Sind Namen wirklich Schall und Rauch?

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dbs

Sind Namen wirklich Schall und Rauch?

von dbs (28.05.2007, 16:10)
In einer Diskussion hier im Autorenpool - es ging, glaube ich, um die Wahl eines Pseudonyms - wurde gesagt, Namen seien doch nur "Schall und Rauch". Vielleicht mag das für das tägliche Leben gelten - aber auch für das literarische Schreiben?

Ich persönlich glaube nicht, dass die Namen der Figuren in unseren Geschichten willkürlich gewählt werden sollten. Namen charakterisieren die Figur. Oder wie der Lateiner sagt: Nomen est omen. In der Literatur finden sich immer wieder Belege dafür, wie sinnig der Autor den Namen für seinen Helden gewählt hat.

Wäre der Roman von Max Frisch gleichermaßen aussagekräftig, wenn der Held "Meier" statt "Stiller" geheißen hätte? Frisch hat in seiner Schrift "Ich schreibe für Leser" zugegeben, wie wenig austauschbar Namen von Figuren seien. Allerdings gibt er auch zu, wie schwierig es sei, einen wirklich passenden Namen zu finden.

Die Kunst der Namensgebung liegt in der Unaufdringlichkeit. Manche Namen sind schnell als bewusst gesetzt oder zu sprechend vom Leser zu erkennen. Selbst wahre Sprachkönner wie etwas Thomas Mann scheitern mitunter an dieser Aufgabe. Neben gelungenen Namen wie etwa "Tonio Kröger" oder "Hanno Buddenbrook" rutschte ihm auch schon mal eine "Gabriele Klöterjahn" aus der Feder.

Andere Autoren verstecken ihre Anspielungen sehr geschickt in den Namen ihrer Hauptfiguren. Agatha Christies belgischer Spitzendetektiv heißt ausgerechnet "Hercule Poirot", auf deutsch "Herkules Lauch" (also kein Wunder, dass Poirot seine Statur und seinen Namen durch ein entsprechend ausgeprägtes Ego kompensieren muss).

Ein ebenfalls sehr sprechender Name ist jener der Hauptfigur aus Patrick Süßkind "Das Parfüm": Jean-Baptiste Grenouille. Der Nachname bedeutet auf Deutsch "Frosch".

Wer kennt nicht Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" (oder zumindest den Film)? Dort gibt es Mordfälle zu klären, und zwar von einem Meisterdetektiv und seinem Assistenten. Wer sich in der Krimiliteratur auskennt, wird diese Konstruktion kennen: Sherlock Holmes und Dr. Watson. Und wie nennt Eco seinen Helden? Ausgerechnet "William von Baskerville" - nach einem Sherlock-Holmes-Roman ("Der Hund von Baskerville").

Wie entscheidend Namen sein können, zeigt uns ein Roman von Theodor Fontane: "Effi Briest". Der Name klingt hell und spitz, der Vorname ist eine Koseform und deutet auf eine jüngere Frau. Was für Erwartungen hätte man als Leser, wenn der Roman statt "Effi Briest" plötzlich "Elonore Manteuffel" heißen würde?

Wer also seiner Figur einen Namen geben will, der sollte sich schon ein paar Gedanken darum machen. Vornamen z.B. steigen und fallen in ihrer Beliebtheit alle paar Jahre. Nachnamen spiegeln durchauch eine gewisse Regionalität wider, ebenso den gesellschaftlichen Stand. Bauernburschen heißen eben anders als Adlige.

Dazu vielleicht ein paar Übungen, die jeder für sich daheim im Kämmerlein machen kann:

Wie könnten folgende Personen aussehen, was für eine soziale Herkunft haben sie, welche Berufe üben sie aus?

