Das blutige Indien / Geschichte einer Besatzung

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Druide3472
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Das blutige Indien / Geschichte einer Besatzung

von Druide3472 (28.07.2008, 19:34)
Titel: Das blutige Indien / Geschichte einer Besatzung


Inhalt:

Kapitel 1
Der Vulkan
Swadharma und Swaraj

1. Indien – farbige Bilder lockte dieses Wort in die Vorstellung des Europäers: Maharadschas auf weißen Elefanten, Tigerjagden in unendlichen Dschungeln, ungeheurer Reichtum der Fürsten, Armut der breiten Volksmassen, Tempel von fremdartiger Schönheit, geheimnisvolle Götterbilder, Reisfelder voll fleißiger Bauern, heilige Ströme, Wallfahrten zum Ganges, starres Kastenwesen, wundertätige Fakire, religiöse Zersplitterung, wimmelnde Großstädte mit Hunderttausenden von Einwohnern, größer als die weltbekannten Metropolen Europas. Ein Land voll abenteuerlicher Reize und Wunder, voll unüberbrückbarer Gegensätze, fern im Osten, nur in monatelanger gefahrvoller Segelfahrt erreichbar. So etwar mögen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Vorstellungen des Europäers von Indien gewesen sein. Allerdings, noch etwas wußte natürlich ein jeder: daß Indien den Engländern gehörte, das England mit einem unglaublich geringen Aufgebot an eignenen Beamten und Menschen unerhörte Gewinne aus Indien gezogen haben. Dies war, wenn nicht ein Rätsel, so doch zumindest erstaunlich. Wenn Europa damals nach den Dingen in Indien fragte, gaben die Engländer gern Auskunft. Sie erzählten von der Kulturlosigkeit der Inder, von ihren babarischen Sitten, von der Witwenverbrennung, von ihrer Treulosigkeit, von ihrer Hinterhältigkeit, von den Fürsten, die als Despoten das arme Volk ausbeuteten und unterdrückten, von den unerhörten politischen Verhältnissen, für deren Klärung es noch nicht einmal ein Parlament gäbe. Außerdem waren alle Inder Heiden: Hindus oder Mohammedaner oder Gläubige anderer Religionen und Göttern. Das allein war in den Augen der Engländer ein Manko des Menschseins, das weder durch Geist noch durch Kultur hätte ausgeglichen werden können. Die Engländer erzählten aller Welt, das sie den Indern das Christentum bringen müssten. Zum moralischen Entsetzen der Engländer wollten aber die Inder, ganz gleich welcher Kaste und Religion, das Christentum nicht annehmen. Das zwang natürlich die Engländer, in Indien zu bleiben, um einen noch größeren Verfall der Moral der Inder zu verhüten. So konstruierte England einen Auftrag des Christentums für sein Verbleiben in Indien. Ganz in diesen Sinne schrieb Lord Dalhousie, als er wieder zwei indische Fürstentumer der englischen Herrschaft einverleibt hatte: Millionen von Gottes Geschöpfen werden aus dem Wechsel Freiheit und Glückseligkeit gewinnen. Europa glaubte diese Erzählungen den Engländern eine ganze Weile. Es war so schön, was die Engländer erzählten. Und überdies war Europa ja so mit sich beschäftigt, das es nur selten Zeit fand, die englischen Erzählungen nachzuprüfen. So sickerte erst allmählich die Wahrheit über Indien durch. Man merkte, das den Engländern das Christentum nichts anders als ein Vorwand für ihr Geschäft war. Sie sagten Christus – und meinten Kattun, das war die Formel, auf die Europa allmählich das indische Unternehmen Englands brachte. Unternehmen war dabei überhaupt der richtige Ausdruck, der ganz und gar wörtlich zu nehmen war. Denn Indien war zu dieser Zeit noch im Besitz der Londoner Ostindischen Gesellschaft. Die Compagnie, wie sie meist kurz genannt wurde, war ein rein privates Handelsunternehmen, dem es Jahr für Jahr allein auf die Erzielung guter Dividenden ankam. Am letzten Tage des Jahres 1600 hatte Elisabeth, die jungfräulische Königin, ihren Namen mit dem königlischen R dahinter und von vielen imponierenden Schnörgeln umgeben unter dem Freibrief der Ostindischen Compagnie gesetzt. Damit war ein kleiner