David Knackmann

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Tino
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David Knackmann

von Tino (04.02.2009, 19:39)
Titel: David Knackmann - FANTASY
Autor: Tino Hemmann

Verlag: Engelsdorfer Verlag
ISBN: 978-3-86703-944-4
Seiten: 435 Seiten, zahlr. farb. Abb.
Preis: 15,00

Der Autor über das Buch:

Kennst du David Knackmann? Nein? o je ...
David Knackmann ist ein außergewöhnliches Fantasy-Abenteuer für Kinder von 8 bis 108.

Dieser Doppel-Wende-Band mit zahlreichen farbigen Illustrationen von Andrä Martyna wartet mit allerlei Überraschungen auf. Nicht ein Ende hat das Buch, nein drei! Und die sind nicht am Ende, sondern in der Mitte. Es wird gezaubert ohne Rücksicht auf Verluste, es tauchen Wesen auf, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Herzlich willkommen in einer neuen fantastischen Welt!

Klappentext:

Band 1: David Knackmann und der Fluch des Kristalls: Es soll ein stinknormaler Tag im stinknormalen Leben des zehnjährigen Neustädter Jungen David Knackmann werden. Doch dann kommt alles ganz anders! David klaut während eines Rundgangs in einem Besucherbergwerk einen Amethyst. Kurz darauf wird die Höhle dunkel, der Junge stürzt in einen tiefen Schacht. Als er schließlich erwacht, glaubt er kaum, was um ihn geschieht. David findet sich in einer fremden Fantasy-Welt wieder, lernt Zwerge kennen, Drachen, sprechende Nashornsoldaten und eine (be-)zaubernde Prinzessin namens Röschen. David ist im Gutbösereich gelandet! Bald erfährt er, dass der Diebstahl des Kristalls, der mittlerweile vom bösen König Krator vereinnahmt wird, das gesamte Gleichgewicht zwischen Gut und Böse durcheinander gebracht hat. David beschließt, die entführte Prinzessin zu befreien, den Kristall zu finden, die Mugiels zu retten, um ein Tor in die eigene Zukunft zu öffnen. Doch der Schreiber macht ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung!

Band 2: David Knackmann und die Rettung von König Benny: Jahre sind vergangen. David wird ins Gutböse Reich zurückgerufen! Prinzessin Röschen ist in größter Gefahr! Gemeinsam mit der kleinen, nervenden Schwester Susi und dem besten Freund Benny verlässt David heimlich Neustadt und gelangt auf einem äußerst komplizierten Weg in das Fantasyland. Kaum dort gelandet, wird er von Taarasaaramaara und dessen Pampanenkriegern gefangen genommen und, wie Susi, im Turm eingesperrt. Benny hingegen wird auf merkwürdige Art und Weise zum König über das Reich ernannt. Die meisten Freunde von David versteckten sich in der Stadt Ganzunten, während Taarasaaramaara von Ganzoben das Reich unterdrückt. Gegen einen Zauberer hilft nur Zauberei! David muss das Zaubern erlernen, um den aussichtslosen Auftrag zu erfüllen: Er muss König Benny befreien und die kleine Schwester retten. Gerade als sich David in die pubertierende Prinzessin Röschen verliebt, wird das Mädchen eine Geisel von Taarasaaramaara. Nur wenige Stunden verbleiben David, um das Orikel in Mongodongodoria zu finden, eine Flüssigkeit, die Taarasaaramaara entzaubern kann.

