2. Kleine Schreibübung

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dbs

2. Kleine Schreibübung

von dbs (23.10.2007, 14:52)
Hi!

Weil Grete und Rita so nett gebeten haben :wink: , hier eine zweite kleine Schreibübung aus meinem Fundus (oh Gott, jetzt rede ich schon von einem Fundus ... ).

Ausgangsszene:


Margot, eine Frau von Mitte Fünfzig, besucht ihre 83jährige Mutter im Pflegeheim. Sie holt sie in ihrem Zimmer ab, geht mit ihr - die alte Dame ist noch ganz gut zu Fuß - durch den kahlen Flur hinunter in den von roten und gelben Blumen und tiefgrünen Büschen überwucherten Garten, folgt dem sauber geharkten Sand-Kies-Weg hinüber zu dem kleinen, gemütlichen Café, wo die beiden Frauen die nächste Stunde verbringen werden.


So weit die Vorgabe ... und vermutlich werdet ihr euch jetzt fragen, was das soll.

Ich habe oben bewusst ganz bestimmte Adjektive gesetzt: alt, kahl, rot, gelb, tiefgrün, usw. Denn der Mensch ist ein optisches Wesen. Sein wichtigstes Sinnesorgan sind die Augen - und so schreiben wir häufig auch, was die Sinne angeht: Wir beschreiben optisch.

Menschliche Sinne:
Augen - optisch
Ohren - akustisch
Nase - olfaktorisch
Mund - geschmacklich
Hand - haptisch, im wahrsten Sinne des Wortes "begreifend"
(wobei Hand auch für Haut steht)

und ob eure Figur einen sechsten oder gar siebten Sinn entwickelt ... :wink:

Lassen wir das Schicksal bei der alten Frau böse zuschlagen. Sie ist 83, noch ganz gut zu Fuß - aber blind. Wie erlebt diese Frau den Besuch ihrer Tochter und den Spaziergang zum Café? Sie sieht nichts, aber ihre anderen Sinne sind noch alle da - mehr oder weniger.

Zwei Tipps:

Wer Probleme mit der Szene hat, der kann den Spaziergang zunächst aus Sicht von Margot beschreiben. Und dann die Person wechseln.

Setzt euch irgendwo hin, schließt die Augen und lasst eure anderen Sinne arbeiten. Wie klingt ein leeres Wohnzimmer? Wie ein Restaurant? Wie riecht es in einem Bus? Oder in einem Warteraum einer Behörde? Wie fühlt es sich an, an einer Hecke vorbei zu gehen (Achtung! Nicht alleine machen - könnte gefährlich werden).

Ihr könnt euch bei eurer Beschreibung auch auf einen Teil der Szene beschränken, etwa den Moment, wo die beiden Frauen aus dem Pflegeheim in den Garten gehen, oder den Weg verlassen und in das Café eintreten.

Eine Seite, maximal zwei sollten reichen.


Viel Spaß!

Siegfried
Zuletzt geändert von dbs am 24.10.2007, 12:03, insgesamt 1-mal geändert.

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (23.10.2007, 16:19)
Hallo Siegfried,
schön, dass Du so schnell reagiert hast. Hier ein Versuch, einer Version:


