Warum genau das?

Euer Forum rund um kreatives Schreiben, lesergerechtes Texten und spannende Plots.


Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5919
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Warum genau das?

von Siegfried (11.03.2021, 18:56)
Ich wende mich mit diesem Text an alle Autoren (m/w/d), die belletristische Texte verfassen. In einer aktuellen Diskussion, ausgelöst durch die Ereignisse um das Buch "American Dirt" von Jeanine Cummins***, wurde ich gefragt, warum ich gerade diese Geschichte so schreibe, wie ich sie schreibe. Warum benutze ich in meiner Geschichte einen bestimmten Ort mit einer bestimmten Figur in einem bestimmten kulturellen und historischen Umfeld? Wäre es nicht sinnvoller, alles zu neutralisieren?

*** Jeanine Cummins hat den Roman "American Dirt" geschrieben, in dem es um die Geschichte einer mexikanischen Frau - Buchhändlerin aus Acapulco - geht, die vor einem Drogenkartell flieht und in die USA geht. Das Buch ist Anfang 2020 erschienen und wurde in den höchsten Tönen gelobt: "Ein atemberaubender Roman über Gefahr, Liebe und Überleben" (New York Times); "American Dirt ist ein verdammt großartiger Roman über eine starke Frau auf der Flucht mit ihrem wunderbaren Jungen. Einfach phantastisch" (Stephen King); "Es ist kaum vorstellbar, dass es dieses Jahr einen eindringlicheren und politisch relevanteren Roman geben wird" (The Observer). Das Buch ist nachVeröffentlichung auf Platz 1 der Belletristik-Hitliste in den USA gelanden. Dann brach der Shitstorm los: Wie kann Jeanine Cummins es wagen, als weiße US-Amerikanerin über das dramatische Schicksal einer Mexikanerin zu schreiben? Jeanine Cummins betreibt "cultural appropriation" ("kulturelle Aneignung").
https://www.deutschlandfunkkultur.de/de ... _id=475134


Aus der Diskussion um dieses Buch heraus erhielt ich Aussagen wie:
- Warum überlasse ich es nicht den Betroffenen ihre eigenen Geschichten zu schreiben?
- Warum muss ich als Laie hingehen und versuchen, ausgerechnet dieses Fremdpsychische in eine Geschichte zu drechseln?
- Es gibt so viele andere Möglichkeiten, Flucht und Migration zu zeigen, ohne dabei an Kulturen und Kontexte zu rühren, die man als außenstehende Person unmöglich nachvollziehen kann.
- Zum Beispiel könnte die Geschichte in einem erfundenen Land spielen, mit einer erfundenen Kultur.

Wenn das der zukünftige Maßstab für Belletristik ist, dann bleiben nur der autobiografische Roman, Fantasy und Science Fiction als Genres übrig.

Was macht ihr beim Einsatz von Figuren und Orten, die der Realität nachgebildet sind? Fragt ihr euch da wirklich, ob ihr eine simple Hausfrau als simple Hausfrau darstellen dürft oder einen Flüchtling aus Syrien als Figur in einer eurer Geschichten auftreten lasst?

Beste Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

westfriend
Beiträge: 19
Registriert: 30.04.2020, 15:36

Re: Warum genau das?

von westfriend (11.03.2021, 19:53)
Dieser Tage hat sich im Netz jemand darüber beschwert, dass das Erlernen einer Fremdsprache "Cultural Appropriation" sei, weil man sich mit der Sprache auch einen Teil der Kultur aneignen würde. Ich persönlich liebe Fremdsprachen, gerade weil sie auch Teil von fremden Kulturen sind. Ich will mir diese aber nicht aneignen, sondern ich möchte sie verstehen und meiner Ansicht nach ist das ein großer Unterschied. Wir leben jetzt seit über 11 Jahren in UK. Ich bin nicht mehr deutsch, bin aber auch nicht britisch. Ich bin irgendwo dazwischen und habe in den Jahren eine große Sensibilität für andere Länder und Kulturen bekommen, nicht nur für die UK. Wenn man erst Mal aus dem Land gesprungen ist, spielt es sowieso keine Rolle mehr, wohin man geht. Was ist deren Wahrheit? Warum sehen sie die Dinge so, wie sie sie sehen? Von Aneignung keine Spur, sondern der Wunsch nach Verstehen.

