Feministische Linguistik

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Bea_Wagner
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Feministische Linguistik

von Bea_Wagner (02.05.2009, 17:03)
In einem anderen Thread tauchte von Markus folgende Frage auf:

Bea_Wagner hat Folgendes geschrieben:

Dennoch zwei Buchempfehlungen:

Luise Pusch: Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, edition suhrkamp ISBN-13: 978-3518133248

Senta Trömel-Plötz: Gewalt durch Sprache: Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen, Fischer-TB.-Vlg.,Ffm; ISBN-13: 978-3596237456

Gruß
Bea


Liebe Bea,
es wäre mir VIEL, VIEL lieber, wenn Du mir einfach in einigen Sätzen die Quintessenz verraten würdest. Was ich tun soll! Eventuell bin ich da als Schweizer besonders froh Wink


Hallo Markus,

leider lässt sich das nicht in zwei, drei Sätzen beantworten. Auch nicht für einen Schweizer. Nicht umsonst ist die feministische Linguistik ein Wissenschaftszweig. Außerdem bin ich keine Sprachwissenschaftlerin (ich habe nur eine erzogen) und meine Erklärungen sind sicher laienhaft.

Ich versuche mal, die für mich wichtigen Dinge zusammenzufassen.

Wenn ausschließlich Frauen angesprochen werden, ist es schlicht schon unverschämt, die männliche Form zu nutzen. Ein berühmtes Beispiel von Luise Putsch betraf den Beipackzettel von Tampons. Da hieß es: „Die Menstruation ist bei jedem etwas anders.“ – Die Herstellerfirma hat das inzwischen geändert.

Wenn eine Gruppe überwiegend aus Frauen besteht, muss es selbstverständlich werden, die weibliche Form zu nehmen. Besteht eine Schulklasse aus 15 Schülerinnen und 5 Schülern, dann darf man von den „Schülerinnen dieser Klasse“ reden. Ganz so, wie es sich Frauen gefallen lassen müssen, in einer männlichen Gruppe aufzugehen. Die Kolumnen auf meiner Webseite sind überschrieben mit: „Liebe Leserinnen“, auch wenn ich weiß, dass sie von Männern ebenfalls gelesen werden. Aber ich richte mich nun mal in erster Linie an Frauen.

Geht es um „gemischte“ Gruppen und man mag die Ergänzung Innen nicht und will auch nicht ständig von „Mitbürger und Mitbürgerinnen“ reden, sollte man schlicht abwechseln. Mal die männliche und mal die weibliche Form nutzen. Solange allerdings in solchen ausschließlich die männliche Form genommen wird, handelt es sich sprachlichen Sexismus.

Stelle ich eine Gruppe von Frauen eine Frage, dann sollte sie nicht „Wer von euch …“, sondern „Welche von euch …?“ lauten.

Eine Frau sollte von sich selbst nie in der männlichen Form sprechen und sich auch nicht so bezeichnen lassen. Ich bin kein Autor, ich bin Autorin. Und ich fühle mich beim dem Wort Autor auch nicht angesprochen. Ein Grund, weshalb ich dieses Forum hier mit folgender Bemerkung verlinkt habe: „Obwohl der Name ein wenig unglücklich gewählt ist - sprachlicher Sexismus ist leider auch bei AutorInnen nichts Ungewöhnliches - handelt es sich hier um ein sehr interessantes Forum“.

Mit Übertreibungen und Auswüchsen habe ich auch so meine Probleme. „Liebe Kinderinnen und Kinder“ muss nun wirklich nicht sein und auch die Ersetzung des Wortes „Mitglied“ durch „Mitklit“ ist schon ein wenig lächerlich. Reine Frauenvereine sprechen inzwischen von „Mitfrauen“, auch eine akzeptable Lösung.

Meine Bemerkung an Conny, in diesem Fall lieber von Autorinnen zu sprechen, bezog auf die Tatsache, dass die Doppel-, Drei- und Vierfachbelastung in der Regel Frauen betrifft. Die paar Männer, die sich in diesem Fall ebenfalls angesprochen fühlen, müssten sich die weibliche Form dann eben mal gefallen lassen, wie es umgekehrt ja selbstverständlicher Alltag ist.

