Jack the bear

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robertwalden
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Jack the bear

von robertwalden (20.08.2007, 11:27)
Der Junge kauerte zitternd über der Feuerstelle. Das Haar hing ihm tief ins Gesicht; an den Seiten fast bis zum Kinn. Der Kragen war hochgeschlagen, das Licht um ihn herum grau wie eine besonders widerwärtige Erkrankung des Tages. Die Feuerstelle war beinahe erloschen, aber noch glosten ein paar dickere Holzscheite, die zaghaft Wärme abgaben. Die Hände des Jungen waren rissig von einer Kälte, vor der man sich nicht verstecken konnte.

Seine Unterlippe war grau und zitterte. In den beständigen Aschewind hatte sich Schnee gemischt, der lautlos auf die verbrannte Erde rieselte.

Die Haare des Jungen waren schmutzstarr, sein Gesicht sauber, wo er normalerweise den Mundschutz trug. Er war etwa fünfzehn Jahre alt.

Er verfluchte die Wärme des heruntergebrannten Feuers, weil sie ihn daran erinnerte, dass es Wärme gab.

Er hatte Hunger. Der Kapitän hatte ihm vor drei Tagen zum Abschied nicht nur verprügelt wie einen Hund, sondern ihm auch eine halbe Schachtel Zigaretten und drei Konserven mit süßen Früchten mitgegeben. Lebensmittel in Konserven konnte man noch essen. Wenn man Glück hatte, fand man in einem der verlassenen Höfe oder in einem Sturmkeller einen Vorrat an Trinkwasser, das in Flaschen gefüllt war. Die Zigaretten waren geraucht, die Konserven geleert. Er murmelte: Warum hat er mich gehen lassen? Zuerst verprügelt, dann freigelassen? Ist wie ein König, der seinen Clown wegschickt, um ihn sterben zu lassen.

Er stand auf und schüttelte sich Asche aus dem Haar, blieb eine Minute lang regungslos stehen. Der Tag war vergangen – eigentlich war es egal, ob es Morgen war, oder Abend. Der Blitz hatte vor fünfzehn Jahren, genau am fünfzehnten März die Welt in Asche verwandelt, die Menschheit verkohlt, die Flüsse vergiftet, Wälder in trostlose Zahnstocherhalden verwandelt. Mehr als neunundneunzig Prozent der Menschheit waren in diesem Blitz ums Leben gekommen. Zumindest nahm der Junge das an. Sein Vater war vor … wann? Wann war er gestorben, als er Kohlestückchen und Blut erbrach, bis er zur Seite kippte und zu atmen aufhörte? Vielleicht vor drei Jahren. Das war egal. Zeit hatte mit Tag und Nacht zu tun, Zeit war göttlich, sagte sich der Junge. In der Asche war alles grau, eingeebnet und tot. Das hatte mit Gott nichts mehr zu tun.

Er sah flache Hügel und Täler, niedergebrannte oder versteinerte Wälder. Er zog sich den Mundschutz über, nahm ihn wieder ab und hustete, bis er einen grauen, gummiartigen Brocken in das Schnee-Asche Gemisch spuckte. Seine Lunge brannte wie Feuer und er hatte das Gefühl, dass sie ebenso wund war wie seine Fersen in den zu großen Militärstiefeln.

Bis vor drei Tagen war er nicht allein gewesen. Zuerst war da sein Vater gewesen. Ein kranker, aber schlauer Mann, der ihm beibrachte, worauf er achten musste, um in dieser Aschewüste zu überleben. Dann war sein Vater gestorben, am Ufer eines breiten Flusses, der so aussah, als ob flüssiges Metall darin fließen würde. Dann waren die Leute gekommen. Zwei Männer, zwei Frauen, die behaupteten, zu den Guten zu gehören.

Ihr gehört zu den Guten? Ja?

