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TorstenWidua
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Retrolog

von TorstenWidua (22.11.2018, 17:02)
Oh Mann, die 80er ...
Aber ... Moment mal! Wieso überhaupt die 80er?
Ganz einfach: Weil ich ein Kind der 80er bin. In den 70ern geboren, habe ich das folgende Jahrzehnt voll und ganz auskosten dürfen: In dem Twix noch Raider hieß, in dem man zu Inline-Skates noch Rollschuhe sagte, in dem die Postleitzahlen noch vierstellig waren und Telefone doch tatsächlich noch Wählscheiben hatten.
Es war das Jahrzehnt, in dem man „Hallöchen” statt „Hallo” sagte – in dem man leider Gottes auch „Hallöchen-Popöchen” sagte. Gut, dies favorisierten meist die Leute, die auch das zarte „Stößchen?!” dem männlichen „Prost!” vorzogen und den kleinen Finger vom Glas wegspreizten. Es war das Jahrzehnt, in dem bei Teenagern wortschöpferische Modesünden wie „Hi Fans!” in waren, und worauf ganz hippe Eltern mit „Hi Star!” antworteten.
Und dann ... Dann gab es noch „oberaffengeil”, das überkandidelte „echt dufte”, den machohaften Prolo-Ausdruck „geilomat” und das fast schon politische, sich reimende „legalize Himbeereis”.
Ich habe dieses Zeitalter miterlebt. Live und in Farbe. Als Kind.

Damals wussten wir Kids uns noch für eine gewisse Biene Maja oder die Barbapapas im Fernsehen zu begeistern und sind nicht geistesabwesend und mit starrem Blick auf das iPhone in irgendwelchen Apps auf Monsterjagd gegangen. In München! Mitten in der rappelvollen Fußgängerzone! Am letzten Samstag vor Weihnachten!
Als Jugendliche haben wir uns die Bettdecke über den Kopf gezogen, mit Taschenlampe die neuesten Bücher von TKKG gelesen, und bei den spannenden Kriminalfällen mitgefiebert! Mit Tarzan, Karl und Klößchen. Und Gabi, der Pfote.
Und heute? Heute hängen die sogenannten Youngster nach der Penne vor der Glotze ab und gucken Trash-TV auf RTL oder streamen solche Low-Quality-Formate auf ihrem Smartphone.
Action – das war für uns Kinder der 80er Jahre der kongeniale Erfindergeist Inspector Gadget. Horror – das war der furchteinflößende Gargamel mit seinem Kater Azrael in Schlumpfhausen! Und kein animierter Held aus Japan, der mit seinem Laserschwert um die Gunst von – was weiß ich, keine Ahnung – Jong Ling kämpft!
Früher, da suchten paarungswillige Singles noch in der ARD-Vorabend-Kuppelshow „Herzblatt” mit Hilfe von Rudi Carrell den passenden Topf für ihren Deckel und machten sich nicht zum Rosenheini bei RTLs „Bachelor“. Da pries Dieter Thomas Heck in seiner „Zett-de-Effff-Hitparade” noch echte Bands und Sänger an – und niemand musste sich von Dieter Bohlen mit Sätzen beschimpfen lassen, wie „Wenn Gott gewollt hätte, dass du singen kannst, hätte er bei dir nicht Arsch und Mund vertauscht!”.
In den 80ern melancholierte eine gewisse Nicole noch von einem bisschen Frieden auf dieser Erde. Und die Zeit, in der Skandalrapper Bushido Dutzende Politiker, unzählige Promis – und überhaupt den ganzen Rest der Welt – disst, war zum Glück für die Menschheit noch nicht angebrochen.
Glück auch, dass noch kein Florian Silbereisen über die Mattscheibe flimmerte, geschweige denn „Atemlos” von seiner anvertrauten Helene Fischer die zwei Mono-Lautsprecher unseres Röhrenfernsehers vergewaltigte.
Das Jahrzehnt, in dem Hoodies einfach nur Kapuzenpullis hießen und man noch handgeschriebene Briefe per Post verschickte, die mehr als 140 Zeichen hatten, war doch irgendwie harmonischer, persönlicher, realer – als das heutige, in der User von Twitter & Co. das analoge Zeitalter längst verlassen haben und in Richtung Digitalien abgebogen sind.
Heute haben die Jugendlichen Instagram auf ihrem Handy und posten Selfies mit der Shisha-Pfeife. Heute haben 18-Jährige einen Audi A3 mit 145 PS – sponsered by Daddy – und keinen knatternden, qualmenden Ford Escort mit 45 PS wie wir, den wir uns vom hart ersparten Taschengeld und vom ersten Nebenjob für 800 D-Mark selbst gekauft hatten.
Heute haben Kinder bereits Kinder.

