Nichtwähler ins Parlament!

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sebastiantschmidt
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Nichtwähler ins Parlament!

von sebastiantschmidt (24.01.2021, 16:28)
Hallo,
ich möchte auch nochmal hier mein Buch vorstellen:

Das Buch behandelt die Frage, ob bei einer Wahl nur ein der Wahlbeteiligung entsprechender Anteil der Parlamentssitze an Politiker vergeben werden soll, während die restlichen Mandate unter den Nichtwählern verlost werden. Es hört sich erst einmal sinnlos an, das gebe ich zu. Das Buch behandelt die Vorteile aus demokratischer und psychologischer Sicht, ebenso wie Gegenargumente und die technische Durchführung.

Die Ideen für dieses Buch reichen mehrere Jahre zurück, erst letztes Jahr hatte ich die Muße, es mal veröffentlichbar zusammenzuschreiben. Die Ursprünge liegen in der Erkenntnis, dass die Höhe der Wahlbeteiligung keine Auswirkungen hat, weswegen auch ein Sinken der Wahlbeteiligung, was allgemein als Abstrafung der Politiker verstanden wird, keine Auswirkungen hat. Wenn es dagegen auf die Höhe der Wahlbeteiligung ankommt, haben Politiker einen Anreiz, die Wahlbeteiligung möglichst hoch zu halten. Außerdem sind so viel größere Teile der Bevölkerung Parlament vertreten. Politik geht alle an, nicht nur die, die es wollen. Hierdurch wird die politische Bildung viel verbreiteter in der Bevölkerung verankert.

Die beiden Fragen, die in dem Zusammenhang zu stellen sind: Wie viele Deutsche kennen wohl einen aktuellen oder ehemaligen Bundestagsabgeordneten persönlich? Und, wenn das Parlament zum Beispiel über Hartz-IV entscheidet, wieviele der Parlamentarier sind aktuelle oder ehemalige Hartz-IV-Empfänger? Bei beiden Fragen wird die Antwort wohl "sehr wenige" lauten, und dieses Buch ist ein Plädoyer, dies zumindest ein klein wenig zu ändern.

Falls jemand mehr über meine politischen Ideen erfahren will, das Buch findet man unter
https://www.bod.de/buchshop/nichtwaehle ... 3752691832

Es ist nur ein kleines Büchlein, aber bestimmt eines, dass mehr neue Gedanken enthält als so manches dickeres Buch.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (25.01.2021, 11:21)
Hi,

natürlich klingt es erst einmal verlockend, die Nichtwähler/innen in irgend einer Weise einzubeziehen und die Politiker dafür zu »bestrafen«, daß die Wahlbeteiligung gering ist. Diese Debatte wird ja auch schon länger von interessierter Seite geführt.

Und ich bekenne auch sogleich, daß ich gegen eine solche Wahlrechtsänderung bin und führe kurz aus, warum.

1. Die Gründe, nicht an der Wahl teilzunehmen, sind vielfältig. Sie reichen von schlichtem Desinteresse an der Politik über schlichter Zufriedenheit mit dem politischen System, Trägheit, Unlust, grundsätzlicher Ablehnung der Demokratie bis hin zu dem Problem, daß man sich von keiner Partei vertreten fühlt. Eine solche heterogene Gruppe von Menschen eine Vertretung im Parlament zu verschaffen, ist eigentlich nicht möglich, weil Teile dieser Gruppe sich nie vertreten werden fühlen.

2. Der Betrafungsgedanke gegenüber der Politik ist auch meiner Sicht falsch, weil pauschal alle Politiker bestraft würden, unabhängig davon, wie sehr sie sich um die Bevölkerung in ihren Wahlkreisen kümmern oder andere für die Demokratie wichtige Aufgaben wahrnehmen.

