Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität

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Siegfried
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Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität

von Siegfried (19.11.2008, 02:15)
Soeben etwas Uraltes von mir ausgegraben. Ist vermutlich mehr als zehn Jahre alt ... Oh Gott, Oh Graus, ich halt's kaum aus! cheezygrin



Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität

Setze ich mich, um zu schreiben, so begebe ich mich auf eine Reise: tief in mich hinein und weit aus mir heraus. Das Licht der Straßenlaterne vor dem Fenster tanzt in wilden Schattierungen auf der Tapete, und die Geräusche der Straße beginnen sich mit meinen Gedanken zu vermischen.

Der Spatz Phantasie kommt in mein Zimmer und läßt sich auf meiner Schulter nieder. Sanft zwitschert er mir ins Ohr, und schon wandelt er sich zur Graugans, auf der ich, Nils Holgersson gleich, Platz nehme und in das Reich jenseits aller klaren Vorstellungen fliege.

Noch ist der Vorhang meines Kopfkinos geschlossen. Alles ist schwarz, alles ist still. Aber irgendwo spüre ich ein Vibrieren. Die Spannung wächst. Und dann glimmt – vor mir? in mir? - ein winziges Körnchen, brennt sich durch die Dunkelheit, entflammt mit voller Pracht. Meine Graugans wandelt sich zum Pfau, der ein Rad schlägt, bunt wie der Regenbogen. Ich höre Geräusche, Wortfetzen, Musik. Das erste Bild entsteht. Der Vorhang geht auf.

Um mich herum entsteht ein Universum; Spiralnebel, Sternenhaufen, Sonnensysteme ziehen an mir vorbei, ein blauer Planet liegt auf schwarzem Samt. Steppenartige Ebenen, leer und öde, tauchen aus dem Dunkel auf und versinken wieder darin. Meereswellen rollen gegen wilde Felsklippen und lösen sich in der Gischt auf. Feuer schlägt blau und gelb aus schmalen Felsspalten und wird zum Kerzenlicht in kalter Nacht. Der Wind peitscht Baumkronen und verliert sich über endlose Wüsten.

Aus den Sümpfen des Alltäglichen steigen Klischees auf und saugen sich an mir fest. Die Erde gebiert mächtige Krieger mit hocherhobenen Schwertern und verschlingt sie wieder. Heere prallen in wilder Schlacht aufeinander, ich mitten darin, umgeben von brüllenden Männern, und Augenblicke später wandle ich über eine blühende Sommerwiese, als Teil einer friedlich grasenden Büffelherde. Plötzlich bin ich ein Adler, hoch über den Büffeln, und entdecke die Jäger hinter den Hügeln. Einen Flügelschlag später sitze ich auf einer Bank im Park, fühle die Hand einer wunderschönen Frau in der meinen und blicke in einen tiefroten Sonnenuntergang.

Und ich sehe die Sonne durch die Augen der Frau, sehe als Sonne auf das Paar, und ich sehe ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Ich erschaffe ihre Vorfahren, und ich gebe ihnen ihre Nachkommen. Gesichter erscheinen und verschwinden, gezeichnet von den Spuren eines Lebens, das ich ihnen gebe. Mit meiner Vorstellungskraft forme ich Schicksale, gewähre Freude und strafe mit Leid.

Und dann, ganz unvermittelt, ist ein Bild fertig, in sich geschlossen, unverrückbar. Das Bild weitet sich, drängt alles andere zur Seite. Aus dem kleinen glimmenden Körnchen ist eine Idee geworden.

Die Reise tief in mich hinein und weit aus mir heraus geht zu Ende. Aus der Musik drängen sich die Geräusche der Straße hervor, und die tanzenden Schatten auf der Tapete werden wieder zum Licht der Straßenlaterne. Der Spatz auf meiner Schulter ist verschwunden.

Die Idee ist geblieben.