Inhalt:

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David hob seinen Kopf ein wenig. Über den Füßen sah er zwei helle Waden. Und an den Knien darüber, erblickte er den Saum eines gelben Kleidchens und weiter oben zwei verschränkte Arme, dann einen Hals und dann ein argwöhnisch dreinblickendes Mädchengesicht, umgeben von langen, goldblonden, lockigen Haaren.
Der Junge erhob sich ganz vorsichtig. Das Mädchen hatte seine Größe und vielleicht auch sein Alter.
"Bist du ein Mensch?", fragte David leise, der mit den Schuhen im Wasser stand und überall tropfte.
"Ein Mensch?" Das Mädchen hob seine Nase etwas höher. "Seh' ich etwa aus, wie ein schnöder, gewöhnlicher Mensch?"
David nickte und zog mit den Hacken die Turnschuhe aus. "Du schaust aus, wie die eingebildeten Weiber aus meiner Klasse. Und die behaupten schließlich auch, Menschen zu sein."
"Ich", betonte das Mädchen und nahm das Näschen noch etwas höher, "bin die Prinzessin!" Dann ging das merkwürdige Mädchen vier Schritte rückwärts, einen nach links, zwei vorwärts und einen nach rechts. Grinsend leerte David seine Schuhe, zog nun auch die Strümpfe von den Füßen und wrang sie aus. Er stellte sich barfuß neben die Prinzessin und folgte zögernd ihren Schritten, wobei sie ein Stück des Gartens durchquerten. Und während sie tanzten, begann die Prinzessin zu trällern:

"Wunderschön und auch von Adel,
immer jung und ohne Tadel,
scheine heller als die Sonne,
und mein Antlitz ist die Wonne!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!

Schnöde Weiber voller Neid,
greifen an mein Seidenkleid,
staunen über meine Beine,
keine Haut ist so wie meine!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!

Nicht ein Böser wird es wagen,
mich zu jagen und zu schlagen!
Denn dann kommen die Soldaten,
die mich schützen und beraten.
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Und eines Tages bin ich Königin."

David grinste das Mädchen an. Er riss sich los und hielt sich die Stirn. Dann ergriff er ´die zarten Hände der Prinzessin und begann, sich mit ihr im Kreis zu drehen. Dabei rief er laut:

"So ein Blödsinn, den ich höre!
Du bist auch nur eine Göre,
eingebildet und verzogen.
Das ist wirklich nicht gelogen.
Du bist traumhaft? Klingelingeling?
Du bist eine Angeberin!"