3. Würden auch die Nichtwähler bei der Mandatsverteilung berücksichtigt, erschwerte dies die Mehrheitsbildung im Bundestag bis zur Regierungsunfähigkeit. Schon jetzt ist die Koalitionsbildung schwierig. Würden die Nichtwähler/innen im Parlament berücksichtigt, käme es stets zu großen Mehrparteienkoalitionen und politischen Kompromissen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Dies würde die politische Profilierung und damit auch die Vielfalt politischer Angebote einschränken oder vielleicht sogar nahezu unmöglich machen.

4. Das Argument der eigenen Betroffenheit mag sehr beeindruckend sein, führt aber durchaus in die Irre. Denn wenn man Hartz-IV-Empfänger zu Experten über die entsprechende Gesetzgebung machte, müßte man auch dulden und könnte mithin nicht mehr kritisieren, daß große Wirtschaftskanzleien an Gesetzen zur Wirtschafts- und Bankenregulierung mitschreiben. Es ist richtig und notwendig, daß sich die Politik von den entsprechenden Experten und Betroffenen beraten läßt, aber diese selbst zu Entscheidern zu machen, führt nicht unbedingt zum Ziel.

Auch ich habe am gegenwärtigen System Kritik und würde eine Stärkung des Parlaments gegen den außerparlamentarischen Lobbyismus begrüßen. Wären die Abläufe transparenter und würden wirtschaftlich mächtige Gruppen weniger Einfluß haben, könnte dies auch Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit entgegenwirken. Die Berücksichtigung der Nichtwähler/innen bei der Mandatsverteilung würde aus meiner Sicht die politische Arbeit erschweren, zu faulen Kompromissen führen und die Politikverdrossenheit erhöhen.
Zuletzt geändert von Udo Ehrich am 25.01.2021, 11:50, insgesamt 1-mal geändert.

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mtg
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von mtg (25.01.2021, 11:44)
Nichtwähler einzubinden, käme einer Verfassungsänderung gleich: Dann bestünde nämlich plötzlich eine Wahlpflicht, weil auch die Nichtabgabe einer Stimme zwingender Teil des politischen Systems wäre. Und es wäre die Abschaffung von Freiheitsrechten, weil ein Wahlrecht auch immer die Freiheit beinhaltet, es nicht wahrzunehmen.
Zuletzt geändert von mtg am 25.01.2021, 13:05, insgesamt 2-mal geändert.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (25.01.2021, 11:53)
... und hinzu käme noch, daß zwei Ebenen der Legitimation ins Wahlrecht eingeführt würden, nämlich die Legitimation durch das Wahlergebnis und der darauf gründenden Mandatsverteilung in Bezug auf die Abgeordneten und daneben die Legitimation durch die über das Losverfahren in den Bundestag eingezogenen Nichtwähler. Das dürfte mit den verfassungsrechtlichen Wahlrechtsgrundsätzen nicht zu vereinbaren sein.

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mtg
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von mtg (25.01.2021, 12:45)
sebastiantschmidt hat geschrieben:
Das Buch behandelt die Frage, ob bei einer Wahl nur ein der Wahlbeteiligung entsprechender Anteil der Parlamentssitze an Politiker vergeben werden soll, während die restlichen Mandate unter den Nichtwählern verlost werden.

Was mir gerade noch auffällt: Man möge mich korrigieren … aber ich empfinde die Verteilung von Mandaten unter Nichtwählern als das Ende der geheimen Wahl und damit als einen klaren Verfassungsbruch, der auch mit einer Verfassungsänderung (siehe meinen Post oben) nicht zu erklären wäre.

Zudem müssten dann – wenn man die Idee ernst nimmt – ja statt Kandidaten unterschiedlicher Parteien auch Wähler dieser Parteien ins Parlament … und das widerspricht der parlamentarischen Demokratie so stark, dass man hier schon fast an Revolution denken muss …

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Monika K.
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Monika K. (25.01.2021, 13:31)
sebastiantschmidt hat geschrieben:
wieviele der Parlamentarier sind aktuelle oder ehemalige Hartz-IV-Empfänger? Bei beiden Fragen wird die Antwort wohl "sehr wenige" lauten,

Ich hoffe doch sehr, dass keiner der Parlamentarier aktuell "Hartz IV" bezieht, da ihnen diese Leistungen nicht zustehen.