Ein wunderbares Buch zur Sensibilisierung für dieses Thema ist: „Die Töchter Egalias“ von Gerd Brantenberg (es handelt sich dabei um eine Norwegerin), Frauenoffensive (2001), ISBN-13: 978-3881041638

Hier noch zu dem Thema ein Ausschnitt einer Kolumne von mir:

Der Leithammel legt eine CD ein, Impressionen der Frankfurter Buchmesse, zusammen mit den Eintrittskarten wurde sie an Hunderte von Volkshochschulen verschickt.
»Die Leserin blättert im Katalog. Die Ausstellerin stellt Bücher aus. Die Autorin signiert ihre Bücher. Die Besucherin wandelt durch die Hallen. Der Kinderbuchautor gibt ein Interview. Die Kamerafrau filmt alles. Die Verlegerin will ihre neusten Bücher vorstellen. Die Politikerin kommt auch. Die Buchhändlerin hält Ausschau nach den Neuerscheinungen. Die Hauptgewinnerin erhält den ersten Preis. Die Schülerin findet viele interessante Bücher. Die Geschäftspartnerinnen treffen sich. Im Autorenforum geht es um sprachliche Identität. Die Künstlerin sucht nach Inspirationen. Die jungen Autorinnen tauschen Gedanken aus. Die Schauspielerin hat ihre Biografie verfasst. Unsere Autorin am Stand: Xaver Maier.«
»Kinder, was ist daran falsch?« brülle ich die Nichten an und störe sie beim Kartenspielen.
Fünfzehn, Zwölf und Neun reagieren überhaupt nicht. Sie kennen das schon. Vierzehn, das erste Mal dabei, antwortet anstandshalber, allerdings ohne den Blick von den Karten zu lassen.
»Alles Männer!« sagt sie gelangweilt und spielt weiter.
Denn natürlich hieß es anders.
»Der Leser blättert im Katalog. Der Aussteller stellt Bücher aus. Der Autor signiert seine Bücher. Der Besucher wandelt durch die Hallen. Die Kinderbuchautorin gibt ein Interview. Der Kameramann filmt alles. Der Verleger will seine neusten Bücher vorstellen. Der Politiker kommt auch. Der Buchhändler hält Ausschau nach den Neuerscheinungen. Der Hauptgewinner erhält den ersten Preis. Der Schüler findet viele interessante Bücher. Die Geschäftspartner treffen sich. Im Autorinnenforum geht es um sprachliche Identität. Der Künstler sucht nach Inspirationen. Die jungen Autoren tauschen Gedanken aus. Der Schauspieler hat seine Biografie verfasst. Unser Autor am Stand: Thusnelda Maier.«
»Nun hört mir gefälligst mal zu!« zische ich und beuge mich zwei Busreihen weit nach vorn, um alle im Blick zu haben.
Stöhnend und Augen rollend lassen sie die Karten sinken. Sie wissen, wenn die Tante ihre feministischen Anfälle bekommt, gibt es kein Erbarmen. Während die Liebste gemütlich weiter an ihrem Apfel kaut, halte ich meinen Vortrag über sprachlichen Sexismus.
»Ihr müsst sensibel dafür werden«, erkläre ich den Nichten. »Ihr dürft so etwas nicht einfach über euch ergehen lassen!«
»So schlimm ist das doch nicht«, meint Neun, »Unser Papa wird schließlich als Frau bezeichnet!«
Ein Punkt für sie. Mein Bruder, eindeutig dem männlichen Geschlecht zuzuordnen, schreibt Kinderbücher.

Gruß
Bea

hwg
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Re:

von hwg (02.05.2009, 17:29)
Fehlt nur noch, dass wir künftig HerrIn schreiben sollen... :lol:

Bei uns ist ein weiblicher Landesrat immer noch ein Landesrat und keine Landesrätin. Und als eine Frau die Funktion eines Landeshauptmannes innehatte, verwendete sie selbst diese Bezeichnung und verwehrte sich, als Landeshauptfrau angesprochen zu werden.

