Das verschwiegene Grauen

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Arno Abendschön
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Das verschwiegene Grauen

von Arno Abendschön (16.10.2022, 11:02)
Zum Schönsten, das Robert Walser geschrieben hat, gehören seine Porträts Berliner Zimmerwirtinnen. Ich würde ihm gern nacheifern, doch fehlt es mir zu der Person, die ich dafür im Auge habe, an Material, an Details, an Hintergrundwissen. Und gerade dieses Defizit ist so bezeichnend, so vielsagend, daher ist es eine vielleicht doch reizvolle Aufgabe, seiner Ursache nachzugehen.

Ich war blutjung und sie gewiss schon über siebzig; schlank, nur mittelgroß, fast zierlich und dabei rüstig. Wenn ich ihr am Monatsersten die Miete in ihr Zimmer brachte, empfing sie mich so, wie sie sich immer verhielt: freundlich und nüchtern, stets ansprechbar, doch kaum einmal zu Gesprächen aufgelegt. Sie war für einen da, sie sorgte für alles, sie machte nie Ärger. Für einen jungen Menschen, den Coming-out und Ausbildung schon ausfüllten – und zwar in dieser Reihenfolge -, war sie die ideale Zimmerwirtin. Man musste sich für ihre Person nicht weiter interessieren. Ihre große Wohnung lag in einer Seitenstraße des vorderen Kurfürstendamms, im dritten Stock des Hinterhauses, das beschönigend Gartenhaus genannt wurde, wie üblich. Drei der fünf Zimmer waren untervermietet, zwei an junge Männer – ich hatte das prächtigste von allen – und eines an ein altes Ehepaar.

Einige Wochen nach meinem Einzug weihte mich die Untermieterin neben mir in Geheimnisse der Wohnung und ihrer Inhaberin ein. Sie senkte die Stimme in dem großen Durchgangzimmer, das alle benutzten: „Fräulein S … ist Jüdin. Sie war in einem Lager und hat überlebt. Sie ist zurückgekommen.“ Ich erfuhr noch, die Vermieterin sei Sekretärin in jener Warenhausfirma gewesen, der auch das Miethaus gehörte, in dem wir lebten. Heute weiß ich, es war ein jüdisches Familienunternehmen, unter Hitler arisiert, nach dem Krieg restituiert und inzwischen untergegangen.

Fräulein S … hatte also den Holocaust überlebt – das war überraschend, vielleicht bewegend, in jedem Fall wissenswert. Nur änderte es für mich nichts, weder in meinem Verhalten noch in meiner Perspektive auf die Zimmerwirtin. Ich konnte damals den Wittenbergplatz nicht passieren, ohne dass mein Blick kurz ehrfürchtig an der mahnenden Tafel mit der Liste der Vernichtungslager hängenblieb: Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen … (Befand sie sich damals nicht am Straßenrand, nicht wie heute zentral am westlichen U-Bahn-Zugang?) Aber über jenes Lager, dem die Vermieterin entkommen war, wurde bei uns nie gesprochen. Sie selbst erwähnte die Zeit nicht einmal und ich dachte auch nicht darüber nach, geschweige dass ich eine Frage gestellt hätte. Es war kein Tabu – die Vorstellung von Auschwitz und Treblinka war nicht kompatibel mit dieser nüchternen, kultivierten, dabei bescheiden wirkenden alten Frau. Ich erfuhr insoweit gar nichts in den zehn Monaten bei ihr und es kümmerte mich auch nicht.

Heute würde ich sie gern nach ihrer Zeit im Lager befragen, auch nach den Jahren unmittelbar davor und danach. Hatte sie Verwandte verloren? Lebten wir damals alle in der Wohnung ihrer Eltern? (Die schönen Möbel stammten zum Teil von der Jahrhundertwende.) Aber ich weiß auch, warum wir damals nicht darüber sprachen: Wäre das Grauenvolle thematisiert worden, wir hätten nicht nur nicht mehr unbefangen bei ihr leben können, es wäre vielleicht überhaupt unmöglich gewesen. Einer Überlebenden in einem großen Saal zuzuhören, wenn sie ihr Schicksal vor vielen ausbreitet, das scheint erträglich – aber dann täglich mit ihr die Wohnung, die Küche, das Bad teilen? Das Monströse ihres Schicksals, von ihr selbst unverschuldet, ist nicht gänzlich von der Person zu trennen. Die unsichtbaren Toten, die sie umgeben, werfen ihre Schatten, uns verstörend. Wenn ich ihr Zimmer betrat, war sie still mit Papieren beschäftigt, hatte vielleicht ruhig aus dem Fenster in den Hof geschaut oder auf die Wand. Heute erst glaube ich die stumme, kaum merkbare Reserve zu verstehen, mit der sie sich umgab und schützte. Sie blieb das Opfer und wir, wenn wir jung waren, waren vielleicht die Kinder und Enkel von Tätern.

Sie löste ihren Haushalt auf und zog ins Süddeutsche, wo Verwandte von ihr lebten, erfuhr ich. Die viel zu große Wohnung war nicht länger finanzierbar. Beim Abschied zeigte sie ihre Zufriedenheit und wurde erstmals ein wenig persönlich. Sie ermunterte mich: „Bleiben Sie so brav, wie Sie hier waren.“ Wahrscheinlich wäre sie enttäuscht worden, auch von mir.
Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt. (Alfred Polgar)

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