Gendergerechte Sprache

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westfriend
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Gendergerechte Sprache

von westfriend (02.03.2021, 16:09)
Hallo liebe MitautorInnen,

Ich hab mal eine Frage. Wie haltet ihr es mit gendergerechter Sprache?

Bei meinem ersten Buch mit Kurzgeschichten habe ich nicht darüber nachgedacht. Die Geschichten sind auch völlig anders entstanden. Sie sind in meinem meinem Kopf gewachsen und ich habe sie aufgeschrieben.

Aktuell schreibe ich meinen ersten Roman und schreibe aus der Sicht des Lesers, was erstaunlich gut klappt. Ich habe mir ein tägliches Target von 500 Worten gesetzt, was ich tatsächlich gut einhalten kann. Auch das ist eine neue Erfahrung. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man sich einfach so an den laptop setzen und drauflos schreiben kann.

Gendergerechte Sprache ist im Moment in den Medien. Ich für mich brauche das eigentlich nicht, benutze aber meistens das Binnen-I. Im Roman finde ich, dass es die Dramaturgie negativ beeinflusst. Aber vielleicht liegt das nur an mir, weil mir die gendergerechte Sprache eigentlich nichts bedeutet. Mir kommt es mehr auf den Inhalt an als auf die Formalismen.

Was meint ihr dazu?

Herzliche Grüße

Claudia

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mtg
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Re: Gendergerechte Sprache

von mtg (02.03.2021, 17:39)
Hallo Claudia,

auch wenn ich Gendergerechtigkeit für wesentlich mehr als »Formalismus« halte … man darf sich durchaus mal Gedanken über den Sinn der Sache machen … halte ich diese Frage bei Romanfiguren für obsolet.

Gendergerechte Sprache sollte verwendet werden, wenn die angesprochenen Personen unterschiedliche Geschlechter haben, also eine heterogene Menge sind. In einem Roman wird zumeist eine Geschichte erzählt … die heterogene Menge der Leser:innen wird in den seltensten Fällen direkt angesprochen. Sollte es doch so sein, dann wieder … (s.o.)

Figuren in einem Roman sind in den meisten Fällen ziemlich genau definiert; sollte ein Protagonist sich im Buch allerdings mit einem Vortrag, einem Flugblatt oder dergl. wiederum an eine heterogene Menge von Menschen wenden, dann halte ich die Verwendung eines Genderzeichens für durchaus angebracht. Entscheiden sollte das aber immer der Autor. Oder, um dem Formalismus alle Ehre zu geben: in Deinem Fall die Autorin. cheezygrin

Und für alle, die es interessiert: https://www.genderleicht.de/genderzeichen/

westfriend
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Re: Gendergerechte Sprache

von westfriend (02.03.2021, 17:56)
Hallo Matthias,

vielen Dank für die schnelle Antwort. Das kommt dem sehr entgegen, was ich auch gedacht habe. Gendern verändert nicht nur die Sprache, es nimmt dem Text einen Teil seiner Fiktion bzw. Spannung.

Zur gendergerechten Sprache hat sicher jeder seine Meinung. Ich meinte auch nicht, dass er für alle Formalismus ist. Er ist es für mich. Aber andere sehen das anders und deswegen das Binnen-I, wenn nötig.

Herzliche Grüße

Claudia

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Klaus.H
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Re: Gendergerechte Sprache

von Klaus.H (02.03.2021, 19:59)
Gendern ist für mich die Verhunzung des Kulturgutes Muttersprache
Achtung und Wertschätzung meiner Mitmenschen hängt nicht von künstlich erdachten "Zeichen" und Kunstpausen beim Sprechen ab.
Gruß Klaus
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Monika K.
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Re: Gendergerechte Sprache

von Monika K. (02.03.2021, 21:11)
Hallo Claudia,

meiner Meinung nach klingt in einem belletristischen Werk "Leserinnen und Leser" eleganter als "LeserInnen" oder "Leser*innen". Ich kenne zwar keine offizielle Regel dazu, würde aber ähnlich vorgehen wie bei anderen Abkürzungen: In einem Roman kürzt man "zum Beispiel" niemals "z.B." ab, sondern schreibt es grundsätzlich aus. (In Sachbüchern oder anderen Sachtexten sieht die Sache natürlich anders aus.)