Monika
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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (25.01.2021, 15:14)
An mtg anschließend: Wie oben gesagt, gebe es dann zwei Arten der Legitimation: Die direkte durch Wahl durch die Bevölkerung und die durch Losziehung, also Zufall. Und warum sollen die Abgeordneten den anstrengenden Wahlkampf und zuvor die Ochsentour durch die Parteien machen, während die anderen noch nicht einmal zum Wahllokal gehen und dann ohne jede Anstrengung ins Parlament kommen?

sebastiantschmidt
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von sebastiantschmidt (25.01.2021, 16:57)
Udo Ehrich hat geschrieben:
Hi,

natürlich klingt es erst einmal verlockend, die Nichtwähler/innen in irgend einer Weise einzubeziehen und die Politiker dafür zu »bestrafen«, daß die Wahlbeteiligung gering ist. Diese Debatte wird ja auch schon länger von interessierter Seite geführt.

Und ich bekenne auch sogleich, daß ich gegen eine solche Wahlrechtsänderung bin und führe kurz aus, warum.

1. Die Gründe, nicht an der Wahl teilzunehmen, sind vielfältig. Sie reichen von schlichtem Desinteresse an der Politik über schlichter Zufriedenheit mit dem politischen System, Trägheit, Unlust, grundsätzlicher Ablehnung der Demokratie bis hin zu dem Problem, daß man sich von keiner Partei vertreten fühlt. Eine solche heterogene Gruppe von Menschen eine Vertretung im Parlament zu verschaffen, ist eigentlich nicht möglich, weil Teile dieser Gruppe sich nie vertreten werden fühlen.

2. Der Betrafungsgedanke gegenüber der Politik ist auch meiner Sicht falsch, weil pauschal alle Politiker bestraft würden, unabhängig davon, wie sehr sie sich um die Bevölkerung in ihren Wahlkreisen kümmern oder andere für die Demokratie wichtige Aufgaben wahrnehmen.

3. Würden auch die Nichtwähler bei der Mandatsverteilung berücksichtigt, erschwerte dies die Mehrheitsbildung im Bundestag bis zur Regierungsunfähigkeit. Schon jetzt ist die Koalitionsbildung schwierig. Würden die Nichtwähler/innen im Parlament berücksichtigt, käme es stets zu großen Mehrparteienkoalitionen und politischen Kompromissen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Dies würde die politische Profilierung und damit auch die Vielfalt politischer Angebote einschränken oder vielleicht sogar nahezu unmöglich machen.

4. Das Argument der eigenen Betroffenheit mag sehr beeindruckend sein, führt aber durchaus in die Irre. Denn wenn man Hartz-IV-Empfänger zu Experten über die entsprechende Gesetzgebung machte, müßte man auch dulden und könnte mithin nicht mehr kritisieren, daß große Wirtschaftskanzleien an Gesetzen zur Wirtschafts- und Bankenregulierung mitschreiben. Es ist richtig und notwendig, daß sich die Politik von den entsprechenden Experten und Betroffenen beraten läßt, aber diese selbst zu Entscheidern zu machen, führt nicht unbedingt zum Ziel.

Auch ich habe am gegenwärtigen System Kritik und würde eine Stärkung des Parlaments gegen den außerparlamentarischen Lobbyismus begrüßen. Wären die Abläufe transparenter und würden wirtschaftlich mächtige Gruppen weniger Einfluß haben, könnte dies auch Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit entgegenwirken. Die Berücksichtigung der Nichtwähler/innen bei der Mandatsverteilung würde aus meiner Sicht die politische Arbeit erschweren, zu faulen Kompromissen führen und die Politikverdrossenheit erhöhen.