Sie hatten genickt. Ein paar Tage später, die ihm vorkamen wie Tage im Paradies, waren sie gefangen genommen worden. Von Kapitän Unrats Horde. Ein Haufen plündernder Herumtreiber- etwa zweihundert Personen. Die zwei Männer und Frauen hatte man in den Wagen mit dem Vorratsfleisch gesperrt, und der Junge erinnerte sich an ihre grauenhaften Schreie, als man ihnen bei lebendigem Leib Arme oder Beine abschnitt und die Wunden mit Lötkolben verödete.

Er erinnerte sich an das vielstimmige Kreischen des Wahnsinns, aber auch daran, dass er nicht gefragt hatte, woher Kapitän Unrat das Fleisch hatte, das er seinem neuen Lustknaben anbot. Es hätte Konservenfleisch sein können, aber er war sicher, dass es das nicht war.

Der Hauptgrund, warum der Junge nicht in den Lebensmittelwagen gesperrt worden war, war sein Alter und sein Aussehen. Er wurde zu den anderen Lustknaben gebracht, die am Ende der Karawane hinter den Austrägerinnen gingen, den Frauen, die für Nachkommenschaft zu sorgen hatten, zumindest solange, bis sie alt und kräftig genug waren, um gegessen zu werden. Die Austrägerinnen und die Lustknaben waren aneinander gekettet. Für sie galt Unrats Drittel Memorandum. Ein Drittel der Neugeborenen wurde der Horde zugeführt, ein Drittel teilte man den Austrägerinnen und den Lustknaben zu, und ein Drittel diente als Lebensmittelvorrat. Bis die Würfe alt genug waren, um zu marschieren, zu dienen oder verspeist zu werden, kümmerten sich die Austrägerinnen um die Brut. Die meisten Austrägerinnen waren wahnsinnig vor Angst und Kummer.

Die Schritte brannten wie Feuer, und wenn er an Kapitän Unrats grobe Zuwendungen dachte, fragte er sich, ob seine Entscheidung, ihn um die Freilassung zu bitten, nicht doch töricht gewesen war.

Kapitän Unrat zu dienen war widerwärtig, der Schmerz im Hintern demütigend, die Gefahr einer Blutvergiftung immens. Aber er hatte regelmäßig zu essen gehabt und musste sich nicht vor den Anderen fürchten.

Sein Vater hatte ihm gesagt, er sei in der Woche des Blitzes geboren worden. Einen Tag zuvor. Und deshalb dachte der Junge, dass irgendwo, tief in ihm noch der zaghafteste Rest der heilen Welt verborgen war. Grüne Wiesen, wie er sie nur von Bildern kannte, und von den Geschichten seines Vaters.

Seen und Flüsse, Städte.

Städte kannte er zur Genüge. Titanische Gerippe in windverwehter Asche, im grauen Licht, dass Tag und Nacht gleich schliff. Bevölkert von ausgemergelten, kranken und hungrigen Überlebenden, für die Kannibalismus schon lange kein Tabu mehr darstellte. Für sie war menschenfressen, wie sein Vater gesagt hatte, eine Möglichkeit, in einer machtlosen Welt ohne Werte und Maßstäbe Macht auszüben - und zu überleben.

In etwa zwei Kilometer Entfernung erahnte er eine flache Ranch. Er war sich nicht sicher, aber wenn der Wind drehte und die Asche in Windhosen aufwirbelte, hatte er immer wieder für Sekundenbruchteile einen beinahe klaren Blick über die Landschaft.

Er dachte an die zwei Männer und die zwei Frauen, die sich aufopfernd um ihn gekümmert hatten. Und jetzt vermutlich als Kothäufchen am Straßenrand unter der ewigen Asche verschwanden, keine Gräber, keine Namen, keine Geschichte. Die Heldentat des Jungen war es gewesen, Kapitän Unrats Horde vom Tal wegzuführen, wo er die glücklichen Tage verbracht hatte. Denn in dem Fluss im Tal gab es Fische. Sein Vater hatte ihm auf ihren Wanderungen erklärt, was Fische waren und sogar einmal die ungefähre Form eines Fisches mit einem dürren Ast in die Asche auf der Straße gezeichnet.