Bei allem, dass ich mich aktuell bei meinem ersten Roman auch gefragt habe, ob ich auch Diversität hineinbringen sollte, finde ich, dass wir aufpassen müssen, dass wir nicht einer Nonsense-Spirale verfallen und denjenigen am wichtigsten nehmen, der am lautesten schreit. Gerade im Netz besteht die Gefahr. Das Netz ist aber nicht das wahre Leben. Das beginnt draußen vor der Tür an der Bushaltestelle. :) Eine fiktive Geschichte entsteht im Kopf des Autors. Sicherlich ist das auch dadurch geprägt, was wir erleben, wie wir unser Umfeld wahrnehmen. Trotzdem ist sie erfunden und in diesem Fall offensichtlich gut erfunden.

Noch einen schönen Donnerstag :)

Claudia

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (11.03.2021, 20:02)
Siegfried hat geschrieben:
Was macht ihr beim Einsatz von Figuren und Orten, die der Realität nachgebildet sind? Fragt ihr euch da wirklich, ob ihr eine simple Hausfrau als simple Hausfrau darstellen dürft oder einen Flüchtling aus Syrien als Figur in einer eurer Geschichten auftreten lasst?


Vorab: Wenn dich meine Antwort nicht interessiert, ignoriere sie einfach.

Die Diskussion wird momentan nicht nur im Bereich Belletristik, sondern auch bezüglich Rollenbesetzung bei Filmen geführt. Ich verfolge sie in einem privaten Künstlerforum und beobachte, dass sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Problematisch finde ich generell, dass in beiden Bereichen noch immer keine Chancengleichheit zu herrschen scheint. Wenn also eine bestimmte Personengruppe ständig übergangen wird, reagiert sie besonders gereizt, wenn die Themenbereiche, in denen sie zu Hause ist, auch noch von der ohnehin bereits privilegierten Mehrheit übernommen wird. Schön wäre es, wenn alle alles schreiben bzw. spielen könnten - bei entsprechender fachlicher Eignung und Vorbereitung. Doch dazu wäre die Voraussetzung, dass auch alle dieselben Chancen bei Verlagen oder Castings haben, was momentan noch nicht gegeben ist.

Diese oben genannte Vorbereitung bedeutet in der Belletristik: ausgiebige Recherche selbst der kleinsten Fitzelchen und unbedingt Testleser suchen, die eigene Erfahrungen in dem Bereich haben. Doch genau da hapert es oft. Viele Autor*innen glauben ganz naiv, sich mit einem Thema auszukennen, und wiederholen doch nur uralte Klischees und verfestigen Vorurteile, die den Betroffenen langsam zum Hals raushängen. Shitstorm vorprogrammiert.

Zur Frage, wie ich vorgehe:
Recherche, Recherche und nochmal Recherche. Ja, damit habe ich als Testleserin oder Mitautorin auch schon Leute in den Wahnsinn getrieben. Doch in meinen Augen darf man die künstlerische Freiheit nicht überstrapazieren. Wir sollen zwar Gedankenwelten erschaffen, aber keine Vorurteile. Gerade deshalb bin ich extrem unsicher, wenn ich zum Beispiel aus Sicht eines Mannes erzähle, und freue mich wie Bolle, wenn die wenigen männlichen Leser nichts daran auszusetzen haben. In meinen Büchern kommen relativ häufig Homosexuelle vor, einfach weil ich für die Szenen zwei Testleser habe, was zwar keine Garantie ist, mir jedoch ein wenig Sicherheit gibt, nicht versehentlich total ins Klo zu greifen. Doch ich traue es mir trotzdem nicht zu, aus ihrer Sicht zu erzählen. Gleiches gilt für PoC oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich finde es wichtig, in meinen Büchern eine gewisse Vielfalt abzubilden, weil ich es genauso falsch finde, alles rauszuhalten, bei dem man selbst nicht mitreden kann. Doch ich binde diese Menschen im Rahmen meiner eigenen Erfahrungen ein, indem ich nie aus ihrer Sicht erzähle, sondern die Protas, aus deren Sicht ich erzähle, diese Menschen betrachten und ihr Verhalten erleben lasse.

