Leben im Cartoon (Bio1/2)

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klaasen1
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Leben im Cartoon (Bio1/2)

von klaasen1 (14.06.2009, 20:26)
(Schwierig eine Bio zu schreiben-Man verliert sich in der Zeit und Blickt schlussendlich nicht mehr durch)

Leben im Cartoon

'Biographie Klaas Klaasen (1/2)


Angst essen Kinder auf (Die heilige Kommunion)

Es war ein heißer Sonntag und ich hatte weiße, bis an die Knie reichende Strümpfe und schwarze Lackschuhe an. Kinder meines Alters, standen auf dem Domplatz in Mainz und warteten auf den Einlass in den Mainzer Dom. Zur Information: Erzbischof Williges ließ diesen im Jahre 975 errichten. 'Zum Gotteshaus, eine Kathedrale für Mainzer Bischöfe.' Heute also, sollte ich ' heilig kommuniziert ' werden. Man nannte es damals auch Kinderkommunion. Wir standen also auf dem Domplatz und uns wurde nun Einlass gewährt. Ich war sechs Jahre alt. Aber der Grösse nach, hätte ich auch als ein zehn Jahre alter Junge durchgehen können. Auch ging ich nicht wie andere Kinder mit sechs Jahren zur Schule, sondern wurde schon mit fünf Jahren in die Schule eingeschult. Was ein Sitzenbleiben mit sich zog. Nachdem die Kirche aus und die Kommunion vorbei war, nahm uns der Pfarrer mit zu sich nach Hause. Er wohnte Nähe Nasengässchen hinter dem Mainzer Dom. Wir betraten einen dunklen Raum. Ich und noch zwei weitere Kinder.

Wie schon beschrieben: es war ein dunkler Raum und es roch nach Bösem, Verfaultem und eine drückende Wärme raubte mir die Luft, die es zum Atmen braucht.
Zu dritt saßen wir da wie drei verschreckte Häschen, die an das Gute glaubten und nicht im Traum daran dachten, in Gefahr zu sein.
Aber etwas machte uns Angst. Wir rührten uns nicht und saßen, den Kopf zu ihm gerichtet auf einem, nach verwestem Fleisch riechenden Sofa und dachten an eine Belohnung, die wir für gutes Verhalten in der Kirche bekommen sollten. Ich aber hatte ein Gefühl, wie ich es in meinen Träumen des Öfteren erlebt hatte. In diesen Träumen saß ein Schatten auf meinem Bett und ich war starr vor Angst. Aber mein Mut war nicht verschwunden und so schaffte ich es, den Lichtschalter einzuschalten und der Schatten war weg.
Ich lag nun zwei Tage nackt im Gebüsch, bis dass die Sirenen heulten und man mich fand. Der Tod stand in meinem Gesicht. Wenn du das Böse gesehen hast, sind zwei Tage im Gebüsch ein Spaziergang