Diese Fische waren die ersten Tiere, die er in seinem Leben gesehen hatte, und er hatte nicht vor, dieses Wunder durch Unrats Horde vernichten zu lassen. In diesem Tal war auch ein oder zweimal der Himmel aufgerissen. Nur für Sekunden, aber doch, klar erkennbar, blau.

Während er ungefähr in die Richtung ging, in der er die Farm vermutete, drehte er sich langsam im Kreis, die Arme um den Oberkörper geschlungen, rasselnd in den Mundschutz atmend. Er trug noch die Kleider, die ihm Kapitän Unrat unter dem Gelächter seiner treuesten Wegbegleiter angelegt hatte. Eine Art Gummianzug, der seine Figur betonte, ihn dabei aber auch verletzlich und ausgeliefert wirken ließ. Das besondere Geschenk war der dicke Militärmantel, die dicken Socken und die schweren Stiefel.

Hast du mir die Sachen nur gegeben, damit ich ein paar Tage länger überlebe und du dich daran weiden kannst wie ich den Mut verliere? Wie ich versucht bin, den Gummianzug zu öffnen und meinen eigenen Schweiß zu lecken, meinen eigenen Urin zu trinken so wie du mich gezwungen hast, vor all den anderen, deinen Urin zu trinken? Ich wünschte, die eigenen Getreuen würden über Dich herfallen und Du müsstest zusehen, wie sie Dich bei lebendigem Leib fressen. Das murmelte er, als er sich in weiten und vorsichtigen Bögen der Farm näherte.

Der Junge spuckte aus, als er den niedrigen Zaun der Ranch erreichte und mit einem jämmerlich kraftlosen Sprung darüber hinweg setze. Er kauerte sich zusammen und suchte nach Spuren.

Keine Spuren. Am Boden nicht. Im Himmel auch nicht? Bist Du wahnsinnig geworden, Gott? Reißt Du Dir die Haare aus und läufst geifernd durch die endlosen Gänge des Universums?

Der Junge stand auf und lief geduckt auf das Haus zu. Ein einstöckiger Bau, auf dessen Fenstersimsen und dem Dach eine zentimeterdicke Schicht aus Asche und Schnee lag.

Da war eine Veranda. Am oberen Pfosten hingen Blumenampeln, alles verrottet oder im Blitz verkohlt. Der Anblick erinnerte ihn an die merkwürdigen schwarzen Statuen, die sie manchmal gesehen hatten – halb in den Straßenbelag eingesunken. Er wusste nicht, was das war, bis es ihm sein Vater sagte. Es waren keine verkrüppelten Bäume, es waren vom Blitz versteinerte Leichen.

Die Fensterläden waren zugenagelt, die Haustür auch. Das war ein gutes Zeichen. Inzwischen ließ der Wind nach, es fiel kaum noch Schnee. Irgendwo tief in seiner Erinnerung hatte er das Bild einer Farm im Sonnenlicht. Unter einem von dicken, eilenden Wolken belebten Himmel. Ein Foto, aus dem man knisterleises Lachen und Rufe hören konnte.

Davon war nichts mehr da. Der Junge wusste nicht, ob die ganze Welt zu Asche geworden war. Die Welt um ihn herum war es. Keine Tiere mehr, keine Pflanzen, die man essen konnte, kein Holz mehr, mit dem man Feuer machen konnte. Nur noch die Reste der untergegangenen Zivilisation, verbrannte Erde, herumwirbelnde Asche und Kälte.

Er brach die Tür mit ein paar geschickten und kräftigen Bewegungen auf, ohne am Holzrahmen zuviel Schaden anzurichten. Ebenso verfuhr er mit der Innentür mit einem intakten Insektennetz, und einen Augenblick später stand er in der Küche. Alles war still und grau. Draußen begann es zu regnen. Der Regen pladderte aufs Dach und schlierte mit Asche vermischt über die Fassade.