Kreis durch Stand oder Vermögen oder beides ausgezeichneter Engländer in den Besitz eines Handelsmonopols über ganz Ostasien gekommen. Dies Handelsmonopol brachte ungeheuren Gewinn dem kleinen Kreis derer, die daran Anteil hatten. Die Folge war, daß sich alle und alles auf die Ostindische Compagnie stürzten. Die Könige, die Minister, die Mitglieder des hohen Adels, Geschäftemacher aller Art versuchten, auf geraden oder krummen Wegen in den Besitz von Anteilen der Compagnie zu kommen. Sie alle wollten Teil haben an der Ausbeutung Indiens, über dessen Reichtümer märchenhafte Vorstellungen in Umlauf waren. Die Folge war ein Jahrzehnte lang nicht abreisender Rattenschwanz von Skandalen und Verleumdungen , von Bestechungen und Intrigen. Karl der Erste, dessen Leben auf dem Schafott enden sollte, plünderte die Compagnie gewaltig. Seinem Günstling, dem Herzog von Buckingham, mußte die Gesellschaft 10000 Pfund zahlen. Alle ihre Pfeffervorräte damals das wichtigste Handelsgut – mußte die Compagnie dem König gegen wertlose Schuldscheine ausliefern. Überdies gab der König seinem Kammernherrn Sir William Courten eine Konzession zur Gründung einer Konkurenzgesellschaft. Ähnlich ging es zwei Jahrhunderte lang, und die Aristokratie Englands stand in der vordersten Linie des Schacherns. Unter Karl dem Zweiten, (1660) erhielt die Compagnie das Recht, Land in Indien zu erwerben und unter der Krone Englands alle Hoheitsrechte auszuüben. So wurden aus den Händlern Herren. Die Compagnie erhielt die Erlaubnis, gegen nichtchristliche Mächte Krieg zu führen und mit ihnen Frieden zu schließen. In Indien gab es nur nichtchristliche Mächte. Die profitgierige Handelscompagnie konnte daher in Indien nach Belieben und nach ihren Interressen Krieg führen. Natürlich brauchte sie dazu Soldaten. Die wurden ihr daher auch zugestanden: sie durfte Kriegsgerät und Waffen aus England nach Indien bringen und so viele Truppen anwerben, als sie nur immer bedurfte. Da die Rekrutierungssorgen auch damals in England nicht geringer waren als heute, und da es daher schwer fiel, die genügende Anzahl Engländer anzuwerben, ging die Compagnie schon früh dazu über, ihre indischen Garnisonen durch Sepoys, das sind von den Engländern nach europäischer Art ausgebildete und ausgerüstete Inder, zu verstärken. Gestützt auf diese weitgehenden Rechte nahmen die Direktoren der Compagnie mit aller Rücksichtlosigkeit ihre Handelsinterressen wahr. Systematisch begannen sie sich in die Angelegenheiten der indischen Staaten einzumischen. Wenn es notwendig ist, so schrieben die Direktoren aus London an ihren Statthalter in Indien, sollen die Fürsten und Untertanen mit Waffengewalt gezwungen werden. Und einige Zeit später forderten sie: Der Handelsgewinn genügt nicht mehr, wir bedürfen ständiger Abgaben. Das heißt: Tribute sollten eingetrieben, Steuern erhoben werden. Die Händler wußten gut die Herren zu spielen. Zuerst beseitigte die Compagnie ihre europäischen Konkurrenten in Indien: die Franzosen. Diese Aufgabe löste in den Kämpfen eines Jahrzehntes Robert Clive, der als armer Taugenichts nach Indien gekommen war und als millionenschwerer Lord endete. Clive war der erste der großen Engländer, die in Indien wirkten. Nach der Vertreibung der Franzosen aus Indien ging er daran, der Herrschaft der Compagnie Grund und Boden unter den Füßen zu verschaffen. Kalkutta, Mündungsdelta des Ganges, war in der Mitte des 18. Jahrhunderts der wichtigste englische Stützpunkt. Nördlich davon, zu beiden Seiten des in den Ganges mündenden Brahmaputra, lag das reichste Land Indiens: Bengalen. Es sollte das erste Opfer englischer Habgier werden. Der Zustand Indiens-damals und noch lange Zeit später-erinnert an die unseligen Verhältnisse des mittelalterlichen Deutschland, da die Reichsgewalt gefallen war, und jeder kleine deutsche Fürst seine eigene Politik nur nach seinen eigenen Interessen trieben und sich