Der Tänzer

Schon als ich das erste Mal mit einem anderen Kind in Berührung kam, wusste ich, dass ich anders war. Und, ob es ich wollte oder nicht, für einige Kinder war ich ein Held. Keine Ahnung warum. Es war so. Mit fünf Jahren kam ich in die Schule. Und fünf war ich auch, als ich einem Mädchen wahrscheinlich das Leben rettete. Im Keller des Hauses, in dem ich wohnte, gab es eine Waschküche und Kinder hatten ein Mädchen in einen Waschkessel gesetzt und die Kohlen angezündet. Der Waschkessel hatte einen Durchmesser von ca.2,00 Meter und war mit Wasser gefüllt, das schon anfing zu dampfen. Er war mit einem großen Deckel geschlossen worden . Wäre sie nicht verkocht, so wäre sie wahrscheinlich irgendwann erstickt oder ertrunken. Die Kinder wollten mich daran hindern, das Mädchen im Waschkessel zu befreien. Wie ich es dann schaffte, das Mädchen zu befreien, weiss ich heute im Detail nicht mehr. Was ich noch weiss ist, dass nachdem ich es geschafft hatte, den Deckel zu öffnen, ich das nackte Mädchen mit einer herumliegende Decke einhüllte. Danach kann ich mich nur noch an Geschrei erinnern, das von der Kellertür oben kam. Die Kinder waren nicht meine Freunde. Ich war ein Einzelgänger. Aber sie hatten alle einen höllischen Respekt vor mir.
Das lag wohl daran, dass ich sehr groß war für mein Alter. Außerdem, sprach ich von Anfang an nicht Dialekt. Wieso ich mich innerlich dagegen sträubte, ihre Sprache, - die ja auch meine Sprache war, - zu sprechen, weiss ich nicht. Hochdeutsch war meine Sprache und etwas anderes kam nicht in die Tüte. Auch bestand ich darauf, immer mit einem weißen Hemd und einem Schlips herumzulaufen. Ja, die Kleidung spielte schon in diesem Alter für mich eine wichtige Rolle. Das war angeboren. Irgendwann, ich war 23 oder 24 Jahre alt, erfuhr ich, dass meine Vorfahren Ländereien besassen und sie den Titel eines Barons trugen. Ob das stimmte, weiss ich nicht. Habe es bis heute nicht überprüft. Es könnte aber erklären, warum ich so auf mein Äußeres fixiert war und Hochdeutsch als Sprache bevorzugte. Dort, wo ich wohnte, gab es eine alte Stadtmauer. Sie war etwa 5 - 6 Meter hoch. Nachts schlich ich aus der Wohnung, um mir meinen Mut zu beweisen. Ich kletterte die Mauer hinauf, was eigentlich unmöglich war, da es keine Stellen gab, wo man sich hätte gut festhalten können. Ich schaffte es irgendwie aber doch. Als ich dann oben auf der Mauer stand, die nur einen Fuß breit war, musste ich balancieren. Sie war sehr, sehr schmal und da es dunkel war, musste man „Gänsefüßchen – Schritte“ machen, um nicht herunter zu fallen. Irgendwann fühlte ich mich dann sicher und genoss den Ausblick und den Wind, der mir durchs Haar fuhr.
Das war das erste Mal das ich das Wort ”Freiheit” dachte. Dann sprang ich in die Tiefe. Von nun an sprang ich täglich. Ich forderte das Schicksal heraus.
Jeden Morgen musste ich fünf Kilometer durch die Altsstadt laufen bis ich die Schule erreichte. Das war immer wieder ein Abenteuer. Ich wusste, dass es kleine Gassen gab, wo Kinder von größeren Kindern überfallen wurden. Und obwohl ich das wusste, zog es mich dorthin. Ich hätte auch eine andere kleine Gasse nehmen können, wo die Gefahr, von größeren Kindern überfallen zu werden, nicht bestand. Aber es zog mich hin zur Gefahr wie die Maus zur Mausefalle. Ich liebte dieses Gefühl, der Gefahr nah zu sein. Das Wort Angst kannte ich nicht. Ich sollte sie aber irgendwann kennen lernen. Die Angst, die Kinder auffrisst. Heute war ein besonderer Tag. Ein kleines Mädchen namens Bunny lud mich zu sich nach Hause ein. Sie war ein amerikanisches Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen lebte. Einen Vater hatte sie nicht. Den ganzen Tag war Bunny allein zu Hause, da die Mutter in der Verwaltung der Lee Barracks arbeiten musste. Es roch amerikanisch. Kann nicht erklären, wie es roch. Aber da ich mit 18 Jahren einen Freund namens Terry hatte, der mit 20 Kilogramm Hasch in einer Plastiktüte durch die Gegend trampelte und als Soldat in der Lee Barracks wohnte und ich dort verkehrte und den gleichen Geruch wahrnahm wenn ich auf seiner Bude hockte, war ich davon überzeugt, dass die Amerikaner amerikanisch riechen. Deutsche deutsch riechen, Franzosen französisch riechen usw.