Erste Frage: Von welcher Seite wird so eine Diskussion geführt? Ich kenne Argumentation für ein reines Auslosen des Parlaments, aber keine, in denen eine Wahl mit einer Auslosung kombiniert wird.

Um ein paar Entgegnungen zu schreiben:
1. Es gibt viele Gründe nicht an der Wahl teilzunehmen und deswegen ist es auch nicht möglich, jeden Einzelnen dieser Gruppe durch wenige Parlamentarier zu repräsentieren. Deswegen ist das Beste, einfach Leute auszuwählen, dann hat zumindest jeder Wahlberechtigte die gleiche Chance sich im Parlament wiederzufinden.

2. Es geht nicht unbedingt um die Bestrafung, man könnte es auch positiver formulieren, indem man sagt, dass Politiker zeigen, dass sie die Aufgaben eines Parlamentariers besser wahrnehmen können als "normale" Personen. Und dafür belohnt werden, indem mehr Wähler sie wählen.

3. Die Regierungsbildung wird nicht unbedingt erschwert, anstelle unserer großen Koalition hätten wir halt eine rot-schwarze Minderheitsregierung, die bei Abstimmungen dann gerade mal ca. 40% der Ausgewählten überzeugen müsste, um eine Abstimmung zu gewinnen (angenommen alle der Koalition stimmen dafür, alle der anderen Parteien dagegen). Und ja, Demokratie ist manchmal eine Politik des Kompomisses.

4. Das Argument verstehe ich gerade nicht. Natürlich kann man Lobbyismus weiter kritisieren.

Und meiner Meinung nach, würde die von mir vorgeschlagene Änderung das Parlament aufwerten. Es ist nicht Sinn und Zweck der Demokratie politische Arbeit möglichst einfach zu machen, wenn das der Sinn wäre, könnten wir auch gleich zu einer Diktatur wechseln, da ist politische Arbeit einfacher.

sebastiantschmidt
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von sebastiantschmidt (25.01.2021, 17:06)
mtg hat geschrieben:
Nichtwähler einzubinden, käme einer Verfassungsänderung gleich: Dann bestünde nämlich plötzlich eine Wahlpflicht, weil auch die Nichtabgabe einer Stimme zwingender Teil des politischen Systems wäre. Und es wäre die Abschaffung von Freiheitsrechten, weil ein Wahlrecht auch immer die Freiheit beinhaltet, es nicht wahrzunehmen.


Es wäre keine Wahlpflicht, sondern ein Zwang zur politischen Teilnahme, entweder indem man eine Partei auswählt, oder indem man das Risiko auf sich wählt, ins Parlament zu kommen. Und wenn man ins Parlament gelost wäre, hätte man immer noch das Recht, nicht zu den Abstimmungen zu gehen.
Und wer trotzdem nicht an der Politik teilnehmen will, hat immer noch die Möglichkeit einen ungültigen Stimmzettel abzugeben. Also ich sehe nicht, wo hier Freiheitsrechte verletzt werden.

mtg hat geschrieben:
Was mir gerade noch auffällt: Man möge mich korrigieren … aber ich empfinde die Verteilung von Mandaten unter Nichtwählern als das Ende der geheimen Wahl und damit als einen klaren Verfassungsbruch, der auch mit einer Verfassungsänderung (siehe meinen Post oben) nicht zu erklären wäre.

Zudem müssten dann – wenn man die Idee ernst nimmt – ja statt Kandidaten unterschiedlicher Parteien auch Wähler dieser Parteien ins Parlament … und das widerspricht der parlamentarischen Demokratie so stark, dass man hier schon fast an Revolution denken muss …


Ich verstehe nicht, was das Ende der geheimen Wahl wäre. Nur weil von den Ausgelosten bekannt wäre, dass sie nicht gewählt haben?
Und beim zweiten Satz verstehe ich nicht, wo das aus dem was ich geschrieben habe, folgen soll. Man wählt ja gerade die Partei, damit die Kandidaten ja statt einem selbst ins Parlament gehen.

sebastiantschmidt
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von sebastiantschmidt (25.01.2021, 17:12)
Udo Ehrich hat geschrieben:
An mtg anschließend: Wie oben gesagt, gebe es dann zwei Arten der Legitimation: Die direkte durch Wahl durch die Bevölkerung und die durch Losziehung, also Zufall. Und warum sollen die Abgeordneten den anstrengenden Wahlkampf und zuvor die Ochsentour durch die Parteien machen, während die anderen noch nicht einmal zum Wahllokal gehen und dann ohne jede Anstrengung ins Parlament kommen?