Und was hatten wir früher? Richtig: Freunde.
Mit denen haben wir was gemacht? Richtig: gespielt.
Mit denen haben wir eine Schnitzeljagd quer durchs Dorf veranstaltet. Mit denen sind wir um Mitternacht zum Friedhof gegangen und haben zum Beweis ein Foto mit der Polaroidkamera gemacht – Mutprobe bestanden! Mit denen haben wir uns auf abgesperrte Baustellen geschlichen, uns den rechten Zahn aus- und das linke Knie aufgeschlagen. Mit denen sind wir beim BMX-Fahren auf den blanken Asphalt gestürzt und niemand hat uns in Watte gepackt. Ein Indianer kennt nämlich keinen Schmerz!
Bei uns hieß „Emergency Room” noch „Schwarzwaldklinik”. Und in der ging es nicht weniger theatralisch zur Sache. Wenngleich hier der Kampf um Leben und Tod nicht hollywoodesque ausgeschlachtet wurde, sondern selbst die heikelsten Operationen meist ein happy End fanden – und zerbrochene Herzen wieder zueinander. Und spätestens seit dem „7. Sinn” wussten wir, wie man sich im Straßenverkehr zu verhalten hatte, um nicht bei Doktor Brinkmann auf dem OP-Tisch zu landen.

Meine Kindheit im Zeitalter der Frottehandtücher, Birkenstocktreter und Wassereis-Schlürfer war ein Traum. Aufgewachsen in einer gut betuchten, bodenständigen und sozial angesehenen, vierköpfigen Familie: Vater Leiter eines staatlichen Forschungszentrums für Energie, Mutter erst Mutter – und Hausfrau. Später drei Tage pro Woche berufstätig als Sekretärin in einer Werbeagentur. Gewohnt haben wir im zweistöckigen und freistehenden Einfamilienhaus auf dem bayrischen Land. In absoluter Postkartenidylle.
Papa Josef. Mama Maria. Und ich? Nein, ich heiße nicht Jesus! Darf ich mich vorstellen: Tim. Und meine Schwester ist die Franzi. Hund: Grisu.
Klingt spießig? Okay, mag sein, dass der Gedanke aufkam oder ich diesen Eindruck unbewusst vermittelte. Und wenn schon ... Ich liebte diese Art der Spießigkeit. Die grünen Wiesen, die unberührte Natur, die schier unendlichen Weiten des Voralpenlandes und der atemberaubende Blick vom Balkon meines Kinderzimmers im ersten Stock auf die hohen Berge, die kilometerweit weg waren und dennoch zum Greifen nah. Ich liebte unseren großen, uneinsehbaren Garten mit altem Baumbestand, mit den dicht gewachsenen Haselnuss-Sträuchern, mit den 15 Meter hohen Tannen und den großflächig angelegten Gemüsebeeten. Nicht zu vergessen die prachtvollen Eichenbäume, auf die wir Kinder geklettert sind und in deren Geäst wir uns ein kleines Baumhaus zimmerten. Und dann waren da noch die vielen Obstbäume. Wie knackig-frisch doch die prallen, sonnengereiften, grünen Äpfel schmeckten. Großartig! All das prägte den mehr als 8.000 Quadratmeter großen Garten, in dem ein Sandkasten im XXL-Format stand. Allerdings: Je älter ich wurde und je weniger ich im Sandkasten spielte, umso häufiger hatten die herumstreunenden Katzen aus der Nachbarschaft unsere kindliche Buddelburg als stilles Örtchen in Beschlag genommen. Drecksviehcher! Auf der Schiffschaukel haben meine Schwester, unsere Freunde und ich uns den Wind durch die Haare wehen lassen. Und auf der Bretterschaukel berührten wir mit unseren Füßen den Himmel. Pure Freiheit. Die große, rote Rutsche war unser Hindernisparcours und das aufblasbare Planschbecken die erfrischende Belohnung nach dem Spielen bei 30 Grad im Schatten. Man konnte schon sagen: Meine Kindheit war ein Paradebeispiel an Geborgenheit, Zuneigung, Liebe – und Abenteuer. Alles in einer Bilderbuchfamilie, die in purer Idylle lebte. Ein Rundum-Sorglos-Paket, geschnürt in den 80er Jahren.
Ich genoss als Kind so manche Vorzüge, die meine Eltern mir und auch meiner Schwester Franzi gewährten. Purer Luxus zu der Zeit: ein Fernsehgerät im Kinderzimmer! Mensch, was war ich doch stolz auf den Röhrenmonitor. Der war so breit wie tief. Und – Tatsache! – er hatte eine Fernbedienung! Eine Rarität! Eine absolute Seltenheit! Das Neueste vom Neuen auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin!
Meine Schwester hatte dahingehend weniger Glück. Sie war vier Jahre älter als ich und hatte ein Vorgängermodell ohne Fernbedienung in ihrem Zimmer. Zum Wechseln der Sender musste sie ihren Körper mit zerrissener Bluejeans und Adidas-Sport-Tretern also jedes Mal vom Bett erheben und den Kanal manuell – also per Hand – umstellen. Ebenso, wenn sie den Fernseher ausschalten wollte. An einen Sleeptimer, wie ihn heute alle Smart-TVs haben, war damals noch nicht zu denken. Ein Kontra!
Zweifelsfrei ein Pro war aber, dass volksverdummende Formate wie „Das Supertalent” noch nicht erfunden waren und Fernsehdeutschland somit von Leuten verschont blieb, die ihren Namen in übergroßen Lettern in den Schnee pinkeln konnten. Heutzutage gewinnt man mit so einem Talent 100.000 Euro zur besten Sendezeit am Samstagabend.

www.torstenwidua.de
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