Es war das erste Mal, dass ich Frau roch. Obwohl sie ein kleines Mädchen war, roch sie nach Frau. Also, weiblich. Sie hatte sich mit dem Parfum der Mutter eingesprüht. Hatte die Schuhe der Mutter an und einen weißen Hut aufgesetzt. Sie spielte „Frau sein“. Ich fand das gar nicht lustig. Es schüchterte mich nämlich ein. Und das war ein ungewohntes Gefühl für mich. Da stand ein kleines Mädchen und ich bekam kein einziges Wort über die Lippen. Ach ja, sie hatte sich zudem noch ihre Lippen mit rotem Lippenstift kriegsmalerisch angepinselt. Was mich zwanzig Zentimeter kleiner machte. Nach diesem Erlebnis mied ich es, nochmals alleine zu Bunny zu gehen. Beim nächsten Besuch nahm ich Horst mit.
Dann kam der Tag der Tage. Ich entdeckte den Tanz. Als die Schule aus war, es war Ende Sommer, ging ich nicht wie üblich gleich nach Hause
sondern ging Richtung Zitadelle. Dort gab es einen Hügel. Oben auf dem Hügel war eine große Wiese und sie war menschenleer.
Das gefiel mir. Ich war alleine auf einer großen Wiese. Fortan war die Wiese mein zweites Zuhause. Meine Oase. Meine Füße sprangen, drehten sich und ich konnte Musik hören. Jede Musik. Ich musste sie mir nur einbilden und dann war sie da, die Musik. Ich schrieb meine erste Kindergeschichten, meine ersten Kindergedichte. Natürlich war es noch ein Gekritzel, aber ich schrieb schon mit drei Jahren und konnte mein eigenes Gekritzel gut deuten. Malte meine ersten Ölbilder und tanzte das erste Mal wie ein Ballett Tänzer es tat. Und plötzlich schoss es mir durch den Kopf. Ich wollte in der Luft stehen. Natürlich sprach die Schwerkraft dagegen. Aber als Kind wusste ich noch nicht, was Schwerkraft bedeutete. Also sprach nichts dagegen. Ich übte täglich mehrere Stunden und bevor ich in die Luft sprang, nahm ich dreißig Meter Anlauf, rannte so schnell ich konnte und erhob mich wie ein Vogel in die Luft. Wenn ich dann für einen kurzen Augenblick das Gefühl hatte zu fliegen, spreizte ich meine Beine, damit ich einen Widerstand erzeugen konnte, um somit den schnellen Fall in die Tiefe zu verhindern, ihn hinauszuschieben. Aber ein Misserfolg jagte den nächsten und nach einigen Wochen glaubte ich nicht mehr so recht an den Erfolg. Aber etwas in mir trieb mich an. Ich konnte nichts dagegen tun. Also übte ich und übte ich und übte ich.....
Der Herbst stand vor der Tür. Das goldene Kleid. So nannte ich ihn, den Herbst. Ein schöneres Bild gab es für mich nicht, als das des Herbstes. Kein Licht konnte es mit der Herbstzeit, dem Herbstlicht aufnehmen. Kinder hatten ein Mädchen an den Baum gefesselt und schossen mit Pfeilen auf sie. Ich rannte so schnell ich konnte. Ich wusste, dass so ein Pfeil ins Auge gehen konnte. Sie hatten zudem noch Gesträuch um ihre Füße gelegt und angezündet. Ich musste wohl mächtigen Eindruck auf die Kinder gemacht haben, als ich auf sie zu rannte. Sie liefen schreiend davon. Ich befreite das Mädchen. Habe sie aber nie wieder gesehen. Ich hatte mich in das Mädchen verguckt. Tagelang ging ich zur selben Uhrzeit an der gleichen Stelle vorbei, an der ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Vergeblich. Sie kam nicht. Zum Tanzen üben, war mir nicht zu Mute, aber es lenkte mich vom Bild, dem zauberhaften Wesen, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, ab. Also sprang und tanzte ich auf meiner Wiese. Eines Nachts, es war Vollmond, ging ich zur Zitadelle und tanzte wieder einmal auf meiner Wiese. Diesmal nahm ich soweit Anlauf wie die Wiese groß war.
Es waren bestimmt achtzig oder mehr Meter, die ich Anlauf nahm und es geschah das, worauf ich all die Monate hin gearbeitet hatte, ich stand in der Luft, konnte nicht fallen. Während ich in der Luft schwebte, zählte ich: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Es kam mir aber viel länger vor. Sechs Sekunden stand ich in der Luft und konnte sogar die Richtung bestimmen, in die ich mich bewegen wollte. Ich lief nach Hause und sehnte den nächsten Tag herbei. Von nun an übte und übte und übte ich.
Und ich schaffte es auf zwanzig Sekunden. Auch heute noch kann ich für einige Sekunden die Schwerkraft außer Gefecht setzen. Ich schwöre!