Dem Jungen gefiel das Geräusch. Es erinnerte ihn an ein fast vergessenes Gefühl von Ruhe und Wärme.

Er hatte es im Zelt gehört. In Kapitän Unrats Zelt. Diese Geborgenheit hatte faule Zähne, denn Kapitän Unrat liebte es, den Jungen ins Ohr zu beißen, während er sich an ihm verging.

Aber auch davor musste es diese Sicherheit gegeben haben. Wärme und Trockenheit. In der Wiege vielleicht? Der Junge sah sich in der Küche um und fragte: Hatte ich je eine Kindheit, eine Wiege? Dann flüsterte er sich selbst mit verschlagenem Gesichtsausdruck zu: Erinnere dich nicht an schöne Dinge, denn alles was schön ist, ist in der Asche vergangen. Nur noch das Überleben zählt, dass habe ich dich gelehrt, Sohn.

In seiner heiseren Stimme hörte er die Stimme seines toten Vaters: Du bist der einzige Sinn meines Lebens, warum ich mich noch weiter schleppe. Du bist Gott.

Der Junge lächelte bitter und stützte sich am Küchentisch ab, während ihn ein Hustenkrampf schüttelte und beugte. Er erbrach grauen Schleim, der von Blutfäden durchzogen war.

Gott bin ich? Gott von Asche, Kälte und Hunger. Ja.

Er strich über die Tischplatte, umrundete sie und ging zur Anrichte, öffnete alle Laden, fand Porzellanteller und Tassen, eingesunken in Staub und Asche. Er nahm die Teller heraus und stellte sie auf den Tisch. Wenn er kein Wasser finden würde, könnte er sie ebenso gut zerschmettern, denn nützen würden sie ihm nichts.

Der Junge durchsuchte das Haus methodisch, so, wie es sein Vater ihm beigebracht hatte: Sei stets auf der Hut und übersieh nichts.

Er übersah nichts. Er fand eine unter einem Teppich versteckte Falltür und das darunter liegende Lager mit hunderten Kanistern Wasser, tausenden Dosen Fleisch, Bohnen, eingelegten Früchten, in Plastik geschweißte Kleidung. Pullover, T-Shirts, Jacken, Mützen, Unterwäsche, Socken und Schuhe. Obwohl ihm grausam kalt war, schälte er sich aus dem verhassten Gummianzug, schnürte die Stiefel auf und stand bald nackt im kalten Vorratskeller. Er wählte Socken und Unterwäsche aus, ein Sweatshirt mit Kapuze und eine graue Jeans. Die Sachen waren etwas zu groß, aber das war egal. Er nahm einen Gürtel und fädelte ihn in die Schlaufen der Jeans, zurrte ihn fest. Dann riss er den Plastiksack auf, in dem eine dicke, gefütterte Lederjacke war, und zog sie an. Passte.

Hinter den Gläsern mit den eingelegten Früchten fand er einen Revolver mit vollem Magazin. Sein ungläubiges Lächeln zerfiel. Er flüsterte: Papa, das hier hättest du sehen sollen. Er sank auf die Knie, ließ sich zur Seite fallen, umklammerte seine Knie und schluchzte, bis er einschlief.

Am nächsten Tag hatte er herausgefunden, dass das riesige Ding im Wohnzimmer kein merkwürdiger Tisch war, sondern etwas ganz anderes. Es hatte mehrere Klappen. Öffnete man die Größte, konnte man darunter gespannte Metalldrähte sehen. Öffnete man die flache Klappe am Ende der Vorrichtung, sah man weiße und schwarze Tasten. Er berührte eine der Tasten und erschrak, als ein Ton aus dem Gehäuse sprang. Ein spröder Klang, der sich im Zimmer verlor.

