Bohnen- oder Malzkaffee

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Detlef Schumacher
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Bohnen- oder Malzkaffee

von Detlef Schumacher (10.12.2010, 17:37)
Bohnen- oder Malzkaffee
Mir wurde ein Telegramm folgenden Inhalts zugestellt:
Sehr geehrter Herr Schuster, erlauben Sie uns, mit Ihnen als Bürgermeister der Gemeinde Würda am morgigen Dienstag ein wichtiges Gespräch führen zu dürfen. Es geht um die Zukunft ihres Dorfes und seiner Menschen. Wir werden Sie im Gemeindeamt treffen.
Mit vorzüglicher Hochachtung, Benito Backenstoß, Staatssekretär für Gesamtdeutsche Fragen in Bonn.

Besser Benito Backenstoß als Benito Mussolini, ging es mir durch den Sinn. Dann dachte ich: „Junge, Junge, die Bonner Strategen gehen aber ran.“
Am nächsten Tag war ich sehr zeitig im Amt, um mich auf das Gespräch mit Herrn Backenstoß einzustimmen. Zunächst probierte ich die angemessene Sitzhaltung auf meinem Schreibtischstuhl. Sollte ich die kerzengerade Haltung einnehmen oder besser die geräkelte, wie ich sie in einem amerikanischen Film einmal gesehen hatte? Der Firmenchef lehnte sich im gepolsterten Ledersessel weit zurück und hatte die Füße auf dem Schreibtisch liegen. Er paffte eine dicke Zigarre und blies den Qualm in Richtung eines devot sitzenden Mannes, der den Gestank ergeben einatmete. Ich kippelte mit meinem Schreibtischstuhl nach hinten, so dass er nur auf zwei Beinen stand. Meine beiden Füße packte ich auf die Schreibtischplatte und wippte in dieser Haltung vor und zurück. Weil ich Zigarren nicht rauche, steckte ich einen Bleistift in den Mund und sog an diesem genüsslich wie an einer Havanna.
Nein, so geht das nicht, entschied ich. Was soll der Herr aus Bonn denken, wenn ich einen Bleistift rauche? Also Bleistift weg und keine Qualmerei. Vielleicht sollte ich auch die Füße vom Schreibtisch nehmen, denn Würda war schließlich nicht Chikago.
Ich setzte mich wieder ordentlich hin. Nun konzentrierte ich mich auf den Inhalt des zu führenden Gesprächs. Das gelang mir nicht, weil ich nicht wusste, wie Herr Backenstoß dasselbe beginnen werde. Meine innere Stimme half mit dem Hinweis, es mit gehobener, akzentfreier und wortreicher Sprache zu versuchen.
„Mit wem soll ich gehoben sprechen?“ fragte ich. „Es ist niemand im Raum.“
„Du Dummerchen“, kam die Antwort, „unterhalte dich mit dem Bild deiner Frau, das auf dem Schreibtisch steht.“
„Herr Backenstoß“, begann ich die Unterhaltung mit Inges Fotografie, „es ist mir eine außerordentliche Freude …“ –
Mein innerer Part kicherte: „Herr Inge Backenstoß! Zum Schießen!“
Unbeirrt fuhr ich fort: „… sie in unserem kleinen, bescheidenen Ort begrüßen zu dürfen. Schon lange darben wir, entlassen aus der Obhut des DDR-Regimes und lechzen nun nach der Fürsorglichkeit des Bonner Regimes.“
„Du Quatschkopp!“ wurde ich von innen her gescholten, „du verwechselst die Begriffe. Sage nicht Bonner Regime, sondern Bonner Wohlstandsstaat.“
Ich formulierte neu und als ich am eben erwähnten Begriff ankam, schrillte das Telefon.
„Ja, bitte?“ meldete ich mich ungehalten, weil mein in Gang gekommener Gedankenfluss unterbrochen war.
„Spreche ich mit Dieter Schuster?“ säuselte es vom anderen Ende der Leitung.
„Mit wem denn sonst!“ antwortete ich wirsch.
„Hier ist Horstel, der liebe Horstel aus Weckelnheim.“
Der hat mir gerade noch gefehlt, fluchte ich innerlich.