So, nun dürft ihr auch mal mich bzw. einen Text von mir so richtig durch die Mangel nehmen! cheezygrin

LG
Siegfried

Dozen-Roses

Re: Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität

von Dozen-Roses (19.11.2008, 08:13)
Ja, genau so ist es, wenn man in die Welt der Fantasie eintaucht.
Du bist deiner Umwelt völlig ver-ückt oder ent-rückt. So, als wenn du in einen Schrank gehst ... für die Deinen warst du eine Stunde weg. Du aber hast monatelanges Erleben gehabt. book:

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (19.11.2008, 11:05)
Schade,
ich muss dich enttäuschen Siegfried. :?

Mir gefällt der Text sehr gut, weil er sehr schön spiegelt, was passiert, wenn man sich auf die kleinen äußeren Reize einlässt, und durch sie in eine ganz eigene Welt versinken kann, sie durchlebt, modelliert und wieder aussteigt.

Die Beschreibungen sind sehr malerisch - als kurzer Text gut zu verkraften, als Roman würde ich das nicht durchhalten.

Dass als Ausbeute dieser Phantasiereise nur eine Idee geblieben ist, bezweifle ich allerdings. cheezygrin

LG Grete

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Bücherwurm
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Re:

von Bücherwurm (11.02.2009, 22:32)
Hallo Siegfried,

auch ich muss dich enttäuschen. Dein Text ist für alle, die schreiben und schon einmal das 'Kopfkino' gesehen haben, eine bildreiche Schilderung ihres eigenen Erlebens.
Sehr gut geschrieben, wenn auch 10 Jahre alt. thumbbup

Grüße, Gabi
Titel bei BoD:
Hunger auf Leben - Ein Mädchen kämpft gegen den Krebs
Anna und das Traumland
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noteingang
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Re:

von noteingang (11.02.2009, 22:39)
Siegfried nimm mir das nicht übel, aber ich finde es blutleer.
Handwerklich natürlich sehr gut, aber es fehlt das gewisse Etwas.
Eventuell ist es zu fehlerfrei. Eventuell fehlt da mal eine "pseudolyrische Bezeichnung". Eventuell darf Poesie gar nicht so geschliffen sein, keine Ahnung, jedenfalls packt es mich nicht vollends.

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (11.02.2009, 23:26)
Also Siegfried, was soll ich sagen. Mir gefällt der Text! thumbbup

Phantasiereisen sind sehr verlockend. Alles ist möglich - alles ist
erlaubt. Das Erwachen ist manchmal ernüchternd.
Aber eine Idee bleibt meist zurück.

Und ich muss sagen, du hast eine blühende Phantasie. :D
Ich sehe keinen Grund irgendetwas zu zerpflücken.

LG.Rita

hwg
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Re:

von hwg (12.02.2009, 08:42)
Guten Tag Siegfried!

Eine gekonnte "Schreibübung" mit vielleicht etwas zu "altmodischer" Sprachfärbung, jedoch voller Phantasie.

Als "Gegenpart" sozusagen eines meiner G'schichterln zum in etwa gleichen Thema (seinerzeit im Büchlein "Sicherungen" veröffentlicht, das war vor etwa 30 Jahren):

Der Hochsitz

Sein Arbeitszimmer liegt wie ein Hochsitz über den Gärten. Fenster hat es nach drei Seiten. Weit kann man hinaus blicken in die sommerliche Landschaft.

Es gibt kein schöneres Zimmer für Bernhard. Er wartet auf seinem Hochsitz, indes die Sonne ihm einen rosafarbenen Abendhimmel schenkt. Bernhard, der Poet, sitzt auf eine Idee an, von der er hofft, dass sie sich im Gestrüpp der Gedanken irgendwie verheddern wird.

Und wenn er die Idee gepackt hat, dann wird der Hochsitz zum Cockpit eines Düsenfliegers. Und er braust mit ihr los, der Idee, durchbricht die Schallmauer, rast durch Zeiten und Weiten, ins Blaue hinein – bis er feststellt, dass er zwar den Wolken ein Stück näher ist, aber die Erde nicht mehr sieht und die Menschen.