Gerade als Margot mit ihrer Mutter am Arm, mit langsamen Schritten, durch den kahlen Flur des Pflegeheims geht, murmelt ihre Mutter leise vor sich hin.
„Was ist?“, fragt Margot. Anneliese, ihre Mutter, antwortet darauf lächelnd: „Ach nichts weiter, „ich mag nun mal diesen unfreundlichen, leblosen, leeren Gang überhaupt nicht leiden. Er ist so unpersönlich, dass ich jedes Mal eine Gänsehaut bekomme.“
„Ja, Mutter, du hast Recht“, pflichtet ihr Margot bei. „Dafür hast du jedoch ein besonders schönes Zimmer“, sagte sie.
„Oh ja, ruft Annelise begeistert!“, darüber bin ich sehr froh. „Vor meinem Fenster ist der Garten. Ich liebe den Duft der Blumen. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Düfte. Ich könnte stundenlang am Fenster sitzen und diesen herrlichen Geruch schnuppern.“ Während sie das sagt, lächelt sie und ihre trüben Augen blicken ins Leere. Margot schaut ihre Mutter an und denkt: Sie ist glücklich, obwohl sie nicht sehen kann.
Sie sind inzwischen auf dem Kiesweg angelangt, der hinüber zum Cafe führt. „Herrlich, wie die Rosen riechen“, sagt Anneliese. „Die roten duften besonders gut.“ Margot lacht.
„Ja, Mutter“, sagt sie, „die Blumen stehen alle in voller Pracht. Rote, gelbe und auch weiße.“ „Die weißen Rosen riechen am wenigsten“, meint Anneliese, „das habe ich schon getestet. Im vorübergehen streichelt sie zärtlich die Büsche. „Hör mal die Amsel“, säuselt sie begeistert ihrer Tochter zu. „Es ist einfach wunderbar hier im Garten spazieren zu gehen. Es gibt so viel zu entdecken.
Sie sind am Cafe angekommen und Margot geht mit ihrer Mutter hinein. Zum draußen Sitzen ist es heute leider etwas zu kühl. Anneliese hebt ihre Nase.
„Es gibt Erdbeertorte, davon nehme ich ein Stück.“
„Woher willst du das wissen, Mutter?“, fragt Margot.
„Ja, riechst du das denn nicht, Margot“, sagt Anneliese vorwurfsvoll zu ihrer Tochter. „Der ganze Raum ist erfüllt von diesem Duft“, schwärmt sie. Sie liebt Erdbeerkuchen. Dazu bestellt sie sich ein Kännchen Kaffee. Margot nimmt das gleiche. Sie schmunzelt darüber, wie selbstsicher sich ihre Mutter benimmt. „Ist die nette Bedienung wieder da, die das letzte Mal so freundlich war? Die mit den blonden hochgesteckten Haaren?“, fragt Anneliese.
„Ja, Mutter, sie kommt gerade auf uns zu. Heute hat sie allerdings einen Pferdeschwanz“, sagt sie schnell. Das Mädchen begrüßt Margot und Anneliese freundlich und richtet einige nette Worte an die alte Dame. Anneliese ist entzückt von ihr.
„So ein liebes Ding“, meint sie lächelnd, „ gib ihr später ein ordentliches Trinkgeld. "Irgenwie klingt ihre Stimme traurig. Was meinst du?",fragt sie ihre Tochter. "Ich habe nichts bemerkt", gibt diese zur Antwort. "Doch, doch", ist sich Anneliese sicher, "sie hat Sorgen. Ich frage sie, wenn sie kassieren kommt." Dann ist es soweit. Das Mädchen räumt den Tisch ab. Anneliese hält sie am Arm fest. Sie spürt, dass das Mädchen leicht zittert. "Sie sind so traurig, was ist passiert?", fragt Anneliese. Jetzt lächelt das Mädchen und sagt: "Ach, nichts weiter, "meine Katze ist gestern gestorben. Ich habe sehr an ihr gehängt." Anneliese sagt, dass es ihr leid täte und sie es voll und ganz verstehen würde. Danach machen sich die beiden Frauen wieder auf den Weg zurück zum Pflegeheim. „Ach, war das wieder ein schöner Tag“, seufzt Anneliese.
Zuletzt geändert von Rita Hajak am 23.10.2007, 22:48, insgesamt 1-mal geändert.

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (23.10.2007, 20:13)
Hallo,
wie schön! Danke Siegfried!
Leider werde ich heute nicht mehr dazu kommen, aber dann.... (freu)

LG Grete

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (23.10.2007, 23:02)
Nun habe ich es doch noch getan... dozey:


„Hallo Mama,“ Margot beugte sich zur Mutter herab und küsste sie sanft auf die Wange. „Wie geht es Dir heute, gut siehst Du aus.“ „Ja, ja,“ antwortete die alte Dame „wie soll es schon gehen. Es ist eben immer das Selbe hier.“