sogar mit den grimmigsten Feinden des Reiches verband,wenn er selbst dabei einen Vorteil für sein Fürstentum oder seine Grafschaft heraus schlagen konnte. Ähnlich lagen die Dinge in Indien, nur dass hier alles ins gigantische vergrößert war. Das Gebiet, das schließlich das Englisch - Indische Reich wurde,er ist mehr als halb so groß Europa (einschließlich Russland). Es zählte schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts annähernd 250 Millionen Menschen. Clive erkannte als erster Engländer die Möglichkeiten, die sich durch die Einmischung in die inneren indischen Verhältnisse ergaben. Nach einigen kleineren Versuchen während des Krieges mit dem französischen Konkurrenten wurde Bengalen das erste große Unternehmen. In Bengalen herrschte ein zwanzigjähriger Fürst. Clive verbündete sich mit der Hofkamarilla des jungen Fürsten. Dem Kriegsminister versprach er den Thron. Die Verschwörer vereinbarten einen Kriegszug der Engländer gegen Bengalen. In der ersten Schlacht wollte der Kriegsminister des Nabob mit den indischen Truppen auf die Seite der Engländer schwenkten. Wie es vereinbart war, wurde es auch durchgeführt. Clive ließ etwa 3000 Mann,von denen kaum 1/3 englische Soldaten waren,gegen Mureschabad, die Hauptstadt des Nabob marschieren. Das indische Heer zählte 40.000 Mann, davon allein 15.000 Mann Reiterei. An einem kleinen Fluss in der Nähe des Ortes Plassey trafen die Heere aufeinander. Noch einmal versuchten die Verschwörer durch geheime Boten Verbindung. Dann überschritt im Morgengrauen des 23.6.1757 Clive mit seinen Truppen den Fluss. Kaum hatten die englischen Truppen die ersten Kartäschen gegen die Kriegselefanten der Inder geschleudert, als Mir Dschassir , der verräterischer Oberbefehlshaber, durch falsche Befehle das indische Heer absichtlich in völlige Verwirrung brachte, die bald in wilde Flucht umschlug. Die Engländer hatten vereinbarungsgemäß gesiegt. Das ist die Geschichte der berühmten Schlacht bei Plassey, dem Ausgangspunkt der Herrschaft Englands über Indien. Die Engländer hatten 22 Mann verloren, die Inder etwa 500, davon ein paar Dutzend durch die Kartäschen der Engländer. Die Mehrzahl aber war in dem Gedränge der panikartigen Flucht umgekommen. Das 39. englische Infanterieregiment, Das an dem Kampf beteiligt war, trägt seitdem die Inschrift Plassey mit dem Zusatz Primus in Indis in seiner Fahne. Und das englische Regiment ist stolz auf diese Stickerei, stolz auf eine Schlacht, die nichts anderes als ein Verrat, die entschieden war, noch bevor der erste Schuss fiel. Alles Weitere entwickelte sich programmgemäß. Mir Dschassir, der verräterische Kriegsminister, wurde von Clive zum Nabob von Bengalen gemacht. Dafür überließ er den Engländern die Hälfte der ungeheuren Beute und verpflichtete sich darüber hinaus zu einer jährlichen Zahlung von 30.000 Pfund. Dem neuen Herrscher wurde gleichzeitig die Last des Regierens wesentlich erleichtert: es wurden ihm englische Berater zur Seite gestellt. Clive ist der Erfinder dieses von den Engländern bis zur Virtuosität entwickelten Systems der Verschleierung ihrer Herrschaft und ihres Einflusses. Was Clive so erfolgreich begonnen, setzten andre nicht weniger erfolgreich fort. Der nächste große Engländer in der Geschichte Indiens war Warren Hastings. Er war der erste Generalsstatthalter, den sich die Compagnie leistete. Die Direktoren erklärten ihnen, was sie in London von seiner Arbeit erwarten. Der Sinn ihrer vielen Worte und Schreiben lässt sich in einen Satz zusammenfassen: regieren Sie das Land gut und weißer, und sorgen sie dafür, dass unsere Einnahmen sich erhöhen. Diese Aufforderung aus London war sozusagen eine Übertragung der Quadratur des Kreises auf die Politik. Denn entweder konnte Hastings gut und weiße regieren, das heißt allzu geringe Steuern erheben und die indischen Fürsten in Besitz ihrer Vermögen belassen-dann aber konnte er keine