Als Handlungsorte verwende ich nur Orte, die ich selbst gesehen habe. Da reicht es nicht, berühmte Straßen zu erwähnen, die Leute aber einen reichlich deutschen Alltag erleben zu lassen, sondern man muss "Land und Leute" sorgfältig studieren. Ich muss gestehen, dass ich mir mit spärlichen touristischen Erfahrungen und meinen Beobachtungen aus über 20 Jahren Krimi-DVD-Gucken behelfe. Doch ein paar meiner Leser leben dort und würden mir grobe Schnitzer genüsslich unter die Nase reiben, wie sie mir glaubhaft versichern. Wenn ich beim Schreiben unsicher bin, kann ich sie auch um Rat fragen. Ansonsten leistet mir auch Google-Street-View gute Dienste, wenn es z.B. darum geht, ob in einer Straße die Laternen auf dem Gehweg stehen oder an den Häusern befestigt sind. Auch Sichtachsen kann man damit überprüfen.

Als Leserin hatte ich schon mehrmals den Eindruck, dass sich Autor*innen die Sache zu einfach machen. Ihnen scheint nicht bewusst zu sein, dass das Ergebnis oftmals den Eindruck hinterlässt: Fritzchen/Lieschen erzählt, wie es die Welt sieht. Bei dem Beispiel mit der "simplen Hausfrau" könnte man sich z.B. fragen, ob es sie heutzutage überhaupt noch gibt und wozu man das Adjektiv "simpel" in diesem Zusammenhang gebraucht. Würde ein Hausmann dem Buch vielleicht mehr Frische verleihen? Wenn man sich nach diesen Überlegungen trotzdem für eine Hausfrau entscheidet, entspricht sie vielleicht nicht mehr ganz irgendeinem Klischee, sondern man merkt ihr die ergebnisoffene Denkarbeit während ihrer Erschaffung an, was sie automatisch realistischer und lebendiger macht.

Nichts ist tödlicher für ein Buch als unfreiwillige Komik.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

westfriend
Beiträge: 19
Registriert: 30.04.2020, 15:36

Re: Warum genau das?

von westfriend (11.03.2021, 23:18)
"Wenn also eine bestimmte Personengruppe ständig übergangen wird, reagiert sie besonders gereizt, wenn die Themenbereiche, in denen sie zu Hause ist, auch noch von der ohnehin bereits privilegierten Mehrheit übernommen wird. Schön wäre es, wenn alle alles schreiben bzw. spielen könnten - bei entsprechender fachlicher Eignung und Vorbereitung."

Das ist ein wichtiger Punkt.

Benutzeravatar
Volker Meyer
Beiträge: 45
Registriert: 12.05.2020, 07:57

Re: Warum genau das?

von Volker Meyer (12.03.2021, 04:51)
Ich bin der Meinung jeder darf über alles schreiben. Alles andere hielte ich für Zensur. Ob dann das, was jeder über alles schreibt auch gut ist entscheiden letztlich die Leser. Nach Auffassung einiger Kritiker hätte, wenn ich es richtig verstehe, ein Werk wie Onkel Toms Hütte also auch niemals geschrieben werden dürfen. Jedenfalls nicht von der Autorin Harriet Beecher Stowe. Bedenklich, höchst bedenklich meine ich.

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (12.03.2021, 14:04)
Das Wort "dürfen" wird ohnehin für meinen Geschmack sehr inflationär verwendet. Schließlich darf man alles tun, was gegen kein Gesetz verstößt, und alle anderen dürfen das Ergebnis abgrundtief grottig und total daneben finden. Wir leben in einem freien Land. :D

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

Benutzeravatar
Patrick Wunsch
Beiträge: 24
Registriert: 02.08.2020, 09:26
Wohnort: Bielefeld

Re: Warum genau das?

von Patrick Wunsch (28.03.2021, 15:24)
westfriend hat geschrieben:
Wenn also eine bestimmte Personengruppe ständig übergangen wird, reagiert sie besonders gereizt, wenn die Themenbereiche, in denen sie zu Hause ist, auch noch von der ohnehin bereits privilegierten Mehrheit übernommen wird.


Das kann ja alles sein. Trotzdem ist nichts moralisch Verwerfliches daran, über Themen zu schreiben, in denen man nicht "zu Hause" ist, ganz im Gegenteil: Es ist nur verständlich, wenn sich ein Autor mit Dingen auseinandersetzen will, die außerhalb seiner "Komfortzone" liegen. Themen gehören keinem. Gereizt zu sein, gibt einem keine besonderen Rechte. Jedenfalls sollte es das nicht.