Fehler begehen nicht wenige Autoren bei "Mädchen". Immer wieder lese ich - * d a s Mädchen (ging durch den Wald), s i e (pflückte hin und Beeren.*) Richtig ist: e s pflückte...

Ganz schrecklich finde ich wenn irgendwo F r a u Maria Maier steht - als würde der nicht Vorname allein auf das Geschlecht hinweisen.

Grundsätzlich finde ich gesellschaftlich relevante Forderungen von Frauen im Sinne von Gleichberechtigung richtig, die hier vorgeschlagenen sprachlichen Regelungsversuche dagegen übertrieben.

Bin auf geharnischte Proteste vorbereitet! :lol:

Hans (nicht Hansi, denn so werden ja auch Frauen genannt cheezygrin .)
Zuletzt geändert von hwg am 02.05.2009, 18:27, insgesamt 1-mal geändert.

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Conny
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Re:

von Conny (02.05.2009, 17:42)
Hallo Bea!

Also, ich muss ehrlich gestehen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nicht so genau auf das geachtet habe, was du in deinem Post beschreibst. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich es etwas übertrieben finde.

Keine Ahnung woran das liegt, vermutlich an der Tatsache, dass es vielleicht zur Gewohnheit geworden ist, fällt mir das überhaupt nicht auf. Wenn nicht gerade jemand zu mir "Herr" statt "Frau" sagt (das hatte ich mal auf einem Briefbogen) ist mir das wirklich wurscht.
Viel schlimmer finde ich die Verniedlichungsformen wie z.B. "Fräulein". Dann nehme ich auch kein Blatt vor den Mund und antworte generell mit "Herrlein" ...

LG, Conny
"Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann."
Antoine de Saint- Exupéry

www.kundenkoller.over-blog.de

Markus

Re: Feministische Linguistik

von Markus (02.05.2009, 17:44)
Bea_Wagner hat geschrieben:
Hallo Markus,

leider lässt sich das nicht in zwei, drei Sätzen beantworten. Auch nicht für einen Schweizer. Nicht umsonst ist die feministische Linguistik ein Wissenschaftszweig. Außerdem bin ich keine Sprachwissenschaftlerin (ich habe nur eine erzogen) und meine Erklärungen sind sicher laienhaft.

Ich versuche mal, die für mich wichtigen Dinge zusammenzufassen.


Wow, danke, Bea, hatte übrigens laaaange, bis ich begriff, was "Schreibwerkstatt" ist ... bis ich es gefunden habe, dachte, sei ein begriff von "in die schublade legen" ... ;)

Wenn ausschließlich Frauen angesprochen werden, ist es schlicht schon unverschämt, die männliche Form zu nutzen. Ein berühmtes Beispiel von Luise Putsch betraf den Beipackzettel von Tampons. Da hieß es: „Die Menstruation ist bei jedem etwas anders.“ – Die Herstellerfirma hat das inzwischen geändert.


Gut, das ist sogar mir klar.

Wenn eine Gruppe überwiegend aus Frauen besteht, muss es selbstverständlich werden, die weibliche Form zu nehmen. Besteht eine Schulklasse aus 15 Schülerinnen und 5 Schülern, dann darf man von den „Schülerinnen dieser Klasse“ reden. Ganz so, wie es sich Frauen gefallen lassen müssen, in einer männlichen Gruppe aufzugehen. Die Kolumnen auf meiner Webseite sind überschrieben mit: „Liebe Leserinnen“, auch wenn ich weiß, dass sie von Männern ebenfalls gelesen werden. Aber ich richte mich nun mal in erster Linie an Frauen.


Nun, scheint mir auch klar.

Geht es um „gemischte“ Gruppen und man mag die Ergänzung Innen nicht und will auch nicht ständig von „Mitbürger und Mitbürgerinnen“ reden, sollte man schlicht abwechseln. Mal die männliche und mal die weibliche Form nutzen. Solange allerdings in solchen ausschließlich die männliche Form genommen wird, handelt es sich sprachlichen Sexismus.