Weitere drei Tage später hatte er um fast vier Kilogramm mehr auf den Knochen, hatte sich mehrmals pro Tag in heißem Wasser gebadet und war überrascht, wie gesund sich Reinheit anfühlte. Er hatte das Haus durchstöbert – nicht nur, um Brauchbares zu suchen und zu finden, sondern auch, um nach der Geschichte seiner ehemaligen Bewohner zu suchen. Er wusste jetzt, dass hier eine Familie gewohnt hatte. Ein Vater, eine Mutter, zwei Töchter und ein Sohn im Säuglingsalter. Der Junge hatte Fotoalben gefunden und ins Wohnzimmer getragen, um sie bei Kerzenlicht anzusehen. Sie alle waren so hübsch und sahen so glücklich aus. Die Bilder waren vergilbt, hatten Farbe und Intensität verloren, aber der Junge erkannte trotz allem die Werte, die diese Familie miteinander verband.

Das Wetter hatte umgeschlagen, und ein böiger Nordwind brachte neuen Schnee, neue Asche. Manchmal hörte er nachts, wenn er in einem der Betten im oberen Stock schlief, ein tiefes Rumpeln wie von schweren Zugmaschinen, was ihn dazu veranlasste, sich im Keller des Hauses zu verstecken. Der Junge wusste zu gut, dass es da draußen nicht nur Kapitän Unrat´s Meute gab. Er war fünfzehn Jahre alt; einen wie ihn konnten Vagabunden für alles brauchen. Als Sklaven, Lustknaben oder um ihn stückchenweise zu verzehren. Der Junge kannte das Grauen in den Gesichtern von Menschen, denen man Arme und Beine abschnitt um sie zu verzehren – vor ihren Augen. Und ohne sie sterben zu lassen. Auch die Würde war zu Asche zerrieben worden.

Eine weitere Woche später begann der Junge, sich intensiver mit dem Klavier zu befassen. Steinway hieß es. Er begann, nach Gehör die Saiten zu stimmen, als er das nötige Werkzeug dazu in einer verschlossenen Lade gefunden hatte. Drei weitere Tage später konnte er eine kleine Melodie nachspielen, die ihm sein Vater immer vorgesummt hatte, als er noch klein gewesen war: Jack the bear, Jack the bear, searching, running everywhere, runs to find the honeypot. Fünf Tage später hatte er herausgefunden, wie man Akkorde griff, die nicht schräg oder furchtbar klangen, und er konnte leise dabei singen. Der Junge wusste, dass er in seinem Leben nichts mehr finden würde, was das hier übertreffen könnte. Nichts konnte besser sein, als satt und ohne Durst am Klavier zu sitzen und zu lernen, wie man es spielt, während draußen die menschlichen Erfüllungsgehilfen des Teufels herumstreiften und Beute machten.

Jetzt spielte er beinahe fehlerfrei. Er wohnte seit zwei Monaten in diesem Haus, dass vor über fünfzehn Jahren einmal der Familie Briggs gehört hatte.

Seit gestern hatte er den geladenen Revolver auf dem Klavierdeckel liegen. Und wenn er ihn ansah, tat er das mit Sehnsucht und Wehmut.

Der Wind ließ nach, der Regen ließ nach, es wurde unheimlich still. Das tiefe Beben und Brummen hörte er nur noch ganz selten, vielleicht einmal in der Woche. Das Farmhaus lag ideal in dieser Talsenke, wo man es von der Straße aus nicht sehen konnte. In den letzten Tagen hatte er es mehrfach umrundet, um nach Spuren zu suchen. Nichts. Niemand. Er flüsterte mit zitternder Stimme in die Stille: Darf ich euch dienen, Kapitän Unrat. Mein Leib sei euer Privatbesitz. Dann unterdrückte er einen Schrei und ging zurück ins Haus.

Es ist so einsam, sagte der Junge. Ich bin allein. Er legte die rechte Hand auf die Tastatur und spielte: Jack the bear. Mit der linken Hand griff er nach dem Revolver und steckte sich den Lauf in den Mund.