„Wollen wir ein wenig hinaus in den Park gehen?“ erkundigte sich Margot. „Ja, das wollen wir unbedingt. Die Sonne scheint so herrlich und ich sitze schon eine ganze Weile hier am Fenster und genieße die warmen Strahlen.“ Margot gab der Mutter ihren Handstock in die rechte Hand und hakte sich dann mit dem linken Arm unter den rechten der Mutter. Die beiden waren ein eingespieltes Team. Nach zwei drei Aufstehversuchen stand die Mutter und lachend sagte sie, so wie sie es immer sagte: „Ja, ja, es wird nicht leichter mit der Zeit. Aber ich muss dankbar sein, dass ich noch alleine gehen kann. – Es ist schon gut mein Kind.“ Mit diesen Worten bedeutete sie Margot, dass sie sie jetzt loslassen könne. Zielstrebig ging die alte Dame jetzt auf die Zimmertür zu.

Margot staunte immer wieder, wie sicher die Mutter sich ohne Hilfe im Heim zurecht fand. Sie stellte es sich unerträglich vor, wenn sie ohne ihr Augenlicht ihren Tag bewältigen sollte. Unvorstellbar! Aber die Mutter kam zurecht. Sie öffnete die Tür und Margot schloss sie hinter sich nachdem sie auf den Flur getreten waren. „Haben sie den kahlen Gang wieder mit der langweiligen weißen Farbe gestrichen!“ murrte die Mutter. Margot sah sie erstaunt an: „Dass hier gestrichen wurde, dass kann man riechen, aber woher weißt Du, dass die Wände weiß sind?“
„Ach Kindchen, das spürt man doch!“
„Das verstehe ich nicht, wie kann man eine Farbe spüren?“
„Jede Farbe hat ihren eigenen Geruch und ihre eigene Ausstrahlung. Und die beschränkt sich nicht auf die Lichtbrechungen in deinem Auge! – Jeder der längere Zeit blind ist, kann Farben erkennen. Und weiß riecht kalt und fühlt sich an wie eine Mauer!“

Margot sah ihre Mutter ungläubig an. Doch die Erklärung gefiel ihr und schien ihr etwas Tröstliches zu haben. Deshalb widersprach sie der Mutter auch nicht, sie hätte ohnehin keinen Beweis für das Gegenteil gehabt. Wie oft hatte sie schon gedacht, dass es gut ist, wenn die Mutter nicht sieht, wie farb- und schmucklos dieses Heim ausgestattet ist. Sollte die Mutter es doch auf ihre Art gespürt haben?

„Die sollten hier mal mit Orange streichen und einige hübsche Bilder aufhängen!“ rief die Mutter plötzlich so laut, dass Margot sich erschrocken und peinlich berührt umsah, um zu schauen, ob jemand in der Nähe war der sie gehört haben könnte. Doch es war niemand außer ihnen auf dem Flur. „Mutter, woher weißt Du denn, ob nicht doch einige Bilder an den Wänden hängen?“ Die Mutter blieb abrupt stehen. „Sei still!“ befahl die blinde Mutter in einem zischenden Flüsterton. „Wieso? Was ist passiert?, wollte Margot wissen. „So sei doch einfach mal still, dann kannst du hören, dass in diesem Gang nichts ist. Absolut nichts als weiße Wände, ein Linoleumfußboden und ein paar Neonlampen an den Decken die vor sich hinsurren!“ Margot stand reglos und atmete so flach sie konnte. Sie schloss die Augen und tatsächlich. Über ihrem Kopf vernahm sie einen surrenden Ton der eindeutig von einer Lampe hervorgerufen wurde. „Klack, Klack, Klack“, knallte es plötzlich und Margot riss erschrocken die Augen auf. Die Mutter kicherte, „Oh entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Nur zeigen, wie sich ein Stock auf einem Linoleumboden anhört!“ Margot schüttelte den Kopf, dann lachte sie auch, hakte sich entschlossen bei der Mutter im Arm ein und sagte: „O.K. du hast Recht. Man kann auch mit den Ohren etwas sehen! Aber jetzt lass uns eine Runde durch den Park gehen und anschließend trinken wir noch eine Tasse Kaffe auf der Terrasse der Cafeteria!“

