Handlungsmuster: Rache

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Siegfried
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Handlungsmuster: Rache

von Siegfried (25.07.2008, 19:34)
Hi!

Wie bereits im ersten Handlungsmuster-Thread angekündigt, hier eine Darstellung, wie das Handlungsmuster für eine Rache-Geschichte aussehen kann.

Rache ist eines der stärksten Tatmotive des Menschen und seit uralten Zeiten Gegenstand der Literatur. Viele Sagen und Mythen basieren auf dem Gegenstand der Rache - die Griechen waren in ihren Dramen davon völlig eingenommen. Selbst im Alten Testament findet sich das Grundprinzip der Rache wieder: "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Rache bedeutet, mit eigener Hand für Gerechtigkeit zu sorgen, und dieses vermeintliche Recht spukt bis heute in den Köpfen der Menschen herum.

Das Muster der Rache-Geschichte ist seit 3.000 Jahren immer das gleiche. Die Hauptfigur wird durch irgend welche Umstände gezwungen, die Rache in die eigene Hand zu nehmen, weil übergeordnete Mächte ihm nicht helfen.

Eine Rache-Geschichte baut sich nahezu immer so auf:

Zu Beginn lebt die Hauptfigur in einer intakten Welt. Alles ist ruhig, alles ist geregelt. Der Held und die ihm nahestehenden Menschen leben recht sorglos. Dann geschieht ein entsetzliches Verbrechen, und die heile Welt wird zerstört. Die Hauptfigur ist im Moment des Verbrechens nicht in der Lage, sich oder seine Lieben zu schützen. Er ist nicht anwesend, oder er wird vom Verbrecher am Eingreifen gehindert und - was besonders perfide ist - gezwungen, dem Verbrechen zuzuschauen.

An dieser Stelle eine Ergänzung: Je schlimmer das Verbrechen ist, das begangen wird, desto besser lässt sich der Wunsch nach Vergeltung rechtfertigen. Trotzdem gilt bei der Rache die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die Strafe für den Übeltäter muss dem Verbrechen entsprechen. Überzieht die Hauptfigur seine Rache, wird er dem Leser unsympathisch.

Nach der Tat wird die Hauptfigur zunächst versuchen, dort Gerechtigkeit zu erfahren, die dafür vorgesehen sind. In heutiger Zeit wäre das etwa die Polizei, früher vermutlich der Herrscher des entsprechenden Gebietes. Damit das Rachebedürfnis in der Hauptfigur nach oben gepeitscht wird, muss ihm Hilfe von diesen Stellen verweigert werden. Der Held steht allein und muss erkennen, dass die Bestrafung der Täter nur durch ihn selbst erfolgen kann.

Als nächstes plant die Hauptfigur seinen Rachefeldzug. Hat er nur einen Gegner, so dreht sich jetzt alles um das Aufspüren des Feindes. Wurde die Tat von mehreren begangen, so wird sich die Hauptfigur seine Gegner der Reihe nach vornehmen, beginnend mit dem Schwächsten.

Um die Handlung komplexer zu bekommen, taucht oft eine dritte Partei auf, die den Helden von seinem Rachefeldzug abbringen will - meist mit moralischen Argumenten. Oder sie bieten sich ihm als Helfer an - was dann zumeist mit ihrem Tod endet, um so das Verlangen nach Rache beim Helden weiter zu steigern.

Nach vielen Kämpfen und Widerständen stehen sich die beiden Hauptfiguren endlich gegenüber. Je nach Ablauf der Handlung und Geschmack des Autoren kann der Gute siegen, geht gemeinsam mit dem Bösen unter, wird vom Bösen besiegt oder verzichtet im Anblick des Bösen auf seine Rache.


Rache ist ein von starken Emotionen geprägtes Thema, und im Normalfall wird jede Menge Gewalt in der Handlung vorkommen. Letzteres muss aber nicht zwangsläufig auftreten. Rache kann auch komödiantische Elemente enthalten, etwa wenn ein Betrüger aus Rache selbst betrogen wird. Dies ist z. B. im Film "Der Clou" mit Paul Newman und Robert Redford der Fall.

Eine der bekanntesten Rache-Geschichten - neben den vielen klassischen Stücken wie etwa "Hamlet" - ist der Film "Ein Mann sieht rot" mit Charles Bronson als "Paul Kersey" in der Hauptrolle.