Joshua, hörst du das?
Was, Weib?
Na das, die, die Klänge … Ich habe, ich habe schon ewig kein …
Das ist ein Klavier. Von wo kommt das? Kennst du das Lied? Was ist das?
Aber ja, aber ja, Joshua. Das ist ein Kinderlied, ein Lied für Kinder. Das ist: Jack the bear.

Eine krächzende Jungenstimme, gedämpft durch die Entfernung. Das alte Ehepaar ging vorsichtig das weite Feld nach unten, auf das Farmhaus zu. Sie traten auf die Veranda, blieben stehen, sahen sich ratlos an. Eine Jungenstimme, sagte sie flüsternd. Er nickte und lächelte verzagt. Eine Jungenstimme. Die Stimmen junger Menschen waren selten geworden in diesen kalten und einsamen Tagen voller Asche und Wind.
Einer vielleicht, für den man sorgen konnte, der noch wusste, wie man lächelte? Nicht nur für ihn sorgen, sagten ihre Augen, als sie ihren Mann ansah. Werte vermitteln, Mut machen, Kraft geben um weiterzugehen.
Das Lied war zu Ende gespielt, die letzte Note verklang im staubigen Zimmer. Es würde für immer und alle Zeiten für ihn nicht mehr geben als dieses einfache Kinderlied. Nichts, was man für die Aschewelt bewahren musste, dachte er. Auch nicht Vaters Lehren vom Edlen und Guten der Menschheit – letztendlich diente alles nur der Asche.
Der Junge schob den Lauf tiefer in den Mund. Er würgte, blinzelte lächelnd Tränen weg und drückte ab.
Die Frau schrie auf, der Mann legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie von der Tür weg, über die Veranda und die Treppen hinunter. Nichts wie weg hier, nichts wie weg hier, flüsterte er mit drängender Stimme. Sie nickte mit schreckensweiten Augen und stolperte neben ihm den leichten Hang hinauf, zurück zur Straße.

robertwalden
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Re:

von robertwalden (27.08.2007, 08:28)
Hm.

Entweder ist die Geschichte so uninteressant, dass sie keiner kommentieren mag, oder sie ist so gut, dass sich keiner kommentieren wagt. Tja - zu welcher Ansicht soll ich mich durchringen?

hwg
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Re:

von hwg (27.08.2007, 10:06)
Guten Morgen!

Alles braucht seine Zeit, so auch das Lesen der Beiträge hier :D .
Zu kommentieren gibt's für mich nichts, somit bleibt mir nur festzustellen: Wieder gut geschrieben, deshalb lesenswert!

Gruß in die Metropole!

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Bärentante
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Re:

von Bärentante (27.08.2007, 10:50)
Warum ich keinen Kommentar abgegeben habe? Weil ich die Geschichte inhaltlich einfach schrecklich finde. Was natürlich absolut nichts mit dem Schreibstil zu tun hat. :wink:
Liebe Grüße
Christel

MM
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Re:

von MM (28.08.2007, 22:45)
Hallo Robert,

selten kommentiere ich Prosa, da ich selbst selten welche schreibe.

Dein Text erinnert mich stark an den Film "The day after". Ein schreckliches Szenario hast Du hier vortrefflich-schrecklich beschrieben. Mich drängte es von Zeile zu Zeile, so daß mir keine Rechtschreibfehler, außer, dass Du ein paar Mal das und dass verwechselt hast, aufgefallen sind.

Was mir so nach dem Lesen dieses Textes eingefallen ist: Wie wäre es, wenn Du diesem Jungen, den Du anfangs so genau beschrieben hast, noch einen Namen geben würdest. M. E. nach würde die Geschichte dadurch gewinnen, denn als Leser würde ich nicht mehr nur mit irgeneinem Jungen sondern mit einem James oderwieauchimmer mitleiden.

Ich hatte die Geschichte gestern schon gelesen und nachdem sie mir heute immer noch in den Knochen bzw. im Gedächtnis steckt, denke ich, daß sie sehr gut geschrieben ist.

LG
MM

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