"Pah! Puh!" Die Prinzessin schubste David von sich, der auf den Rücken ins Gras fiel. "Wie sollst du meine Anwesenheit zu schätzen wissen? Du bist ja nur ein Mensch! Und noch dazu ein Junge und ein Kind. Ich aber bin eine Prinzessin!"
"Eine Prinzessin also!" David wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab. "Eine ordentliche Prinzessin schubst einen wehrlosen Jungen aber nicht einfach so ins Gras. Du erinnerst mich eher an Nathalie aus meiner Klasse. Die sieht genauso eingebildet aus und strebt immerzu. Die Lehrer können sie gut leiden. Aber leider nur die Lehrer."
"Ich denke", sie hob das Näschen etwas höher, "deine Nathalie kann bestimmt nicht das!" Die Prinzessin hob eine Hand, und ehe David etwas dagegen tun konnte, zog sich seine Hose mit einem Ruck von allein aus und zappelte hoch oben in der Luft. Sogleich hielt er mit beiden Händen krampfhaft die Unterhose fest, während er aufstand und hüpfte, um die Hose zu erreichen.
Die Prinzessin lachte hinterhältig.
"Nicht die Unterhose! Nicht die Unterhose!" David flehte und trat einen Schritt zurück.
Die Prinzessin lachte noch mehr, hob wieder die Hand und Davids blaues T-Shirt zog sich ganz allein aus und tanzte gemeinsam mit seiner Hose weit über ihm.
Nun blieb dem Jungen nichts weiter übrig, als schnell das Weite zu suchen. Während er davon flitzte, hörte er ihr schallendes Lachen. Er rannte einmal um den See und lief letztendlich der Prinzessin, die plötzlich wieder vor ihm stand, genau in die Arme, worauf beide ins Gras fielen.
David drehte sich mit aller Kraft, so dass die angebliche Prinzessin nun unter ihm lag und nahm das Mädchen in die Zange. "Das war wirklich ganz, ganz gemein von dir", schimpfte der Junge. "Dass du mir die Hose weggenommen hast! Immerhin bin ich ein Junge und du ein Mädchen."
"Glaubst du nun, dass ich eine Prinzessin bin?", fragte das Mädchen, noch immer lachend, kroch unter David hervor und erhob sich wieder.
"Ich glaub's dir ja. Aber gib mir jetzt bitte, bitte meine Sachen wieder. - Und ... kannst du sie vielleicht vorher trocken zaubern?"
"Natürlich kann ich das", sprach das märchenhafte Geschöpf grinsend. Und bevor David einmal Luft holen konnte, hatte er seine trockenen Sachen wieder an, dazu die Strümpfe und die Schuhe.
"Das ist genial", staunte David. "Vielleicht bist du gar nicht so eingebildet wie Nathalie. Kannst du auch etwas zu Essen und zu Trinken zaubern? Kannst du mir das Zaubern vielleicht beibringen? Und kannst du ..."
"Das Essen brauche ich nicht zu zaubern, die Tafel ist bestimmt schon gedeckt. Und Zaubern lernt man ausschließlich in der Zauberschule."
"Etwa in Hogwarts?"
"Was soll denn ein Hogwarts sein? Du redest über merkwürdige Dinge, Mensch David. Nun komm schon mit, bevor ich es mir anders überlege und dich von den Nashornsoldaten in den Turm sperren lasse." Die Prinzessin nahm ihn einfach an die Hand und zog ihn mit sich. "Merkst du etwas?", fragte sie.
"Was soll ich denn merken?"
"Du bist in den See der Heilung gefallen. Dir kann jetzt nichts mehr wehtun."
Nun stellte auch David fest, dass ihm der Po nicht schmerzte.
"Was kannst du noch so?", fragte der Junge, während sie einen schmalen Weg entlang liefen, zu dessen Seiten sich hohe, bunte Blumenraine erhoben, in denen unzählige Schmetterlinge flatterten.
