machen.
Dann sind die Sanitäter da. Sofort kümmern sie sich um Osaro, nach einigen Minuten hieven sie ihn auf eine Trage, sichern ihn mit Gurten und er wird in den Krankenwagen geschoben. Das letzte was ich von ihm sehe ist sein Gesicht, das eine seltsam gräuliche Farbe angenommen hat. Mittlerweile ist auch die Polizei eingetroffen und befasst sich mit dem Fahrer des Lieferwagens, auch ich und die Landschaftsgärtner werden befragt. Einer der Polizisten, ein netter junger Typ mit modischer Brille, stellt sich mir mit Namen vor und möchte gerne von mir hören was passiert ist.
«Erzählen Sie mir bitte, was Sie gesehen haben» fordert er mich auf und ist bereit mitzuschreiben. Ich schaue ihn an und habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Die Wörter verschwinden von meiner Zunge, sobald ich sie aussprechen will. Anscheinend wirke ich so verwirrt, dass er mich ins Haus begleitet und mich nötigt mich zu setzen. Ich habe immer noch wackelige Knie und mein Gesicht ist von erschreckender Blässe, wie ich beim Hereinkommen im Spiegel gesehen habe. Ausserdem ist mir ein wenig schlecht.
Der Polizist fragt nach, ob ich eine jemanden kommen lassen möchte und ich bin froh um dieses Angebot. Ich rufe meine Mutter an und sie verspricht gleich vorbeizukommen. Er verabschiedet sich und bittet mich, die Aussage in den nächsten Tagen auf dem Polizeiposten nachzuholen. Er schreibt mir die Adresse und seinen Namen auf.
Ich bleibe auf dem Sofa sitzen und versuche zu fassen was gerade passiert ist, da kommt meine Mutter schon mit ihren kleinen roten Fiat angebraust. Ganz aufgelöst kommt sie ins Wohnzimmer gestürmt, ich habe sie mit meinem Anruf gewaltig erschreckt. Als sie sieht, dass ich eigentlich völlig okay bin, nur geschockt wegen des Unfalls, beruhigt sie sich aber schnell. Sie verabreicht mir Bach-blütentropfen, die ich bloss schlucke, weil ich keine Kraft habe mich zu dagegen zu wehren. Dann kocht sie sogar Tee, obwohl es doch es heiss ist. Komisch, dass mich gerade das so nervt. Aber ich glaube der gesüsste Tee hilft besser als die Bachblütentropfen. Mein Magen beruhigt sich etwas und ich kann die ganze Geschichte etwas zusammenhängender erzählen.
«Er hat mich von der Strasse gestossen, als ob er genau gewusst hätte was passieren wird» erkläre ich ihr. «Er hat mich gerettet. Und jetzt ist er selber so schwer verletzt worden. Du hättest sein Ge-sicht sehen sollen!»
«Ich kann das kaum glauben. Meinst du das wirklich ernst?»
Vehement verteidige ich meinen Standpunkt. «Gerade du solltest mir doch glauben können!» sage ich zum Schluss. Meine Mutter hat einige eher spezielle Vorstellungen. Schicksal, höhere Sphären, Kontakte zu Engelwesen und dergleichen sind für sie ganz normale Begriffe. Als der Dalai Lama sein erstes Album mit Mantras rausgegeben hat, hat sie es sich direkt gekauft.
Aber sie schaut mich immer noch skeptisch an und kann sich nicht recht entscheiden was sie den-ken soll. Ich erkenne es daran, wie sie ihre Brille immer wieder abnimmt und aufsetzt. Schliesslich entscheidet sie sich, das Thema zu wechseln und meint, dass ich mich ausruhen soll. Sie ruft mei-nen Vater an und erzählt ihm was passiert ist. Sie will mich noch nicht alleine lassen und bittet ihn zum Abendessen herzukommen. Gleich fängt sie mit Kochen an und ich schaue ihr zu. Das beruhigt mich tatsächlich etwas, weil es ein so vertrauter Anblick ist. Als mein Vater eine Stunde später auch dazu stösst, bin ich schon wieder etwas mehr ich selber.

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