höheren Einnahmen erzielen. Oder aber er erzielte die von dem Direktoren in London und von den Aktionären in England erwarteten großen Gewinne-dann musste er jede Methode anwenden, Gewalt und Erpressung, Krieg und Raub, um die hoch gespannten Hoffnungen auf die Schätze Indiens nicht zu enttäuschen. Hastings wählte in wichtiger Einschätzung der tieferen wünsche seiner Auftraggeber den zweiten Weg. Mord und Erpressung waren bald mit seinen Namen verknüpft, in vermietete englische Truppen an indische Despoten, er spielte einen indischen Fürsten gegen den anderen aus, um mit dem Sieger zugleich durch den Besiegten in der Hand zu halten. Die Aktionäre der Ostindischen Compagnie in London störte dieses Geschäft mit Blut und Menschen wenig. Sie interresierte nur die Dividende – und diese stieg unter einer Verwaltung, die ohne Skrupel und Gewissen geführt wurde. Hasting hatte in kurzer Zeit das Einkommen der Compagnie um jährlich 45000 Pfund vermehrt und außerdem etwa eine Million in baren Geld beschafft. Die Zahl der englischen Beamten der Compagnie in Indien war stets verhältnismäßig gering. In der Bezahlung geizten die selbst so gern verdienenden hohen Herren in London sehr. Dafür hatten die englischen Beamten zwar nicht die ausdrückliche , aber die stillschweigende Erlaubnis, zu rauben und zu plündern, so wie es ihnen die großen Herren der Compagnie vormachten. Bei diesem verbrecherischen Geschäft der schamlosen Ausbeutung konnten weder die großen noch die kleinen englischen Beamten der Mithilfe Einheimischer entbehren, denn die englischen Beamten verstanden weder die Sprache, noch wußten sie um die Gesetze und Sitten des Landes genügend Bescheid. Ein Haufen verworfener Subjekte, die gegen baren Gewinn hemmungslos ihr Land und die Leute ausbeuteten halfen, hing sich an die englischen Beamten unter der offen ausgesprochenen oder stillschweigenden Bedingung, daß sie entweder ihren Anteil bei der Zusammenbringung des Raubes erhalten oder im Namen ihrer Auftraggeber auf eigne Rechnung für sich sorgen durften. Die Aktionäre der Ostindischen Compagnie vergötterten natürlich einen Mann wie Hastings. Er sicherte ihnen glänzende Dividenden, seine Arbeit vermehrte ihren Reichtum, ließ den Kurs ihrer Aktien in die Höhe klettern. Nur unter diesem Gesichtspunkt allein betrachteten sie Indien, nur unter diesem Gesichtspunkt wurde ihre Verwaltung aufgebaut, eine Regierung gebildet, ihre Truppen wurden zur Eintreibung mehr oder weniger – meist weniger – berechtigter Forderungen oder als wirksames Drohmittel bei neuen Erpressungen verwendet. Was fragten die Herren in London nach dem namenlosen Leid, das dank diesem einzigartigen System über Millionen von Menschen in Indien hereinbrach, was wußten sie überhaupt von den Jammer und dem Elend, das ihre Herrschaft in Indien verbreitete. Sie nahmen ihr blutiges, stinkendes Geld und sprachen wie jener römische Kaiser das rohe Wort: non olet – es riecht nicht. Clive und Hastings hatten die räuberische Politik Englands in Indien in Fahrt gebracht. Ihre Nachfolger setzten das Unternehmen fort. Clive und Hastings verwandten ihre Macht im wesentlichen dazu, die Erwartungen der dividendenhungrigen Aktionären der Compagnie zu befriedigen. Diese Politik der Erpressungen glitt im Laufe des 19. Jahrhunderts hinüber in den politisch fester untermauerten Imperialismus. Die Personen wechselten, die Ereignisse wurden vielfältiger und andere. Aber die Methoden blieben die gleichen, und auch das einmal aufgestellte Ziel wurde konsequent verfolgt: Indien mußte englisches Hoheitsgebiet werden und bleiben. Die Geschichte dieser Zeit ist eine ununterbrochene Kette von Kriegen. Haider Ali und sein Sohn Tippu Sahib, die mächtigsten Herrscher des Reiches Maisur , die sich als Lebensaufgabe gesetzt hatten, die Engländer aus Indien zu vertreiben, und die Dank ihrer Tatkraft und ihrer tapferen Soldaten oft genug daran waren, ihr