Als ich noch klein war

Als ich noch klein war, ging ich manchmal zu den Zigeunern. Da sah ich sie. Eine hübsche Zigeunerin. Ich war erst 9 Jahre alt. Als ich noch klein war, ging ich jeden Tag auf die Kirmes wenn sie da war. Für ein wenig Nervenkitzel gab ich mein ganzes Taschengeld aus. Einmal traute ich mich, zu einer Wahrsagerin zu gehen. Sie krümmte ihren Zeigefinger und lockte mich zu sich. Sie fragte: " Hast du eine Schwester? ” ” Ja,“ sagte ich, ,,ich meine, ich kenne sie nicht.” Ihr Gesicht starrte die ganze Zeit in die Kugel. Ihre Augen quollen vor. Ich nahm das alles nicht ernst. ,,Ein Jux," dachte ich. Ihr Gesicht verzerrte und verzog sich, und sie sagte: ,,ich sehe ein Mädchen, das sich nach dir sehnt. " Was,” antwortete ich verdutzt. ” Und ich sehe," sagte sie, ,,etwas Schlimmeres als den Tod. Und zwar eine Bettgeschichte mit ihrem leiblichen Vater.” Ich lief rot an. ”Glaube ich nicht ”, sagte ich. Sie schrie: ” ich sehe es, und was ich sehe, sehe ich. Du musst nichts zahlen, gehe jetzt. " Ich rannte raus, weiß wie Marcel Marceau.
Ich kümmerte mich nicht weiter drum. Vergaß die Angelegenheit fast, aber nicht ganz. Als ich eines Morgens im Bett lag, es war ein Sonntagmorgen, wiederkäute ich die verdrängten Erinnerungen und ging ein weiteres Mal zu den Zigeunern. Die Wahrsagerin war aber nicht da. Es stand nur noch ein einsam verlassener Zigeunerwagen rum. Es lag noch ein Schild herum worauf stand: ' Lassen Sie sich Ihre Zukunft vorhersagen'. Ich stand da und war sauer auf die Wahrsagerin. Sie trug mir eine Tragödie vor und ich musste nun damit alleine zurecht kommen. Wie war ich wütend. Ich wurde etwas blaß und wusste nicht, was ich als nächstes tun sollte. Erstens: Ich wusste nicht, wo meine Schwester wohnte. Zweitens: Was könnte ich tun wenn ich sie fände? Fragen die mir jetzt wie ein Karussell durch den Kopf flogen. Plötzlich flog ein Rabe zum Zigeunerwagen und setzte sich auf die Stufen. Ich war neugierig und ging auf ihn zu. Er flog durch die offene Tür des Zigeunerwagens. Ich hinterher. Dann sah ich sie, die Zigeunerin, wie sie da lag..
Im ersten Moment dachte ich, sie sei tot. Dann aber sah ich, wie sie ihren Arm bewegte. Danach verlor sie das Bewusstsein.
Ich rannte den Weg von der Zitadelle hinunter und holte Hilfe. Einige Tage später besuchte ich die Zigeunerin. Sie flüsterte mir ins Ohr: " Entschuldige bitte, das ich dich belügen musste. Aber, nur so war ich mir sicher, dass du kommst, wenn ich Hilfe brauche.