Hmmh, habe ich kein Problem damit, aber ist halt irgendie komisch. Hmmm, aber gut, dass ich das nun weiss!

Eine Frau sollte von sich selbst nie in der männlichen Form sprechen und sich auch nicht so bezeichnen lassen. Ich bin kein Autor, ich bin Autorin. Und ich fühle mich beim dem Wort Autor auch nicht angesprochen.


Lustig. Zb ist hier der Beruf in der CH offiziell "Koch", nicht Köchin! Also eine Berufsfrau, die Koch gelernt hat, ist ausgelernter Koch, oder heisst es jetzt ausgelernte Koch?!!

Habe mal die Berufskommission gefragt, und da hiess es, das sei so, weil selbst Frauen das so wollten (waren mehr Frauen in der Kommission), weil die Bezeichung "Köchin" oft für gute Köchinnen genommen werden, die aber "nur" Amateurinnen seien, keine gelernten Köche/Köchinnen.

Aber generell ist es ist sonst wohl nur eine Frage der Gewöhnung:
die Kapitänin
die Generalin
die Bösewichtin
...

richtig so?

Mit Übertreibungen und Auswüchsen habe ich auch so meine Probleme. „Liebe Kinderinnen und Kinder“ muss nun wirklich nicht sein und auch die Ersetzung des Wortes „Mitglied“ durch „Mitklit“ ist schon ein wenig lächerlich. Reine Frauenvereine sprechen inzwischen von „Mitfrauen“, auch eine akzeptable Lösung.


Eben genau damit habe ich auch Probleme.

Meine Bemerkung an Conny, in diesem Fall lieber von Autorinnen zu sprechen, bezog auf die Tatsache, dass die Doppel-, Drei- und Vierfachbelastung in der Regel Frauen betrifft. Die paar Männer, die sich in diesem Fall ebenfalls angesprochen fühlen, müssten sich die weibliche Form dann eben mal gefallen lassen, wie es umgekehrt ja selbstverständlicher Alltag ist.


Ach so! cool5 Klar, kein Problem. Wobei auch viele Männer vielfach belastet sind cheezygrin :wink:

Danke, Bea, auch für die Kolumne, ist, hm, auch etwas, ähm, gesucht, aber eben, ist ja eine Kolumne. Hübsch. thumbbup

Na dann, ich verabschiede mich mal ins weekend und wünsche allen ein schönes Wochenende ... ob männlich oder weiblich, Autor oder Autorin, Mitbürger oder Mitbürgerin ...

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (02.05.2009, 18:28)
hwg (Moderator) hat geschrieben:
Viele Fehler gibt es bei nicht wenigen Autoren bei Mädchen. Immer wieder lese ich - das Mädchen ging durch den Wald, sie pflückte hin und wieder Beeren. Richtig ist: e s pflückte...


Das hängt ja damit zusammen, dass viele Eingeborene des deutschen Sprachraumes ihre eigene Sprache nicht beherrschen.

Es sollte eigentlich Allgemeinwissen sein, dass im Deutschen die Endung "-chen" eine Verkleinerungsform ist, und Verkleinerungsformen in der deutschen Sprache zum Neutrum führen.

der Hund - das Hundchen
die Katze - das Kätzchen
der Mann - das Männchen
der Bube - das Bübchen
der Junge - das Jungchen
die Maid - das Mädchen

Nur - wen juckt es in unserer Zeit noch, was Sprache eigentlich ist und bedeutet? Bildung war einmal ein Wert, den man haben wollte. Heute ist man davon überzeugt, einmal im Leben für 15 Minuten berühmt zu sein, und wenn es auch nur der Nachweis für vollendete Blödheit ist. Strunzdoof zu sein, das zahlt sich aus. Das Fernsehen ist voll davon.

LG
Siegfried
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Bea_Wagner
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Re:

von Bea_Wagner (02.05.2009, 18:51)
Siegfried hat geschrieben:
hwg (Moderator) hat geschrieben:
Viele Fehler gibt es bei nicht wenigen Autoren bei Mädchen. Immer wieder lese ich - das Mädchen ging durch den Wald, sie pflückte hin und wieder Beeren. Richtig ist: e s pflückte...