Kerseys Familie wird von drei Verbrechern überfallen; die Ehefrau stirbt, die Tochter wird vergewaltigt und fällt ins Koma. Die herbeigerufene Polizei ist machtlos. Außer sich vor Zorn macht Kersey sich auf die Suche nach den Tätern und treibt sich nachts in den finstersten Ecken New Yorks herum. Mehrfach provoziert er so Verbrecher, ihn zu überfallen. Kersey zieht dabei seinen Revolver und tötet die Verbrecher in Notwehr - nach einiger Zeit auch die Verbrecher, die seine Familie überfallen haben. Sein rigoroses Vorgehen führt zu einem Absinken der Kriminalitätsrate. Für die Bevölkerung wird Kersey zum Helden, für die Polizei zur persona non grata. Kersey wird verhaftet, aber außer Notwehr kann ihm nichts nachgewiesen werden. Schließlich muss Kersey die Stadt verlassen und zieht nach Los Angeles - und deutet bereits an, dass er dort seine Tätigkeit als nächtlicher Rächer wieder aufnehmen wird.

Eine klassiche Rache-Geschichte also.

Andere bekannte Rache-Geschichten (Film):

Conan, der Barbar
Dirty Harry kommt zurück
Der Texaner
Der Clou


Was ist beim Rache-Thema zu beachten?

- Der Held will sich für erlittenes Unrecht rächen
- Gegenstand der Handlung ist der Racheakt selbst, nicht die charakterliche Wandlung des Helden durch die Rache
- die Rache bewegt sich außerhalb jeglichen Gesetzes (Selbstjustiz)
- moralisch ist die Rache gerechtfertigt (starkes Verbrechen zu Beginn)
- die Strafe muss dem Verbrechen entsprechen
- übergeordnete Machtpositionen verweigern die Hilfe

Was der Autor falsch machen kann:
- den Leser in seinen Gefühlen überstark manipulieren
- den Rachefeldzug des Helden überziehen
- Gewalt um der Gewalt Willen darstellen
- das Verbrechen vor dem ersten Satz des Buches geschehen lassen



Und das war's ...

Grüße
Siegfried

Der Meinige
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Re:

von Der Meinige (25.07.2008, 21:28)
Bei allem Respekt, aber diese Ratschläge sind überwiegend inhaltsleer und teilweise auch etwas konfus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Newbie daraus einen Nutzen ziehen könnte. Auch die Quintessenz schmeckt etwas fade:

Was der Autor falsch machen kann:
- den Leser in seinen Gefühlen überstark manipulieren
- den Rachefeldzug des Helden überziehen
- Gewalt um der Gewalt Willen darstellen
- das Verbrechen vor dem ersten Satz des Buches geschehen lassen


Ein durchschnittlicher Autor eines belletristischen Werks dürfte kaum imstande sein, seinen Leser zu manipulieren. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Leser nicht mindestens so intelligent sind wie der Autor. Um Missverständnissen vorzubeugen: Damit möchte ich nicht sagen, dass Autoren dümmer sind als ihre Leser. Aber eben auch nicht zwangsläufig intelligenter ... Wenn ich einen Leser erreichen will, sollte ich ihm mindestens dieselbe Achtung entgegenbringen wie ein Bäcker seinem Brezelkunden: Der eine gibt, der andere nimmt.

Darüber hinaus muss ein Racheakt nicht zwangsläufig mit Gewalt im Sinn des Wortes verbunden sein. Die wirkliche „Rache“ ist subtil, treffsicher und überraschend weitaus besser und glaubwürdiger als ein Showdown um 12 Uhr Mittags – zumindest literarisch; im Film gelten andere Gesetze.

Was ich überhaupt nicht verstehe, ist deine letzte Anweisung: Das Verbrechen (welches?) soll vor nicht vor Beginn des ersten Satzes geschehen: Muss ich daraus entnehmen, dass es gar nicht stattgefunden hat oder in einem anderen Werk beschrieben wurde? Oder muss man zuvor den Film zum Buch angeschaut haben (wäre ein Novum, denn bisher lief es immer umgekehrt) ...

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (25.07.2008, 23:46)
Der Meinige hat geschrieben:
Bei allem Respekt, aber diese Ratschläge sind überwiegend inhaltsleer und teilweise auch etwas konfus.


Das mag daher kommen, weil "Rache" so ziemlich das einfachste Handlungsmuster ist, was es gibt.