Alptraum

Wieder einmal hatte ich es meiner Grösse zu verdanken, dass man mich nicht als Kind, das ich noch war, behandelte. Man steckte mich nicht zu den Kindern, die noch in die Schule gingen, sondern in das gegenüberliegende Gebäude zu den Lehrlingen. Es nannte sich Lehrlingsheim. Dort musste ich mich unter den 16- bis 20jährigen beweisen. Ein schierer Alptraum! Ich war 10 Jahre. Zwei Jahre später:
Ich ging in die siebte Klasse. An diesem Morgen durfte ich nicht zur Schule gehen. Man teilte mir mit ich hätte heute frei und solle den Tag genießen. Mich überkam ein seltsames Gefühl; ich konnte es aber nicht einordnen.
Es war etwa gegen 9 Uhr in der Früh als sie kamen. Sie fuhren einen Opel Admiral und waren angezogen wie in der Serie ,,77 Sunset Strip". Heute wahrscheinlich Kult. Mit Stu Bailey als Privatdetektiv und seinem Partner Jeff Spencer. Der Heimleiter sagte mir, dass ich mitfahren solle. Ich fragte: ,,warum?“ Er meinte: Heute wäre doch ein schöner Tag für den Tierpark. Ich glaubte ihm kein Wort, stieg aber ein. Die Fahrt dauerte ca. 3 Stunden oder länger. Dann standen wir vor einem alten Gemäuer. Hatte etwas klösterliches, was es schliesslich mehr oder weniger auch war. Hier kam man hin wenn es hiess ,,schwer erziehbar“. Konnte mich nicht daran erinnern, dass ich den Hang nach Unfolgsamkeit in mir trug. Ich war zwar etwas verschlossen, aber wenn es darauf ankam, ein unterhaltsamer Clown. Sie stiegen aus. Ich wollte es ihnen nicht gleich tun. Also zerrten sie mich, an den Füssen gepackt, aus dem Wagen. Ich heulte wie ein Kind. Und das kam nur zwei Mal in meinem Leben vor. Einmal aus Liebe und einmal an diesem Tag, weil ich mich so allein und hilflos fühlte wie ein Fisch im Glas. Drei schwarz gekleidete Pfarrer kamen auf mich zu: Ein Alptraum! Wer meine Vorgeschichte kennt, weiss wie es gemeint ist. Man musste mich mit Gewalt ins Haus bringen. Mir wurde eröffnet, dass ich meine Schule nicht zu Ende bringen könne und morgen als Schlosser eingearbeitet werden solle.
Der einzige Gedanke, der mit mir im Kopf umher spazierte, war: Flucht. Ich verhielt mich die nächsten Stunden unauffällig. Als die Uhr 12 schlug, war ich weg. Ich schaffte es bis nach Fulda. Da sah ich einen Baum, kletterte hinauf und schlief erschöpft ein. Ein ,,Tatü Tata“ weckte mich auf und ich sah in zehn glotzende Augen von Feuerwehrmännern und Polizisten. Sie wollten an mich ran und ich trat nach ihnen. Ungleicher Kampf, den ich natürlich verlor.
Ich musste mich vorerst unterordnen. Aber nach zwei Tagen gelang mir die erneute Flucht. Diesmal kam ich etwas weiter. Aber ich schien kein Glück zu haben. Wieder eingefangen und weitere 7 Tage des Unterordnens. Dann gelang mir meine dritte Flucht. Ich schaffte es bis Mainz. Ich suchte meinen Schullehrer auf. Fragte ihn, wieso er mir nichts gesagt hatte und warum er es zugelassen hatte, dass man mich wegbrachte. Er tat hilflos und entschuldigte sich für seine Hilflosigkeit. Dann lud er mich zu sich nach Hause ein. Ich bekam etwas zu trinken und er bat mich Platz zu nehmen. Ich sah seine Oberlippe, wie sie zu schwitzen anfing und mir wurde sofort klar: ich saß in der Falle. Er war nicht mein Freund, dieser Lehrer. Als sein Gesicht und sein Schweiß mein Gesicht berührten, schubste ich ihn beiseite und lief weg. Langsam kamen mir die vielen Annäherungen, mit denen ich immer wieder einmal konfrontiert wurde, merkwürdig vor. Lag es an mir? Hatte ich etwas an mir, das Männer verrückt nach mir machte? Aber nein! Ich war doch nur ein Kind.