"Na ja, ich lerne noch!"
"Ist das so eine Art Schule?"
"Nein, das macht meine Mutter, die Gute Königin."
Sie kamen an ein Tor, vor dem ein aufrecht stehendes Nashorn Wache schob, das David mit untersuchenden Blicken musterte. Es hatte ein golden leuchtendes Horn auf der Nase, ansonsten sah es aus, wie die im Zoo.
"Er darf mit rein", meinte die Prinzessin. "Das ist ein guter Mensch!"
Das Soldaten-Nashorn grunzte, öffnete das Tor und schloss es sofort wieder, nachdem die beiden Kinder hindurchgegangen waren.
David blieb erstaunt stehen. Vor sich sah er nun ein riesiges, felsiges Schloss, das tatsächlich wie ein Vulkan aussah und oben etwas Feuer spie.
"Das Vulkanschloss", raunte er. "Ob Tabok schon hier angekommen ist?"
"Ja, ja! Der ist schon da! - Warte, David!"
"Du weißt meinen Namen?"
"Aber David, ich bin die Prinzessin. Ich habe schon über dich gelacht, als du mit dem Ug Spaß gemacht hast. Weißt du, ich habe sehr selten Spaß. Dreh dich um!" David drehte sich um. Dann fühlte er, wie sich etwas an seinem Hosenboden zu schaffen machte.
"Was ist das?"
"Die Hose wird geflickt. Halt still, sonst stechen dich die Nadeln!"
David kniff die Pobacken zusammen und wagte kaum zu atmen. Die Prinzessin setzte schon wieder ihr hinterhältiges Grinsen auf. Genau in diesem Moment piekste eine Nadel zu und David jaulte auf.
"Oh Entschuldigung, war aus Versehen! So, fertig!"
David griff an seine Hose, die Löcher und Risse waren tatsächlich verschwunden. "Meine Mami könnte dich bestimmt gut gebrauchen."
"Deine Mami?"
"Schon gut, Prinzessin. Und wie heißt du?"
"Ich bin die Gute Prinzessin."
"Gute Prinzessin?" David verzog sein Gesicht. "Das ist doch kein Name. Du hast bestimmt einen richtigen Namen. Oder?"
"Nein, habe ich nicht! Nur meine Mutter, die Gute Königin, ruft mich manchmal Röschen. Weil ich so schön, wie eine blühende Rose bin."
"Röschen?" Nun lachte David. "Du bist Röschen? Hast du irgendwann mal einhundert Jahre geschlafen?"
"Ich? Nein! So lange habe ich nie geschlafen. Warum sollte ich das?"
"Bei uns gibt es das Märchen von einem Dornröschen ..., hätte ja sein können, dass du das warst. - Röschen ... wie das klingt."
Die Prinzessin knuffte David in die Seite. "Los komm jetzt, die Königin wartet bestimmt schon!"
"Ich komm ja schon, Röschen!" David lachte wieder, dann folgte er der Prinzessin auf einem schmalen Weg, der sich aufteilte und in einer anderen Richtung zu einem hohen Turm führte.
Sie betraten das Schloss und das Menschenkind David blickte sich ehrfurchtsvoll um. Die Räume waren riesig, überall standen diese merkwürdigen Nashörner, Diener der Königin.
Beide rannten durch die langen Gänge und die Prinzessin lachte dabei. Bis sie in einen Raum kamen, der noch größer, schöner und prunkvoller war als die anderen Räume. Ein Saal mit gigantischen Ausmaßen, voller goldener Reliefs und Statuen. Und in der Mitte dieses Saals stand eine unglaublich lange Tafel. Und am Ende dieser unglaublich langen Tafel, saß die unglaublich schöne Gute Königin.
David näherte sich ihr und kam sich schäbig vor, in seiner schmutzigen Jeans und mit seinem ausgewaschenen T-Shirt.

