Überflüssige Adjektive

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Tabiro Malex
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Überflüssige Adjektive

von Tabiro Malex (16.11.2008, 02:58)
Zu diesem bereits in älteren Threads behandelten Thema fällt mir eine Stilblüte ein, die sogar in Nachrichtensendungen verwendet wird, nämlich:

"Person XYZ wurde brutal ermordet!"

Jedes Mal frage ich mich, was diese Ausschmückung bezwecken soll. Geht man in der Nachrichtenredaktion etwa davon aus, dass der Mord auch rücksichtsvoll, behutsam, schonend, vorsichtig oder gar liebevoll hätte vollzogen werden können? Wenn nicht, warum dann diese Formulierung?
Unglaublich, wie schnell du die neue Rechtschreibreform angewendet, hasst.

julia07
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Re: Überflüssige Adjektive

von julia07 (16.11.2008, 09:00)
Tabiro Malex hat geschrieben:
"Person XYZ wurde brutal ermordet!"
... frage ich mich, was diese Ausschmückung bezwecken soll.

Also ich finde diese "Ausschmückung" durchaus sinnvoll, denn hier geht es ja um zwei Dinge: einmal den Fakt Mord an sich, und der ist, moralisch betrachtet, in der Tat stets gleich verwerflich. Der Rest ist eine zusätzliche Beschreibung, die es Unwissenden ermöglicht, etwas mehr darüber zu erfahren.
LG,
Julia

LOFI

Re: Überflüssige Adjektive

von LOFI (16.11.2008, 10:06)
Tabiro Malex hat geschrieben:
Zu diesem bereits in älteren Threads behandelten Thema fällt mir eine Stilblüte ein, die sogar in Nachrichtensendungen verwendet wird, nämlich:

"Person XYZ wurde brutal ermordet!"

Jedes Mal frage ich mich, was diese Ausschmückung bezwecken soll. Geht man in der Nachrichtenredaktion etwa davon aus, dass der Mord auch rücksichtsvoll, behutsam, schonend, vorsichtig oder gar liebevoll hätte vollzogen werden können? Wenn nicht, warum dann diese Formulierung?


Showeffekt. Alles muss doch mit Show und Sensation verkauft werden.

VG

Lorenz

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Gitte
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Überflüssige Ad...

von Gitte (16.11.2008, 10:24)
Mord bleibt Mord, da sind wir uns sicher alle einig. Ich denke aber auch, dass es sehr wohl Unterschiede gibt. Eine Kugel in den Bauch oder jemanden zu Tode quälen (brutal), da würde ich, wenn ich denn dürfte, mir doch die erste Möglichkeit wählen.
Besser noch, ich käme gar nicht erst in diese Verlegenheit. bash:

LG Gitte

LOFI

Re:

von LOFI (16.11.2008, 10:53)
Stimmt, so gesehen hat die nähere Beschreibung in der Tat eine Berechtigung.

VG

lorenz

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (16.11.2008, 12:07)
cheezygrin
Eine ähnliche Diskussion hatte ich mal vor einiger Zeit.
Ich war mit einem Roman von einer Autorin beschäftigt und wunderte mich schon ein wenig darüber, dass die Vorhänge in einem Zimmer nicht nur rot waren, sondern tief-dunkel-bordeaux-rot, aus schwerer samtener Seide (und leicht modrig riechend - aber nur ganz leicht), mit goldenen Quasten, leicht geöffnet vor einem Fenster hängend, dessen Scheiben nicht optimal geputzt waren (Schlieren wenn die Sonne scheint!) und von alten Wurzelholz (Wurmstichig!) umrahmt wurden.
Oder so ähnlich.

Ich hielt das für etwas überflüssig.
Ich habe mich aber aufklären lassen.
Frauen scheinen auf manche Dinge - vor allem auf die, die für Männer unwichtig sind - ein besonderes Augenmerk zu legen. Die explizite Darstellung der Vorhänge vermittelt ihnen (den Frauen) eine Stimmung - eben in diesem Fall eine schwere, bedrückende, leicht ungepflegte.

Für Männer stellt sich nur die Frage was Vorhänge sind und ob man die essen kann. Wenn nicht, ist es egal.
cheezygrin
Gruß
Hakket

Thorsten Boose

Re:

von Thorsten Boose (16.11.2008, 12:13)
Eine solche Beschreibung, wie Hakket sie hier erklärt hat, kann sehr gut zum Spannungsaufbau beitragen. In meinen Drehbüchern verwende ich sehr viele Details für die Umgebung, achte darauf, dass verschiedene Komponenten miteinander harmonieren. Wenn man solch eine Szene über längere Zeit bildlich aufbaut, kann man auf dem Klimax die Bombe im Plot platzen lassen. Automatisch stellen sich die Figuren wieder in den Vordergrund.