Das hängt ja damit zusammen, dass viele Eingeborene des deutschen Sprachraumes ihre eigene Sprache nicht beherrschen.



Tja … im deutschen Sprachraum werden Kinder und Mädchen und Tiere als Sachen tituliert und wahrgenommen. Das sagt viel über unsere Mentalität und den Umgang mit ihnen aus. Glücklicherweise ist Sprache lebendig und passt sich gesellschaftlichen Entwicklungen an - darüber haben wir ja schon mal diskutiert - und allmählich werden aus Sachen dann Lebewesen, auch wenn männliche Sprachpuristen das nicht wahrhaben wollen. Das hat nämlich etwas mit Machtverlust zu tun.

Schönen Abend
Bea

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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (02.05.2009, 19:34)
Ja, und um diesem Machtverlust Einhalt zu gebieten, lassen sich die Herren der Schöpfung weitere Absurditäten einfallen: so wurden aus Studenten / Studentinnen vor einigen Jahren "Studierende" - nicht nur dann, wenn sie gerade mit dem Studieren beschäftigt sind, sondern auch dann wenn sie gerade eine Pause einlegen, dann sind es pausierende Studierende oder studierende Pausierende!
DAS finde ich - nicht nur sprachlich - sehr viel bemerkenswerter, als die Tatsache, dass dem Vor- und Zunamen die Anrede - egal ob Frau oder Herr vorangestellt wird. Immerhin gibt es bei Frau Maria Meier auch "schon" einen Fortschritt, schließlich hieß es vor einigen Jahrzehnten noch
"Frau Helmut Meier" - die Frau wurde mit dem Vornamen des Ehemanns angeredet - da hatte sie noch Glück, denn wenn die Dame ledig war, blieb sie auch 70-jährig noch "DAS Fräulein".

Beste Grüße
die Haifischfrau

frangsen
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Re:

von frangsen (02.05.2009, 21:08)
Ob es aber notwendig war, deshalb (?) das "Fräulein" gleich ganz abzuschaffen, weiß ich nicht. Dies geschah wohl zunächst auf Anordnung irgendeines Ministeriums der alten Bundesrepublik. In der DDR gab es das Fräulein dagegen bis zum Schluss. Und weitgehend unbehelligt leben in Frankreich und England noch "Mademoiselles" und "Misses".

Wenn eine Gruppe überwiegend aus Frauen besteht, muss es selbstverständlich werden, die weibliche Form zu nehmen. Besteht eine Schulklasse aus 15 Schülerinnen und 5 Schülern, dann darf man von den „Schülerinnen dieser Klasse“ reden.


Man kann dies so handhaben. Aber solange über eine solche Verwendung des Plurals kein gesellschaftlicher Konsens besteht, handelt es sich (noch) um eine Falschinformation im Ergebnis. Das ist ein hoher Preis für eine angebliche politische Korrektheit.

VGe
Frankn

Bea_Wagner
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Re:

von Bea_Wagner (02.05.2009, 21:42)
frangsen hat geschrieben:
Und weitgehend unbehelligt leben in Frankreich und England noch "Mademoiselles" und "Misses".


Diese Frauen sind und waren nie eine Sache, sondern immer eine Person. Das ist der gravierende Unterschied.

Im angloamerikanischen Raum setzt sich zudem immer mehr Ms durch, eine Mischung aus Mrs. und Miss.


Ja, und um diesem Machtverlust Einhalt zu gebieten, lassen sich die Herren der Schöpfung weitere Absurditäten einfallen:


Ist doch erstaunlich, wie kreativ sie sein können cheezygrin

Gruß
Bea

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Haifischfrau
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Re:

von Haifischfrau (02.05.2009, 21:57)
Klar Frangsen, in der DDR gab es noch andere Kuriositäten: die Bürodame war "Facharbeiter für Schreibtechnik", die Floristin "Gärtner" und nahezu jede studierte Frau "Inschenschör Ökonom". Die DDR war überhaupt sehr innovativ: Frauen konnten Baggerfahrer werden und dann hießen sie auch
Baggerfahrer. Und Frauen mit dem akademischen Abschluss in Philosophie waren Diplom-Philosophen.