Horstel, Weckelnheims Bürgermeister Horst Schnickschnack, hatte die lästige Angewohnheit, sich als Schmeichler aufzudrängen. Dabei bediente er sich der Sprachverniedlichung, wie sie Großmütter ihren Kinderwagen-Enkeln zuteil werden lassen.
Schönredner Schnickschnack glaubte auch, unübertrefflich in seiner Erscheinung zu sein. Er bildete sich ein, in besonders schöner Mann zu sein, der auf Frauen wie ein Fliegenfänger wirke. Unansehnlich war er nicht, doch von purer männlicher Schönheit konnte nun wahrlich nicht die Rede sein. Die redete er sich jedoch ein, um zu verdecken, dass er mit einer Frau verheiratet war, deren Gesicht dem einer Stute glich. Wenn sie lachte, entblößte sie ihre Rosszähne derart, dass man glaubte, sie wolle Hafer fressen.
„Warum bist du so still, Didilein“, erkundigte sich Schnickschnack, „hast du wieder Ärger mit Ingeleinchen gehabt?“
„Leck mich am Ärschchen!“ wollte ich erwidern, tat es aber nicht.
„Schön, dich wieder zu hören, Horstelchen“, kam ich ihm auf die gleiche Tour, „was ist der Grund deines Anrufchens?“
„Du wirst es nicht glauben, holdes Jüngelchen, aber mich hat ein niedliches Telegrammchen erreicht, das mich bittet, heute in Würda an einem wichtigen Gesprächchen teilzunehmen, und zwar bei dir, Didi.“
„Auch das noch“, stöhnte ich verhalten.
„Was du nicht sagst, mein Bester“, zärtelte ich ironisch, „wer hat dich denn zum Plauderstündchen eingeladen?“
„Zum Plauderstündchen hat mich ein Backenstößchen aus Bonn eingeladen. Schade, dass das Herrchen nicht nach Weckelnheim kommt, ich hätte ihm gleich ein Käffchen angeboten. Aber nicht so schlimm, so musst du es ihm anbieten. Also Tschüsschen, in einem halben Stündchen bin ich bei dir. Ich komme mit dem Radel!“
Am anderen Ende der Leitung wurde aufgelegt, und ich geriet in Hektik. An Kaffee hatte ich gar nicht gedacht. Im Amt hatte ich keinen, weil Bohnenkaffee seit längerem rationiert war. Zu einer wichtigen Besprechung gehört aber Kaffee. Ich sah auf die Uhr. Der Herr aus Bonn würde jeden Augenblick an die Tür klopfen. Was sollte ich tun? Schnickschnack anrufen und ihn bitten, Bohnenkaffee mitzubringen? Der besaß sicherlich welchen, wenn er so großspurig von diesem gesprochen hatte. Doch nein, ein solches Armutszeugnis wollte ich mir nicht ausstellen. Würde bewahren als Würdas Bürgermeister; komme was wolle. Ich dachte an meine Mutter, die manchmal gesagt hatte: „Guck aus dem Fenster, wenn du keinen Kopf hast!“
Verzweifelt blickte ich auf das Schreibtischfoto mit dem Kopf meiner Gattin Inge. Plötzlich kam mir die
Erleuchtung. Na klar, Inge anrufen. In Fragen Kaffee haben Frauen einen besseren Riecher als Männer. Wenig später wusste Inge, was mir fehlte und mich bedrückte.
„Liebling“, ermunterte sie mich, „das ist kein Problem. Mutsch - sie meinte meine Schwiegermutteer - hat zwar auch keinen Bohnenkaffee, aber eine große Büchse Malzkaffee.“
„Ich kann dem Herrn Staatssekretär doch keinen Muckefuck anbieten. Welchen Eindruck soll er von mir und unserer Gemeinde erhalten?“
Inge lachte: „Na den, den er bekommen soll. Schon nach dem ersten Schluck soll er spüren, dass wir arm wie Kirchenmäuse sind. Den Muckefuck bringe ich dir gleich.“
Erleichtert wollte ich den Hörer auflegen, da hörte ich Inges Nachfrage, ob ich ein sauberes und gebügeltes Hemd anhabe.
Ich guckte an mir hinab und bejahte.
Es folgte die Frage: „Hast du auch eine Krawatte umgebunden? Du weißt, wichtige Personen gucken immer zuerst auf den Schlips und dann ins Gesicht.“
Ich verneinte.
„Dann bringe ich einen mit. Am besten den Quergestreiften.“