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (28.03.2021, 19:15)
Patrick Wunsch hat geschrieben:
Das kann ja alles sein.


Yep. Wenn man ein Zitat aus dem Kontext reißt und immer weiter kürzt, kann es am Ende alles bedeuten. :lol: Wenn man sich hingegen den ganzen Abschnitt in meinem Beitrag durchliest, hat man zumindest die Chance zu verstehen, worauf es sich ursprünglich bezog. Probier's ruhig aus, wenn du mir nicht glaubst.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

Benutzeravatar
Patrick Wunsch
Beiträge: 24
Registriert: 02.08.2020, 09:26
Wohnort: Bielefeld

Re: Warum genau das?

von Patrick Wunsch (29.03.2021, 15:36)
Ich habe den Kontext schon verstanden, danke.

Benutzeravatar
Siegfried
Beiträge: 5919
Registriert: 09.07.2008, 01:14
Wohnort: e-mail: dbs@digibuchservice.de

Re: Warum genau das?

von Siegfried (29.03.2021, 16:41)
Patrick Wunsch hat geschrieben:
Trotzdem ist nichts moralisch Verwerfliches daran, über Themen zu schreiben, in denen man nicht "zu Hause" ist, ganz im Gegenteil: Es ist nur verständlich, wenn sich ein Autor mit Dingen auseinandersetzen will, die außerhalb seiner "Komfortzone" liegen. Themen gehören keinem. Gereizt zu sein, gibt einem keine besonderen Rechte. Jedenfalls sollte es das nicht.


Vorsicht - ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht.

In einem Autorenforum habe ich auszugsweise die Konzeption einer Geschichte vorgestellt. Darin gibt es u. a. eine Figur, die aus Algerien stammt und aufgrund einer Motivation, die ich aus den Anwerbe-Mechanismen der Hamas in Palästina abgeleitet habe, einer radikal-islamischen Organisation anschließt. Auftrag dieses jungen Mannes ist die Durchführung eines Anschlags am Berliner Olympiastadion während eines Fußball-Länderspiels (Vorbild ist hier das Attentat vom 13. November 1995 am Stade de France in Paris). Es gibt natürlich von viel drumherum, der Anschlag ist nur Mittel zum Zweck.

Meine vorgestellte Konzeption wurde regelrecht zerrissen - nicht weil die Idee oder die Handlung schlecht war, sondern weil ich mich erdreistet habe, eine Figur aus Nordafrika, dazu noch muslimischen Glaubens, in die Geschichte einzubauen. Das ist kulturelle Anmaßung. Schlussendlich wurde ich aufgefordert, meine Konzeption einer Prüfstelle vorzulegen. Das habe ich getan. Die Antwort der Prüfstelle war sehr eindeutig: Wieso ich überhaupt so eine Geschichte schreiben würde? Und natürlich würde ich durch diese eine Figur in meiner Geschichte die ganzen Mitglieder einer Religionsgemeinschaft zutiefst beleidigen. Starker Tobak!

Dass diese tatsächlichen Ereignisse in Frankreich, die mich viele Monate und Jahre beschäftigten, in Form einer "What-if"-Geschichte (oder alternative Historie) umgesetzt werden können, war kein akzeptables Argument. Wenn eine wie auch immer geartete Minderheit in einer Geschichte auftritt, muss (!!!) man sich die ausdrückliche Erlaubnis dieser Minderheit einholen. Zitat: "Nicht ohne uns über uns!" Oder man muss von der Geschichte, die man erzählen will, Abstand nehmen. Weiße dürfen nicht über Farbige schreiben; Christen oder Atheisten nicht über Muslime; Männer nicht über Frauen; Einheimische nicht über Flüchtlinge. Wer hat das Recht, über den Völkermord der deutschen Kolonialtruppen im heutigen Namibia zu schreiben? Nur die Herero und Nama.

Ich habe dieser Prüfstelle unmissverständlich erklärt, dass ich das für Zensur halte. Und für Anmaßung. Denn eine Stelle in Deutschland entscheidet, worüber sich die muslimische Gemeinschaft aufregen darf und worüber nicht. Schon recht eigenartig, wie künstlerische Freiheit beschnitten wird. Wäre der Satz nicht zu plump, könnte man sagen: Wehret den Anfängen!