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Leseprobe Band 2

[...]
Erste Zauberversuche
Sogleich versuchte er mit dem eisernen Nagel, einen der Steine zu lockern.
"Bin ich blöd", redete er mit sich selbst. "Papa hat Hammer und Meißel im Keller ..." Doch noch mal nach Neustadt, das wollte sich David nicht antun. Nach etlichen Versuchen, als ihm bereits der Schweiß über den Rücken lief, fand David an einem der Steine eine winzige Kante und konnte ihn ein wenig mit dem Nagel heraushebeln. Er gab sich größte Mühe, denn er fühlte sich vom Schreiber beobachtet. Endlich bekam er den Stein zu fassen und zog ihn vorsichtig aus der Wand. Polternd fiel der Stein auf den Boden. Nun konnte David in den Hohlraum hineingreifen und die restlichen Steine entfernen.
Schließlich lag das Zauberbuch vor David auf dem Fußboden! Er klappte es auf, da wo der Zauberer Rullie den kurzen Zauberstab dazwischen gelegt hatte. Seine Finger suchten in der alten Schrift. "Mauerwerk ...", flüsterte David. Darunter waren etliche Rubriken geschrieben. "Öffnen, Hindurchgehen, Drehen, Wenden, Zerbröseln ... In Haferbrei verwandeln?" David wunderte sich. "Was ist denn das für ein Quatsch? - Verschließen. Da ist es!" Der Junge las langsam den winzigen Text darunter. Die Dunkelheit machte ihm das Lesen doppelt schwer: "Uabreuam! - Vor dem Stein sei hinterm Stein, wie es war, so soll es sein!"
David nahm ehrfurchtsvoll den Zauberstab zur Hand, zeigte auf das Loch in der Mauer, legte die linke Hand auf das Zauberbuch und sprach beschwörend, nachdem er den Text noch einmal gelesen hatte: "Uabreuam! - Vor dem Stein sei hinterm Stein, wie es war, so soll es sein!"
Ein Rumoren erklang, Steine flogen durch die Luft, dann war wieder Stille. Erstaunt sah David, dass das Loch noch immer in der Wand war, nur die Steine, die er gerade herausgepult hatte, die waren verschwunden!
Er sah sich im Verlies um und erschrak zu Tode! Da, wo eben noch der Ausgang mit der verriegelten Tür war, erblickte er nun eine säuberlich eingebaute Mauer! "Ach du liebes Bisschen!" Er erhob sich und klopfte gegen die Mauer. Kein Ton war zu hören! "Susi", brüllte er. "Susi! Hörst du mich?"
Nichts. Nur Stille.
Der Junge verzweifelte fast. Das Zaubern schien nicht so einfach. Er kniete sich wieder neben das Zauberbuch und schlug die erste Seite auf. Dort und auf den folgenden Seiten, standen viele Paragrafen unter der Überschrift: "Was Jedermann sehr sorgsam beachten sollte:" David begann die Paragrafen zu lesen. So erfuhr er, dass das Zauberbuch nicht von Kindern unter zwölf Jahren benutzt werden durfte, dass man Zaubersprüche auf keinen Fall kombinieren sollte, dass man mit einem Zauberspruch einem Lebewesen keinen leiblichen Schaden zufügen oder es gar töten durfte, dass das Zauberbuch niemals gänzlich unter Wasser getaucht werden soll, und, und, und ... Nach 499 Paragrafen las David: "Zu Risiken und Nebenwirkungen berät Sie gern ein Zauberer ihres Vertrauens. Und beachten sie gefälligst auch die Hinweise am Ende des Buches!"
Der Junge schüttelte den Kopf, schlug das Buch zu und von hinten wieder auf. Dort las er die "Ratschläge zur Benutzung mit einem Zauberstab".
David flüsterte: "Die in diesem Buch enthaltenen Zaubersprüche werden nur wirksam, wenn man sie deutlich und nicht genuschelt ausspricht. Man kann sie auch rufen, nicht aber flüstern oder ängstlich hauchen - wobei tunlichst darauf zu achten ist, dass die betreffende Person mit dem Zauberstab auf das erwählte Objekt zeigt, das Buch berührt und gleichzeitig spricht. Die Person sollte ebenso darauf achten, den Zauberstab mit der Zeigespitze, meist gekennzeichnet mit einem 'V' wie vorn, auf das zu verzaubernde Zauberortobjekt zu richten und niemals das Zauberstabzeigeende, meist gekennzeichnet mit einem 'H' wie hinten. Ansonsten passiert, was bereits häufig passiert ist - nicht das Zauberortobjekt, sondern ein Nichtzauberortobjekt wird verzaubert." Danach war das Zauberbuch zu Ende.
Den letzten Abschnitt musste David viermal lesen, bis er ihn verstanden hatte. Er nahm den Zauberstab zur Hand und betrachtete und befühlte die beiden völlig gleich aussehenden Enden des Holzstabes. Und tatsächlich fand er an einem Ende ein winziges, kaum sichtbares eingraviertes "V" und am anderen Ende ein ebenso kleines "H".
