Der Samowar

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Versailles
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Der Samowar

von Versailles (08.04.2008, 22:09)
Ein Messingtablett, leicht geschwungen; ein rundes Schälchen, mit Fuß, als Tropfenfänger; ein Messingkorpus, mit Pik-förmigen Ornamenten durchbrochen, zwei Henkel, einen Kran und einen Aufsatz tragend; eine Messingkanne. Sie passt in meine Hand.

Ich entzünde den Docht eines Teelichtes, schiebe die Aluminiumhülle mit Daumen und Zeigefinger in die Öffnung am Fuß des Korpus. Die Flamme flackert unruhig, sammelt und erhebt sich.
Ein mechanisches Klacken übertönt das brodelnde Wasser im Schnellkocher. Behutsam hebe ich die Messingkanne mit dem Aufsatz hoch, giesse das kochende Wasser in den Korpus und verschliesse es mit dem Aufsatz. Der Korpus wird augenblicklich heiß.

In die Kanne gebe ich drei Teelöffel losen Tee. Zariza heisst er. Zarin. Samowartee ist die offizielle Bezeichnung. Eine Mischung aus südchinesischen und nordindischen Tees, veredelt mit handgerollten Teeperlen aus dem Reich der Mitte. Ich liess einen Rest des kochenden Wassers abkühlen und giesse es nun zu den losen Teeblättern und Perlen, lege den Deckel auf.

Vorsichtig balanciere ich das Konstrukt aus Tablett, Schälchen, heissem Messingkorpus und Zariza-Tee zum Tisch, stelle es ganz langsam ab. Der Tee darf ziehen, ich ziehe mich um. Straßenschuhe aus, die dicken Wollsocken an. Die Bluse tausche ich gegen T-Shirt und Strickjacke. Ich nehme eines der flachen, hauchdünnen Porzellantässchen aus der Vitrine, dazu die Zuckerschale mit dem silbernen Löffel. Zweimal lasse ich Zucker in die Tasse rieseln, giesse den hochkonzentrierten Tee aus der Kanne. Den Deckel halte ich mit einer Fingerspitze fest.

Ich rühre bedächtig um. Das Wasser im Messingkorpus, warm gehalten von dem Teelicht, wird das Konzentrat so weit verdünnen, bis es wie Balsam meine Lippen berührt und die Zunge umspielt.

Ich puste langsam auf die Oberfläche des Tees. Vertraute Handgriffe, vertraute Gesten. Meine Zunge feuchtet erwartungsvoll die Lippen an. Der Rand nähert sich, prüfend, er darf mich nicht verbrühen. Der erste Schluck Zariza. Im Alltag verloren, tauchen Bilder in meiner Phantasie auf. Dunkelrotes Holz und Kristalllüster, Kammerkonzerte und Teegesellschaften am Zarenhof.

Er ist wahrhaft perfekt, dieser erste Schluck. Er ist süß und warm. Ich lehne mich zurück, schliesse die Augen, koste ihn aus. Momente wie dieser sind kostbar wie die handgerollten Teeperlen. Sie sind kostbar wie der Freund, der mir mit dem Samowar die Träume schenkte.


März 2008
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Birgit Fabich
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Re:

von Birgit Fabich (08.04.2008, 23:26)
hätte ich das gewusst, naja
Du gibst mir ja noch eine Chance und dann bin ich dabei... zwinker::

Versailles
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Re:

von Versailles (09.04.2008, 23:20)
gern zwinker::
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mtg

Re: Der Samowar

von mtg (10.04.2008, 09:15)
It's tea-time! Meine Güte - die Entspannung duftet ja bis hierhin! Ist das eigenes Erleben oder vertreibst Du neuerdings eine Teesorte namens Zarin? cheezygrin

Mit dieser kleinen Geschichte ist immer und überall five o'clock...

thumbbup

Matthias

Versailles
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Re:

von Versailles (10.04.2008, 12:25)
Hallo Matthias,

lieben Dank für dein "Schnupper"-back (Feedback) :wink: ja, mitunter leiste ich mir den Luxus, in aller Ruhe Tee zu trinken.

oder vertreibst Du neuerdings eine Teesorte namens Zarin?
du bringst mich auf eine interessante Idee zwinker::

Liebe Grüße
Amalia
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Birgit Fabich
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Re:

von Birgit Fabich (10.04.2008, 12:30)
Matthias,
Amalia stimmt sich nur ein für ihre neueste Idee,
den neuen Plot in die Nähe von Moskau oder Petersburg oder etwa doch nach Paris zu verlegen???

Wie heißt es so schön,
da können wir nur warten und derweil Tee trinken und natürlich lesen
Gruß Birgit book:

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (10.04.2008, 12:46)
thumbbup cheezygrin .
Vor allem deshalb, weil du "Das Machen" des Tees so schön beschreibst. Tee ist gesund, ganz klar, aber es ist eben nur 50% des Ganzen. Sich die Ruhe und die Zeit zu nehmen, sich zurückzulehen und zu genießen, das sind die zweiten 50%.
Wir furchtbar ist da diese Werbung, in der diese gräßlichen Teebeutel lieblos in irgendwelche Kaffebecher geschmissen werden. :shock:: . Die Leute haben keine Ahnung. Wenns um Tee geht, ist es eben nicht mal mit "schnell, schnell" gemacht.