Der Meinige hat geschrieben:
Was ich überhaupt nicht verstehe, ist deine letzte Anweisung: Das Verbrechen (welches?) soll vor nicht vor Beginn des ersten Satzes geschehen: Muss ich daraus entnehmen, dass es gar nicht stattgefunden hat oder in einem anderen Werk beschrieben wurde? Oder muss man zuvor den Film zum Buch angeschaut haben (wäre ein Novum, denn bisher lief es immer umgekehrt) ...


Das Verbrechen - das ist die Tat, die den Wunsch nach Rache auslöst.

Der erste Satz - das ist der erste Satz des Romanes bzw. des Buches.

Das Beispiel einer Rache-Handlung, wo das Verbrechen vor dem ersten Satz des Buches stattgefunden hat, ist bekanntermaßen Shakespeares "Hamlet".

Hamlets Vater wurde von Claudius ermordet. Die Tat wird aber nicht gezeigt, es wird nur darüber berichtet - in persona durch den Geist von Hamlets Vater. Somit entfällt die emotionale Bindung des Lesers (bzw. des Zuschauers), weil die Tat nicht miterlebbar gemacht ist. Die klassische Erzählweise einer Rache-Geschichte beginnt aber mit dem Erlebnis des Verbrechens, da so der Leser bzw. der Zuschauer selbst bewerten kann, ob eine Rache gerechtfertigt ist und in welchem Umfang. Die Hamlet-Erzählung krankt von Beginn an genau daran, und Shakespeare löst das Problem, indem er Hamlet unfähig macht, Claudius beim Gebet zu töten. Statt dessen kommt es zum Plan von Claudius, Hamlet zu töten, und zu einer schier endlosen Verkettung von Mord und Rache.

Der Meinige hat geschrieben:
Ein durchschnittlicher Autor eines belletristischen Werks dürfte kaum imstande sein, seinen Leser zu manipulieren. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Leser nicht mindestens so intelligent sind wie der Autor. Um Missverständnissen vorzubeugen: Damit möchte ich nicht sagen, dass Autoren dümmer sind als ihre Leser.


Ich zitiere mal wortwörtlich aus dem Buch, aus dem ich hier nur die Quintessenz einzelner Kapitel darstelle (es geht um die gefühlsmäßige Manipulation der Zuschauer beim Film "Ein Mann sieht rot"):

Auftritt Paul Kersey. Er hat einen guten Grund (er verliert seine Familie), er hat eine Pistole, und er zieht aus, um zu tun, was getan werden muss. Wir haben teil an seinen Siegen. Als ich Ein Mann sieht rot im Kino sah, applaudierte und jubelte das Publikum, wenn es die Bösen erwischte. Später sah ich mir den Film in einem Videoklub in Moskau an, und das Publikum dort reagierte genauso. Einen Augenblick lang war Paul Kersey unser Held, der für uns alle kämpfte. Wir identifizieren uns, ohne zu zögern, mit Kerseys Wut und Frustration: es ist unsere Wut, unsere Frustration. Und wenn Kersey in der Stadt aufräumt, fühlen wir uns gereinigt. Das ist das Wesen der Katharsis, der inneren Reinigung.

Die Kritiker befürchteten, dass der Film zur Nachahmung anregen könnte. Das passierte selbstverständlich nicht. Er regte lediglich zu einer Vielzahl von Filmen an, die nach dem selben Muster gestrickt waren - ein Beweis für den Reiz, den er auf ein breites Publikum ausübt, und für die Stärke der Gefühle, die er auslöst.


Das ist gemeint mit der gefühlsmäßigen Manipulation des Lesers.

Projizieren wir die Handlung nach Deutschland auf ein leider zeitgemäßes Thema: Die zehnjährige Tochter einer Familie wird entführt und einem Kinderpornoring zugeführt. Die Polizei kann nichts tun, weil Beweise fehlen. Der Familienvater rastet daraufhin aus und erpresst durch Androhung von Gewalt ein Geständnis vom Entführer - was der gegenüber der Polizei widerruft. Schlimmer noch: Er droht nun seinerseits der Familie weiteres Leid an. Der Familienvater greift daraufhin zur Waffe und tötet den Entführer und dessen Hintermänner.

Hochemotional, nicht wahr? Wie viele Leser würden nach der Lektüre eines entsprechend geschriebenen Buches sagen: "Recht so. Diese Leute haben den Tod verdient. An die nächste Laterne mit ihnen!"? Das ist auch eine mögliche gefühlsmäßige Manipulation der Leser.

Grüße
Siegfried

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