Viele Grüße
Monika

edit: Bevor jetzt der Einwand kommt: Ja, "Leserinnen und Leser" ersetzt "Leser*innen" nicht 1:1. Das wollte ich mit meinem Vorschlag nicht behaupten. Es fehlen einige Personen. Ich orientierte mich dabei an "Sehr geehrte Damen und Herren" oder "Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger".
Zuletzt geändert von Monika K. am 02.03.2021, 21:50, insgesamt 1-mal geändert.
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Hannelore Goos
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Re: Gendergerechte Sprache

von Hannelore Goos (02.03.2021, 21:42)
Klaus.H hat geschrieben:
Gendern ist für mich die Verhunzung des Kulturgutes Muttersprache
Achtung und Wertschätzung meiner Mitmenschen hängt nicht von künstlich erdachten "Zeichen" und Kunstpausen beim Sprechen ab.

Typisch männliche Reaktion und Ausrede. Deshalb ist Gendern - wenn auch nicht wirklich in einem Roman mit festgelegten Figuren - im allgemeinen so wichtig.

Leseempfehlung: https://www.fairbuch.de/shop/article/39 ... rauen.html

Gruß
Hannelore

P.S. Die Definition von cis-Männern als "normal" ist verräterisch.
Gendern nein: Bloß weil sich jetzt auch Männer als Bundeskanzlerin bewerben, muss man doch nicht das Wort ändern! :twisted:

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Siegfried
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Re: Gendergerechte Sprache

von Siegfried (02.03.2021, 22:05)
westfriend hat geschrieben:
Was meint ihr dazu?

Herzliche Grüße

Claudia


Bei Gendern stellt sich mir als erstes die Frage: Wer legt eigentlich fest, was gegendert wird und was nicht? Es geht bekanntlich um die Sichtbarmachung der mitgemeinten, aber nicht ausdrücklich genannten Bevölkerungsgruppen (ursprünglich Frauen, mittlerweile auch jene Menschen jenseits der binären Geschlechterdefinition - woran die Genderdiskussion derzeit krankt, siehe die Briefanredezeile "Sehr geehrte Damen, Herren und Diverse").

Simple Zeilen in einem Roman wie "Jeder Zuschauer im Stadion sah, wie der Mann über den Fußballplatz rannte." ist nicht genderkorrekt, besagt dieser Satz doch, dass nur Männer im Stadion sind ("Jeder" = männlich; "Zuschauer" = männlich; generisches Maskulinum)

Andere Zeilen eines Romans verstoßen ebenfalls eindeutig gegen das Gendern: "Fahrzeug um Fahrzeug krachte in die Unfallstelle. Mehrere Autofahrer wurden durch die Frontscheiben auf die Straße geschleudert." - Also nur Männer (generisches Maskulinum "Autofahrer").

Es gibt aber auch das generische Femininum, also eine weibliche Form, die nach dem Verständnis des Gendern die Männer nicht repräsentiert. Typisches Beispiel: "Die Person" = generisches Femininum. Männer sind mitgemeint, werden aber nicht ausdrücklich genannt. Also kein genderkorrekter Ausdruck. Eine männliche Variante ("Personerich"? cheezygrin ) gibt es nicht. Gleiches gilt für Sammelbezeichnungen wie "die Menschheit" oder "die Bevölkerung" - beides generisches Femininum.

Problematisch wird das Gendern bei für das Deutsche typische zusammengesetzte Wörter. Ist "der Bürgersteig" nur für Männer (wegen "der Bürger")? Müsste es genderkorrekt nicht "der Bürger*innensteig" heißen? Woraus besteht "die Nachbarschaft"? Nur aus Männern wegen "der Nachbar"? Schwierig.

Dazu kommt beim Gendern die Problematik des Partizip Präsens. Um das Gendersternchen zu vermeiden, wird ins Partizip Präsens ausgewichen. Aus "Studenten" und "Studentinnen" wird "Studierende", aus "Lehrer" und "Lehrerinnen" wird "Lehrende". Nur beschreibt das Partizip Präsens eine gerade jetzt in diesem Moment stattfindende Tätigkeit. Ein "Autofahrender" fährt genau in diesem Moment mit seinem Auto, ein "Autofahrer" bzw. eine "Autofahrerin" kann auch auf dem Sofa sitzen, ohne die Eigenschaft zu verlieren.