Alptraum 2

Von Hunger gequält, fing man mich wieder ein. Mein Fehler. Ich konnte mich nicht mehr so recht konzentrieren und schlief aus Versehen im Hinterhof einer nicht gekennzeichneten Polizeiwache ein. Darauf konnten sie sich wahrhaft nichts einbilden. Aber an diesem Abend war ich ihre Trophäe. Eine Kind gerechte Behandlung fand nicht statt. Ich war sozusagen ihre Witzkommode für eine Nacht. Nachdem man mich abgeliefert hatte, war mein Hinterteil Ziel eines Anschlags mit einem Rohrstock. Schmerzliche Erinnerungen, die mich aber umso mehr ermutigten, einen neuen Fluchtplan zu schmieden.
Mir gelang die Flucht erneut. Meine vierte sozusagen. Ich schaffte es bis nach Garmisch Partenkirchen. Auch ein Richard-Strauss lebte einmal in Partenkirchen. Künstler wie Andreas Giebel und Christoph Süß machten sogar Fernsehkarriere. Ohne große Worte weiß jeder Betrachter sofort, was im "Bräustüberl" im Ortsteil Garmisch seit 1933 Sitte ist. Auf der Fassade des Hauses trinken vor Kraft strotzende Bergbauern und andere bayerische Charakterköpfe um die Wette. Heinrich Bickel, der berühmteste Freskenmaler Garmisch-Partenkirchens, schuf das Wirtshaus Szenario neben vielen anderen bäuerlich-barocken Fassadenmalereien. Ich war also gut aufgehoben in dieser Dorfgemeinschaft und schluckte so einige Becher Bier. Mein erstes Trinkerlebnis war eine Flasche Schnaps. Danach lag ich im Gebüsch vor einer Berufschule. Die Jungs und Mädchen amüsierten sich köstlich.
Ich fiel auf in dieser landschaftlichen Idylle, konnte mich aber einige Wochen über Wasser halten und außer einer gestohlenen Tafel Schokolade habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Aber nach einer Nacht in einer Scheune stand plötzlich ein Polizeibeamter vor mir. Grinste und schloss mich in einer ihrer Zellen ein. Sie haben mich gut behandelt und die Fahrt zurück wurde mit einigen Unterbrechungen in Wirtshäusern von den Beamten mit einigen großen Schlucken Bier bayrisch abgerundet. Ich hatte eine neue Heimat verloren. Und sass wieder als unangehmes Kind bei Wasser und Brot. Der Präfekt sprach mit mir ein ,ernstes Wort´. Ich erwiderte daraufhin, dass ich mich entführt fühle und ich keine Lust hätte, einen Beruf, den man mir aufzwang, zu erlernen. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich vorhätte, einmal zu studieren. Das ging an ihm vorbei wie ein Schatten im Wind. Es interessierte ihn nicht, dass ich auch als Kind Rechte besaß. Ein Abschluss und eine Fortsetzung meiner Schule rückten ins Reich der phantastischen Geschichten. Also plante ich meine fünfte Flucht. Dieses Mal war es nicht so einfach. Ich wurde abgesondert und bewacht. Aber mit einer Lüge konnte ich einen Ausweg finden. Ich meldete mich freiwillig zum Schlachten einer Sau. Natürlich wollte ich keine Sau schlachten . Mein Plan war, die Sau zu befreien und so in diesem Tumult die Flucht zu ergreifen. Denkste! Hat nicht geklappt! Und so musste ich den heißen Dampf der Eingeweide der toten Sau nach Öffnen ihres Bauches im Schlachthaus einatmen. Am nächsten Tag war ich zum Eier ausfahren eingeteilt. Es ging Richtung Fulda. Bei der ersten Gelegenheit ergriff ich erneut die Flucht.
Ich war wieder auf der Walz. Frei.
ich bin ein hut weil ich meinen kopf nicht finde

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Kyra Anderson
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Registriert: 11.06.2009, 19:55
Wohnort: Hamburg

Re:

von Kyra Anderson (14.06.2009, 20:41)
Krass!
Schreib weiter!!! thumbbup
Gewalt beginnt da, wo Wissen aufhört.

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