Man sollte aber sparsam mit solchen Szenen/Beschreibungen umgehen. Zu viel des Guten lässt den Zuschauer/Leser aus der Handlung hinausschlittern.

Beste Grüße,
Thorsten

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (16.11.2008, 12:20)
@ Thorsten: Klar, wenn sich die Vorhänge als Menschen fressende Aliens entpuppen. cheezygrin
Wenn sie jedoch nichts und rein gar nichts zur eigentlichen Story beitragen, halte ich sie für etwas übertrieben.

Dabei benutze ich selbst gerne auschweifende Erklärungen.

Bei einem Drehbuch ist das wahrscheinlich auch noch mal was anderes.

Es scheint mir eh ziemlich interessant zu sein, was weibliche Leser erwarten und was männliche. Man könnte einen eigenen Tread dazu machen ...

Gruß
Hakket

Thorsten Boose

Re:

von Thorsten Boose (16.11.2008, 12:24)
Hakket (Moderator) hat geschrieben:
@ Thorsten: Klar, wenn sich die Vorhänge als Menschen fressende Aliens entpuppen. cheezygrin
Wenn sie jedoch nichts und rein gar nichts zur eigentlichen Story beitragen, halte ich sie für etwas übertrieben.


cheezygrin Natürlich müssen sie etwas mit der Geschichte zu tun haben.
Und ja, beim Film ist das wiederum etwas anderes, weil die Bilder gut als Metaphern, Symbole etc. für etwaige Handlungsebenen oder Beziehungen zwischen Figuren funktionieren (können).

Es scheint mir eh ziemlich interessant zu sein, was weibliche Leser erwarten und was männliche. Man könnte einen eigenen Tread dazu machen ...


Ich glaube, den gibt es sogar schon hier?! book:

Beste Grüße,
Thorsten

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (16.11.2008, 12:28)
@ Thorsten:
Jep, im Film ... Die Asiaten haben die "Farbmalerei" zwecks Stimmung ja perfektioniert.
"A tale of two sisters" ist da ein Paradebeispiel. Obwohl die Farben und die Aussattungen eigentlich nie auffallen - nie ins Auge springen - unterstreichen sie doch die jeweilige Stimmung perfekt.
Im Film ist es aber - glaube ich - etwas einfacher, weil das Auge alles auf einmal wahrnimmt.
Im Buch müsste man das alles lesen.

Gruß
Hakket

Thorsten Boose

Re:

von Thorsten Boose (16.11.2008, 12:32)
Ganz genau so ist es. Im Film bekommt der Zuschauer vorgesetzt, was er zu sehen hat. Viel eigene Fantasie ist dort nicht mehr im Spiel. Mehr die Emotionen können gelenkt werden.

Wenn man ein Buch liest, kann man sich die Umgebung selbst bei präzisen Erklärungen immer noch selbst vorstellen. Das ist der spannende Unterschied zwischen Film und Buch, der immer bestehen wird.

Hätte man die 20-minütige, epochale Anfangssequenz von "Spiel mir das Lied vom Tod" in Buchform niedergeschrieben, hätte der Leser wahrscheinlich nach der dritten Seite gelangweilt das Buch aus der Hand gelegt. :wink:

Beste Grüße,
Thorsten

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Tabiro Malex
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Re:

von Tabiro Malex (16.11.2008, 12:56)
Brutal in diesem Zusammenhang kann sicherlich in einem Buch Spannung aufbauen und die besondere Rücksichtslosigkeit des Täters herausstellen, die dem Leser im weiteren Verlauf genauer geschildert werden kann.

In einer Nachrichtenmeldung empfinde ich den brutalen Mord als deplatziert.
Unglaublich, wie schnell du die neue Rechtschreibreform angewendet, hasst.

Johanna
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Re:

von Johanna (16.11.2008, 13:03)
Hallo,

möchte mich mal in die Diskussion reinhängen.

Hakket (Moderator) hat geschrieben:
Für Männer stellt sich nur die Frage was Vorhänge sind und ob man die essen kann. Wenn nicht, ist es egal.