Ziel beinahe zu erreichen, wurden schließlich überwunden. Die Mahratten wurden in ihren trotzigen Burgen unterworfen. Die Sith , eine religiös- mohammedanische Sekte von äußerst tapferen Kriegern wurden unterworfen – und zu den ergebensten Anhängern der Engländer gemacht. Selbst über die Grenzen Indiens hinaus trugen die englischen Waffen den Krieg : eine Reihe von Kriegen wurde gegen Afghanistan geführt, Burma erobert, Nepal und Bhutan unter englische Hoheit gebracht. Und wohlgemerkt : dies alles geschah im Namen der Compagnie, der Handelsgesellschaft, die ein paar hundert englische Aktionäre bereicherte. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam der dritte große Engländer nach Indien : Lord Dalhousie. Schon erfüllt von dem Gedanken imperalistischer Machtpolitik, beseitigte er mit rauher Hand eine Reihe von Scheinfürstentümern, deren Exsitenz die Compagnie bisher noch geduldet hatte. Wozu dieses Versteckspielen ? War es nicht einfacher, die englische Faust zu zeigen ? Dann aber machte Lord Dalhousie eine geniale Erfindung, um die Compagnie mühelos und ohne Kosten zu bereichern. Er stellte den Grundsatz des Anheimfallens auf. Danach sollte die Erbfolge beim Todesfalle eines Fürsten nur dann berücksichtigt werden, wenn ein ehelicher Sohn des Verstorbenen vorhanden war. Fehlte ein solcher, so sollte ein etwaiger Adoptivsohn nicht nachfolgeberechtigt sein, sondern das betreffende Fürstentum in das Eigentum der Compagnie übergehen. Diese Erbschaftspolitik der Compagnie verstieß aufs schwerste gegen eine der tiefsten Grundanschauungen der Hindus. Das höchste Glück des Hindus im irdischen und im jenseitigen Leben ist der Besitz eines Sohnes, der ihm bei seinem Tode die Augen zudrückt und durch sein Fortleben und durch seine Handlungen das Andenken der Ahnen ehrt. Wem aber nicht das Glück eines leiblichen Sohnes beschieden ist, er könne sich durch Adoption eines Knaben vollgültiger Weise erwirken. Dalhousies Politik des Anheimfallens, die diesen heiligen Grundsatz der Inder nicht anerkennen wollte, verstieß aufs schwerste gegen das moralische und religiöse Empfinden der Hindus. Gelegentlich schlug den Engländern nach ihrer hundertjährigen Gewaltherrschaft doch aber das Gewissen. Sie begannen das in Indien zu machen, was sie in England als oft bewährtes Heilmittel anwandten. Sie machten Reformen: politische, verwaltungsmäßige, soziale, religiöse (wie die ganz Indien erregende Abschaffung der Witwenverbrennung). Diese Reformen verschärften ungewöhnlich das Übel der englischen Herrschaft mehr, als dass sie es behoben. Es waren Reformen, die englische Verhältnisse und englische Vorstellungen auf die völlig anders geartete Struktur und Geisteshaltung Indiens übertragen wollten. So lastete auf den Indern die englische Herrschaft schwer. Doch die Inder hatten in dem knappen Jahrhundert, das seit der Schlacht von Plassey inzwischen vergangen war, gelangt. Sie hatten vor allem erkannt, dass ihre nationale Zerrissenheit und ihre religiöse Hader den Engländern die Einrichtung und die Aufrechterhaltung ihrer Gewaltherrschaft erleichterten. Wie Frankreich der Zwingherr der deutschen Einheit war, so entstand in Indien aus dem Blut und den Tränen der englischen Herrschaft ein nationales Empfinden, das schließlich so stark war, das es alle Kastengegensätze, alle religiösen und damit viele historische Überlieferungen überwand. Swadharma und Swaraj, heimliche Sitte und nationale Freiheit wurden das Losungswort einer neuen Hoffnung, die sich der Fürsten und des einfachsten Mannes im Volke bemächtigte, die Gegensätze zwischen Hindus und Moslims zum Schweigen brachte. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts fühlte sich Indien stark genug zu dem Versuch, die Ketten der englischen Herrschaft abzuwerfen. Dieser Versuch war der furchtbare Sepoyaufstand des Jahres 1857. Die Geschichte der furchtbaren Revolution, die sich 1857 in Indien abspielte, ist nie in wissenschaftlichem Geiste geschrieben worden, weder von einem indischen noch von einem ausländischen Verfasser. Deshalb laufen in der Welt höchst ungewöhnliche, irreführende und falsche Vorstellungen über diesen revolutionären Krieg um. Englische Autoren haben nichts anders versucht, als die Ergebnisse einfach zu beschreiben, aber die meisten von ihnen haben die Geschichte in einem bösartigen und parteilichen Geiste verfasst. Ihr voreingenommenes Auge konnte oder wollte die innersten Triebkräfte jenes Aufstandes nicht erkennen. Kann wirklich ein Mann , der nicht von Sinnen ist , behaupten, das jener allumfassende Aufstand ohne ein treibendes Prinzip stattfinden konnte ? Konnte die ungeheuere Flutwelle von Peshawar bis Kalkutta ohne das bestimmte Ziel, etwas mit Gewalt zu verschlingen, heranbrausen ? War es möglich, das die Belagerungen von Dehli, die Metzeleien von Cawnpore , das Banner des indischen Kaiserreiches, die Helden, die um ihr Leben darbrachten – war es wirklich möglich, das sich solche edle und begeisternde Taten ohne ein edles und festes Ziel ereigneten ? Englische Historiker haben jederzeit diesen Punkt übersehen, nicht weil es schwierig gewesen wäre, ihn zu erkennen, sondern weil es ihren Interessen widersprochen hätte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Noch betrügerischer al diese Gleichgültigkeit ist der andere Fehler der englischen Historiker, der den Geist des Aufstandes von 1857 verändert und fälscht, der Fehler nämlich , das sie als eigentliche Ursache des Aufstandes das Gerücht von den eingefettenden Patronen bezeichneten. Dieses Gerücht besagte, das die Patronen in den Fabriken mit Kuh oder Schweinefett eingerieben wurden, damit sie leichter in die Gewehre eingeführt werden konnten. Wäre dies Gerücht wahr gewesen, dann hätte es für die meisten Sepoys den Verlust ihrer Kaste bedeutet, die schrecklichste Vorstellung, die einen Hindu für das diesseitige und das jenseitige Leben treffen kann. Die Kuh ist das heilige Tier der Inder. Die Verwendung, ja schon die Berührung von Kuhfleisch oder Kuhfett ist ein ungeheures Verbrechen, das ohne weiteres den Verlust der Kaste mit sich bringt. Das Schwein gilt in Indien als unreines Tier. Wer aber seine Kaste verliert, verliert auch seine Selbstachtung. Er wird von allen gemieden, er bringt Schande und Unglück über seine Angehörigen, die sein Schicksal mit ihm teilen müssen. Niemand wird ein Stück Brot von ihm annehmen, niemand wird ihm seine Tochter zur Frau geben, niemand wird zu seiner Beerdigung kommen. Er ist ein verlorener Mann. Unter diesen Umständen kann man sich vorstellen, welche entsetzliche Bestürzung dieses Gerücht von den mit Kuh oder Schweinefett eingeschmierten Patronen bei den Sepoys auslöste. Wären an der Revolution nur die Patronen Schuld gewesen, warum schlossen sich ihr dann Nana Sahib, der Kaiser von Dehli, die Königin von Ihansi und Khan Bahadur Khan von Rohilkhand an ? Diese dienten wirklich nicht in der englischen Armee, nooch wurden sie gezwungen, die Patronen mit ihren Zähnen abzubeisen ! Wenn die Patronen ganz oder hauptsächlich an dem Aufstand schuld gehabt hätten, so hätte er notwendigerweiße sofort aufhören müssen, als der englische Generalgouverneur eine Kundgebung erließ, das die Patronen nicht mehr benutzt werden sollten ! Er gestattete ja den Soldaten sogar, die Patronen selbst herzustellen. Doch anstatt diesem Befehle zu folgen oder durch Ausscheiden aus dem Dienst der Compagnie die Angelegenheit zu erledigen, griffen die Sepoys zu den Waffen. Nicht nur die Sepoys, sondern Tausende von friedlichen Bürgern, von Rajas und Maharajas erhoben sich, die weder mittelbar noch unmittelbar etwas mit dem Heer zu tun hatten. Deshalb steht fest, das derartige zufällige Ereignisse den Geist der Sepoys und Zivilisten, der Könige und der Bettler, der Hindus und der Mohammedaner nicht in