Warum machen die Abgeordneten denn jetzt einen anstrengenden Wahlkampf, die ganzen Parteitage etc.?
Weil sie die Welt verbessern wollen, weil sie von einer Idee überzeugt sind, etc. Ich glaube nicht, dass Leute, die sich in Parteien engagieren, das einstellen werden.

Die Wahrscheinlichkeit als Nichtwähler in den Bundestag einzuziehen wäre übrigens 1:100 000, also da ist es schon einfacher, als Engagierter über eine Partei in den Bundestag zu kommen.

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mtg
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von mtg (25.01.2021, 17:18)
sebastiantschmidt hat geschrieben:
Es wäre keine Wahlpflicht, sondern ein Zwang zur politischen Teilnahme …

Diesen Unterschied zu machen, würde sich nicht mal ein Diktator trauen … cheezygrin cheezygrin cheezygrin

sebastiantschmidt hat geschrieben:
Und wenn man ins Parlament gelost wäre, hätte man immer noch das Recht, nicht zu den Abstimmungen zu gehen. Und wer trotzdem nicht an der Politik teilnehmen will, hat immer noch die Möglichkeit einen ungültigen Stimmzettel abzugeben.

Das wäre dasselbe wie jetzt, nur mit zwei Zwischenschritten. Aber warum unterliegt man beim ersten Schritt einem Zwang, beim zweiten aber offensichtlich nicht? Was ist der Sinn? Was ist der Nutzen?

sebastiantschmidt hat geschrieben:
Also ich sehe nicht, wo hier Freiheitsrechte verletzt werden.

Naja, wenn man von seiner eigenen Idee so sehr fasziniert ist, verliert man gerne mal den Blick über den Tellerrand.

sebastiantschmidt hat geschrieben:
Ich verstehe nicht, was das Ende der geheimen Wahl wäre. Nur weil von den Ausgelosten bekannt wäre, dass sie nicht gewählt haben?

Gegenfrage: Wie definierst Du »geheim«?

Ich sehe nicht, dass die Diskussion fruchtbar wird. Deine Idee, wenn man sie denn als solche bezeichnen möchte, ist weder durch- noch zu Ende gedacht. Da klinke ich mich besser aus.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (26.01.2021, 08:35)
sebastiantschmidt hat geschrieben:
Erste Frage: Von welcher Seite wird so eine Diskussion geführt? Ich kenne Argumentation für ein reines Auslosen des Parlaments, aber keine, in denen eine Wahl mit einer Auslosung kombiniert wird.

Um ein paar Entgegnungen zu schreiben:
1. Es gibt viele Gründe nicht an der Wahl teilzunehmen und deswegen ist es auch nicht möglich, jeden Einzelnen dieser Gruppe durch wenige Parlamentarier zu repräsentieren. Deswegen ist das Beste, einfach Leute auszuwählen, dann hat zumindest jeder Wahlberechtigte die gleiche Chance sich im Parlament wiederzufinden.

2. Es geht nicht unbedingt um die Bestrafung, man könnte es auch positiver formulieren, indem man sagt, dass Politiker zeigen, dass sie die Aufgaben eines Parlamentariers besser wahrnehmen können als "normale" Personen. Und dafür belohnt werden, indem mehr Wähler sie wählen.