Eine weitere Gendervariante wurde von drei Jahren diskutiert: Gendern über das Diminuitiv. Alle Bezeichnungen, die Männer und Frauen trennen, werden verkleinert und gehen damit ins Neutrum: "Das Präsidentchen", "das Bundeskanzlerchen", "das Polizistchen". Keine männliche, keine weibliche Bezeichnung mehr.

Ungelöst bleibt die genderkorrekte Sprachregelung bei den Diversen. "Herr Meier" - "der Meier", "Frau Müller" - "die Müller", "??? Lehmann" - "??? Lehmann". Auch die genderkorrekte Sprache blendet ganze Bevölkerungsgruppen aus.

Und zum Schluss ein Witz: Dürfen genderbewusste Frauen eigentlich männliche Berufsbezeichnungen als Namen tragen? Müsste "Frau Müller" nicht "Frau Müllerin" heißen? In den slawischen Sprachen ist das so: Herr Sokolov ist mit Frau Sokolova verheiratet. Vergleiche dazu auch die isländische Namenfindung mit "-son" für Männer und "-dottir" für Frauen.

Letztlich bleibt die Frage, wer festlegt, was gegendert wird. Momentan sehe ich nur Willkür, was das genderkorrekte Schreiben enorm erschwert: "Der Mensch" - "Die Menschin"? (vgl. im Duden "der Gast" - "die Gästin").
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Hannelore Goos
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Re: Gendergerechte Sprache

von Hannelore Goos (03.03.2021, 08:36)
thanks:

Mark Twain: Der Schrecken der deutschen Sprache.

Gruß
Hannelore
Gendern nein: Bloß weil sich jetzt auch Männer als Bundeskanzlerin bewerben, muss man doch nicht das Wort ändern! :twisted:

westfriend
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Re: Gendergerechte Sprache

von westfriend (03.03.2021, 10:11)
Guten Morgen,

Vielen Dank für eure Antworten. Gendern ist offensichtlich noch ein weites Feld, auf dem viele Fragen noch geklärt werden müssen. Ich werde also meine Geschichte erst einmal so wie bisher weiterschreiben und darauf verzichten.

Habt alle einen schönen Tag heute :)

Claudia

Franz Hose
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Re: Gendergerechte Sprache

von Franz Hose (03.03.2021, 11:39)
Lasst mich dazu auf diesem Tweet verweisen
https://twitter.com/katjaberlin/status/ ... 2402477056

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Siegfried
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Re: Gendergerechte Sprache

von Siegfried (03.03.2021, 13:32)
Franz Hose hat geschrieben:
Lasst mich dazu auf diesem Tweet verweisen
https://twitter.com/katjaberlin/status/ ... 2402477056


Fundstelle aus dem Tweet:

Oliver Rautenberg am 1. März 2021 hat geschrieben:
Wegen fehlender Wirknachweise: Franzosen beenden Kassen-Erstattung für homöopathische und anthroposophische Mittel. Ärzt_innen sind erfreut, Hersteller fürchten Jobverluste.


Anhand des Begriffes "Ärzt_innen" gehe ich von einer gegenderten Sprache aus. Aber ...

Frage: Warum beenden ausschließlich französische Männer ("Franzosen") die Kassenerstattung von homöopathischen Mitteln?

Frage: Warum werden homöopathische Mittel ausschließlich von Männern ("Hersteller") produziert?

Entweder müssen "Franzosen" und "Hersteller" gegendert werden oder "Ärzt_innen" ist überflüssig. Aber bitte nicht so einen Mischmasch. Kernfrage: Wer legt fest, was gegendert wird und was nicht?

Ach ja ... Spricht irgendjemand seine/ihre Ärztin mit "Frau Doktorin" an? cheezygrin

Nachdenkliche Grüße

Siegfried
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westfriend
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Re: Gendergerechte Sprache

von westfriend (03.03.2021, 13:47)
Siegfried hat geschrieben:
Franz Hose hat geschrieben:
Lasst mich dazu auf diesem Tweet verweisen
https://twitter.com/katjaberlin/status/ ... 2402477056


Fundstelle aus dem Tweet:

Oliver Rautenberg am 1. März 2021 hat geschrieben:
Wegen fehlender Wirknachweise: Franzosen beenden Kassen-Erstattung für homöopathische und anthroposophische Mittel. Ärzt_innen sind erfreut, Hersteller fürchten Jobverluste.