Aus einem Samowar habe ich bisher noch keinen Tee getrunken. Ich bevorzuge grünen Tee (Long ching, Li Zi Xiang, Sencha, Mao Feng, auch mal Gyokuro, wenn ich ihn mir leisten kann.) Und natürlich Pu-Erh-Tee. cheezygrin

Inzwischen habe ich sogar dem Kaffee abgeschworen. Seit 10 Jahren trinke ich nun Tee, und ich möchte ihn nicht missen.

("It pays to buy good Tea!")

Lieben Gruß
Hakket

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Apegon
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Re:

von Apegon (10.04.2008, 13:19)
Hakket : Da kennst du mein "Babak Special Tea live from Persia..." nicht.
Da müssen wir demnächst zusammen trinken und du wirst nie wieder was anderes trinken wollen angle:
Ich habe auch, wie es sich für einen Perser gehört eine wunderbare 70 Jahre alte Wasserpfeiffe :wink:
pendare nik, goftare nik, kerdare nik

Versailles
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Re:

von Versailles (10.04.2008, 13:29)
Bei grünem, weißem und Roibos kenne ich mich nicht aus, aber die Namen klingen wunderbar exotisch und vielversprechend. Ich weiß nur, dass auch dort die Zeremonie des Zubereitens etwas Besonderes ist.
Ich hatte immer schon ein Faible für schwarzen Tee. Darjeeling - mit einem Hauch Zucker.

Sich die Ruhe und die Zeit zu nehmen, sich zurückzulehen und zu genießen, das sind die zweiten 50%.
absolut - und die lassen sich mit einem im Samowar aufgebrühten Tee beinahe endlos hinziehen ... mmmh

Na, Birgit, jetzt werde ich mich aber dennoch nicht hinreissen lassen und etwas verraten cheezygrin
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Versailles
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Re:

von Versailles (10.04.2008, 13:33)
Babak Special Tea live from Persia
bin neugierig! Woraus besteht die Mischung??
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Irrlicht
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Re: Der Samowar

von Irrlicht (10.04.2008, 13:36)
Eine sehr schöne, liebevolle Beschreibung, die mich als Leser erfolgreich einfängt.

Zwei Kleinigkeiten fallen mir auf:

Versailles hat geschrieben:
Ich liess einen Rest des kochenden Wassers abkühlen und giesse es nun zu den losen Teeblättern und Perlen, lege den Deckel auf.


Das Imperfekt stört hier.
Und:


Versailles hat geschrieben:
Meine Zunge feuchtet erwartungsvoll die Lippen an. Der Rand nähert sich, prüfend, er darf mich nicht verbrühen.
März 2008
© Amalia Koslowski


Was prüft der Rand denn?


Ansonsten: thumbbup

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (10.04.2008, 14:21)
Hallo Amalia,

es ist wunderbar nachvollziebar mit welcher Liebe und mit
welchem Genuss du den Tee zubereitest.
Ich kenne diese Zeremonie, da ich sie selbst praktiziere.

So macht Teetrinken wirklich Freude, ein wahrer Genuss.

Ich kann das Aroma auf meiner Zunge spüren und hätte
gerne mit dir ein Tässchen getrunken. angle:



LG, Rita


P.S. Demnächst ein Feedback für das gelesene Buch

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (10.04.2008, 14:23)
Was prüft der Rand denn?

Ob die Lippen bereit sind das köstliche Getränk über die Zunge
laufen zu lassen. thumbbup



LG, Rita

Versailles
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@ Irrlicht und Rita

von Versailles (10.04.2008, 14:33)
Hallo und danke für eure Worte und die Korrekturhilfen.

Das Imperfekt stört hier.
Stimmt thumbbup
"Ich lasse einen Rest des kochenden Wassers abkühlen und giesse es zu den losen Teeblättern..." suggeriert, dass ich mir selbst für das Abkühlen des Wassers Zeit nehme. Das "nun" ist dann auch überflüssig.

Was prüft der Rand denn?
das ist wohl ein klassischer Fall von "warum sage ich nicht, was ich meine" :wink:

Also:
Ich rühre bedächtig um. Das Wasser im Messingkorpus, warm gehalten von dem Teelicht, wird das Konzentrat verdünnen, bis es wie Balsam meine Lippen berührt und die Zunge umspielt.

Ich hebe den Tassenrand an meine Lippen, atme die aufsteigende Wärme, puste langsam auf die Oberfläche des Tees. Vertraute Handgriffe, vertraute Gesten. Meine Zunge feuchtet erwartungsvoll die Lippen an. Der erste Schluck Zariza. Im Alltag verloren, tauchen Bilder in meiner Phantasie auf. Dunkelrotes Holz und Kristalllüster, Kammerkonzerte und Teegesellschaften am Zarenhof.


Nachdem ich die Urfassung gegengelesen habe, finde ich, dass gerade das Wort "verbrühen" den Text negativ belastet. Das hat ja nun wirklich nichts mit Genuß zu tun, selbst wenn der heiße Tee mich nicht verbrühen soll.

Genußvolle Grüße
Amalia
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mtg

Re: @ Irrlicht und Rita

von mtg (10.04.2008, 15:03)
Versailles hat geschrieben:
Ich hebe den Tassenrand an meine Lippen, atme die aufsteigende Wärme, puste langsam auf die Oberfläche des Tees.

Jetzt habe ich aber ein kleines Problem: "hebe", "atme" ... das klingt fast lyrisch. Dagegen ist "puste" etwas profan. Allerdings fällt mir da ooch nischt ein...

Matthias

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