So geht es nicht, sagt er sich, mit dem Flieger so hoch hinaus, das geht nicht gut. Also verwandelt er das Cockpit in die Kommandobrücke eines Schiffes und ernennt sich zum Kapitän auf großer Fahrt. Die Anker sind gelichtet, das Schiff zieht seinen geraden Kurs. Doch kaum sind sie aus dem Hafen, da fällt Bernhard ein ständiges Schlingern auf. Zu wenig Tiefgang, denkt er, die Ladung wird untergewichtig sein – und er wirft die ganze Idee über Bord. Umsteigen auf den Hochsitz und wieder warten?

Bernhard ist ins Freie gegangen und zu jenem Steilhang gewandert, den er von seinem Schreibtisch aus ständig vor Augen hat, jenseits der sumpfigen Niederung. Dort steht er und schaut zurück.

Das also ist unser Dorf, geht es ihm durch den Sinn. Wie schön das aussieht, die bunten Häuser, aufgeperlt an der Straßenschnur. Leute machen sich auf ihrem Land zu schaffen. Dann sieht Bernhard auch das kleine Haus, worin er haust, und die verwahrloste Parzelle, die den Eindruck zu erwecken vermag, als sei der Besitzer sei schon seit längerem abwesend.

Da kommt ihm plötzlich eine Idee, für ihn eine etwas ausgefallene zwar, aber seine Nachbarin wird sie für gut halten: Bernhard beschließt, einen Blumengarten anzulegen.

Kollegialen Gruß!
Hans

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (12.02.2009, 10:27)
Hallo Hans,

deine Phantastische Reise ist gut bei mir angekommen. thumbbup

Die vielen Ideen, die jeder einzelne hat, lassen sich leider
nicht immer in die Tat umsetzen. :(

Aber vielleicht klappt es mit dem Blumengarten. :wink:



LG.Rita

hwg
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Re:

von hwg (13.02.2009, 08:03)
Guten Morgen Rita!

Phantasie trifft's punktgenau, da ich selber weder in ein Flugzeug steige noch einen Garten habe. Und die Fahrten auf einem Schiff beschränken sich auf Donau und einige Seen... :lol:

Lieben Gruß!
Hans

Klaus Horsten
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Re:

von Klaus Horsten (13.02.2009, 09:20)
Wortschwulst gelöscht ;-)
Zuletzt geändert von Klaus Horsten am 10.09.2014, 10:04, insgesamt 1-mal geändert.

Detlef Schumacher
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Re:

von Detlef Schumacher (13.02.2009, 11:21)
Sag mal, Klaus, sprichst Du auch so geschwollen, wie Du hier schreibst?
Mir sind solche Wortschwülste jedenfalls abhold.

Gruß,
Detlef

hwg
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Re:

von hwg (14.02.2009, 08:19)
Hallo Klaus,

natürlich kann man jeden Text noch "steigern".
Dass meiner "konstruiert" ist, kann und will ich auch nicht bestreiten.
Welcher Text ist das nicht? :lol:

...und von Breugels Tafelbildern habe ich - jedenfalls erinnere ich mich nicht daran - noch nie geträumt...

Gruß aus der Steiermark!
Hans

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (14.02.2009, 10:52)
In der Realität hätten wir solche "Reisen" ohnehin nicht überlebt.

Deshalb sind die Phantasiereisen so wunderschön und ungefährlich.
Da sind wir unantastbar. thumbbup



LG.Rita

Klaus Horsten
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Re:

von Klaus Horsten (14.02.2009, 11:29)
...
Zuletzt geändert von Klaus Horsten am 10.09.2014, 10:08, insgesamt 1-mal geändert.

hwg
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Re:

von hwg (14.02.2009, 11:40)
Klaus, mein Hinweis war ja auch nicht böse gemeint.
Natürlich pflichte ich Dir bei, was die "Beurteilung" von Texten betrifft.
Da ich kein BoD-Autor bin, verstehe ich von BoD-Belangen, wie von
Technik überhaupt, so gut wie nichts.

Gruß Hans

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