a) Lina Braschke

b) Carolina Gabriele von Itzenplitz

c) Ruth Bernheimer

d) Stan Dragoti

e) Wilhelm Kaniber


oder anders herum: Wie würdet ihr folgende Personen mit Namen benennen:

f) weiblich, 23 Jahre, Journalismus-Studentin, politisch links, aus einfachen Verhältnissen, kommt aus dem Oderbruch

g) männlich, 56 Jahre, geboren in einem kleinen Dorf im Allgäu, führt eine Schreinerei, ist seit Jahren Bürgermeister seines Dorfes

h) männlich, 32 Jahre, gebürtiger Gelsenkirchener, von Beruf Soldat, im geheimen Einsatz (KSK) in Afghanistan

i) weiblich, 49 Jahre, aus einfachsten Verhältnissen in Berlin, arbeite stundenweise als Putze

j) weiblich, 49 Jahre, gut bürgerlich, kommt aus Berlin-Steglitz, hat einen kleinen Laden am Tauentzien


Sind Namen Schall und Rauch - oder Schall und Schlüssel?


Viel Spaß!
Siegfried

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (29.05.2007, 10:38)
nur mal so zum Spaß

a) Lina Braschke - ist Anfang 60 und seit 30 Jahren als Köchin im Haushalt von

b) Carolina Gabriele von Itzenplitz beschäftigt und hat das Prinzesschen Carolina in ihrer Küche auf den Knien geschaukelt

c) Ruth Bernheimer ist Ende 40 und hat während ihrer Stewardessenzeit den Bauunternehmer Bernheimer kennengelernt und geehelicht. Sie hat zwei Kinder, die jetzt aus dem Haus sind und hat aus Langeweile gerade eine Affäre mit

d) Stan Dragoti angefangen, der seinen Schwarzmeercharme (eigentlich heißt er Stanislav Dragowic) in ihrem Fitnessclub versprüht

e) Wilhelm Kaniber widmet sich seit über 40 Jahren mit Leidenschaft und Akribie seiner kleinen, aber feinen Buchhandlung


oder anders herum: Wie würdet ihr folgende Personen mit Namen benennen:

f) weiblich, 23 Jahre, Journalismus-Studentin, politisch links, aus einfachen Verhältnissen, kommt aus dem Oderbruch - Jana Jablonsky

g) männlich, 56 Jahre, geboren in einem kleinen Dorf im Allgäu, führt eine Schreinerei, ist seit Jahren Bürgermeister seines Dorfes - Hubert Moshammer

h) männlich, 32 Jahre, gebürtiger Gelsenkirchener, von Beruf Soldat, im geheimen Einsatz (KSK) in Afghanistan Benjamin "Ben" Rohde

i) weiblich, 49 Jahre, aus einfachsten Verhältnissen in Berlin, arbeite stundenweise als Putze - Else Schramm

j) weiblich, 49 Jahre, gut bürgerlich, kommt aus Berlin-Steglitz, hat einen kleinen Laden am Tauentzien - Elisabeth Benthien

dbs

Re:

von dbs (29.05.2007, 11:13)
Susanne Henke hat geschrieben:
nur mal so zum Spaß


Was anderes sollte es ja auch nicht sein! :wink:


Susanne Henke hat geschrieben:
a) Lina Braschke - ist Anfang 60 und seit 30 Jahren als Köchin im Haushalt von

b) Carolina Gabriele von Itzenplitz beschäftigt und hat das Prinzesschen Carolina in ihrer Küche auf den Knien geschaukelt

c) Ruth Bernheimer ist Ende 40 und hat während ihrer Stewardessenzeit den Bauunternehmer Bernheimer kennengelernt und geehelicht. Sie hat zwei Kinder, die jetzt aus dem Haus sind und hat aus Langeweile gerade eine Affäre mit

d) Stan Dragoti angefangen, der seinen Schwarzmeercharme (eigentlich heißt er Stanislav Dragowic) in ihrem Fitnessclub versprüht

e) Wilhelm Kaniber widmet sich seit über 40 Jahren mit Leidenschaft und Akribie seiner kleinen, aber feinen Buchhandlung



... und daraus machen wir jetzt einen Roman, indem wir zwischen den genannten Personen ein Beziehungsgeflecht aufbauen und jede Figur mit einer knackigen Vergangenheit, vor allem aber mit Flecken auf ihrer weißen Weste ausstatten :wink:


Grüße
Siegfried

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (29.05.2007, 17:59)
au ja - ein klassisches Whodunnit - das erste Opfer Hieronymus von Itzenplitz ....

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