Wallung brachten. Ebenso irreführend ist die Ansicht, das der Aufstand die Folge der Annexion von Dudh war. Kämpften nicht viele und opferten ihr Leben, die nicht im geringsten an den Reichtümern der Dudh- Dynastie interresiert waren ? Was aber trieb sie dann in die Schlacht ? Der Nabob von Dudh selbst wurde im Fort von Kalkutta eingekerkert. Und wenn wir den englischen Historikern Glauben schenken können, so fühlen sich seine Untertanen unter seiner Herrschaft höchst zufrieden. Warum aber zogen dann Talkdars, Soldaten und beinahe alle seine Untertanen für Ihn das Schwert ? Ein Hindu von Bengalen schrieb zu jener Zeit in England einen Aufsatz über die Revolution. Darin sagte der Hindu : Ihr könnt euch nicht denken, wieviel einfache und gutherzige Menschen , die den Nabob nie gesehen hatten und ihn wahrscheinlich auch nie zu sehen bekommen in ihren Hütten weinten, als ihnen das Leiden des Nabobs geschildert wurden. Und ihr wißt auch nicht, wieviele Soldaten täglich unter Tränen schworen, das sie die Beleidigung Shah Wajid Allis rächen würden, als habe sie das Unglück persönlich getroffen. Warum sympathisierten die Sepoys mit dem Nabob, und warum schimmerten in Augen Tränen, die den Nabob nie erblickt hatten ? So steht also fest, das der Aufstand nicht einfach nur wegen der Anexion von Dudh ausbrach. Der Abscheu vor den eingefetteten Patronen und die Annexion von Dudh waren nur zeitbedingte und zufällige Ursachen. Was aber waren dann die wirklichen Gründe und Triebkräfte dieses Aufstandes ? Welcher Art waren sie, daß Tausende von Helden ihre Schwerter ergreifen und auf das Schlachtfeld ziehen ließen ? Welcher Art waren sie, daß sie die Kraft besaßen, verblichene und rostige Kronen in neuem Glanze leuchten und beschimpfte Fahnen aus dem Staube erstehen zu lassen ? Welcher Art waren sie,daß ihretwillen Menschen zu Tausenden freiwillig ihr Blut Jahr um Jahr vergossen ? Welcher Art waren sie, daß Moulvies die Revolution predigten, weiße Brahmanen sie segneten, daß für ihren Erfolg Gebete von den Moscheen Delhis und den Tempeln von Benares zum Himmel stiegen ? Diese großen Prinzipien waren Swadharma und Swaraj. Im Donnerrufe des Din Din ! , der sich zum Schutze der Religion erhob, als deutlich Beweise für einen schlauen, gefährlichen und vernichtenden Angriff auf das teuere Gut der Religion sichtbar wurden, und aus dem heiligen Wunsche, Swaraj, die nationale Selbstbestimmung, zu gewinnen, als es offenbar wurde, daß Ketten der politischen Versklavung die gottgegebene Freiheit durch Taschenspielerkünste gefesselt hatten – in diesen beiden Tatsachen liegen die Wurzeln des revolutionären Triebs. Niemals voher bestanden so viele Gründe für die allgemeine Ausbreitung dieser überlieferten und herrlichen Prinzipien, als im Jahr 1857. Diese besonderen Gründe belebten die häufig schlummernden Gefühle Hindusthans aufs wunderbarste, und das Volk begann sich auf den Kampf für Swadharma und Swaraj , für heimlische Sitte und nationale Freiheit, vorzubereiten. In seiner Kundgebung zur Errichtung von Swaraj ruft der Kaiser von Delhi aus: Hört , ihr Söhne von Hindusthan! Wenn wir entschlossen sind, vermögen wir den Feind in einem Augenblick zu vernichten ! Wir werden den Feind vernichten und unsere Religion und unser Land, das uns teuerer als selbst das Leben ist, von der Furcht erlösen ! Der Ursprung der Revolution von 1857 ist in diesem heiligen und begeisternden Gedanken klar und deutlich vom Throne zu Delhi ausgedrückt: Der Schutz der Religion und des Vaterlandes. In dieser Proklamation , erlassen zu Bareilly , sagt der Kaiser: Hindus und Mohammedaner von Indien ! Steht auf ! Brüder , steht auf ! Von allen Gottesgaben die köstlichste ist Swaraj. Soll der Teufel der Unterdrückung, der uns ihrer durch Betrug beraubt hat, sie uns für immer nehmen ? Kann solch eine Handlung gegen den Willen Gottes in allen Ewigkeiten Beistand haben ? Nein, niemals. Die