Wechsel der Erzählperspektive?

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hawepe
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Re:

von hawepe (08.12.2008, 13:27)
Hallo Hans,

hwg (Moderator) hat geschrieben:
"Die Kunst des Könnens" lese ich da...
Wer beurteilt das Können?


Das ist eine andere Frage :-)

Um Regeln brechen zu können, muss ich erst einmal die Regeln beherrschen. Und es gibt nun einmal bestimmte Regeln für die Gestaltung von Kurzgeschichten, Romanen, Dramen, Novellen usw. Okay, es sind keine Regeln im Sinne der Mathematik, sondern eher Hunderttausendfach bewährte Erfahrungssätze.

Über sie darf man sich natürlich hinwegsetzen. Und das nicht nur, weil jeder tun und lassen kann, was er mag, sondern auch mit Blick auf einen eventuellen literarischen Erfolg. Aber sich über sie hinwegzusetzen, weil einem alles egal ist oder weil man es nicht besser kann, zeitigt selten Erfolg.

Das bewusste Brechen von Regeln - was übrigens meistens mit sehr strengen neuen Regeln einhergeht - kann dagegen wirklich Meisterwerke hervorbringen.

Beste Grüße,

Heinz.

hwg
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Re:

von hwg (08.12.2008, 13:28)
Grüße Dich Tabiro!

Ja, ja, das mit der "Wunst"...
Kommt darauf an, was man
unter Kunst zu verstehen glaubt.
Diskutiert (und auch wissen-
schaftlich erarbeitet) kann ja
nur bereits Bestehendes werden.
Doch wie schaut's mit den
heute geschaffenen Werken
aus, die sich nicht auf Regeln
der Vergangenheit und daher
des Bekannten stützen?

Nur so eine Frage an Dich und
alle, die etwas zum Thema schreiben
wollen.

Gruß Hans

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (08.12.2008, 13:28)
hwg (Moderator) hat geschrieben:
Dass Kunst von Können komme, ist
wohl bloß ein Sprichwort, denke ich...


Ich habe mal gelernt, Kunst sei vor allem sehr, sehr harte Arbeit!

LG
Siegfried

hwg
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Re:

von hwg (08.12.2008, 13:33)
...ich habe auch gelesen, dass man "echter Kunst" nicht die dahinter
steckende Arbeit ansieht... :lol:

Nun ernstlhaft: Es sind Kunstwerke über Jahre auf Grund harter geistiger und dann auch körperlicher Arbeit entstanden, jedoch auch gar nicht so wenige dank einer Intuition, deren Umsetzung lediglich wenige Stunden benötigt hat.

Gruß Hans

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (08.12.2008, 13:42)
hwg (Moderator) hat geschrieben:
Doch wie schaut's mit den
heute geschaffenen Werken
aus, die sich nicht auf Regeln
der Vergangenheit und daher
des Bekannten stützen?


Interessante Fragestellung.

Aber gibt es heute überhaupt noch eine Kunstrichtung, die das Willkürliche, das Regellose nicht zulässt?

Es gibt Plastiken, die nichts weiter sind als einfache geometrische Gebilde. Die stellt man auf eine Wiese und nennt es Kunst. Andere graben Autos zur Hälfte ein und nennen es ebenfalls Kunst.

In der Malerei haben sich unterschiedliche Stilrichtungen ausgeprägt, wo man auch vergebens nach Regeln sucht. Manche finden keinen Zugang zu abstrakten Malerei, zum Minimalismus, zum Happening. Es gibt Künstler, die mit einem Luftgewehr auf mit Farbe gefüllte Ballons schießen und das Ergebnis Kunst nennen. Regeln? Irgend jemand hat auch mal einem Affen einen Pinsel in die Hand gedrückt und das Ergebnis Kunst genannt. Regeln?

