Anti-Redeschwall-Taktik

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Zoba
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Anti-Redeschwall-Taktik

von Zoba (08.08.2008, 08:06)
Hi,

ich beziehe mich auf Mayas Lektoratsbitte und LOFIs Frage, warum ich den ersten Absatz dort für überflüssig und alles insgesamt etwas zu wortreich finde.

Im Netz bin ich gerade über ein wirklich gutes Beispiel für beides gestolpert, das Original ist Englisch, ich habs hier eingedeutscht.

Aufrecht in ihrem 5-Dollar Plastikstuhl von Dollar General sitzend, begann Pearl entspannt ihre tägliche Routine mit einem knisternden Morgenlied, das von ihrer gerade angesteckten Marihuanazigarette gesungen wurde. Ihr heruntergekommenes Vorzelt schützte sie vor der siedenden Sonne, während sie die letzten kühlen Augenblicke absorbierte, bevor der Tag vollständig erwachte und sich die Hitze Georgias durchsetzte.


Ein Berufslektor korrigierte das in

Pearl begann ihre tägliche Routine entspannt mit einem knisternden Joint. Das zerfledderte Vorzelt schützte ihren Plastikstuhl vor den ersten Attacken der morgendlichen Sonne Georgias.


Es zeigt eigentlich sehr schön, wie viel man mit wie wenig sagen kann und dennoch exakt dasselbe Bild für den Leser zu zeichnen in der Lage ist. Besonders gut ist zu sehen, daß der Wunsch der Autorin bestimmte Dinge über ihre Protagonistin zu vermitteln, bei ihr zu einem Übererklären führt. Man muß nicht wissen daß der Plastikstuhl 5$ kostet und aus einem Billigshop stammt, es reicht aus unter einem defekten Vorzelt einen Joint auf einem Plastikstuhl zu rauchen, um klarzustellen, daß der Akteur wohl kaum wirklich reich oder Mittelstand ist.
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

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Siegfried
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Re: Anti-Redeschwall-Taktik

von Siegfried (08.08.2008, 10:58)
Zoba hat geschrieben:
Es zeigt eigentlich sehr schön, wie viel man mit wie wenig sagen kann und dennoch exakt dasselbe Bild für den Leser zu zeichnen in der Lage ist.


Diese Aussage verwirrt mich. Gab es doch vor einiger Zeit hier einmal einen Trööt, wo die Mehrzahl der Diskutanten ziemlich eindeutig eine Lanze brach für den blumigen und weitschweifigen Stil - eben weilumfangreiche und wortintensive Beschreibungen für Atmosphäre sorgen sollen.

Und nun kommt genau das Gegenteil. :?

Grüße
Siegfried

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Zoba
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Re:

von Zoba (08.08.2008, 11:05)
Hi Siegfried,

welcher Thread?

Ich mag Details und Detailliertes, weitschweifig mag ich jedoch garnicht. Detailliertes muß nicht wortreich sein, mein Lieblingskrimiautor Dick Francis schreibt detailliert, aber nicht wortreich, bei ihm reichen oft wenige tiefreichende und typische Beobachtungen aus, und du bist "drin", obwohl er dafür weniger als 1-2 Sätze benötigt.

Dort wo Detailreichtum wirklich erstklassig wird, schaffen es Autoren, einem Geschmacks-, Geruchs- und Seherlebnisse zu verschaffen, ohne ein Wort zu viel zu verlieren.
Gruß,



Zoba



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Maya

Re:

von Maya (08.08.2008, 11:17)
Hallo zusammen...

Ich denke man muss ganz klar trennen, wann etwas genauer umschrieben werden sollte (ob jetzt mit viele oder wenigen Worten) und wann nicht.
Ich kenne einige, die sich an den falschen Details aufhängen und die wirklich interessanten Dinge links liegen lassen.

Aber das Beispiel von Zoba ist schön - könnte man sich an die Zettelwand beim Schreiben dazuhängen. cheezygrin

Gruß
Maya

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (08.08.2008, 12:06)
Zoba hat geschrieben:

welcher Thread?