Alles ging nun sehr schnell. Kaum war das Kaffeewasser am Kochen, da erschien Inge. Sie war außer Atem. Der ordentliche Auftritt ihres Mannes war ihr wichtig.
Binnen weniger Augenblicke dampfte ein starker Malzkaffee in der Kaffeekanne. Und was hatte meine Frau noch mitgebracht? Einige Kekse und Plätzchen, die sie nun auf einem Goldrandteller dekorativ platzierte.
„Die sind noch von Weihnachten“, sagte sie stolz.
Ich schaute auf den Kalender. Der wies heute Dienstag, den 12. Juli, aus.
„Na ja“, entschuldigte Inge das Verfallsdatum der Selbstgebackenen, „ein bisschen hart werden sie sein. Aber das ist nicht ungünstig; so wird der Herr Staatssekretär gleich spüren, dass wir ganz schön zu knabbern haben. Du solltest ihm auch sagen, dass wir bereits am Hungertuch nagen.“
Sie schaute prüfend auf den gedeckten Glasplattentisch und stellte fest, dass noch einige Blümchen fehlten. Sie griff zum Telefonhörer, wählte und hatte unseren Sohn am Apparat.
„Sofort pflückst du im Garten einige Blumen und bringst sie her. Aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!“
Nun nahm sie mich ins Visier.
„Nein, nein, so kannst du auf keinen Fall den Herrn Mackensproß empfangen!“
„Backenstoß“ korrigierte ich.
„Sag’ ich ja. Hier, binde dir den Schlips um!“
Sie reichte mir den quer gestreiften Kulturstrick. Weil ich mich sehr ungeschickt anstellte, übernahm sie die Knotung an meinem Kragen. Kaum war sie damit fertig, hastete unser Sohn in die Amtsstube. In der Hand hielt er ein buntes Gemisch verschiedener Blumen. In dem Strauß entdeckte Inge auch zwei rote Alpenveilchen.
„Wo hast du denn die her?“ fragte sie, und Sohnemann gestand, dass er sie von Omas Blumentopf gepflückt habe.
Sie lobte den Jungen. Als der den Raum verlassen hatte, gab mir Inge einen Kuss.
In diesem Augenblick betrat Horst Schnickchnack das Büro.
„Hallöchen, krieg’ ich auch ein Küsschen?“ fragte er schelmisch.
„Anklopfen ist in Weckelnheim wohl aus der Mode gekommen?“ stieß Inge ihm Bescheid.
„Wer wird denn gleich so grantig sein?“ fragte er salopp. „Ein Küsschen in Ehren kann niemand verwehren.“
„Fasching ist vorbei“, wies ihn Inge zurecht. Dann an mich gewandt: „Kopf hoch, mein Schatz, es wird schon werden! Auch mit Malzkaffee wirst du Herrn Schnakenstuss überzeugen können.“
„Wieso, kommt noch jemand?“ fragte Schnickschnack verblüfft.
„Ich glaube nicht“, entschuldigte ich Inges Versprecher, „es hat sich nur der Herr Schnakenstuss angemeldet.“
„Liebling“, drohte Inge mir mit dem Finger, „immer schön sachlich bleiben. Du meinst natürlich den Herrn Backenstoß.“
Horst Schnickschnack atmete erleichtert auf.
„Ich habe nämlich nur für drei Persönchen Bohnenkäffchen mitgebracht. Ihr wisst doch, das Zeug ist rar geworden. Meine liebliche Sekretärin Tamara hält immer etwas Gutes in petto.“
Inge darauf grob: „Horst kann den Bohnenkaffee für sich kochen und selbst trinken. Du jedenfalls“, sie sah mich strikt an, „trinkst mit dem Herrn aus Bonn den Malzkaffee. Du weißt weshalb.“

Tipilina
Beiträge: 34
Registriert: 07.11.2010, 20:50

Re:

von Tipilina (10.12.2010, 18:00)
Herrlich....gefällt mir thumbbup thumbbup

„Leck mich am Ärschchen!“ wollte ich erwidern, tat es aber nicht.... thumbbup thumbbup

Detlef Schumacher
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Registriert: 01.09.2008, 21:15

Re:

von Detlef Schumacher (10.12.2010, 18:27)
Danke, Tipilina! Endlich wieder mal ein ermunternder Kommentar.
Herzlichst,
Detlef

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