Wenn der Tod nichts mehr bedeutet

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KaZuko
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Wenn der Tod nichts mehr bedeutet

von KaZuko (27.06.2011, 17:22)
Hallo, Kollegen.

Habe mal wieder etwas getippt, das erste Mal, dass ich ein solches Thema wähle. Wollte mal schauen, wie es ankommt. Viel Spaß ~



*
Ich nicke. Und noch einmal. Ich nicke mehrmals, bis ich glaube – hoffe –, dass er es verstanden hat. „Nein, wirklich, mir geht es hervorragend.“
Zweifelnd sieht er mir in die Augen. „Jemand hat gerade eine Frau vor deinen Augen zerfetzt. Dir kann es nicht hervorragend gehen. Mensch, spiel‘ doch nicht die Heldin. Du gehörst nach Hause, und nicht an den Arbeitsplatz!“
Zerfetzt. Oh ja, das trifft es sehr wohl. Es hat ausgesehen, als ob sie furchtbare Schmerzen litt. Sie hat schon lange reglos vor meiner erstarrten Gestalt auf dem Boden gelegen, bis jemandem auffiel, dass ihr ganzes Blut in die Ritzen des Kopfsteinpflasters sickerte. Nur wenige Minuten später ist die Polizei eingetroffen. Mich zu verhören hat nichts gebracht – seit dem letzten Atemzug der Frau hatte ich mich nicht mehr bewegt. Es muss ein bizarres Bild gewesen sein, wie ich vor ihrer Leiche stand, mit leeren Augen und roten Spritzern im Gesicht. Sie haben mich gefragt, weshalb der Mörder mich verschont habe. ‚Ich weiß es nicht‘, habe ich sie angelogen. Keine weiteren Fragen. Bevor sie mich auf ihr Revier bringen konnten, war ich weg. Mit dem Auto zur Arbeit gefahren.
„Komm jetzt!“ Er zieht mich an meinem Ärmel zum Ausgang, zwischen zwei Reihen unserer Mitarbeiter hindurch, die uns mit gequälten Augen hinterher sehen.
Wie gut sich das kalte Wasser auf meinen hitzigen Händen angefühlt hat. So schön, und klar, und rein …nicht rot.
„Ich frage mich, weshalb jemand eine Frau so grausam ermordet haben könnte“, murmelt er gedankenverloren.
„Vielleicht aus Eifersucht?“
Überrascht sieht er auf.
„Ich meine, hast du ihr Gesicht gesehen? Sie ist wunderschön. Vielleicht ist eine Dreiecksgeschichte der Grund dafür.“
„Du hast recht, man hört viel von solchen Sachen.“ Er ist stehen geblieben und sieht mich nun nachdenklich an. „Kanntest du die Frau? Oder den Mörder?“
„Bitte, ich möchte nicht darüber sprechen.“
„Mit mir aber doch, oder?“
„Nein.“ Mit dir besonders nicht, denke ich. Dafür hab ich dich viel zu gern.
Er seufzt und zuckt die Schultern. „Gut, dann vielleicht wann anders.“
Langsam folge ich ihm zum Parkplatz. „Ja, vielleicht.“
Eine Weile ist es still, selbst dann, als wir unschlüssig vor meinem Auto stehen. Dann fragt er sanft: „Kann ich dich nach Hause fahren?“
Es gibt mir einen heißen Stich, als ich in seinen Augen diese ferne Sehnsucht wiederfinde, die mir in den letzten Wochen so viel Kummer bereitet hat. Nein, flüstere ich in Gedanken, kann nicht verhindern, dass ich vor Schmerz die Augen senke. Nein, nicht du auch. Es überrascht mich nicht, seine Hand auf der Schulter zu spüren. Doch es war nicht die ‚Kopf-hoch‘-Berührung, die in dieser Situation angebracht gewesen wäre. Die Zärtlichkeit, mit der sein Daumen mein Schultergelenk streichelt, ähnelt eher der ‚Wenn du willst, nehme ich dich in den Arm‘-Berührung. Und den Gefühlen dahinter traue ich nicht. Mehr noch, ich habe gelernt, sie zu hassen.
Ehe ich es mir versehe, hat er mich an seine Brust geschoben, wie eine Mutter ihr Baby. „Es ist doch jetzt alles gut. Hast du Angst?“
„Ja.“ Vor dir.
„Brauchst du nicht.“