3. Die Regierungsbildung wird nicht unbedingt erschwert, anstelle unserer großen Koalition hätten wir halt eine rot-schwarze Minderheitsregierung, die bei Abstimmungen dann gerade mal ca. 40% der Ausgewählten überzeugen müsste, um eine Abstimmung zu gewinnen (angenommen alle der Koalition stimmen dafür, alle der anderen Parteien dagegen). Und ja, Demokratie ist manchmal eine Politik des Kompomisses.

4. Das Argument verstehe ich gerade nicht. Natürlich kann man Lobbyismus weiter kritisieren.

Und meiner Meinung nach, würde die von mir vorgeschlagene Änderung das Parlament aufwerten. Es ist nicht Sinn und Zweck der Demokratie politische Arbeit möglichst einfach zu machen, wenn das der Sinn wäre, könnten wir auch gleich zu einer Diktatur wechseln, da ist politische Arbeit einfacher.


Zur Ihrer ersten Frage: Die Diskussion wird von Ihnen geführt:

Das Buch behandelt die Frage, ob bei einer Wahl nur ein der Wahlbeteiligung entsprechender Anteil der Parlamentssitze an Politiker vergeben werden soll, während die restlichen Mandate unter den Nichtwählern verlost werden.


Das bedeutet genau das, was ich kritisiert habe: Das Parlament wird gewählt, die Mandate werden nur zu dem Anteil verteilt, der der Wahlbeteiligung entspricht und der Rest wird an Nichtwähler/innen verlost. Mit anderen Worten: Sie befürworten in Ihrem Buch zwei unterschiedliche Legitimationsebenen im gleichen Parlament.

Zu Ihrer Erwiderung zu 1. bleibt es bei meiner Ansicht, daß diese Möglichkeit verfassungsrechtlich mindestens problematisch ist.

Zu Ihrer Erwiderung zu 2.: Man kann alles anders nennen. Am Ende läuft es aber auf eine erzieherische Maßnahme in Bezug auf die Politiker hinaus. Aber, wie mtg schon zu Recht sagte, beinhaltet das Wahlrecht auch die negative Seite, nämlich das Recht, auf die Teilnahme an der Wahl zu verzichten. Mit Ihrem Vorschlag greifen Sie dann allerdings in die negative Seite des Wahlrechts ein, indem Sie die Entscheidung der Nichtwähler, an der Bestimmung der Zusammensetzung des Parlaments nicht teilzunehmen, revidieren und sie eben doch (zwangsweise) einbeziehen.

Zu Ihrer Erwiderung zu 3.: Selbstverständlich wird die Regierungsbildung erschwert, wenn Ihr Vorschlag umgesetzt wird, zumal Minderheitsregierungen nicht zur Tradition dieses Landes zählen. Das wurde auch bei der schwierigen Regierungsbildung im Jahr 2018 deutlich, während derer ja die Bildung einer Minderheitsregierung seitens der CDU/CSU durchaus diskutiert wurde. Aber auch wenn Sie sagen, daß sich die Regierung ständig Mehrheiten unter den Nichtwähler/innen suchen muß, führt dies eben zu mangelnder politischer Profilierung im Ergebnis und dürfte die Wahlbeteiligung weiter absenken.

Zu Ihrer Erwiderung zu 4.: Mein Exkurs auf den Lobbyismus sollte darauf verweisen, welche alternativen Möglichkeiten es aus meiner Sicht gibt, der Politikverdrossenheit und damit einhergehender niedriger Wahlbeteiligung entgegenzuwirken. Im übrigen ist das Problem sinkender Wahlbeteiligung in den letzten Jahren weniger virulent geworden, sondern im Gegenteil: Bei der Bundestagswahl 2017 hatte die Wahlbeteiligung wieder zugenommen, und dieser Trend ist auch bei Landtagswahlen in der letzten Zeit sichtbar geworden. Das bedeutet nicht, daß die Wahlbeteiligung nicht noch besser werden könnte, aber es zeigt, daß hier etwas in Bewegung geraten ist.