Das hat schon was, auch wenn ich lachen musste über die Definition. Schon mal das Buch gelesen: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken? Nach dieser Lektüre wird frau wieder ganz nachsichtig mit den Männern, weil frau einsieht, dass die Emanzipation in einer Art Gleichmache gelandet ist, die wohl garnicht erwünscht war. - Aber das ist nochmal eine andere Diskussion.

Im Film ist es aber - glaube ich - etwas einfacher, weil das Auge alles auf einmal wahrnimmt.


Das ist wie beim Malen von Bildern. Hat man als Anfänger sein Bild fertig gemalt, sieht es irgendwie "nicht richtig aus". Man guckt und sucht und findet nicht, woran es liegt. Erst irgendwann, wenn man "sehen" gelernt hat, fällt einem auf, das das Auge immer nur das scharf sieht, was es direkt fokussiert und alles andere ist verschwommener.

Das ist bei den Texten ähnlich. Die Schärfeneinstellung (Adjektive) sollte m.E. die wichtigen Dinge erfassen und der Rest kann in einer beiläufigen leichten Unschärfe gelassen werden.

Nur haben Frauen eine ganz andere Wahrnehmung als Männer. Sie lesen die Spuren viel intensiver und orientieren sich anders. Die Modrigkeit und die Schlieren auf dem Fenster können z.B. verraten, dass hier etwas Ungewöhnliches vorgeht, weil es sonst immer sauber war. Oder frau entnimmt dem muffigen Geruch einfach die düstere Stimmung = die tote Atmosphäre eines lange unbenutzten Raumes. Zuviel darfs aber nicht werden, sonst ist der Leser auf der falschen Spur.

Männer hingegen nehmen sowas auch im wirklichen Leben oft nicht wahr. Sie würden eher eine Bewegung des Vorhangs wahrnehmen oder ein Geräusch oder es müsste schon nach Blut riechen, um sie zu alarmieren. Dadurch finden sie diese Adjektive im Buch auch als langweilig.

Deshalb halte ich es auch für wichtig, dass der Autor überlegt, für wen er das Buch schreibt. Wobei etliche Leute mit vielen Adjektiven auch schlicht überfordert sind, weil sie mit den schnellen Bilderwechseln des Fernsehens groß geworden sind und ihr Vorstellungsvermögen schneller erschöpft ist.

Schöne Grüße

Johanna

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Gitte
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Überflüssige Adjektive

von Gitte (16.11.2008, 13:19)
@ Micha,
so, wie du die Umschreibung der Vorhänge geschildert hast, empfinde ich dies auch etwas weit hergeholt. Sicher, wir Frauen setzen andere Prioritäten bei der Verdeutlichung unserer Handlungsorte. Uns interessiert dann schon eher der Kühlschrank, wenn`s um was Essbares geht. Dass die Vorhänge im Raum in samtigem Rot gehalten sind interessiert vielleicht nur insofern, dass hier eine anheimelnde, warme Atmosphäre vorherrscht.
LG Gitte

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (16.11.2008, 13:45)
Hakket (Moderator) hat geschrieben:
Im Film ist es aber - glaube ich - etwas einfacher, weil das Auge alles auf einmal wahrnimmt.


Einspruch, Euer Ehren! cheezygrin

Es gab mal vor einiger Zeit eine TV-Serie über eine Friseur-Familie von den 50ern bis in die 70er hinein. Die Handlung wurde von einem Erzähler kommentiert, die immer wieder eingeblendet wurde.

In einer Folge gab es im Friseursalon eine Szene, wo sich der Inhaber des Salons, die Ehefrau und eine Kundin über einen verunglückten Haarschnitt massiv stritten. Als vierte Person war ein Lehrling in der Szene anwesend.

Der Streit eskalierte, bis die Kundin erbost den Friseursalon verließ. Dann wurde die Szene gestoppt, der Erzähler erschien und fragte den nichts ahnenen Fernsehzuschauer, ob man mitbekommen hätte, wie sich der Lehrling mit einem Rasiermesser in den Daumen geschnitten habe.

Natürlich hat keiner das mitbekommen, weil alle Konzentration auf den Streit ausgerichtet war. Die Szene wurde zurückgespult, noch mal gezeigt und erst jetzt sah man, wie sich der Lehrling in den Daumen schnitt, schmerzverzerrt das Gesicht verzog und den blutenden Daumen in den Mund steckte.

Das Auge sieht also nicht unbedingt alles. cheezygrin Vielleicht sortiert auch nur das Gehirn blitzschnell aus - aber zwischen Auge und Gehirn besteht bekanntlich eine direkte nervliche Verbindung.

Nix für ungut! cheezygrin

LG
Siegfried

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