Glaube ich dir nicht. „Du hast ja keine Ahnung.“ Keine Ahnung, was es bedeutet, mich zu lieben. Ich hebe meine Arme, um mich von ihm wegzudrücken. Doch seine Arme, die sich um mich geschlungen haben, verhindern jedes Zurückweichen. „Bitte …“
Nur langsam gibt er mich frei, der Vorbote einer Enttäuschung in den Zügen. „Was hast du?“
Ich drehe mich schnell weg. „Nicht, bitte.“
„Aber … warum?“
Ich höre, wie er näher kommt und schließe die Augen. Bitte, bitte bleib weg. Doch da waren sie wieder, seine Hände, die eine, die mein Kinn anhebt, die andere, die sich um meinen Hals legt, als wolle er mich küssen. Aber er sieht nur besorgt auf mich herab. „Du musst etwas wissen.“
„Ich habe es bereits erraten“, wispere ich und mache mich los, trete einen großen Schritt zurück. „Könntest du bitte von meiner Wagentür weggehen, damit ich nach Hause fahren kann?“
„In deinem Zustand kannst du doch unmöglich fahren!“
Langsam beginnt der Ärger in mir aufzusteigen. Nicht gut! Ich balle die Fäuste und versuche, ihn niederzukämpfen. „Geh zur Seite.“ Weil er keine Anstalten macht, meinem Rat zu folgen, stoße ich ihn eigenhändig weg und entreiße ihm den Schlüssel, um ihn in das Schloss zu rammen und aufzuschließen.
Fast schon schmerzhaft krallen sich seine Finger in meinen Arm – dort, wo sich der lila Fleck über die Haut spannt. Vor Schmerz schreie ich auf – und da ist es geschehen. Der Schlag hat ihn genau ins Gesicht getroffen. Er taumelt zurück, während ich erschrocken mit dem Etwas ringe, das sich in mir aufbäumt. „Nein“, würge ich hervor. „Nicht jetzt!“
„Entschuldige!“, ruft er aus, als er sein Gleichgewicht wieder gefunden hat. Er meint es ernst, ich kann es an seinem Gesicht ablesen. Aber … nun ist es zu spät. Die Erinnerung an meine gebrochene Beziehung und der damit verbundene Zorn sind so schnell da, so heftig, dass ich nichts anderes tun kann, als zuzusehen.
Hände krümmen sich. Ich reiße meine Lippen zurück, sodass er meine Zähne sehen kann. Die Augen weit aufgerissen übernimmt nun sie die Kontrolle über meinen Körper.
„Feline …?“ Ja, genau derselbe, leicht entrückte Gesichtsausdruck, wie ihn die Frau gehabt hatte. Und es gefiel dem Etwas, das meinen Körper dazu brachte, auf ihn zu zu laufen.
‚Es tut mir leid‘, sagt die Stimme aus meinem Mund in einer fremden Sprache, während sich meine Hände um seinen Hals schließen. Immer fester drücken. Bis irgendwann etwas unter den Fingern knackt und er langsam zu Boden gleitet.
Er hat es nicht anders verdient, sagt mein Ich zu mir. Genauso wie diese Erika, die deinen Mann dazu gebracht hat, zu Trinken, Drogen zu nehmen, dich zu schlagen und sich schlussendlich gegen deinen Willen mit dir zu vergnügen.
Sie alle haben nichts anderes verdient!
Langsam kehre ich in meinen Körper zurück. Sehe zurückhaltend auf ihn herab, bevor ich mich meinem Auto zuwende, einsteige, ausparke und nach Hause fahre. Meine Hände zittern noch nicht einmal, dafür ist sie noch zu nah. Mein Ich. Sie spricht noch immer mit mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, entdeckt zu werden. Schon den ersten Mord habe ich vertuschen können, ich kann es wieder. Und so nah wir uns auch gestanden haben – sein Tod bedeutet mir gar nichts mehr.
Schade eigentlich, denke ich im Stillen, dass ich nicht mein Messer benutzt habe. Jetzt ist gar kein Blut geflossen.
*
Grüße von KaZu, dem durchgeknallten, verpeilten Friedenskind :3

Fantasie ist wertvoller als Wissen, denn Wissen ist beschrenkt.

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