In der Musik sind Regeln auch aufgehoben worden. Niemand braucht mehr Rhythmus, Takt, Harmonien oder Melodie, um Musik zu machen. Es gibt atonale Musik, aleatorische Musik, Musik aus Trennschleifer und Metallhammer. Regeln gibt es da nicht.

In der Literatur gibt es doch Ähnliches. Wort- und Satzkonstruktionen ohne jeden Inhalt. Wörter, die einfach nur klingen sollen und semantisch nichts bedeuten. Oder Wortströme ohne jede Zeichensetzung, ohne jede Unterbrechung. Regeln sind also auch hier längst aufgehoben.

Das Problem ist also: Wenn in der Kunst alle Regeln gefallen sind, welche Regeln will man dann noch brechen?

LG
Siegfried

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hawepe
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Re:

von hawepe (08.12.2008, 13:44)
Hallo Hans,

hwg (Moderator) hat geschrieben:
Diskutiert (und auch wissen-
schaftlich erarbeitet) kann ja
nur bereits Bestehendes werden.
Doch wie schaut's mit den
heute geschaffenen Werken
aus, die sich nicht auf Regeln
der Vergangenheit und daher
des Bekannten stützen?


Das ist es ja eben, selbst die meiste Gegenwartsliteratur baut auf diesen Traditionen auf. Selbst an den Themen hat sich nicht allzu viel geändert. Die grundsätzlichen Überlegungen zum Spannungsbogen, zur Dialogführung, zum Wechsel von kurzen und langen Sätzen, usw. sind heute nicht minder aktuell wie vor 200 Jahren.

Erscheinungen wie die Dadaisten blieben eine Ausnahme, und auch sie schrieben keineswegs regellos, sondern entwickelten vielmehr eigene Regeln.

Wie gesagt, ich will niemand das Brechen traditioneller Regeln ausreden, bloß bislang stellten sie sich für mich in diesem wie in anderen Foren noch immer als Regelverstoß aus Unfähigkeit oder Unwillen heraus.

Beste Grüße,

Heinz.

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Tabiro Malex
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Re:

von Tabiro Malex (08.12.2008, 13:50)
Doch wie schaut's mit den
heute geschaffenen Werken
aus, die sich nicht auf Regeln
der Vergangenheit und daher
des Bekannten stützen?


Vermutlich sind diese Werke in erster Linie dann Kunst, wenn ein Gönner sie als solches ansieht und den Erschaffer des Werkes mit einem entsprechenden finanziellen Background ausstattet (ihm die Möglichkeit gibt, weiter daran arbeiten zu können und ihm Existenzängste vom Leib hält).
Einem solchen Sponsor werden i.d.R. alle Schrauben, an denen er entsprechend öffentlichkeitswirksam zu drehen hat, in unmittelbarer Reichweite liegen!
Kunst definiert sich m.E. nicht zwangsläufig daran, ob "es das schonmal gab, oder nicht".

VG
Tabiro
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hwg
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Re:

von hwg (08.12.2008, 14:03)
Aus endlosen Diskussionen mit Künstlern (Autoren) und Interessenten
habe ich (auch) viel gelernt. Und gerade das Noch-nicht-Wissen über neu Entstandenes macht Kunst (oder was von geschäftstüchtigen Vermittlern dafür gehalten wird) für mich doppelt interessant.

Was nicht heißen soll, dass ich "Althergebrachtes" grundsätzlich "verachte" - immerhin dient es sehr gut zum Vergleichen mit dem Neuen. Und dass dabei die Vergleiche nicht immer zu Gunsten des Aktuellen ausfallen, liegt in der Natur der Sache (der Betrachter). Im Gewohnten lässt es sich eben leichter leben... :lol:

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Bärentante
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Re:

von Bärentante (08.12.2008, 16:35)
Ich habe einmal einen Krimi gelesen, der wurde vom Kommissar aus der Ich-Perspektive erzählt. Der letzte Satz des ersten Teils, der Kommissar hatte einen Schuß abbekommen, lautete dann sinngemäß: "Mir wurde kälter und kälter, langsam schwarz vor Augen ..."
Der zweite Teil des Buches begann mit der Beerdigung. Nun erzählte der Nachfolger aus der Ich-Perspektive.

