Die Springerin

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klaasen1
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Die Springerin

von klaasen1 (01.06.2009, 16:15)
Die Springerin

Den Bars habe ich nun den Rücken gekehrt. Früher bediente ich in der "Ritze". Eines Tages lernte ich ihn kennen. Ich vertraute ihm sofort.
Er sah gut aus. War witzig und ein einfühlsamer Liebhaber. Ein junger Mann, nach dem sich die Frauen die Finger leckten. Er selbst nahm sich und das Leben nicht sonderlich ernst. Ein Filou, ein Künstler, ein Lebemann, ein Kuschelmann, ein Aufstellmännchen. All das liebte ich so sehr an ihm. Seine Weltanschauung und seinen pfälzischen Humor. Aber das ist nun vorbei. Von heute auf morgen war er weg. Keine Zettelchen auf dem Nachtisch, kein aufklärender Anruf, kein "Auf Wiedersehn".
Ich wusste es. Ich wusste, er war nicht zu halten. Freundinnen hatten mich vor ihm gewarnt. Sie meinten:” Das ist kein Mann für dich. Der ist eine Nummer zu groß. ” Ich wusste, sie hatten Recht. Wollte es aber nicht glauben. Glaubte an ein Märchen. Die Gewissheit, ihn nicht mehr wiederzusehen, hat mich nach und nach in einen Dämmerzustand gebracht. Einen Zustand, den ich nicht länger ertragen kann.
Auch sonst bin ich immer ein labiler und mit wenig Selbstvertrauen ausgestatteter Mensch gewesen. Habe mich mein Leben lang als Randfigur gefühlt. Als kleines Ohrenstäbchen, das man benutzt und nach Gebrauch entsorgt. Er brachte es zustande, dass ich mich als Frau fühlte. War aufmerksam. Kleine Geschenke, eine Blume, eine Einladung zum Essen, ein Spaziergang im Park, lange Gespräche über Gott und die Welt, Besuche in Museen: Mit solchen Kleinigkeiten die aber nicht selbstverständlich sind, hat er mein Herz eingefangen. Es verführt, gemalt, in die Welt gehängt und meinen Glauben an die Liebe wiedergeboren…
Nun stehe ich auf der Brücke, schaue in eine dunkle Pfütze, die meine Gedanken in zwei Lager spaltet.
Die eine Hälfte ist damit beschäftigt zu springen, während die andere Hälfte mir einreden will, das Leben sei doch schön. Ich springe. Der Weg nach unten kommt mir endlos vor …
Ich sehe mich als kleines Kind: Vom Vater missachtet, von der Mutter mit dreckigen Worten verprügelt… Und meine Großmutter, die mich liebt wie eine Biene die Blume. Sie war ein Schatz.
Warum können Mütter nicht wie Großmütter sein? Die dunkle Brühe kommt näher und ich habe das Gefühl ich hänge an einem Fallschirm. Ich bewege mich so schwerelos wie eine Pusteblume im Wind.
Der Sturz in die Tiefe will nicht enden. Der Tod tritt nicht ein. Das Leben bleibt. Die Liebe siegt.


©klaas klaasen
ich bin ein hut weil ich meinen kopf nicht finde

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Kris. K.
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Re:

von Kris. K. (01.06.2009, 17:41)
Okay, jetzt bin ich ordentlich deprimiert :cry: - aber auch sehr gerührt. Eine sehr schöne Geschichte. (Gut, die kurzen Sätze vermitteln eher das Gefühl einer action- und spannungsreichen Scene und nicht dieser lethargisch deprimierenden Geschichte- aber wenn man sich mal drauf einlässt wird das zum Stilmittel. Bei genauerer Überlegung- wie kann eine Frau zu komplexen Gedankengebäuden fähig sein, wenn ihr richtiges Leben schon wie ein Kartenhaus zusammengefallen ist und ihr Gefühlschaos unter Trauer verschüttet wird. Keine Häuslerbaueratmosphäre). Durch dieser Kurzen Sätze kann man natürlich viel info in wenig Text packen und kann beschreibungen machen ,(die sonst platt geklungen hätten). Wenn das deine Absicht gewesen ist, das mit der Beschreibung und dem pfiffig verpackten Infodumping, hast du es sehr gut gemacht.
Ich finde den Text sehr gut, obwohl ich mich erst einlesen musste. Ich bekomme diese Gefühlsschwere mit gleichzeitig stark spürbarer Lethargie und Paralyse nie hin (klatsch klatsch von mir). Nur diesen Satz habe ich nicht verstanden: " Es verführt, gemalt, in die Welt gehängt und meinen Glauben an die Liebe wiedergeboren.">> was den?das Herz gemalt, in die Welt gehängt? Wenn man das so sagt, kenne ich diese surreale beschreibung nicht.
Ich habe ehrlich gesagt mit den Augen gerollt als ich den Vergleich, der Frau mit einem Ohrenstäbchen gelesen habe :shock:: - sehr bildhaft darf ich sagen. Noch schlimmer wäre gewesen die Dame mit benutzten Toilettenpapier zu vergleichen. Gott sei dank hast du das nicht gemacht cheezygrin )
Davor - im zweiten Satz- heißt es sie bediente in der "Ritze"- oh lala, dachte ich- wie zweideutig- da kommt noch was- und dann kommt nix mehr dozey: . Ich nahm an, eine Bar mit solchem Namen würde etwas folgen. Spannung aufgebaut- und dann wars doch nix- sollte wohl nur verdeutlichen das die Lady in zwielichten Absteigen bedient hat. (Ich stelle mir eine Ritze nämlich als zwielichtig vor cheezygrin ). Bedauerlich- ich hätte ienne anderen Namen gewählt. Den Leuten nicht etwas versprochen und dann nicht gegeben.
Was ich herrlich fand war dier Vergleich mit der Blume.
....wie eine Biene die Blume>> wunderschön.
....schwerelos wie eine Pusteblume im Wind.>>> auch wunderschön (wenn der Text gegen Ende doch sehr surreal wird, was kurz vor dem Tod natürlich vertrettbar ist). Nur, hätte da ein Verweiß auf die Oma gepasst- andererseits sind Pusteblumen gerade nicht für Bienen interessant. blink3. Aber der Zuschauer verknüpft automatisch. Blume hier- blume da.
Alles in allem sehr gut gemacht. thumbbup

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