Beste Grüße
Siegfried
Korrektorat: 1,- Euro pro angefangene 1.000 Zeichen // Layout Buchblock: 1,- Euro pro Seite zzgl. 19 % USt. // Buchcover 20,- oder 30,- Euro inkl. 19 % USt. // Sonderpreise auf Anfrage per E-Mail oder PN

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (29.03.2021, 20:18)
Patrick Wunsch hat geschrieben:
Ich habe den Kontext schon verstanden, danke.


Tatsächlich? Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich sehe einen himmelweiten Unterschied zwischen dem von mir im Kontext erwähnten Wunsch nach Chancengleichheit und den "besonderen Rechten", wie du es in deiner Antwort formulierst. In meinen Augen ist es ein beliebtes Mittel, Forderungen nach Gerechtigkeit zu diskreditieren, indem man kurzerhand eine Forderung nach Sonderrechten unterstellt und sich postwendend empört dagegen zur Wehr setzt - im Namen der Gerechtigkeit. Deshalb ist mir der Kontext meiner Aussage so wichtig. Denn es handelte sich bei dem von dir zitierten Abschnitt um meine Aussage, die lediglich von Claudia zitiert und kommentiert wurde. Doch der korrekte Umgang mit Quellen ist offensichtlich nicht jedem in die Wiege gelegt. Das lässt Übles ahnen, wenn beim Schreiben über Themen jenseits der eigenen Lebenserfahrung dieselbe "Sorgfalt" an den Tag gelegt wird. Vielleicht ist genau diese Lässigkeit beim Verwursten fremder Lebens- und Gedankenwelten der Grund für so manchen Shitstorm. Den Schaden haben dann Autor*innen, die tatsächlich gründlich recherchieren und trotzdem nach dem Prinzip "mitgefangen, mitgehangen" angefeindet werden.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (29.03.2021, 20:20)
Siegfried hat geschrieben:
Ich habe dieser Prüfstelle unmissverständlich erklärt, dass ich das für Zensur halte.

Um welche Prüfstelle handelt es sich? Ich habe noch nie von der Existenz einer Prüfstelle für Belletristik gehört.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

Benutzeravatar
Klaus.H
Beiträge: 99
Registriert: 03.11.2017, 21:49

Re: Warum genau das?

von Klaus.H (29.03.2021, 20:54)
diese "Prüfstelle" würde mich auch mal interessieren!
Wer maßt sich soetwas an?
Haben wir schon das Orwellsche Wahrheitsministerium?
Gruß Klaus
__________________________________________________________
Unter Gebetsfahnen, Trekking und Reiseerlebnisse in Nepal
Ein Reiseverführer in ein fantastisches Land
https://unter-gebetsfahnen.de/
https://tsum-valley.de/

Benutzeravatar
Patrick Wunsch
Beiträge: 24
Registriert: 02.08.2020, 09:26
Wohnort: Bielefeld

Re: Warum genau das?

von Patrick Wunsch (29.03.2021, 21:40)
Monika K. hat geschrieben:
Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich sehe einen himmelweiten Unterschied zwischen dem von mir im Kontext erwähnten Wunsch nach Chancengleichheit und den "besonderen Rechten", wie du es in deiner Antwort formulierst.


Aus einem sogenannten "Wunsch" wird schnell eine Forderung, meinst du nicht? Die Gefahr nicht zu sehen, ist entweder naiv oder verschließt absichtlich den Blick vor aktuellen Begebenheiten, siehe Siegfrieds Beitrag, in dem mich (leider) nichts verwundert hat.

Monika K. hat geschrieben:
Doch der korrekte Umgang mit Quellen ist offensichtlich nicht jedem in die Wiege gelegt. Das lässt Übles ahnen, wenn beim Schreiben über Themen jenseits der eigenen Lebenserfahrung dieselbe "Sorgfalt" an den Tag gelegt wird. Vielleicht ist genau diese Lässigkeit beim Verwursten fremder Lebens- und Gedankenwelten der Grund für so manchen Shitstorm.


Der korrekte Umgang mit Quellen ist niemandem in die Wiege gelegt. Das mal nebenbei.