Anhand des Begriffes "Ärzt_innen" gehe ich von einer gegenderten Sprache aus. Aber ...

Frage: Warum beenden ausschließlich französische Männer ("Franzosen") die Kassenerstattung von homöopathischen Mitteln?

Frage: Warum werden homöopathische Mittel ausschließlich von Männern ("Hersteller") produziert?

Entweder müssen "Franzosen" und "Hersteller" gegendert werden oder "Ärzt_innen" ist überflüssig. Aber bitte nicht so einen Mischmasch. Kernfrage: Wer legt fest, was gegendert wird und was nicht?

Ach ja ... Spricht irgendjemand seine/ihre Ärztin mit "Frau Doktorin" an? cheezygrin

Nachdenkliche Grüße

Siegfried



Hallo Siegfried und vielen Dank für diese nachdenklich stimmenden Einwürfe.

Das ist offensichtlich noch ein weites Feld. Meine Befürchtung geht dahin, dass das ein ebensolches Chaos wird, wie die Rechtschreibreform. Am Ende schreibt jeder einfach nur noch nach persönlichem Gusto.

Ich hatte Ärztinnen in Deutschland und habe diese vollständig mit Frau Doktor (Nachname) angesprochen. Ich denke, das würde auch in heutigen Genderprüfungen bestehen. Hier in UK habe ich das Problem weniger, weil sowieso oft nicht zwischen männlich und weiblich unterschieden wird. Doctor, friend, colleague, spouse uvm.

Liebe Grüße

Claudia

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mtg
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Re: Gendergerechte Sprache

von mtg (03.03.2021, 17:51)
Falls es doch jemanden gibt, der sich mit dem Thema befassen möchte:

https://www.maenner.media/gesellschaft/ ... PiKevAFxlQ

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Monika K.
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Re: Gendergerechte Sprache

von Monika K. (03.03.2021, 18:03)
Ja, ich. Danke für die beiden Links, Matthias.

Zwei Bauarbeiter machen Feierabend.
Fragt der eine: "Kommst du noch mit auf ein Bier?"
"Nee, ich bin schwanger."
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

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Siegfried
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Re: Gendergerechte Sprache

von Siegfried (03.03.2021, 18:37)
Letztendlich ist Gendern der sprachliche Ausdruck, dass sich jemand (als Gruppe) diskriminiert fühlt: "Ich/wir sind nicht angesprochen".

Das Gefühl der Diskriminierung greift um sich. Und führt daher zu teilweise monströsen Folgen Gendern ist dabei noch vergleichsweise harmlos.

Die markanteste Folge ist die Dekonstruktion. Begriffe, die bisher galten, dürfen/sollen nicht mehr genutzt werden. Bestehende naturwissenschaftliche Zustände werden als unnatürlich empfunden, zerlegt (dekonstruiert) und durch andere Bezeichnungen und Definitionen ersetzt. Ein Beispiel: Nicht das biologischen Geschlecht gemäß des Chromosomen-Satzes bestimmt den Menschen, sondern das gefühlte Geschlecht. In New York City sind derzeit 31 verschiedene Geschlechter anerkannt - Tendenz steigend - und wehe, eines dieser Geschlechter wird nicht beachtet. Macht 250.000 US-Dollar Geldstrafe. Die Folge: Eltern werden wegen der Erziehung ihrer Kinder angegriffen, weil sie den Jungen zum Jungen aufgrund seiner DNA erziehen und nicht, wie sich das Kind fühlt (dito Mädchen). Solchen "Rabeneltern" sollte das Erziehungsrecht aberkannt werden.