Ich bin nach wie vor dafür, daß eventuell vorhandene Probleme innerhalb des Systems gelöst werden statt mit einem so schweren und verfassungsrechtlich problematischen Eingriff in das Wahlrecht möglicherweise die Akzeptanz der Demokratie aufs Spiel gesetzt wird.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (26.01.2021, 08:42)
sebastiantschmidt hat geschrieben:
Warum machen die Abgeordneten denn jetzt einen anstrengenden Wahlkampf, die ganzen Parteitage etc.?
Weil sie die Welt verbessern wollen, weil sie von einer Idee überzeugt sind, etc. Ich glaube nicht, dass Leute, die sich in Parteien engagieren, das einstellen werden.

Die Wahrscheinlichkeit als Nichtwähler in den Bundestag einzuziehen wäre übrigens 1:100 000, also da ist es schon einfacher, als Engagierter über eine Partei in den Bundestag zu kommen.


Es geht mir nicht darum, daß sie damit aufhören würden, sondern mein Punkt ist, daß durch Ihren Vorschlag gerade diejenigen belohnt werden, die sich nicht einmal die Mühe machen, zum Wahllokal zu gehen, während sich die Abgeordneten einsetzen, programmatische und politische Arbeit leisten. Auch das schafft ein Zwei-Klassen-System unter den Abgeordneten, das unserer Verfassung fremd ist.

mtg hat völlig Recht: Ihr Vorschlag ist nicht zu Ende gedacht.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (27.01.2021, 10:40)
Kleine Anmerkung: Ihre Graphiken (die ich aus der Leseprobe zu Ihrem Buch kopiert habe) sind ungenau. Hier, bei der Graphik zur Bundestagswahl wird der Eindruck erweckt, sie habe 2018 stattgefunden (tatsächlich fand sie im Herbst 2017 statt).

Graphik_BT.jpg
Bundestagswahl


Gleiches gilt für die Wahl in Nordrhein-Westfalen, wo die Landtagswahl im Mai 2017 stattfand. Die Bürgerschaftswahl in Hamburg fand hingegen 2020 statt.

Graphik_LT.jpg


Überdies zeigen Ihre eigenen Graphiken, daß das Problem rückläufiger Wahlbeteiligung bei den letzten Wahlen kleiner geworden ist.

Sie sollten aus meiner Sicht das Buch ohnehin noch einmal überarbeiten, denn allein schon in der Leseprobe reißen Sie Themen an, ohne sie im Detail auszuführen. Sie schreiben, daß die Motive der Nichtwähler/innen unklar seien, halten es jedoch für erwiesen, daß die Zahl der absichtlichen Nichtwähler sich verdoppelt habe.

Im übrigen würde ich auch Ihre These, daß wir in einer Zeit leben, in der Politik im Leben der meisten Menschen keine große Rolle spiele, bestreiten. Dagegen spricht allein schon die steigende Wahlbeteiligung der letzten Jahre und gerade jetzt in der Corona-Zeit spielt Politik im Leben vieler Menschen eine sehr bedeutende Rolle.

Es wäre grundsätzlich schöner, wenn Sie Ihren Behauptungen hinsichtlich wachsender Politikverdrossenheit und der Zusammensetzung der Nichtwähler/innen Quellen unterlegen könnten, aus denen Sie das beziehen. Oder lesen Sie das alles allein aus der Zahl der Nichtwähler/innen ab? Beim Lesen der Leseprobe hat mich dieser Eindruck ein wenig beschlichen.

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Udo Ehrich
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Re: Nichtwähler ins Parlament!

von Udo Ehrich (27.01.2021, 10:50)
Um nicht mißverstanden zu werden: Ich finde es gut, daß Sie sich mit dem Thema auseinandersetzen und sich Gedanken machen, auch wenn ich Ihre Sicht und Ihr Konzept weitgehend nicht teile. Aber wenn Sie ein Buch darüber schreiben, sollten Sie sich stärker auf Quellen stützen und Ihre Details weiter ausführen.

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