Die Nachmittagssonne flimmerte über der Terrasse und die beiden Frauen gingen langsam den Kiesweg in Richtung Park. „Schließ Deine Augen“, sagte die Mutter, „ich führe Dich.“ Margot wusste, dass ihre Mutter den Weg genau im Kopf hatte und schloss ihre Augen. Sofort wurde ihr Schritt langsamer und unsicher. Wieder kicherte die alte Dame. Trotz ihres Alters und ihrer Handicaps, war sie nicht verbittert. Im Gegenteil sie schien sich selbst aus ihrer Blindheit noch einen Spaß zu machen. Das hatte Margot immer sehr an ihrer Mutter geschätzt. Egal wie aussichtslos oder unlösbar eine Situation zu sein schien, die Mutter fand immer einen Ausweg und sie verlor nie den Mut und vor allem nie den Humor. Margot begriff, dass die Mutter ihr gerade zeigte, dass es durchaus noch Situationen gibt, wo sie die Stärkere ist und Margot die Hilflose. „Hör zu“, sagte die Mutter. Und Margot lauschte während die Mutter sie sicher führte. Nach und nach nahm sie immer mehr Geräusche wahr. Zuerst das Knirschen des Kies unter ihren Füßen, das Zwitschern der Vögel über ihnen in den Bäumen, von weiter her drang das Rauschen vorbeifahrender Autos zu ihnen herüber, hin und wieder kam von irgendwo her einige Fetzen von Kinderstimmen. Nach einer Weile hörte sie das Rascheln ihrer Kleidung und den Atem der Mutter. Margot blieb stehen. Sie ließ die Augen geschlossen und wendete ihr Gesicht der Mutter zu. „Mama, Du atmest schwer, lass uns jetzt Kaffee trinken gehen, damit du dich ausruhen kannst.“
Die Mutter antwortete: „Deine Stimme hat sich verändert Margot, sie klingt ganz ruhig und entspannt. Ich nehme an, dass Du noch immer die Augen geschlossen hast.“ Und wirklich, Margot fühlte sich entspannt und froh. Sie nahm ihre Mutter in den Arm und flüsterte: „Danke für diesen wunderbaren Nachmittag, Mama.“


Gute Nacht!

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Thomas Becks
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Re:

von Thomas Becks (24.10.2007, 03:42)
SCHMERZEN

Margot klopfte an die Zimmertür bevor sie eintrat. Es war dunkel. Draußen war das schönste Wetter und Margots Mutter saß im Dunkeln, fein angezogen auf einem Stuhl. Sie lächelte ihre Tochter an als sie hereinkam und das Licht einschaltete. Margot bekam sofort ein schlechtes Gewissen und empfand tiefes Mitleid mit ihrer Mutter. Sie schämte sich dafür, ihrer Mutter nicht mehr als dieses Heim bieten zu können. Sie hätte gerne ihre Mutter zuhause gehabt, aber ihre Schulden, die ihr der verstorbene Mann hinterließ und die beiden erwachsenen Kinder, die immer noch bei ihr wohnten, verhinderten dies.
Das Lächeln und das hin und her schwimmen der Augen verrieten Margot wie immer, wie sehr sich ihre Mutter auf diesen monatlichen Besuch freute. Es tat ihr weh wenn sie darüber nachdachte, dass für ihre Mutter ihr Besuch das Highlight des Monats war. Routinemäßig zog Margot die Rollläden nach oben. Warme Sonnenstrahlen hüllten ihre Mutter ein, die ihrer Tochter gutgelaunt das Gesicht zuwandte.
»Es ist wunderschön heute, sollen wir ins Café gehen? «
»Aber Mama, Du willst Dein Zimmer nie verlassen …«
»Heute schon«, sagte ihre Mutter knapp.
Und so gingen sie durch den Hausflur. Die Mutter hielt sich verkrampft am Arm ihrer Tochter fest. Ab und zu blieb sie einfach stehen. Sie kannte schon lange nicht mehr das Gefühl so weit geradeaus gehen zu können. Ihre bisherige Welt maß vier mal vier Meter. Doch nach einer Weile hatte sie, was blieb ihr anderes übrig, blindes Vertrauen zu ihrer Tochter und marschierte tapfer weiter.
Als sie draußen waren und der Kies unter ihren Füßen nachgab blieb die Mutter stehen. Margot sah sie erstaunt an. Ihre Mutter hielt lächelnd ihr Gesicht in Richtung Sonne.
»Hör nur, riech nur Kind. «
Ein Glücksgefühl überkam Margot, so lebensfroh hatte sie ihre Mutter vor ihrer Erblindung gekannt. Nach der Fehlbehandlung in der Essener Augenklinik war ihre Mutter ständig verbittert und Margot scheute fast den monatlichen Besuch im Haus Abendsonne. Sie schloss die Augen, roch und hörte. Als sie dann, nachdem sie auch ein Meisenpiepen vernahm, die feuchten Augen wieder öffnete, sah Margot in das immer noch zufriedene Gesicht ihrer Mutter. Die streichelte den Kopf ihrer Tochter und wischte mit ihren Daumen die Tränen beiseite.
»Komm«, sagte sie. »Ich hab’ Appetit auf Kuchen. «