Dummerweise hatte er wahrscheinlich den Zauberstab bei seinem allerersten Versuch genau verkehrt herum gehalten, so dass nicht die Wand vor, sondern die Tür hinter ihm verschlossen wurde. Da David keine Lust auf weitere Fehler hatte, nahm er einen Stein zur Hand und schlug eine kleine Kerbe in den Zauberstab, die er deutlich fühlen konnte. Und fühlte er fortan die Kerbe, dann hielt er den Stab auch richtig herum. Kurzerhand suchte David im Zauberbuch die Stelle "Türen". Auch da standen jede Menge Unterbegriffe. David entschied sich für "Tür in Mauer".
Er atmete noch einmal tief durch, berührte das Zauberbuch, richtete den Zauberstab dorthin, wo vorher die Tür mit den sieben Riegeln gewesen war und sprach laut und deutlich: "Gnaghcrud! - Durch die Mauer durch den Stein, weit geöffnet soll es sein!" Der Zauberstab vibrierte ein wenig, es krachte fürchterlich, und als sich der Staub gelegt hatte, sah David eine stinknormale Tür, die sich problemlos öffnen ließ und dabei nicht einmal quietschte! Stolz lächelnd trat David aus dem Verlies und stand nun auf der geschwungenen Steintreppe, die hinauf zu Susis Kerker führte!
"Susi!", rief er laut.
"David, ich mach mir wirklich gleich ein!", erhielt er als Antwort. Schnell ging der Junge zurück zum Zauberbuch, das noch auf dem Boden lag, denn er erinnerte sich an die Worte des Schreibers, nicht aber an den Zauberspruch, zu dem der ihm geraten hatte. David blätterte aufgeregt im Zauberbuch.
Was hatte er gesagt? David versuchte sich zu erinnern. Dringende Bedürfnisse, das war's! Unter "B" fand er "Bedürfnisse" - darunter, die Unterrubrik "menschliche" und darin, eine weitere Unterunterrubrik, mit der Bezeichnung "dringende" - wobei es da noch die Unterunterunterrubriken "große" und "kleine" gab! Eilig steckte er den Kopf zu seiner neuen Tür hinaus und rief: "Susi, musst du groß oder klein?"
"Klein!", rief Susi zurück. "Aber es ist schon fast zu spät!"
"Warte noch!", rief David hinauf und flitzte zurück zum Zauberbuch. "Weiber!"
In der Unterunterunterrubrik "kleine und dringende menschliche Bedürfnisse" konnte David schließlich lesen, wobei er mit dem Zauberstab hinaufzeigte und das Zauberbuch berührte: "Olkressaw - Klo, Klosa, Klosette - Klo, Klosa, Klo rette!" Wieder eilte er zur Tür und fragte hinauf: "Und, Susi - alles okay?"
"Nichts ist okay, Dave! Beeil dich bitte!"
Der Junge vertrete genervt die Augen, hob das Zauberbuch vom Fußboden auf, steckte sich den Zauberstab in die Gesäßtasche der Jeans und wollte gerade hinaufeilen, als ein Regentropfen seine Stirn traf. Erstaunt sah David auf. An der steinernen Decke des Verlieses war fein ordentlich ein Klosett befestigt, aus dem es unaufhörlich tropfte. "Vergiss es", raunte der Junge und rannte die steinerne Wendeltreppe zu Susi hoch. Oben angekommen, rief David: "Susi, geh schnell zur Seite!" Er zog den Zauberstab aus der Gesäßtasche, das Buch hatte er ja unter dem Arm, zeigte auf die Verliestür und sprach: "Gnaghcrud! - Durch die Mauer durch den Stein, weit geöffnet soll es sein!" Nach dem Vibrieren und Krachen, sah David die Tür und betrat Susis Gefängnis. Das Schwesterchen kniete auf dem Boden und hielt sich die Ohren zu. Als Susi ihren Bruder erblickte, erhob sie sich und umarmte ihn herzlich. Gleich darauf kniff sie die Beine zusammen. David zeigte mit dem Zauberstab in eine Ecke des Raumes und rief: "Olkressaw - Klo, Klosa, Klosette - Klo, Klosa, Klo rette! - Nun geh schon, Susi!" Das Mädchen setzte sich sofort auf die Brille des gerade erschienen Klobeckens und sah David mit großen Augen an.
"Was ist?", fragte er.
"Ich kann nicht, wenn du zuschaust."
"Wenn du eilig musst, dann ist das völlig egal." David drehte sich trotzdem um, hörte es plätschern und Susi fragen: "Wie hast du das gemacht, Dave?"
"Wie ich das gemacht habe? Ich kann jetzt zaubern. Und vergiss nicht zu ziehen!"
"Zauberst du meine Kuschel-Lotte-Puppe her und kannst du uns dann nach Hause zaubern?"
David verdrehte die Augen. "Du denkst wohl, Zaubern wäre einfach? - Los, komm jetzt!" Er steckte den Zauberstab wieder ein, ergriff Susis Hand und trug unter dem linken Arm das Zauberbuch, das nicht gerade leicht war.

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