Ich war entsetzt und verwirrt.
Aber warum eigentlich nicht? :wink:
Liebe Grüße
Christel

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Tabiro Malex
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Re:

von Tabiro Malex (08.12.2008, 16:45)
Auch im Film "Junimond" von Hanno Hackfort erzählt und kommentiert der Protagonist sein Leben aus der Ego-Perspektive.
Wer sich den Film einmal ansehen möchte, sollte jetzt nicht weiterlesen!






Am Ende des Films wird erst klar, dass der Prot aus dem Jenseits berichtet. Diese Form der Perspektive ist diesem ohnehin sehr feinfühligen und überaus gelungenen Film in besonderer Weise zuträglich!

VG
Tabiro
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ChrisK
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Re:

von ChrisK (08.12.2008, 16:47)
Bärentante hat geschrieben:

Aber warum eigentlich nicht? :wink:

Billy Wilder hat das mal ausprobiert, und zwar in "Sunset Boulevard". Ursprünglich begann der Film damit, dass der tote Joe Gillis (William Holden) ins Leichenschauhaus gebracht wird und von dort aus seine Geschichte als Rückblende erzählt.
Das kam bei den ersten Testaufführungen nicht so gut an, die Leute lachten und hielten die Geschichte für eine Komödie. Wilder drehte nach und schmiss die "Toten-Erzählung" raus.
Gruß
Chris

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nepomuk
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Re:

von nepomuk (08.12.2008, 20:37)
spannende Diskussion, aber auch interessante Beispiele, danke!

Den Film Junimond werde ich mir gleich mal ausleihen, auch wenn ich Idiot weitergelesen habe cool1

Und der Link zum Bücher-Wiki ist auch interessant. Kannte ich noch gar nicht thumbbup
Vier Freunde, zwei Halbzeiten, eine Nachspielzeit...
www.die-viererkette.de

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Tabiro Malex
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Re:

von Tabiro Malex (09.12.2008, 14:40)
Hallo nepomuk!

... Den Film Junimond werde ich mir gleich mal ausleihen ...


Wenn du dir den Film tatsächlich angesehen hast, teile doch mal mit, ob er dir gefällt. Wir könnten dann einen neuen Thread eröffnen - der Film hätte es verdient, mehr Aufmerksamkeit zu erfahren.

VG
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Nedea
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Re:

von Nedea (10.01.2009, 16:31)
Hi, bin gerade eben erst über den Tread gestolpert. :roll:

Mein Buch, Flöckchen, ist in der ich-Perspektive geschrieben. Um dem Leser deutlich zu machen, was Erzählung, Erklärungen etc sind, habe ich einfach den Schriftstil verändert. Ein direkter Wechsel ist nur die Vergangenheitsform. Ansonsten lasse ich die Personen alle selbst reden. Wie es ankommt bei den Lesern weiß ich noch nicht, das Buch ist erst seit November auf dem Markt und ein Feedback gab es noch nicht.

Stefan Lamboury

Re:

von Stefan Lamboury (23.01.2009, 11:15)
Erstmal es ist nicht tabu die Erzählerperspektive zu wechseln, gerade durch den Perspektivenwechsel lässt sich unwahrscheinlich gut Spannung und Tempo in eine Geschichte bringen. Jedoch sollte man es damit nicht übertreiben, da es für den Leser sehr schwer ist, bei ständigen Wechsel der Erzählerperspektive der Geschichte zu folgen. Was anderes wäre es wenn du mit dem Ich Erzähler arbeitest, da ist ein Perspektivenwechsel tatsächlich tabu.

Schönen Gruß

Stefan Lamboury

http://stefanlamboury.npage.de/willkommen_79769456.html

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