In der Literatur - also unser Thema hier - besteht ein gesellschaftlicher Druck, bestimmte Vokabeln und Formulierungen nicht mehr zu benutzen. Auch rückwirkend. Mark Twains Bücher, in denen ein "Nigger Jim" vorkommt, werden umgeschrieben - oder nur mit entsprechendem Warnhinweis angeboten. Der Fakt, dass man in den 1850ern so von dunkelhäutigen Menschen gesprochen hat, wird ignoriert (dekonstruiert). Selbst "Onkel Toms Hütte" steht inzwischen wegen "unangemessenem Sprachgebrauch" in einzelnen Bundesstaaten der USA auf dem Index. Inzwischen brüsten sich Lehrer und Lehrerinnen damit, dass klassische Autoren wie Homer oder Shakespeare wegen ihres überholten Frauenbildes nicht mehr an amerikanischen High Schools gelesen werden dürfen - also aus dem Kanon des Englischunterrichts entfernt wurden (Salingers "Fänger im Roggen" hat es übrigens auch erwischt).

Jetzt werden Autoren und Autorinnen angehalten, bestimmte Formulierungen in ihren Texten nicht mehr zu benutzen. Es geht um den Vergleich mit Lebensmittel. Also den Farbvergleich mit Lebensmittel. Wenn jemand "eine Hautfarbe wie Milchkaffee" hat, ist das diskriminierend (oder es wird zumindest so empfunden). Ebenso alles, was in Richtung Schokolade geht. Die Begründung: Kaffee und Schokolade (also Kakao) sind Produkte, die mit der Sklaverei verbunden sind (ich dachte immer, dass Baumwolle, Zucker und Tabak in Zusammenhang mit der Sklaverei stehen - aber wieder was gelernt). "Mandelförmige Augen" sind erlaubt, ebenso die "Hautfarbe wie Ebenholz". Oder der "olivfarbene Hautteint". Keine Diskriminierung. Warum auch immer.

Doch jetzt kommt, was das Diskriminierungsempfinden angeht, der absolute Höhepunkt. Wer hat gewusst, dass die Grundaxiome der Mathematik, also "1 + 1 = 2" oder "2 + 2 = 4" Ausdruck der "White Supremacy Culture" sind? Also Teil der "Überlegenheit der Weißen"? In den USA wurde festgestellt, dass es Leistungsunterschiede zwischen der weißen Bevölkerung und den PoC (People of Color) gibt. PoC sind in der Mathematik markant schlechter als weiße Schüler/innen. Der Grund dafür wurde schnell gefunden: "Die Idee von 2 + 2 = 4 hat kulturelle Gründe. Als Folge von westlichem Imperialismus/Kolonisierung halten wir sie für das einzig Richtige" (aus der FAZ 02.03.2021). Dass 2 + 2 = 4 ist, das ist durch die Hautfarbe derer bestimmt, die die Mathematik entwickelt haben. Folglich fühlen sich viele Menschen wegen ihrer Hautfarbe beim Matheunterricht mit den vorgegebenen Ergebnisse diskriminiert.

In Oregon gibt es jetzt "Ethno-Mathematik". Anweisung von oben: "Ein Ziel der Fortbildung solle daher sein, für jede Aufgabe mindestens zwei Ergebnisse zu erarbeiten". Und: "Das Konzept, dass Mathematik rein objektiv ist, ist eindeutig falsch". (beides Zitate aus dem o. g. FAZ-Artikel).

Ursache für diese Anpassung des Unterrichts ist die Erkenntnis, dass alle Probleme aufgrund von Rassismus zu bewerten sind und eine "Entkolonialisierung" des Unterrichts zu erfolgen hat. Es genügt, wenn sich jemand diskriminiert fühlt ("Pythagoras war Weißer - wie kann er seine Theorie Farbigen aufzwingen?"), schon wird der auslösende Gegenstand der Diskriminierung beseitigt. Nicht Fakten zählen ("2 + 2 ist eben exakt 4"), sondern persönliche Empfindungen. Sie bestimmen, was getan werden darf und was nicht. Naturwissenschaften haben es in dieser Welt zunehmend schwerer.

Darf ich jetzt überhaupt noch irgendwelche Berechnungen durchführen, ohne dabei wer-weiß-wen zu diskriminieren?

Schade, dass ich in meiner Schulzeit nicht wusste, was mich alles im Unterricht diskriminiert hat. Wahrscheinlich habe ich deshalb die eine oder andere Klassenarbeit versaut.

Wir sind auf einem merkwürdigen Weg.

Grüblerische Grüße

Siegfried

Quelle: https://zeitung.faz.net/faz/deutschland ... 5/?GEPC=s5
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