Wichtiger ist der Punkt mit dem "Shitstorm" nach dem "Verwursten fremder Lebens- und Gedankenwelten", die die Realität vielleicht nicht ganz treffen. Da würde ich schon die Legitimität eines Shitstorms in Frage stellen. Selbst wenn der Autor nicht einmal versucht hätte, nach bestem Wissen und Gewissen die Fakten abzubilden – und daran zu seinem eigenen Ärgernis gescheitert wäre –, sondern, nur mal angenommen, mit voller Absicht gewisse Abweichungen eingebaut hätte, wäre das doch seine künstlerische Freiheit. Man kann diese Dinge kritisieren und/oder richtigstellen, aber ein "Shitstorm" beinhaltet meines Erachtens immer eine gewisse Freude daran, sich zu ereifern, sein Beleidigtsein zur Schau zu stellen und Pluspunkte bei Gleichgesinnten zu sammeln.

Eine solche Reaktion auf ein fiktionales Werk ist übertrieben – und etwas, über das ich mir beim Schreiben keinerlei Sorgen mache, im Gegenteil: Ich lade jeden herzlich dazu ein, meine Werke zu lesen mit dem festen Vorsatz, sich durch dieses oder jenes Element auf den Schlips getreten zu fühlen. Gut möglich, dass es in einzelnen Fällen der einzige Grund war, dass ich es eingebaut habe, man stelle sich das mal vor! ;) Zur Diskussion bin ich gern bereit, wenn man auf die Frage, warum ich etwas so oder so geschrieben habe, auch die Antwort akzeptieren kann: "Weil ich es so wollte".

Benutzeravatar
Monika K.
Beiträge: 3699
Registriert: 28.02.2012, 21:45

Re: Warum genau das?

von Monika K. (29.03.2021, 22:17)
Patrick Wunsch hat geschrieben:
Monika K. hat geschrieben:
Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich sehe einen himmelweiten Unterschied zwischen dem von mir im Kontext erwähnten Wunsch nach Chancengleichheit und den "besonderen Rechten", wie du es in deiner Antwort formulierst.


Aus einem sogenannten "Wunsch" wird schnell eine Forderung, meinst du nicht? Die Gefahr nicht zu sehen, ist entweder naiv oder verschließt absichtlich den Blick vor aktuellen Begebenheiten, siehe Siegfrieds Beitrag, in dem mich (leider) nichts verwundert hat.


Was ist an einem Wunsch oder einer Forderung nach Chancengleichheit gefährlich? In meiner Welt ist Chancengleichheit nichts Verwerfliches, das mit aller Macht bekämpft werden muss. :lol:

Übrigens kann ich Shitstorms überhaupt nicht leiden und habe mich noch nie an einem beteiligt. Und jetzt?

Was ich an der ganzen Diskussion noch immer nicht verstehe: Warum schreibt Siegfried nicht einfach sein Buch und veröffentlicht es? Gern auch unter Pseudonym, wenn er mag. Niemand ist hier in Deutschland verpflichtet, seine Ideen von einem Autorenforum oder einer wie auch immer gearteten Prüfstelle genehmigen zu lassen. Wenn man sie freiwillig vorstellt, darf man sich nicht wundern, wenn Jubel und Applaus eben auch mal ausbleiben. Es handelt sich lediglich um Einschätzungen einzelner Personen. Die Kritik kann man nach Lust und Laune beherzigen oder ignorieren. Das ist nämlich der Unterschied zur echten Zensur, die eine Veröffentlichung verbieten kann, und bei Zuwiderhandlung drohen je nach Art und Gestaltung der Diktatur Berufsverbot, Gefängnis oder Todesstrafe. Mir schmeckt die Sache zu sehr nach: "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!" Klar darf man das sagen bzw. schreiben, sofern es sich nicht um Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Volksverhetzung oder ähnliches handelt. (Genauere Definitionen findet man bei Tante Google.) Andere wiederum dürfen das Ergebnis gut oder schlecht finden. Im Gegensatz zu einer Diktatur ist in einer Demokratie nämlich auch niemand verpflichtet, bestimmte Texte ganz toll zu finden.

Viele Grüße
Monika
»Better a witty fool, than a foolish wit.« (Shakespeare’s »Twelfth Night«)

Zurück zu „Textakademie“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.