Dass sich heute zahlreiche Männer immer noch an für sie entscheidender Stelle beschnitten fühlen, wenn Frauen auch im sprachlichen Bereich ihre Rechte beanspruchen, sagt doch alles!

Wer dem "Fräulein" nachweint, möge doch bitte überlegen, wie es denn mit dem "Herrlein" (oder Männlein) gewesen wäre :twisted:

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Judith
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Re:

von Judith (02.05.2009, 22:17)
Bea, ich will nicht behaupten, dass es bei dir so ist, aber die Frauen, die am lautesten schreien, wie benachteiligt sie als Frau seien, das sind die, welche meinen armen Mann bemitleiden, weil er alles in der Küche macht. :?

Ich war schon immer emanzipiert, hatte absolut nie ein Problem damit, mich Männern gegenüber durchzusetzen. Und trotzdem halte ich es für absolut bescheuert von den lieben Menschinnen zu reden. Ich bleibe im Zweifelsfall bei der allgemeinen männlichen Form und bin deshalb aus Frau trotzdem garantiert nicht weniger wert.

Grüßle,
Judith
Du willst mehr wissen? Bitte hier - meine Website.

frangsen
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Re:

von frangsen (02.05.2009, 22:20)
@Bea
"Das Kind" und "das Mädchen" sind unstrittig (auch) keine Sachen.
Woran man sich aber durchaus stören kann, ist eine Verniedlichung.

@Haifischfrau
Der Umstand, dass die DDR an sich kreativ war bei der Prägung neuer Begriffe, passt doch nicht, wenn es um die Beibehaltung eines tradierten Begriffes geht.

VGe
Frangsen

Bea_Wagner
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Re:

von Bea_Wagner (02.05.2009, 23:50)
Judith hat geschrieben:
Bea, ich will nicht behaupten, dass es bei dir so ist, aber die Frauen, die am lautesten schreien, wie benachteiligt sie als Frau seien, das sind die, welche meinen armen Mann bemitleiden, weil er alles in der Küche macht. :?


Na, von mir würde er sicher nicht bemitleidet werden :D Als Lesbe interessieren mich die Probleme der Männer nur selten :D

Und trotzdem halte ich es für absolut bescheuert von den lieben Menschinnen zu reden


Habe ich oben ja geschrieben, solche Formulierungen sind lächerlich.

Ich bleibe im Zweifelsfall bei der allgemeinen männlichen Form und bin deshalb aus Frau trotzdem garantiert nicht weniger wert.


???????
Eine Frau, die einen ehemals typischen männlichen Beruf ausübt, verdient in der Regel 25 % weniger als ihr männlicher Kollege. In den Augen der Gesellschaft ist sie weniger wert und das steht auch in einem engen Zusammenhang mit der Sprache.

Gruß
Bea

Thesken

Re:

von Thesken (03.05.2009, 00:07)
Also ich würde mich wahrscheinlich nie damit anfreunden können, gemischte Gruppen mit der weiblichen Bezeichnung zu titulieren. Immerhin ist die deutsche Sprache hier kein Einzelfall; die lateinstämmigen Sprachen haben genau die gleiche Regelung. Dadurch fühle ich mich auch nicht im geringsten diskriminiert oder minderwertig, solange man nicht wieder beginnt, mich mit Fräulein oder - nach meiner Hochzeit - mit dem Vor- und Nachnamen meines Mannes anzureden.

Natürlich ist diese sprachliche Regelung eine Hinterlassenschaft unserer patriarchisch geprägten Gesellschaft, aber es gibt immerhin auch jetzt schon Außnahmen, wo wahrscheinlich jeder der Einfachheit halber die weibliche Form für gemischte Gruppen verwenden würde. Wer redet denn bitte schön beim Krankenhauspersonal von den Ärzten und Krankenpflegern? Nein, man redet von den Ärzten und Schwestern.