Da gab es m. W. zwei: der eine befasste sich mit der Rolle des Adjektivs. Grundtenor im Startbeitrag war, dass Adjektive dosiert eingesetzt werden sollen ("Adjektive sind wie ein Medikament für den Text. In der richtigen Dosis wirken sie Wunder; nimmt man zu viel davon, bekommt man Ärger wegen der Risiken und Nebenwirkungen.")

Der einschneidenste Kommentar (mit verletzendem Charakter) war: "Mir scheint auch in dieser Diskussion wieder, dass nur eigenes Unvermoegen vertuscht werden soll".

Andere Diskussionsteilnehmer sprachen sich für die Beibehaltung der Kombination aus (teilweise mehrfachen) Adjektiven und Substantiv aus. Wer mag, kann selbst nachlesen ("Schreibwerkstatt" - "Adjektiv Ja oder Nein").

Die zweite Diskussion findet sich unter "Lektorat" und "Ich mach mal weiter". Da ging es eigentlich mehr um Textstellen, die keine oder nur sehr wenige Relevanz haben (wie oben der 5-Dollar-Stuhl). Genau diese Stellen wurden dann als "atmosphärisch" dargestellt (für dein Beispiel oben wäre das: "Es macht eben einen atmosphärischen Unterschied, ob sich jemand auf einen Stuhl oder einen 5-Dollar-Stuhl setzt. Ich möchte schon wissen, was der Stuhl gekostet hat.")

Der Höhepunkt dieser Diskussion findet sich m. E. in folgender Unterstellung: "Aber wahrscheinlich bist du ja einer, bei dem der Mörder einfach ins Haus kommt, den entsprechenden Menschen umbringt und dann von der Polizei geschnappt wird. Das wären dann die 3-Zeilen Erzählungen, ohne Stimmung, ohne Flair und ohne Identifikationsmöglichkeit mit den Personen."

You see ... Die Diskussionen um Details, Wortschwall, Stil usw. ... alles schon mal da gewesen. Und es verwirrt mich, dass niemand (bislang jedenfalls) dein erstes Textbeispiel als das bessere hinstellt - hat es doch mehr Adjektive, mehr Atmosphäre, mehr Informationen :twisted:

Grüße
Siegfried

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Zoba
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Re:

von Zoba (08.08.2008, 12:33)
Hi Siegfried,

ich habs gefunden, da mir schon jemand auf die Sprünge half. :twisted:

Bei den Adjektiven war und bin ich ja auch eher im Mittelfeld, ich würde sie nicht wie Mark Twain permanent mit der Forke von mir schieben (wie King ja die Adverben), aber zu viel ist auch für mich zu viel des Guten.

Ich denke wir zwei liegen uns da dennoch näher, als Anhänger des besonders ausschweifenden Stils ;-) Der mag bei manchen Autoren, die ihn herausragend beherrschen, ja auch großartig zu lesen sein und Einiges hermachen.

Was Lektoren und viele Leser mehrheitlich bevorzugen ist jedoch denke ich auch klar, da ist Aktion, Wortsparsamkeit und Präzision angesagter, zumindest zur Zeit, als Ausschweifendes. Prägnantes Beispiel dürfe Jane Austen sein, die zwar als hervorragende Autorin gilt, aber heute den meisten dann doch etwas zu geschwätzig sein dürfte, obwohl sie fachlich einwandfrei geschwätzig ist :lol:

Ansonsten bleibt zu sagen, daß manche Kritik an dir in besagten Threads eher ein "ulterior motive" hatten, als andere cool5 Kurz: kannst einfach abhaken und vergessen! thumbbup

Und nur ums gesagt zu haben, ich schätze deine Posts, sie bringen einen immer zum Nachdenken und oft zu Einsichten. Das ist was wert und es wäre schade, darauf verzichten zu müssen.
Gruß,



Zoba



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