Nachdem sie im Café ihren Kuchen verzehrt hatten, bestellten die beiden noch jeweils ein Kännchen Kaffee. Margot hatte seit den letzten zehn Jahren das erste mal Spaß, ihre blinde Mama zu besuchen. Sie lächelte ihre Mutter an.
»Mama, ich würde Dich gerne bei mir haben …«
»Und, warum wohn’ ich nicht bei Dir? «
»Mama, Du weißt doch, dass mein Geld …«
»Wie viel bräuchten wir denn ... reichen 200.000? «
Margot traute ihren Ohren nicht.
Doch dann erzählte Margots Mutter von ihrem Sieg mit ihrem Anwalt, sie haben die Augenklinik in Essen auf Schmerzensgeld verklagt und den Prozess gewonnen.

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Judith
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Re:

von Judith (24.10.2007, 11:56)
Ach, schön, Thomas. Wenn das Leben immer so wäre... :D

Toll, was ihr aus der Vorgabe macht!

Schönen Tag wünscht
Judith
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Bärentante
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Re:

von Bärentante (24.10.2007, 16:02)
(Ich bin nicht zufrieden mit meinem Text, habe aber Probleme mit der Aufgabenstellung, ich meine dem Thema an sich. Das ist alles noch zu gegenwärtig. Ich wollte die Szene in ein Kinderheim verlegen, aber das war auch nicht das Gelbe vom Ei.) :(

Sie konnte diesen Geruch fast nicht ertragen. Das Heim wurde gut geführt, es war sauber, das Personal freundlich, die Mahlzeiten schmackhaft, selbst der lange Gang zum Zimmer ihrer Mutter hell, aber diese Mischung aus Reinigungsmitteln und den noch im Haus schwebenden Essensdüften äußerst unangenehm. Der Geruch erinnerte sie an Besuche im Krankenhaus und das damit verbundene Leid. Auch ohne einen Blick auf die Speisekarte geworfen zu haben, war sie sich sicher, dass es heute zum Mittagessen eine Eierspeise gegeben hatte.

Niemand hielt sich im Flur auf. Sie war früh dran, es war noch Mittagsruhe. Ihre Absätze klapperten laut auf den Fliesen. Um die Heimbewohner nicht zu stören, versuchte sie, nur mit den Spitzen aufzutreten. Über das gedämpftes Tapsen musste sie spontan lächeln. Viele der älteren Herrschaften waren schwerhörig und hatten zu dieser Stunde sicher ihre Hörgeräte abgelegt. Ob sie mit ihrem festen Tritt wirklich jemanden belästigen würde? Bestimmt nicht, aber ihr selbst war es unangenehm, die herrschende Stille zu zerstören.