Und mal ein Schwank aus meiner Berufsschulzeit: Wir hatten in meiner Klasse nur einen Jungen und einer der Lehrer hat uns immer mit "Guten Morgen, Mädels" begrüßt und auch sonst immer nur die weibliche Form benutzt und erst hinterher grinsend die männliche Form hinzugefügt (manchmal aber auch gar nicht cheezygrin )

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Ich finde diese ganzen Versuche, unsere Sprache jetzt auf Teufel komm raus feminisieren zu wollen, einfach nur lächerlich. Eine Sprache entwickelt sich nun mal nur langsam weiter und jede abrupte Änderung wirkt künstlich und stiftet Verwirrung (siehe Rechtschreibreform). Es gibt inzwischen für viele Berufe auch weibliche Formen, die in den normalen Spachgebrauch eingegangen sind, ebenso wie das Fräulein und die Anrede Frau Hans Meier (fast) komplett verschwunden sind. Vielleicht wird unsere Sprache sich in 100, 200 Jahren dahin entwickelt haben, dass wir gemischte Gruppen weiblich oder geschlechtsneutral bezeichnen, aber soweit ist es in den meisten Fällen noch nicht.

P.S.: Bea, ich will dir damit nicht auf den Schlips treten, ist einfach nur meine Meinung zu der Thematik :wink:

Liebe Grüße,
Theresa

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Siegfried
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Re:

von Siegfried (03.05.2009, 00:47)
Bea_Wagner hat geschrieben:
Tja … im deutschen Sprachraum werden Kinder und Mädchen und Tiere als Sachen tituliert und wahrgenommen.


Ich frage mich gerade, ob "das Männchen" oder "das Schneiderlein" ein Kind oder eine Sache ist ... book:

BTW: Wie lautet die politisch korrekte Schreibweise für "Herrschaft" und "Mannschaft", für "Vaterland" und "Muttersprache"?

Sind Männer "Arschlöcher", hingegen Frauen "Arschlöcherinnen" (Copyright: Hannelore Mabry)?

Ich bin auch noch auf der Suche nach der männlichen Version von "Person", sind damit doch nur Frauen bezeichnet ("die Person").

Warum verlieren nur Menschen weiblichen Geschlechts ihre Eltern, aber niemals männliche ("die Waise")?

Und wenn die Rede ist von "jemand", wie bekomme ich da die weibliche Bevölkerung mit hinein? Durch Anhängen der femininen Endsilbe "-in"? Ebenso fehlen mir die passenden Worte bei "niemand".

Wenn eine Frau eine kritische Situation unter Kontrolle behält, ist sie dann "Dame der Lage"?

Mit fehlen auch die passenden Vokabeln für "Bösewicht" (eine "Bösewichtin"?), für "Unhold" (eine "Unholdin"?), für "Lump" (eine "Lumpin"?). Ein Schelm ("Schelmin"?), wer Böses dabei denkt!

Und was machen wir mit dem armen Jesus von Nazareth, der doch - politisch völlig inkorrekt - bis heute mit dem Satz zitiert wird: "Liebe deinen Nächsten"? Da hat der gute Mann doch glatt die Frauen und die Kinder vergessen. "Liebe deinen Nächsten, deine Nächste und dein Nächstes", so sollte es in der noch zu erstellenden Neuausgabe der Bibel stehen.

Ich gebe offen zu, dass ich keine Ahnung von der politisch korrekten Sprache habe, allerdings fühle ich mich irgendwie benachteiligt, um nicht zu sagen: herabgestuft, weil "Sprache" weiblich determiniert ist, "Wolke" kein männliches Gegenstück kennt, "Ehe" ganz offensichtlich feminin dominiert wird, und "Weisheit" dem Manne sprachlich vorenthalten bleibt.

Was also tun, wenn der Satan (und die Satanin?) in der Sprache steckt?

cheezygrin cheezygrin cheezygrin

LG
Siegfried
P.S.: In der deutschen Sprache gibt es "die Wöchnerin" - was zum Henker ist dann "der Wöchner"? :shock::
Zuletzt geändert von Siegfried am 03.05.2009, 01:04, insgesamt 2-mal geändert.
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