Engländer haben so viele Grausamkeiten begangen, daß das Maß ihrer Untaten voll ist. Zum Überfluss haben sie jetzt ihren verworfenen Wunsch zu erkennen gegeben, unsere heilige Religion zu zerstören ! Wollt ihr auch jetzt noch untätig bleiben ? Unser Gott will es nicht, das ihr noch zögert. Gott hat in den Herzen der Hindus und Mohammedaner den Wunsch geweckt, die Engländer aus dem Lande zu werfen. Und mit Gottes Hilfe und eurer Kraft werden sie bald so vollständig geschlagen werden, daß in unserem Hindusthan auch nicht die geringste Spur von ihnen zurückbleiben wird ! In unserer Armee sollen von jetzt ab die Streitigkeiten aller Art vergessen sein. Die Einsatzbereitschaft sei zum herrschenden Gesetz erhoben, denn alle, die das Schwert in diesem heiligen Kriege zur Verteidigung der Religion ziehen, verdienen gleichen Ruhm. Sie sind Brüder , es gibt keinen Unterschied des Standes mehr. Deshalb rufe ich allen meinen Hindubrüdern abermals zu: Erhebt euch und eilt im Dienste dieser von Gott verordneten und höchsten Pflicht in die Schlacht ! Kundgebungen wie diese, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Plätzen während des Krieges erlassen wurden, machen es überflüssig, über die Motive der Erhebung noch mehr Worte zu verlieren. Diese Proklamation wurden nicht von irgendwelchen unbedeutenden Leuten erlassen, es waren vielmehr Befehle, die von verehrungswürdigen und mächtigen Thronen ausgingen. Sie waren glühende Äußerungen des erregten Gefühles der Zeit. In ihnen hatte das Herz der Nation selbst gesprochen, als zur Zeit des Aufstandes keine Gelegenheit mehr bestand, durch Gewalt oder Furcht die wahrhaften Empfindungen zu verschleihern. Der heldenhafte , erschütternde Schrei Swadharma und Swaraj verkündete der Welt die Wesensart der Revolution, in der alle, die das Schwert ziehen, den gleichen Ruhm ernten. Ihr einziger Sinn war , die Gewaltherrschaft der Engländer zu beseitigen.
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Der Meinige
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Re:

von Der Meinige (28.07.2008, 20:47)
Dein Thema ist sicher interessant. Ich hoffe für dich, dass der Text im Buch lektoriert und in Absätze unterteilt wurde, denn neben der Zeichensetzung sind auch noch etliche andere – zum Teil heftige – Fehler aufzufinden.

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Druide3472
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Ja

von Druide3472 (29.07.2008, 15:52)
Hallo natürlich geht der Text durch ein Lektorat bevor es gedruckt wird. Dies ist die Rohfassung des ersten kapitels.

MFG Druide :D
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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (29.08.2008, 21:46)
Mit großem Interesse gelesen. Historische Stoffe genau dieser Art sollten bei uns in den westlichen Ländern viel bekannter werden. Dann würden vermutlich häufiger Parallelen zur Gegenwart gezogen werden. Und was die Vergangenheit angeht: In Persien, in Afghanistan und nicht zuletzt in China hat man im 19. Jahrhundert das gleiche Spiel zu spielen versucht, wenn auch mit viel weniger Erfolg als in Indien. - Was mich am Stil des hier vorliegenden Textes ein wenig irritiert, ist der sozusagen balladeske Stil. Das liest sich fast wie ein Heldengedicht. (Übersetzung aus indischer Quelle?) Nun ja, wenn's unserer Aufklärung dient ...

Arno Abendschön
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Druide3472
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Hallo Arno

von Druide3472 (30.08.2008, 09:57)
Es stimmt ich habe versucht dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte aus den Augen eines Inders zu schreiben. Ich hoffe es ist mir ein wenig gelungen da es schwer ist brauchbares Material darüber zu finden die Verdrängung zu diesen Thema ist auch heute noch ein Reizthema.

MFG Druide
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