Ihre Mutter erwartete sie bereits. Sie saß in ihrem Lieblingssessel, der den Umzug in das Heim mitgemacht hatte. Der Samtbezug war an einigen Stellen abgewetzt. Schon als Kind hatte sie dieses Möbelstück fasziniert. Nicht nur das glatt polierte Holz, das sich angenehm kühl anfühlte, sondern vor allem der Stoff: wie sich die Färbung mit der Strichrichtung änderte, wenn man sanft mit dem Finger darüber fuhr.

Für den geplanten Spaziergang lagen bereits der leicht kratzende Kamelhaarmantel, der Gehstock und das altmodische Hütchen bereit. Zum Geburtstag hatte sie ihrer Mutter eine chice neue Kopfbedeckung schenken wollen, aber die alte Dame hing an ihrem Hut, der im Laufe seines Lebens zwar etwas ausgebleicht, aber auch weich geworden war. Dass sich die Krempe schon wellte, störte sie nicht. Sie liebte ihn, weil er sich ihrer Kopfform angepasst hatte, sich sanft anschmiegte, wie speziell für sie angepasst schien.

Während sie ihrer Mutter in den Mantel half, stieg daraus der sie seit ihrer Kindheit begleitende schwache Duft auf. Sie hatte ihn früher nicht gemocht, erinnerte er sie doch an modrige Kleidungsstücke, an Maßnahmen gegen Mottenbefall. Erst bei einem Urlaub in Südfrankreich war ihr bewusst geworden, dass es sich um Lavendel handelte. Auch junge Frauen hatten dort die Duftöle, Parfüms und Säckchen mit getrockneten Blüten gekauft.
Verstohlen näherte sie ihre Nase dem Mantel. Nun war es ganz deutlich. Es roch ein wenig nach Mutter, weckte aber vor allem die Erinnerung an sonnenüberflutete Lavendelfelder, Pinien, Meer und eine glückliche Zeit mit ihrem Partner.
Liebe Grüße
Christel

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (24.10.2007, 16:10)
Hallo Christel,

deine Geschichte ist ansich nicht schlecht. Aber du hast die "Sinne"
der falschen Person zu geordnet. Denn die Mutter ist ja blind und somit
empfänglicher für Hören - Sehen - Riechen usw.

Sorry, das ist keine Kritik, nur ein Hinweis.


Gruß Rita

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Bärentante
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Re:

von Bärentante (24.10.2007, 16:17)
Man kann auch riechen und hören, wenn man nicht blind ist. :wink:

Dein Hinweis ist mir schon klar, aber wenn ich aus der Sicht der alten Dame geschrieben hätte, wäre das wie ein Hineinempfinden in meine Mutter gewesen. Und das kann ich nicht.

Der "Aufgabensteller" sieht das ganz sicher auch locker. :D
Liebe Grüße
Christel

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (24.10.2007, 16:46)
Alles klar, Christel,

so gesehen ist das o.k. War ja auch nicht böse gemeint.


Gruß Rita

dbs

Re:

von dbs (26.10.2007, 09:15)
Bärentante hat geschrieben:
Dein Hinweis ist mir schon klar, aber wenn ich aus der Sicht der alten Dame geschrieben hätte, wäre das wie ein Hineinempfinden in meine Mutter gewesen. Und das kann ich nicht.

Der "Aufgabensteller" sieht das ganz sicher auch locker. :D


Der "Aufgabensteller" wollte mit dieser Schreibübung eigentlich nur darauf hinweisen, dass es mehr als einen Sinn gibt, über den man schreiben kann. Und wenn man mehr alsi nur den Seh-Sinn in eine Geschichte einfließen läßt, dann wird die Erzählung eben deutlich "sinnlicher".

Das Thema "Erzählperspektive" wäre eine eigene Schreibübung wert.

Grüße
Siegfried

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (26.10.2007, 09:26)
Guten Morgen!

Das Thema "Erzählperspektive" wäre eine eigene Schreibübung wert.


Ja?!!:D

Dann fütter uns doch noch ein wenig, bitte!

LG Grete

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Ilo70
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Re:

von Ilo70 (06.11.2007, 22:04)
Leicht wiegte die alte Dame sich hin und her. Ihre Finger strichen auf dem groben Leinen ihres Bettbezuges entlang. Der Geruch war nicht der Gleiche wie früher, als sie ihre Wäsch noch selber wusch. Er roch jetzt chemisch, ja irgendwie nach künstlichen Blumen. So, wie man sich vorstellt, dass künstliche Blumen duften würden, wenn sie es denn könnten. Sie wohnte nun in diesem Pflegeheim seit sie erblindet war. Margot konnte ihre Pflege zuhause einfach nicht übernehmen. Ihr Mann und ihr Beruf nahmen sie wirklich sehr in Anspruch.
Ihr Zimmer hier war ein kleiner aber heller Raum, recht viereckig. Er hatte an zwei Fronten große Fenster, durch die es manchmal kalt hinein zog, wenn die Putzkolonne mal wieder den Gurt des Rolladens nach dem Lüften, beim Schließen der Fenster eingeklemmt hatte .
Sie saß mit dem Geischt zu einer Fensterseite, quer auf dem Bett und sie wartete auf Margot, ihre Tochter.
Es war ein schöner Tag, die Sonne schien, sie konnte die Wärme auf ihrer alten Haut spüren.
Irgendwann nach ihr endlos erscheinden Minuten des Wartens, hörte sie draußen die Schritte von ihr durch den langen Flur eilig näher kommen. Sie erkannte sie, weil ihre Tochter ihren energischen Gang geerbt hatte. Die alte Dame lächelte und außerdem trug sie immer Schuhe mit Kunstoffabsätzen, auch wenn sie das immer kritisiert hat, ihre Tochter scherte sich in diesem Fall nicht um ihre Worte.
Dann öffnete sich ihre Zimmertür und ein Schwall moderen Parfüms plumpste mit Margot selbst ins Zimmer. Ihre Tochter ging schnell auf sie zu und umarmte sie innig. Sie spürte, dass sie wieder diese herrlich weiche und seidige Bluse trug. Ihre Tochter sagte ihr einmal, dass sie mintgrün ist. Die alte Dame atmete tief ein und genoss die Wärme und den Geruch ihres Mädchens. "Ich bin froh, dass du endlich hier bist mein Kind."
"Ja, Mama ich bin auch froh bei dir zu sein. Es war wieder einmal ein Verkehrschaos und ich habe länger gebraucht als ich geplant hatte." Erklärte sie sich entschuldigend.
Sie tätschelte mit ihrer alten gichtverkrümmten Hand die Wange ihres Kindes."Komm, lass uns ins Café gehen."
Margot hakte ihre Mutter unter und half ihr vom Bett auf. Die beiden verließen das Zimmer und gingen gemeinsam den dunklen Flur entlang in Richtung der Empfangshalle. Ihre Schritte hallten in einem unregelmäßigen Takt von den Wänden wider und irgendwie erinnerte es an Pferdetrappeln in einem Tunnel.
Dann waren sie auch schon in der Empfangshalle des Heims angekommen und es waren nur noch wenige Schritte bis sie nach draußen kommen würden. Ihre Tochter öffnete die Schwere Flügelglastür und sie traten in den Garten.
Endlich, ein Konzert von Gerüchen und Sinneseindrücken schlug ihr ins Gesicht. Unter ihren Füßen knirschte der Kies und eindringlich waberte ihr der Duft der unterschiedlichsten Blumen in die Nase, die ihr die, durch die erste Frühlingssonne angewärmte, Luft anregend entgegen trug. Sie drückte den Arm ihrer Tochter und gab ihr so zu verstehen, dass sie kurz verweilen wollte.
"Welche Farben haben die Blumen Margot?"

"Hier vor uns ist ein Beet mit gelben Tulpen Mama und darum blidet sich ein Kreis aus roten Tulpen. Weiter links in einem größeren Beet stülpt sich der Lavendel empor aber er blüht noch nicht. Und links und rechts vom Weg, da sitzt .....". "Danke mein Kind, lass uns weiter gehn. Ich freu mich auf den Duft des Kaffee's".

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